Aus der digitalen Steinzeit zurück

Ausgerechnet die Frau, die vor Jahren ein vorausschauendes Essay über die Zukunft des Buchs geschrieben hat, befand sich in der digitalen Steinzeit. Im Zeitalter der eingebauten Obsolenz hat mich das fiese Gesetz ereilt, das schon Murphy formulierte, als er erkannt hatte, dass Butterbrote immer mit der Butter zuunterst auf den Dreckboden fallen. Gekostet hat es bisher viel zu viel Geld und viel zu viele Nerven. (update: Internet funktioniert inzwischen, wie man sieht!)

14 Tage im digitalen Mittelalter bedeuten viel Landluft
Die erste Nerverei verursachte ein deutsches Telefonunternehmen, das mir vor Wochen ohne jede Vorwarnung mein Kartenhandy deaktivierte (obwohl ich damit telefoniert hatte) und mir aus allen möglichen Gründen eine Reaktivierung nicht mehr ermöglichte. Meine Nummer war wohl zu verführerisch für die Jungs in Pink gewesen. Naiv stellte ich mir vor, dass der Mensch schließlich auch mal ein Weilchen ohne Handy auskomme und ich einfach auf ein schönes Angebot warten würde - so dicke habe ich es ja nicht. Ich recherchierte Preise und wartete weiter auf Sonderangebote. Als die Terroranschläge in Paris und die Grenzkontrollen kamen, fiel mir auf, dass das Herumfahren ohne Handy reichlich fahrlässig sei. Aber ich verglich weiter Preise und machte ein Bachelor-Studium in Sachen binationaler Telefontarifdechiffrierung.

Peng - knallte mir vor 14 Tagen das Motherboard im Computer durch. Um solche Teile hatte ich mich bisher nicht geschert, aber ich verspürte das dumpfe Gefühl, etwas, das "Mother" heiße, sei ein grundlegend tragendes Teil. Ich irrte mich einmal nicht. Inzwischen ohne Handy und nun auch ohne Computer, musste im Affenzack ein neuer her. Ich brauche den ja nicht zum Vergnügen. Einziger Lichtblick: Meine Festplatte war gerettet! Die Furcht war berechtigt. Denn - Achtung Slapstick - mein Computer war ausgerechnet während eines längst fälligen Backups verröchelt. Das Glück meinte es vermeintlich gut mit mir: Computer im Weihnachtsangebot, ziemlich nackt, aber gegen meinen uralten doch gigantisch riesig und unvorstellbar schnell, Windoof 7 drauf. Ein lieber Verwandter half mit Beratung und Installation.

Früher hat man so ein Ding gerade wieder eingestöpselt, die alten Programme wieder aufgezogen, ein bißchen herumkonfiguriert und gut war's. Doch Windoof 7 machte mit meiner alten ISDN-Karte nicht mehr mit. Deren Herstellerfirma hatte jedoch ihre Arbeit nach Windoof XP komplett eingestellt. Kein Problem!?! Kauft man sich einfach eine neue ISDN-Karte, eine, für die es neue Treiber gibt, oder? Aber hoppla ... die kostet auch wieder Geld, garantiert ist das Funktionieren damit nicht so wirklich und außerdem war doch diese olle ISDN-Leitung, die inzwischen über die Insel Mayotte geschaltet war, so unerträglich lahm geworden?

Das ist übrigens kein Witz. Seit einiger Zeit lief meine Internetleitung in Voll-Flatrate über Mayotte. Das liegt im Indischen Ozean auf den Komoren und Orange, die französische Telecom, betreibt dort einen wichtigen Knotenpunkt eines noch wichtigeren Untersee-Überseekabels. Also eines Überseekabels, das am Meeresgrund vor sich hin kreucht. Das Geheimnis, warum man aus dem Elsass über eine Insel irgendwo da unten bei Madagaskar einloggt, hat sich mir bis heute nicht erschlossen: Entweder ist das der zentrale Anzapfpunkt der globalvermummten Schlapphüte oder tatsächlich billiger. Immerhin konnte ich mir vorstellen, das Rauschen von Palmen und das Schlagen von Meereswellen in der Leitung zu hören und ein Log-In-Vorgang dauerte gefühlt so lange wie das Trinken eines Rumcocktails. Aber hey, Mayotte ist Teil der EU, eine Exklave! So eine olle Leitung bildet.

