Eine alte Liebe oder Bildungsurlaub

Irgendwie ist eine alte Liebe wieder in mein Leben getreten. Schriftsteller stecken Geschichten manchmal in den Giftschrank - weil sie nicht funktionierten oder nicht gekauft wurden, weil man sich selbst weiterentwickelte oder einfach keine Lust mehr hatte. Hartnäckige Geschichten befreien sich immer wieder. Und jenes Thema verfolgt mich seit so vielen Jahren! Der Verursacher hängt als Portrait immer noch in meinem Büro und lächelt von der Wand mit diesem Blick: "Nur Mut, du machst das!"

Es war einmal ... da verschaffte sich eine überneugierige Autorin Einlass in vergessene Lagerstätten und in einem zur Ruine verkommenen Schloss, um neugierig mit anderen Begeisterten nach faszinierenden Schätzen zu bohren.

Joseph Achille heißt der Mann und er ist seit 1930 tot. Zum ersten Mal begegnete ich ihm bei einem Ausflug in ein unscheinbares elsässisches Dorf in einem Museum. Dort hing ein Portrait von ihm und die Autorin verlor sich in den Exponaten, die mich eigentlich nie nie nie interessiert hätten. Als Touristin wurde ich von Bekannten mitgeschleift. Technik. Erdöl. Nichts für mich. Ich kann es nicht mehr sagen, was es war. Plötzlich hielt mich der Blick dieses Mannes gefangen, weil er so überaus lebendig wirkte. Ich sah in dieses Gesicht und dachte: "Wenn du aus deinem Leben erzählen könntest! Du hättest sicher eine ganze Menge zu erzählen."

Das hatte er auch und ich konnte mich von der anfänglichen Faszination nicht mehr freimachen. Ich möchte behaupten, damals lernte ich den Schritt vom Journalismus zum wirklich freien Erzählen. Gemeinsam mit Mitarbeitern des Archivs holte ich mir staubige Finger und entdeckte Laborkolben und alte Fotos. Ich brachte die Concierge dazu, mich ins Schloss zu lassen, oder trieb mich zwischen historischen Ölpumpen herum. In einer Vitrine steht ein Glas mit dem zähen Naturasphalt, den ich unbedingt abfüllen wollte, als ich die nachweislich erste fabrikmäßig abgebaute Asphaltmine der Welt selbst im Wald entdeckte. Ich fühlte mich reich beschenkt, als mir der Archivar ein Portrait von Joseph Achille als Poster abzog und mir eine Flasche echtes Rohöl besorgte. Meine Küche wurde zum Experimentierlabor für die Originalrezepte aus dem 18. Jahrhundert und auf der Suche nach den Pillen aus "güldenem Wasser" habe ich dann auch fast einen Kochtopf abgefackelt. Ich rekonstruierte den Rosengarten des Schlosses anhand von Stecklingen und führte einen Indianertanz auf, als man später im Archiv wirklich einen Gartenplan aus dem 19. Jahrhundert fand, der meine Ideen bestätigte.

Eine Weltsensation. Kaum ein Mensch interessiert sich für diesen Platz, kaum jemand findet ihn oder nimmt die Mühe auf sich, 200 Meter zu Fuß zu laufen. Zur ersten Erdölbohrung der Welt aus dem Jahr 1814. Zu dieser Zeit tunkte man in den USA Erdöl noch mit Lappen von der Erde und hielt es für magische Medizin oder Lampenölersatz.
In meinem Buch "Das Buch der Rose" erzähle ich von dieser Art "experimentellen Laien-Archäologie" im Vorwort. In "Elsass. Wo der Zander im Riesling schwimmt" lasse ich die Gebrüder Schlumberger sich noch einmal blamieren, weil alle über die seltsamen "Blasen" und "Fische" lachen, die sie in ein Bohrloch herablassen. Mein Publikum hörte bei Lesungen immer gebannt zu und konnten es kaum fassen, dass auch dieser Akt eine Weltneuheit bedeutete und die zuhause verlachten Schlumberger in den USA den Grundstein zu einem der größten Weltkonzerne legten. All diese Geschichten, die ich recherchiert hatte, sind also in der Tat so etwas wie Wiedergänger geworden. Die Hauptfigur in meiner Krimiserie, an der ich derzeit schreibe, hat etwas von mir übernommen: Sie stellt seltsame Küchenexperimente an ...

Die Geschichte selbst hatte ich begraben. Ich habe Kollegen vom Fernsehen zum Thema beraten. Die deutschen Verleger und Programmchefs wollten sie damals nämlich nicht. Begründung: Einer Frau würden die Leute nicht abnehmen, dass sie über solche Themen schreiben könne (ich wollte unter eigenem Namen schreiben, da bin ich stur). Erdöl sei kein Thema, weil dreckig, weil mit negativen Assoziationen behaftet. Und schließlich bekam ich das Angebot eines sehr bekannten Großverlags, der mich mit Handkuss einkaufen wollte, wenn ich doch nur bereit gewesen wäre, den Mann durch eine Frau zu ersetzen und den Dreck bitte durch Glamour. Pelze oder Juwelen als Beruf, aber doch bitte keine Minen!

