Die Himmelsgabel

In der conditio humana sind wir eine leidende Menschheit. In der conditio vitae aber sind wir verschwistert mit allem, was fühlt - und darin vom ewigen Wiederaufleben über das vereinzelte Leiden hinweggetragen.
aus Andreas Weber: Alles fühlt

Kennt jemand dieses Gefühl, wenn man plötzlich von einer solch überwältigenden Schönheit erfüllt wird, dass es regelrecht weh tut? Weil es sich so groß anfühlt, dass man glaubt, es keine Sekunde länger aushalten zu können, ohne in Milliarden von Sternen zu zerspringen? Dieser Moment, wo einem klar ist: Wenn ich jetzt tot umfallen würde, dann hätte sich das Leben allein für diesen Moment gelohnt ...

Die "Himmelsgabel" habe ich ohne Handy und Fotoapparat besucht. Aber diese Farben herrschen heute im Wald vor.

So ging es mir heute am ersten echten Frühlingstag nach einer recht winterlichen Periode in den Nordvogesen. Nach einem eisig-trüben ersten Mai Frühstück im Freien und quirliges Insektenleben unter wolkenlosem blauen Himmel. Ich nahm mir spontan frei, um mit dem Hund durch den Wald zu streifen und endlich Wärme in die Knochen zu bekommen. Ebenso spontan entschied ich mich für einen Weg, der im Winter nicht gangbar gewesen war: Ich wollte endlich die "Himmelsgabel" finden. Manchmal nenne ich sie auch "der alte G'sell". Es ist ein Baum, den ich seit meiner Zeit im Elsass von einer bestimmten Straße aus in der Ferne sehen kann, weil er so mächtig ist. Er überragt den ganzen Wald und wirkt im Winter wie ein Relikt aus der Urzeit. Es gibt aber keinerlei Straßen in seine Nähe (und das ist auch gut so).


Schon aus der Ferne wird klar, dass der Baum, den ich bisher für eine Buche hielt, einen immensen Stamm haben musste. Der gabelt sich weiter oben in zwei und verästelt sich erst dann noch weiter oben im Blau - darum mein Name "Himmelsgabel". Von allen möglichen Wegen aus habe ich sie schon gesucht und nie gefunden. Es ist vertrackt: Ist man erst einmal im Wald, verschwindet die Krone. Es fühlt sich an, als würde sich der Baum verstecken. Auch die Einheimischen sind keine große Hilfe. Man erzählt sich, dass aus gutem Grund nur die Jäger den Weg kennen würden, nichts für Jedermann. In einer Zeit, in der sämtliche Naturwunder per GPS oft ganze Touristenhorden anlocken, ist das der einzige Schutz. Denn so mancher im Internet gepriesene "Kraftort" leidet unter zu viel Mensch. Ein Grund, warum auch ich die Himmelsgabel nicht verraten werde.

Ich könnte es gar nicht. In solchen Momenten nehme ich nämlich das Smartphone oft nicht mit und GPS nutze ich bewusst nicht. Ich will die natürlichen Pfade entdecken, will mit allen Sinnen spüren, wie sich der Wald verändert. Ich orientiere mich lieber an Strommasten und hohen Bäumen, an Schildern für Holzschlagparzellen und Pflanzen oder Steinen. Im Winter war das ein Abenteuer: Ich sah zumindest die Richtung des Baums, aber es trennten mich ein breiter vereister Bach und ein steiler vereister Abhang von der richtigen Seite des Waldes.

Heute sind Menschin und Hund der Nase nach gelaufen. Zuerst einmal quer gepeilt durch eine Furche zwischen zwei Maisfeldbrachen, immer auf der Hut vor dem Bauern. Die werden fuchsteufelswild, wenn man durch ihre zerstörte Erde stapft, auf der schon lange nichts mehr wächst außer üppig gespritztem Mais. Und weil die Bauern in meinem Canton lieber Grenzsteine zu ihren Gunsten versetzen als Feldraine übrig lassen, landete ich direkt im Brombeergestrüpp. Aber wo Brombeeren wachsen, ist Wasser. Wo ein Hochsitz vom Traktor zerbrochen auf der Erde liegt, waren Jäger. Wo im Wald Holz sauber aufgeschichtet liegt, muss es einen Weg geben. Und irgendwo dahinten stand der Riesenbaum, der sich schon wieder versteckte.