Kurzum: Der Zeitpunkt für das Abschalten des ISDN war für mich gekommen. Dass daraus ein technischer Overkill werden würde, ahnte ich nicht. Die Verträge für mein Telefon waren nämlich älter als der angebliche digitale Weltuntergang im Jahr 2000. Normal, wenn man nicht ständig umzieht. Aber ach, all die Unternehmensänderungen des Telefonanbieters, deren Softwareänderungen und und und. Dem über die steinzeitlichen Verträge staunenden Kundenberater blieb nur eines übrig: alles neu. Am Freitag soll der Monteur kommen, der den ISDN-Kasten mitnimmt und mich all meiner Telefonnummern beraubt. Dafür soll er mir eine neue aufschalten. Ich glaube das erst nachher, denn wie heißt es so schön: Don't touch running systems. Und das Wort "Telekom" steht schließlich in allen Sprachen für grausig-lustige Geschichten von Nachbarn, Freunden und Bekannten über Fehlmontagen und kuriose Überraschungen. Toitoitoi wünsche ich mir selbst, damit wenigstens das Telefon ganz schnell wieder an die Zivilisation angeschlossen ist. Denn - aufmerksame Leser schmunzeln vielleicht bereits - ich habe ja kein Handy mehr.

Nun gibt es aber sogar bei mir Technik-DAU lichte Momente. Obwohl ich die digitale Steinzeit in geradezu perverser Weise genieße (oder mir das erfolgreich einrede), war mir eines klar: Nie wieder ohne Internet! Das hat unser Leben so durchdrungen, dass ich ohne nicht mal einen Termin auf einer Behörde bekomme. Und nicht, dass ich keine Hilfe hätte! Jemand bot mir an, mich mit in seinen Router zu hängen, was an der Signalstärke scheiterte. Der Tipp mit MacDonalds war genial, aber ich kann dort ja schlecht mit meinem Stand-PC und Kabel auftauchen ... Wichtigste Mails postete ich in einem völlig ungeheizten Zimmer mit undichten Fenstern bei jemandem in einem anderen Dorf - darum hatte ich dafür auf eine laue Winternacht gewartet. Das macht man nicht täglich. Habe ich schon erzählt, dass es im Umkreis kein einziges Internetcafé gibt? Die Jungen lachen sich über diese Vorstellung scheckig, da hat jeder sein eigenes Smartphone.

Also ist die Internetoma losgezogen und hat getan, was sie nie tun wollte, was sie angeblich nicht braucht und was auch wieder völlig unnötige Kosten verursacht: Sie hat sich ein Smartphone ausgesucht und einen Vertrag gemacht. Mal so schnell ein Smartphone kaufen und sofort mitnehmen? Denkste. Und auch die persönlichen Daten bei Vertragsschluss sind inzwischen so gestaltet, dass die Schlapphüte gleich Zugang zu allem haben, ohne über Mayotte zu gehen und ohne einem 4000 Euro zu schenken. Das kommt halt davon, wenn man nicht mehr per Internet einkaufen kann. Echtlebenkonditionen in Echtzeit.

Leserinnen und Leser werden sich spätestens jetzt wahrscheinlich kaputtlachen. Was war die Olle altmodisch, willkommen in der Realität des 21. Jahrhunderts!

