Die wunderbare Langsamkeit des Schönen

Jetzt, wo meine Shoperöffnung des Atelier Tetebrec in absehbare Nähe rückt, möchte ich mir über die Schulter sehen lassen beim Perlendrehen. Manche von diesen Papierperlen nenne ich bei mir "Bonbons", weil sie so schön bunt sind und glänzen. Die einfachsten kann jedes Schulkind herstellen, aber die Unterschiede liegen im Detail. Und diese Details sind es, die viel Geduld und eine ruhige Hand erfordern, vor allem aber immer wieder Trocknungszeiten zwischendurch - ergo Wartezeiten. Deshalb sind Spezialanfertigungen auf Kundenwunsch auch nicht in wenigen Tagen zu machen. Ich liebe es, wenn im Zeitalter der Digitalisierung und Echtzeiterlebnisse Handarbeit wieder richtig aufwändig sein darf!

In einer Papierperle dieser Art stecken viele Arbeitsschritte inklusive dem späteren Auftragen von Kupferpulver. Darum kommt sie auch am besten in edler Gesellschaft mit echtem Bernstein und Glaskunst aus böhmischen Manufakturen.

Aus allem möglichen Papier entstehen die Perlen - und jedes Papier hat andere Eigenschaften in der Verarbeitung. So habe ich lernen müssen, dass Schweißabdrücke auf Papier aus dem 19. Jahrhundert durch Leimung zu hässlichen braunen Flecken werden oder Premiumtaschenbücher allenfalls für Junkperlen taugen. Deren Papier ist einfach zu aufgeblasen. Viele verarbeiten einfach Zeitungen und Prospektmaterial, das einem ins Haus flattert. Doch für Billigprospekte werden oft derart giftige Farben verwendet (erkennt man am Geruch), dass ich das nicht ständig mit den Fingern kneten will. Mir ist nicht nur Upcycling wichtig, sondern auch Umweltverträglichkeit.


Ja, Papierperlen sind bei mir - anders als bei der chinesischen Billigkonkurrenz - reine Handarbeit. Und zwar Stück für Stück. Ich drehe mit primitiven Werkzeugen wie Fingern und Barbecuesticks oder Stricknadeln. Diese Handarbeit ist nach dem Drehen erst einmal herrlich matschig, denn die Rohlinge müssen sich mit Leim vollsaugen. Nicht zu kurz und nicht zu lang - bis es stimmte, habe ich einigen Ausschuss produziert. Dann wird Perle für Perle von Hand gestreichelt, sprich überflüssiger Leim wird mit dem Pinsel abgestreift. Trocknen dürfen die Schätzchen bei mir auf Draht gefädelt; meine Methode, ein Ankleben an anderen Flächen zu verhindern.

Ob Comics, alte Bücher oder feines Bütten - zunächst dürfen sich die Rohlinge mit Leim vollschlürfen. Jede Sorte Papier hat allerdings ihren sehr individuellen Appetit!
 
Ist die Perle "satt", bekommt sie sozusagen ihr Bäuchlein gestreichelt. Wie beim Hundewelpen, den man zum Verdauen vorbereitet ... Mit dem Pinsel streife ich rundherum überflüssigen Leim ab. Und dann muss ich die Perlen auch noch wie rohe Eier an Ostern behandeln - sie von beiden Seiten ausblasen. Nicht, dass das Loch nachher verschlossen ist!


Da trocknen sie dann. Im Winter praktischerweise auf der Heizung, bei der derzeitigen feuchten Witterung leider viel zu lange. Und sie müssen völlig durchtrocknen, um auszuhärten und nicht später unter dem Lack Blasen zu schlagen. Oben Perlen aus einem Roman des 19. Jhdts. Unten handbedrucktes Künstlerpapier.

Jetzt sind die Perlen trocken und hart genug, dass es ihnen an den Kragen gehen kann: Die Enden werden geschliffen: Maschine, Handfeile, feinstes Sandpapier - in dieser Reihenfolge. Nur wenn die Enden eine Auflage bekommen, kann ich mir die letzten beiden Schritte sparen.

Jetzt lassen sich die Perlen wie Holz bearbeiten. Bei den Preziosen in Orange entscheide ich mich für eine Auflage aus Naturockerpigment an den Seiten, das mit dem Pinsel aufgetragen wird. Die Buchperlen schreien in meinen Augen nach Farbe und ich will ein Experiment wagen: Decoupage-Technik.