In unseren Augen so unscheinbar, so winzig. Aber was hier begann, veränderte die Welt komplett und läutete ein neues Zeitalter ein. Und die Facharbeiter aus dem elsässischen Pechelbronn ("Pechbrunnen!) zogen schließlich in die ganze Welt, um ihr Knowhow zu verbreiten.
Für die Winde, an der das Bohrgestänge hing, reichten zwei Arbeiter.
Längst habe ich auch die Bitterkeit begraben, die mich damals angesichts von so viel Vorurteil und geistiger Unbeweglichkeit erfüllte. Ich lache darüber, weil inzwischen der Film all das übernommen hat, was Buchverlage nicht schaffen: innovative, spannende Inhalte ohne Berührungsängste, ganz großes Unterhaltungskino in Serien, die nicht zufällig seltenst aus Deutschland kommen. Und genau dieses neue Erzählen fasziniert mich. So bin ich wieder an die Stätten zurück, mit denen ich Jahre der Recherche verbracht habe. Ich wollte einfach wissen, wie abgeschlossen die Sache war. Ob sie mich überhaupt noch berührte.

Die Autorin ist fasziniert: Beim Anblick der Bohrköpfe will ich alles genau wissen.
Tief im Wald stolperte ich über einen größeren Stein. Ich sammle Steine, beachte Steine. Der entpuppte sich als Ziegelstein und solche findet man zwar oft als Aufschüttung von Wegen, aber selten mitten im Wald und noch seltener auf Erdformationen, die der geschulte Blick als uraltes Minengelände erkennt. Ich wischte ihn sauber und da hatte ich es: ein Ziegelstein, wie man ihn im 19. Jahrhundert gebrannt hatte, wie er damals vom Erdölclan benutzt wurde. Ich schleppte das Stück mit nach Hause und fragte mich, was mir der Stein erzählen wolle.

Und dann wurde ich zum Serienjunkie. Mir fehlt viel Schlaf, weil ich mir die ersten beiden Staffeln der ITV-Serie "Mr Selfridge" zu Gemüte geführt habe. Am Stück und bis in die Morgenstunden. In Großbritannien lief längst die dritte Staffel, die vierte und letzte wird 2016 ausgestrahlt (dann ist allerdings auch wirklich gut). Das war es! Mr Selfridge als Kaufhaus-Tycoon ist wie mein Achille eigentlich ein Vertreter genau der gleichen drögen Story: Wirtschaftsgeschichte, Zeitgeschichte. Ein Typ, der mit Zahlen um sich wirft und begeisterter Kaufmann ist, einer, der die Art von Kapitalismus mitbegründet, die heute noch das Fundament unserer Gesellschaft bildet. Man muss diesen Mann nicht in eine Frau verwandeln oder ihm einen niedlicheren Beruf auf den Leib schreiben - er ist das Zentrum von Suchtstoff, übt einen Sog aufs Publikum aus. Und wer Downtown Abbey geliebt hat, schwelgt auch in dieser Filmausstattung, die längst vergangene Zeiten absolut lebendig macht.

So habe ich ein paar Nächte lang Fortbildung genossen. Wie kann es sein, dass eine Serie so oft und so verbreitet läuft, Menschen in Bann schlägt - das Buch aber, die Vorlage, nicht so sehr der Bringer ist? Was macht das filmische Schreiben anders? Was verändert sich, wenn ich eine Serie konzipiere?

Ich habe eine Menge gelernt in diesen schlaflosen Nächten. Wie man auf unterschiedlichen Ebenen Konflikte anlegt und eine Hauptfigur mit weiteren Sympathieträgern umgibt. Dabei nicht die Antagonisten vergisst und vor allem die zwielichtigen, geheimnisvollen Gestalten pflegt, in denen wir uns täuschen mögen, die sich womöglich erst spät im wahren Licht zeigen. Ich habe hineingeschaut in die Traumfabrik, mit der Leidenschaften und Emotionen aus den trockensten Themen geholt werden, aber auch ernstgenommen, dass sich Menschen nicht nur für "Liebliches" interessieren. Übrhaupt habe ich sehr viel darüber gelernt, wie man Menschen bei der Stange hält ... und wann man sie vom Plot her verliert. Es hat sich gezeigt, wie man auch das anscheinend langweiligste und trockenste "Ding" richtig verpackt, so dass es zur Überraschungspraline wird.

Keine Angst: Ich schreibe jetzt keine Serie über Erdöl. Dieser Wiedergänger wird sich wahrscheinlich noch oft melden und seine Tentakel in die laufende Arbeit bohren. Diesmal stärkt er mich beim Krimiprojekt, weil ich genau davor Angst hatte: Werde ich tatsächlich eine tragfähige Serie erschaffen können, die mehr als nur einen Band hält? Ich sehe nun deutlich die Versuchungen und Fallstricke - etwa viel zu viel gleich am Anfang zu verraten und damit Entwicklungen zu hemmen. Aber auch die Schwierigkeit, Figuren in die Herzen zu schreiben, ohne sie gleich allzu sehr zu entblößen. Jener Ziegelstein und die Ausflüge haben mich gerade eins gelehrt: Solides Handwerk ist unumgänglich, damit ein einmal angebohrter Plot auch über Jahre hinweg sprudelt. Diesbezüglich kann man ziemlich viel vom Fernsehen lernen. Also lasse ich meine Ermittlerin und Hilfsgärtnerin Amanda Joos wieder frech in der Küche experimentieren. Aber ich überlege sehr genau, wen sie kennenlernen muss!