Keine Angst: Die Olle ist ja eine Medienrampensau. Sie wählt nur gern selbst aus, was sie wirklich braucht, und schaltet gern ab, was überflüssig erscheint. Nach meiner digitalen Steinzeit wird mir das noch leichter fallen, aber ich sehe auch den Sog, der uns vermeintlich in die Übererreichbarkeit zwingt. Wieso habe ich früher nie Angst gehabt, wenn ich durch Grenzkontrollen fuhr, ohne weit und breit eine Telefonzelle zu finden? Gut, früher hatte man einem auch noch keine automatische MP vor die Nase gehalten. Es macht sich eine skurrile Paranoia breit. Gestern hat ein freundlicher Postangestellter meine Briefe, frankiert mit dem Frankierautomaten in der Post, per Hand an den Schalter abholen müssen. Denn wegen des Ausnahmezustands sind alle Briefkastenschlitze in der Post "deaktiviert", sprich, fest verschlossen. Briefe und Pakete gehen nur noch persönlich durch die Hand der Angestellten (arme Teufel, vor allem in der Vorweihnachtszeit). Oder man steckt sie selbst in den Außenbriefkasten. Der ist direkt neben dem Haupteingang montiert und - offen! Luftlinie zwei Meter entfernt von den verschlossenen Schlitzen! Ziemlich oft überwiegt die Skurrilität vor der Paranoia. Aber das ist eine andere Geschichte für internette Zeiten. Wenn der Technikdummie dat Dingens mit dem Router geschafft hat, der hier Live Box heißt. Volles Live hoffentlich spätestens nach Nikolaus! Die Skurrilität tut mir gut - sie befruchtet mich beim Krimischreiben. Bücher schreibe ich ja bekanntlich an einem Laptop, der sehr vorsätzlich nicht internetfähig ist. Ich weiß, warum!

Nachtrag: Diesen Beitrag habe ich vor Tagen offline geschrieben. Heute war der Monteur da, ein freundlicher junger Mann, der die Welt nicht mehr verstand. So einen ISDN-Kasten, wie er ihn demontieren sollte, hatte er noch nie gesehen: "Ich bin noch nicht lange in diesem Beruf", meinte er. Ich musste ihm dann erst mal erklären, was genau zu machen war. Dafür konfigurierte er mir gleich meine Live Box und schaute, ob der Computer im Internet war. Da ist nur noch ein Problem ... das Telefon geht noch nicht. Laut Monteur tat es. Laut Beschreibung im Router braucht's bis zu 48 Stunden zur Aktivierung der neuen Nummer. Wem soll ich glauben? Das aber soll mein kleinstes Problem sein, denn seit heute bin ich in der digitalen Gegenwart angelangt: Tatütata, die Post war da! Mein Smartphone lädt gerade auf und dann kann ich damit die Störungsstelle fürs Telefon anrufen, wie praktisch.
Madame konfiguriert nun erst mal den Computer und rettet nächste Woche Daten von der alten Festplatte - das wird eine Weile dauern, bis sich alles wieder vertraut anfühlt.
Für einen zusätzlichen Lacher will ich noch sorgen: Als der Monteur sagte, ich sei jetzt im Internet, war ich völlig verzweifelt, weil der Browser partout nicht aufgehen wollte. Bis ich mich daran erinnerte, dass der neue Computer einen Doppelklick braucht - und nicht nur einen wie der alte ...



Genug gelacht! Die Internetoma ist jetzt im Affenzahn unterwegs, aber Achtung!!! Und wird demnächst darüber bloggen, wie das so ist, wenn man in der digitalen Steinzeit lebt.

Kommentare:

  1. O wie wir das nachfühlen können!
    Bei sfr (französischer Netzanbieter) ist das so: wenn Telefon und Internet nicht funktionieren, soll man eine Nummer anrufen. Aber nur vom Festnetz!
    'Ein Loch ist im Eimer ...'