Das sind dann die Momente, wo ich mich ganz auf die Sinne der Tiere verlasse. Der Bach war breit und tief und mein Gummistiefel hat ein Loch. Wie oft wollte ich sie schon auswechseln! Wo jedoch Reh und Fuchs übers Wasser wechseln, schafft das auch ein tappsiger Mensch. Bilbo musste ich dennoch leiten. Der ehemalige Wasserpaniker rauschte mit Lust durch die tiefste, breiteste und schlammigste Stelle. Voller Glück und Stolz zeigte er mir, wie man den Hang auch kurzbeinig am besten nach oben stapfte, vergaß nur ab und zu, dass ich etwas höher gebaut bin als er. Und tatsächlich lagen die Holzhaufen an einem mir völlig unbekannten Weg. Irgendwo hier, zum Abhang hin, musste also die "Himmelsgabel" stehen!

Nicht nur die Wärme hatte das Waldleben verändert. Ich stand in einem von Spaziergängern unberührt scheinenden Wald wie in einer Märchenwelt. Die ersten Weißdornblüten leuchteten zwischen den Buchen, auf einer Lichtung blühte es blau und weiß in dicken Matten und Schmetterlinge taumelten wie trunken im Sonnenlicht. Bilbo hatte sein Hundeglücksgesicht - so viele Spuren gab es sonst nie, Spürhundeglück. Etwas veränderte sich in diesem Buchenwald - es gab viel mehr Unterholz und kleine Büsche als sonst. Vielfalt, wie wilde Kirschen, Staudenpflanzen, Pilze. Da standen zwischen den Bächen nämlich relativ junge Eichen. Die Holzfäller hatten ein wenig ausgelichtet und da lebte er: Ein Dunkel im Maigrün, eine Wesenheit im Verborgenen, umstanden von diesem Reigen junger Eichen. Wir tappten auf einem Tierpfad nach unten.

Dort thront die Himmelsgabel und zeigt nur ihren Stamm. Drei ausgewachsene Männer könnten sich mit Leichtigkeit nebeneinander stellen und an ihn lehnen. Immens. Die Gräben und Runzeln in der furchigen Rinde breit, Heerstraßen für Insekten. Saftiges Moos am Fuss, der wohl immer genug Wasser hat - drei Bäche riegeln den Hang zu einem Dreieck ab. Wenn man solche Rinde streichelt, verstreicht ein Menschenleben wohl im Flug. Mir kommen Elfengeschichten in den Sinn von Naturwelten, in denen die Zeit anders vergeht. Sind zwei Minuten für diesen Baum vielleicht wirklich wie für mich 200 Jahre? Selbst Bilbo stutzt und hebt sein Bein diesmal nicht. Zu mächtig ist dieses Etwas, das im Wind rauscht wie ein ganzer Fluss. Ich blicke nach oben und spüre fast so etwas wie Grusel im ersten Moment. Was bin ich auf einmal klein. So unbedeutend. Eine Ameise im halbschattigen Wald mit einem Floh von Hund. Mir wird schwindlig von solcher Höhe.

Als wir den Baum umkreisen, erkenne ich, was er vom Weg aus verbirgt: Er teilt sich zuerst in zwei Stämme, weiter oben in drei und dann in vier. Ein Weltenbaum, hätten die Menschen in grauer Vorzeit gesagt. Einer, der sich in alle Himmelsrichtungen ausbreitet und seit irgendeinem Anbeginn über sie wacht. Weit, ganz weit oben im Himmelsblau leuchtet es zart und in noch leicht ockerfarbenem Maiengrün. Die Buche ist also in Wirklichkeit eine Eiche - die haben gerade neue Blättchen. Die Blätter sind so hoch oben, dass ich sie nur an der Farbe, nicht an der Form erkennen kann. Die jungen Eichen im Rund erinnern jetzt fast an tanzende Feen, als wollten sie diesem Relikt Gesellschaft leisten, damit er nicht so alleine ist im Buchenwald. Sie verändern den Buchenwald, geben ihm Unterholz und Beerenbüsche - und die wiederum den Tieren Nahrung.