Die Autorin ist fasziniert: "Lost Places" erzählen von längst verschwundenen Menschen.
Wer eine längere "Erdölgeschichte" von mir lesen will: "Papierfisch im Öl" in "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt" - als Taschenbuch, E-Book und Hörbuch zu haben. Mehr Infos zum Buch HIER!

Kommentare:

  1. Die Wehmut singt ihr leises Lied. Was für eine schöne Zeitreise! Auch für Fans, die nie erhofft hatten, jemals noch etwas vom schönen Monsieur zu hören respektive zu lesen. Er "lebt" also, aller Ignoranz trotzend, doch noch, und das ist gut so. Und ja, seine Zeit kann noch kommen. Nur anders. Wer weiß?
    Ich glaube, Petra, in den letzten Jahren wärst du mit deiner Projektidee nicht auf diese seltsame Ablehnung gestoßen wie damals. Der Familienroman, der im 19. Jahrhundert (bis zu den 50ern) seine Handlung hat und bis noch vor kurzem als no go gehandelt wurde, boomte auf einmal. Selbst das "schmutzige" Öl aus Autorinnenmund hätte man dir aus den Händen gerissen, mit Puderzucker versüßt und bis zur Unkenntlichkeit verdooft. Nichts für den schönen Le Bel. Wieder mal. Ein dummer Markt, der Buchmarkt.

    Ich melde mich mal länger. Mit Pad auf Sofa schreibt es sich in dem schmalen Kommentarfenster zu unübersichtlich. Komm gut durch die rauen Nächte und habt Glück im neuen
    Jahr, Amanda und du.

    Lieber Gruß
    Ele

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    1. Danke für die lieben Wünsche, Ele! Sie wirken auch schon, ich habe heute zwei neue Krimikapitel in die Tasten gehackt, anstatt all das zu tun, was andere Menschen an Neujahr tun. Selbst übernächtigt konnte ich nicht anders.

      Genau das Verdoofen und Versüßen wollte ich ja nicht. Ich habe da durchaus einen potentiellen Mehrbuchvertrag bei jenem Verlag ausgeschlagen, der Glitzer und Glimmer wollte. Viele hielten *mich* dann für doof ;-)

      Le Bel ist mir interessanterweise noch an völlig anderen faszinierenden Orten begegnet. Der hatte nämlich begriffen, dass man nur in der Metropole wirklich frei Dinge entwickeln konnte. Er ist dann ganz nah am ersten Nobelpreis für Chemie vorbeigeschrammt. Hat hochspannende Experimente gemacht, die bahnbrechend für das Verständnis und Aufkommen von Atomphysik waren. Hat total verrückte Sachen gemacht. Und als Mäzen Projekte finanziert, die zu verstiegen klangen, als dass offizielle Institutionen sie unterstützt hätten. Auf sein Konto gehen die bahnbrechenden Ausgrabungen von Laugerie Basse aus dem Magdalenien (http://www.lascaux-dordogne.com). Ich habe seine damalige Denkschrift dazu im Antiquariat aufgestöbert. Und einmal kam ich zu einem kleinen privaten Flohmarkt in jener Gegend, wo einer partout seine "alten Schinken" wegwerfen wollte. Ich steckte die Bücher unbesehen ein und traute daheim meinen Augen nicht: Schulbücher von Le Bels Schwester mit handgeschriebenem Besitzvermerk und eine signierte Erstausgabe eines Wissenschaftlerfreunds. Ich bin dann extra nochmal zu dem "Entrümpler" gefahren und habe ihn gefragt, ob er noch mehr solchen Müll habe. Nö, das habe er alles schon vor vielen Jahren alles verbrannt. Seien doch nur olle Bücher gewesen ...

      Jetzt muss ich für Amanda noch schnell eine Villa recherchieren, wo sie den Gartenschmuck für eine Party gestalten soll. Einer ihrer schöneren Jobs, weil ausnahmsweise keine Leiche im Garten liegt ;-)

      Liebe Grüße,
      Petra

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  2. Ich hoffe sehr, dass es auf dem Buchmarkt irgendwann wieder das Bewusstsein für die kleinen ungewöhnlichen Perlen gibt. Denn eigentlich ist es doch egal, ob im Film oder im Text: Diejenigen, die auf das vermeintlich "Gewollte" setzen, werden nie den großen Wurf machen oder gar einen Überraschungserfolg veröffentlichen. Sie werden immer diejenigen sein, die nur nachmachen.

    Ein Hoch auf die ungewöhnlichen Ideen und die Menschen, die auch angeblich abseitige Projekte verfolgen!

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