Papp-karr-tong oder Dosenköpfe?

Man hat's nicht leicht mit dem Einzelhandel, aber leicht hat's einen! Ich bin ein Mensch, der daran glaubt, dass sich kleinere und regionale Strukturen gegenseitig unterstützen sollten. Immer noch versuche ich mein Glück deshalb auch im stationären Einzelhandel, selbst wenn das Benzin derzeit in Frankreich teuer und der nächste Laden immer nur mit dem Auto erreichbar ist.Und wie ich öfter in Social Media berichtet habe, bin ich durch bitterböse bis strunzdumme Begegnungen oft schon untreu geworden, ins Internet abgewandert. Dort gibt es übrigens auch Einzelhandel: den, der es kann.

Bei der Spezies Dosenkopf sind die Scheuklappen besonders eng und rigide. Ja nicht aus der eigenen kleinen, schon längst angerosteten Welt blicken und nicht den Kopf drehen, das könnte quietschen.

Es ist ja nicht so, dass man heutzutage auf jeden angewiesen wäre, zumal als Firma. Wer in größeren Quantitäten einkauft und womöglich damit treuer Kunde wird, könnte durchaus auf Freundlichkeit und Bemühen treffen. Möchte man meinen. Zumal nur einen Klick entfernt die Konkurrenz lockt: die Firma, die bei einem gesuchten Produkt Weltspitze ist, der Grossist aus der nächsten Großstadt oder der Büroservice-Vertreter, der einem das Druckerpapier persönlich nachträgt. Als Firma habe ich selbst einen Ruf zu verlieren, muss Preise nach meinem Einkauf kalkulieren und Qualität bieten. Also wollte ich es heute noch ein letztes Mal wissen.

Ich brauche postkonformes Verpackungsmaterial für meinen Schmuck. Um die KundInnen nicht unnötig zu belasten, soll es möglichst preiswert sein. Auf Umweltfreundlichkeit schaue ich auch, auf Stabilität sowieso ... und ich traue mich noch nicht, beim Grossisten die 100er oder 200er Packungen zu bestellen. Risikominimierung. Also im Internet vorrecherchiert: Der Bürobedarf im nächsten Städtchen hat genau, was ich suche, wenn er hat. Aus der 50er-Packung kann man auch Einzelstücke kaufen, steht da ausdrücklich als Werbung. Also die insgesamt acht Kilometer gefahren. Was der Laden nicht hatte: Die Pappen, das Seidenpapier, die Postumschläge oder Kartons. Und die eine Wellpappe in falscher Farbe hätte statt wie beim Hersteller im Internet 62 Cent ganze 3,80 Euro gekostet.

Ich frage also die "Fachkraft", wie das mit der Bestellung so funktioniere, ich bräuchte die und die Kartons. Ich übersetze hier das Gespräch, das im Original von ihr aus in einem Französisch in Zeitlupe oder Einschlafmodus geführt wurde. Die Kundin fragt also.

"Da muss ich im Katalog nachblättern, was wir für Kartons haben."

"Ich hab schon im Internet geschaut, kann Ihnen das genau sagen."

"Wir bestellen aber immer vom Katalog, da muss ich erst gucken, auf welcher Seite die Kartons ... " (Greift in Zeitlupe einen dicken Wälzer Papier und schlägt ihn auf, ohne mich auch nur anzuschauen).

Ich lege ihr meinen Zettel vor die Nase: "Schauen Sie, da steht die Bestellnummer und die Katalogseite, hab ich alles von der Website Ihres Ladens."

Sie staunt das Papier an, reißt es an sich und geht zum Computer.

"Bestellen Sie jetzt doch per Internet?"

"Nein, ich muss gucken, ob das stimmt."

"Das stimmt, ich hab's genau abgeschrieben. Wie geht das nun mit der Bestellung? Ich meine, ich kann das ja auch daheim von Ihrer Website ..."

"Nein, wenn ich das im Papier guck und dann anrufe, dann geht das schneller, dann haben wir das morgen. Sind Sie sicher, dass das die richtige Katalogseite ist?"

"Klar, schauen Sie doch einfach mal frech nach!" (Kundin lächelt zuckersüß).

"Da ist ja ihr Karton, den haben wir wirklich zum Bestellen!" (Fachkraft ist fast vor Schreck aufgewacht).

"Wie hoch ist der noch mal?"

"Äh, 5 cm."

"Super, also noch konform als Brief."

"Häh, wieso?"

"Sie verkaufen doch postkonforme Verpackungen? Nach den vorgeschriebenen Maßen?"

"Äh, ja?"

"Ja, also ..."

"Aber das sind 50 Stück."

"Die kann man auch einzeln haben, steht auf Ihrer Internetseite."

"Ja nee nein, auf dem Papier steht das nicht."

"Also ich kann wirklich selbst ..."

Nein, Sie will das jetzt in die Hand nehmen. Ich schaue mich weiter im Laden um, weil mir die Zeit zu lang wird. Sie telefoniert ellenlang mit der "Zentrale", die im ähnlichen Schlafmodus zu antworten scheint.

"Also nee nein, wir können die Kartons bestellen. Aber sie müssen 50 nehmen."

"Auf Ihrer Website machen Sie damit Werbung, dass es die einzeln gibt. Ich brauche erstmal zehn."

Mischt sich die Kollegin ein: "Da hat die Kundin falsch hingelesen! Das steht da nicht!"

"Wollen wir gemeinsam nachschauen?" (Der Kundin platzt langsam ein Knöpflein).

"Ich kann das nicht aus dem Internet bestellen, ich muss das von Papier!"

Die Kollegin: "Das steht da nicht, ganz sicher haben Sie sich verlesen."

"Machen wir das andersherum: Welchen Rabatt geben Sie mir für die Großabnahme?"

"Wir geben doch keinen Rabatt! Da steht der Preis auf Papier!"

"Dann kürzen wir das ab, meine Damen - ich möchte Ihnen nämlich auch nicht noch länger die Zeit stehlen. Ich danke Ihnen herzlich für die Bemühungen. Aber ich fahre jetzt heim, tippe das in die Tasten, bestelle und habe es als Colissimo innerhalb von 24 Stunden an der eigenen Haustür. Und zwar entweder einzeln bei jedem Bürobedarf. Oder als 50er-Pack vom Grossisten und dann kostet mich der Karton genau ein Drittel."

Leider ist es mir nicht gelungen, die beiden Damen aufzuwecken. Und jetzt bestelle ich meine Wellpappen, mein Seidenpapier und meine Postumschläge im Internet: Beim Verteiler der Wellpappenfabrik und beim Weltführer für Verpackungen, der zufällig in Frankreich sitzt. Die versenden ratzfatz frei Haustür. Ohne Diskussionen, dafür mit Kundenservice online und offline.

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