Es ist dieser Moment vollkommener Schönheit. Wenn sich plötzlich alles zu Sinn verbindet und das klitzekleine Menschlein wie beim Anblick des Sternenhimmels staunt: Dass die Natur sich ohne ihn die schöneren Räume erschafft, dass die Schmetterlinge nicht tanzen würden, wenn die bunten Matten nicht blühten. Die Matten nicht dufteten, wenn dort nicht Weißdorn und Kirschen Sonne hereinließen - und die von den Eichen angelockt worden sind. Weil da andere Vögel kommen, Kerne verlieren, Samen in die Erde versenken.

Ohne GPS und Karte, aber mit Sonnenlicht und darum Himmelsrichtungen, liefen wir den Holzweg zurück. Irgendwann Reifenspuren und eine Feuerstelle der Holzfäller - das verspricht Zivilisation und Straßen. Wir landeten dann an einem Flecken, den ich nie vermutete. Jenem alten Eichenwald, der mich immer wieder magisch anzieht. Die alten Eichen dort sind Jungspunde gegen die Himmelsgabel. Sie muss ein Relikt eines noch viel älteren Eichenwalds sein. Aus irgendeinem Grund hatten Menschen diesen Baum beim Fällen immer wieder ausgespart, auch noch, als man die Schonung der alten Buchen angelegt hatte. Es wundert mich nicht, denn in diesem Landstrich haben die alten Leute vor zwanzig, dreißig Jahren noch ihre Hausbäume gegrüsst.

Nach zweieinhalb Stunden war ich wieder am Auto zurück und fuhr durch eine plötzlich fremd wirkende Welt. Wir waren keiner Menschenseele begegnet. All dieses Menschenzappeln, das Überhitzte, das ach so Überwichtige - was ist das angesichts eines so uralten, majestätischen Wesens? Und umgekehrt gefragt: Wie ließe sich unser verzweifeltes Menschenzappeln aushalten, wenn wir uns der Natur und ihrer Kraft entfremden, sie immer weiter zurückdrängen und zerstören?

PS: Ein anderer Gegenstand meiner Waldgänge sind übrigens Pilze. Ich bin absolut fasziniert von der Biologie der Pilze. Und das hat Folgen, wie man an diesen Fotos sieht.

Kommentare:

  1. Liebe Petra,

    ich habe die letzten beiden Einträge und eigentlich alle sehr gern gelesen und bin von vielen inspiriert worden. Und ich weiß, welche Arbeit in einem solchen Artikel steckt. Das mit der Himmelsgabel regt mich dazu an, selbst wieder mehr nach verborgenen Schätzen in der Natur zu suchen. Gern hätte ich dir auch einen Obolus zukommen lassen, aber nachdem es letztes Mal einwandfrei geklappt hatte, bin ich diesmal nicht durchgekommen. Gibt es irgendwo auch einen Button mit deutscher Anleitung?

    Herzlichst
    Christa

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    1. Liebe Christa, danke. Eigentlich schaltet Paypal je nach ID automatisch auf die Landessprache (ich sehe es z.B. auf Französisch). Das kann womöglich an deinen Einstellungen diesbezüglich liegen? Ich mache noch einen extra Artikel, wie's geht, damit das nicht in den Kommentaren untergeht.
      Herzlichst, Petra

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  2. Danke, Petra, ich schaue dann wieder nach.Beim letzten Mal hat es automatisch umgeschaltet, glaube ich.

    Herzlichst
    Christa

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