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    1. SEHR intelligent gemacht, da braucht man dann nette Nachbarn! Ich bin ja bei der orangefarbenen Konkurrenz, die haben online ein Hilfecenter, das selbsttätig schon so viel checken kann, dass mir der Kopf schwirrt. Ich muss da morgen nochmal ran.
      Auch nett beim Handy die unterschiedlichen Passwörter, die unterschiedlich heißen und nie weiß man wirklich, welches gemeint ist ;-)
      Vielleicht sollte man die Schlapphüte kontaktieren, ob sie einem vergessene Daten rekonstruieren können, wäre echt ein Zusatzservice bei der ganzen Abhörerei!

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  2. Gelegentlich frage ich mich, warum ich ausgerechnet in Arkansas lebe. Klar, nach vierzig Jahren Kalifornien musste mal was Neues her. Aber im Dritte-Welt Staat Arkansas ist das Internet nicht sehr schnell, die meisten (geistig nachholbedürftigen) Einwohner wählen trotz Armut und fehlender Zähne Republikaner, die ihnen noch die allerletzten Wohlfahrtsdollars wegnehmen, und die Winter sind im angeblichen Südstaat schneereich und viel zu lang.
    Und dann lese ich wieder Horrorstories über europäisches Beamtenverhalten und freue mich, dass ich hier bin. Wo ich hingehöre.
    Ich leide mit dir, Petra. Aber ich erinnere mich noch mit Grausen an meine deutschen Jahre. Ein Jahr aufs Telefon warten. Hin zur Einwohnermeldestelle, wo man mich sehr mißtrauisch fragte, warum ich Amerikaner bin, wo man doch keinen US-Akzent im Deutschen hört. Vorm Dorfpolizisten strammstehen, wenn wieder einmal meine langen Haare den Zorn des Despoten hervorrufen.
    Du weißt schon. Man muß sich dort, wo man sich wohlfühlt, arrangieren. Und hoffen, dass einem das Internet nicht schlapp macht.

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    1. Hach, Kollege,
      sag mal, gibt's irgendwann einen Arkansas-Krimi von dir (oder habe ich einen übersehen)? Bei deiner Beschreibung würde ich nämlich jetzt gern weiterlesen!
      Im Moment stehe ich vor dem Chaos, das allgemeine Unfähigkeit, fehlende Identifikation mit dem Beruf und eine ausbeuterische Kette von Sous-Traitants verursachen. Keiner kann mehr was, keiner ist zuständig - aber die Leute werden ja auch lausigst bezahlt.
      Dass mein Handy nicht ins Ausland telefonieren will, liegt wahrscheinlich an einer falschen SIM-Karte, weil der Dorfdepp irgendwas bei der Bestellung nicht richtig getippt hat. Das war der Cheffe persönlich von der Post, dem ich vor der Bestellung erst mal seine eigene Computersoftware erklärt habe, obwohl ich sie auch zum ersten Mal sah. Das hätte mir eine Warnung sein müssen.

      Und was das Fixtelefon betrifft, das nicht telefoniert, so hätte ich drauf bestehen sollen, dass der Monteur einen Probeanruf macht, aber ich war da schon so konfus ... Jetzt muss ich mich erst mal im Kundencenterlabyrinth zurechtfinden, mir zig Accounts aktivieren und irgendwann wäre ich dann gern in happy California, Urschrei-Therapie machen ;-)

      Ich weiß nicht, ob ich besonders überempfindlich bin, aber ich kann vor lauter Passwortgetippe in zig Accounts und Technikfranzösisch nicht mehr ... ich will auf die Insel!

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    2. Jippieh!!! Alles funktioniert!
      Alte Bauernregel: Will der Hahn auf dem Mist nicht krähen, musst du ihm die Kabel abmähen.
      Oder - idiotensicher Stecker ziehen, Stecker wieder rein und dann nach Deppenanleitung Schritt für Schritt die Verkabelung kontrollieren. Und siehe da, der Supermonteur von der Telecom hatte schlicht das Telefon falsch angeschlossen! Ich frag mich nur, wie das die alten Leute heutzutage bewältigen ...

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