Bei der Decoupage-Technik werden die Perlen mit einem Haftlack bestrichen und mit einer hauchdünnen, gemusterten Papierschicht vorsichtig belegt. Mit dem Pinsel und weiterem Haftlack wird diese Schicht geglättet und um die Enden gelegt. Je nach Perlengröße geschieht das auf einem Zahnstocher oder Barbecue-Spieß. Muss ich erwähnen, dass ich anschließend meine Hände ausgiebig schrubben kann? Eine klebrige Angelegenheit!

So sehen dann die Rohlinge unter den sogenannten "Bonbons" aus. Die Seiten werden abgeschnitten, gesäubert, evtl. nachgefeilt - und in diesem Fall anschließend mit einem Glimmerlack bestrichen. Und immer wieder das perfekte Durchtrocknen! Erst dann geht es ans Lackieren bzw. Versiegeln in zwei Schichten. Auch das geschieht am Stäbchen mit dem Pinsel in Handarbeit. Erst danach ist eine Papierperle gegen Schweiss und Wasser geschützt. Nur ins Schwimmbad oder unter die Dusche sollte man nicht unbedingt damit gehen.

Nur mit völlig ruhiger Hand kann ich solche Stücke fertigen: Hier entsteht eine "Vergoldung" mit buntem Metall. Nicht zittern, am besten nicht atmen und auf keinen Fall darf ein Luftzug im Zimmer herrschen oder der Hund nerven. Erst wenn ich in dieser Technik absolut sicher geworden bin, werde ich mich an die Blättchen aus 14karätigem Gold wagen. Das ist ein Traum von mir: Wegwerfpapier nicht nur durch Handarbeit aufzuwerten, sondern mit diesem Luxus zu paaren, den man früher für besonders wertvolle Bücher beim Goldschnitt anwendete.

Vorsichtig das überflüssige Gold abgepinselt und wieder in Tütchen gepackt. Es ist nicht nur zu teuer für den Mülleimer, sondern taugt noch zu Streuvergoldung. Der Anhänger besteht aus Pizzakarton und Papierauflage und wurde mit Ockerpigment beschichtet. Die Spirale ist mit dem Linolschnittmesser eingekerbt, um dem Gold ein Relief zu geben.
Wer jetzt neugierig geworden ist: Mein Shop bei Dawanda wird noch im Juni eröffnet werden. Um den Zeitpunkt nicht zu verpassen: Wer meinen Newsletter hier abonniert, wird zuallererst informiert. Das könnte nützlich sein, weil ich nur künstlerische Unikate verkaufe, allenfalls Kleinstserien zu maximal neun Stück - die sich dann auch leicht unterscheiden. Außerdem gibt es ein eigenes Blog als Showroom - wegen der internationalen Klientel in englischer Sprache. Dürfte aber kein Hindernis sein, weil es hauptsächlich Bilder zeigt. Warum also nicht beim nächsten Schmökern im E-Reader einfach eine Papierkette tragen, der Haptik wegen?

Kommentare:

  1. Ich bin wirklich fasziniert von all den Arbeitsschritten, den Techniken, den Papierunterschieden und natürlich dem Ergebnis! Und ich wünsche dir viel Erfolg mit deinem Shop und viele Kunden, die die Ideen und die liebevolle Handarbeit zu schätzen wissen. :)

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  2. Das freut mich, Winterkatze!
    Und herzlichen Dank für die guten Wünsche, denn genau das hoffe ich auch.

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  3. Was für eine wundervolle Handarbeit. Ich werde sicher Kundin werden, denn es ist für mich immer noch etwas besonders, solche Unikate, in die das Herzblut der Künstlerin geflossen ist, zu tragen.

    Alles Liebe und viel Erfolg.
    Karin

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    1. Das freut mich sehr, Karin Austmeyer,
      denn gerade diese Art KundIn wünsche ich mir - Menschen, die sich von den Schmuckstücken Geschichten erzählen lassen und sie mit der eigenen Geschichte verbinden.
      Liebe Grüße aus Frankreich, Petra

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  4. Is ja irre! Danke, Petra, dass du uns zeigst, wie die Herstellung geht. Das sind ja unglaublich schöne Unikate. Deine Kunden werden die Perlen schätzen. Ich werde mir auch eine Kette als besonderes Geschenk gönnen.

    Viel Erfolg!
    LG
    Elli

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    1. Danke, Elli,
      für die ermutigenden Worte! Nun, ich zeige von der Herstellung natürlich nur das, was jeder weiß und in zig youtube-Videos finden kann. Ein paar Firmengeheimnisse gibt es schon noch, die dann den Unterschied machen zur Billigstfertigware aus China, wo jede Perle gleich aussieht ...
      Ich habe jetzt die französische AGB und solche Texte online gestellt, muss das aber noch übersetzen und ein paar Vorbereitungen machen. Es geht sehr bald los!
      Liebe Grüße, Petra

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