Mehr Licht! "Reset" für die Welt?

Mehr Licht! - Das soll Goethe auf dem Sterbebett gerufen haben und es soll mir Motto sein für eine vorweihnachtliche Blogserie zum Nachdenken und Mutmachen. Weil ich glaube, über Düsteres und Böses, Schlechtes und Hassenswertes schreiben inzwischen genug Menschen. Mich interessiert - neben all der wichtigen politischen Arbeit - wie ich mich selbst verändern kann, bevor ich es von anderen verlange. Oder wie wir einen Weg herausfinden können aus dem Schlammassel auf dieser Welt, das wir leider über die Jahrzehnte selbst geschaffen haben. Gedanken aus einer Zeit ohne Computer und Internet ...

Es gibt Zeiten, da wirkt alles wie zerfahren, wenn man sich den Zustand der Welt betrachtet. Was für ein Schlammassel richten die Menschen an allen Ecken und Enden an. Gibt es noch eine Ausfahrt? Kann in solchem Morast noch etwas grünen? - Menschliche Hybris? Die Natur macht einfach weiter.
Vierzehn Tage ohne Internet, fast eine Woche nur mit einem uralten Laptop (offline natürlich), das können sich viele kaum mehr vorstellen. Aber es passiert, zumal Internet ja auch nur so lange funktioniert, wie der Mensch Strom hat, und dann wird man auf sich selbst zurückgeworfen und auf alte Zeiten. Ganz ehrlich: Außer in der Endphase habe ich den Zustand richtig genossen! Es war ein wunderbares Gefühl der Befreiung.

Plötzlich hatte ich die beste aller Ausreden, vor sich hingammelnde Mails doch nicht sofort beantworten zu müssen. Keine Kommunikationshektik mehr via Twitter, keine Hasskommentare unter den täglichen Zeitungsartikeln, keine Dauerkommunikations-Selbstverpflichtung via Facebook. Stille. Leere. Eine Leere, die mit dem Leben und uralten Techniken aufgefüllt wurde: dem Schwätzchen mit dem Traiteur, Witzereißen im Landmaschinenladen, Plausch mit fremden Leuten ohne Profil und Personendaten. Und mit dem neuen Computer, der leider recht nackt von Programmen daherkam, dann wieder Leere. Eine saubere, vielversprechende Leere, als hätte man einen riesigen Reset-Knopf gedrückt. Auffüllen mit dem Wichtigsten nach erzwungener Entrümpelung.

Das brachte mich auf die Idee, dass dies meinem derzeitigen Weltengefühl entspricht. Es ist, als würde Politik langsam zu einer Kakophonie von Selbstdarstellern, wo Regierungen und Verantwortliche in feinster Selfie-Kultur nicht mehr weiter zu denken scheinen als bis an die eigene Nasenspitze. Das Wahlvolk macht's oft genauso. Wenn man die großen Aufreger nur noch leise und nicht niederbrüllend aus Radio und Fernsehen erfährt, werden die großen Grundlinien deutlicher. Ich habe das Gefühl, wir waren noch nie so fern dem Zeitalter der Vernunft, noch nie so nah einem Zeitalter des Irrsinns. Ich würde mich gern irren! Immerhin besteht ein Großteil der Hetzenden ja aus Maschinen! Als Schriftstellerin kommen mir Querdenkereien: Warum nicht auch mal verrückt sein, um sich Gegenmittel auszudenken?

Heute im Radio: Putin und Erdogan schenken sich gegenseitig nichts; zwei alternde isolierte Männer, beides die geborenen und besessenen Selbstdarsteller, das Volk dahinter ziemlich egal. Die internationale Kriegsgefahr, die sie gegenseitig hochtreiben, offenbar kein Thema. Verantwortung für die Menschen? Aufdecken der Hintergründe - genauso mühsam und wenig konkret wie vor dem Irakkrieg, obwohl unser Planet nun doch wirklich von allen Seiten rund um die Uhr überwacht wird. Und jetzt fault den Türken durch die Sanktionen das Gemüse weg, die Gegner im Sandkasten werfen mit Förmchen und schreien: "Mama, der andere war schuld!" Derweil hungern immer mehr Menschen, flüchten vor Krieg. Quergedacht: Was wäre, wenn man dem UNHCR endlich genug Geld gäbe (könnte man an der ein oder anderen Bombe einsparen)? Vielleicht so viel, dass der bei den Türken das Gemüse aufkaufen und es in die Flüchtlingslager stecken kann? Jaja, ich bin verdammt naiv, aber man wird sich doch mal Märchenplots ausdenken dürfen, in denen die Streithähne und Egozentriker der Welt isoliert wären und die anderen wieder an Mitmenschlichkeit denken. (Wo sind eigentlich die kreativen Querdenker in der Politik abgeblieben?)

Und im Internet? Seit ich wieder Zugang zu Facebook habe, möchte ich glauben, das Zeitalter des Irrsinns gallopiere bereits. Die Firma Lindt bekommt einen Shitstorm ab, weil sie angeblich Adventschokolädchen hinter einer Moschee versteckt; während ich finde, dass dieser Palast aus 1001 Nacht, den es schon so lange gibt, eine herrlich märchenhafte Mischung aus pseudoorientalischem Farbenpomp und christlich-orthodoxen Zwiebeltürmchen ist. Hey, solche zutiefst europäischen Designs haben die Ballets Russes zwischen 1909 und 1913 in Paris und London, Berlin und New York losgetreten, Hollywood ist dann auf den Trend eingestiegen. Aber nicht genug, eine zutiefst unaufgeklärte und offenbar nicht vom Bildungssystem erfasste (warum eigentlich?) Bürgerschaft hetzt jetzt auch noch gegen Penny mit seinem Zipfelmännchen. Mir wären dabei alle möglichen boshaften Witze unter der Gürtellinie eingefallen, aber nicht, dass das Kerlchen plötzlich das Abendland bedrohe. Welches Abendland eigentlich? In den Heimen dieser Hetzer und Hasser ist es doch längst zappenduster, herrscht tiefste Umnachtung! Aber alle machen mit, regen sich auf oder regen sich ab, teilen und gucken. Wohin läuft all diese Energie? Wohin könnte sie stattdessen laufen?

Seit meinem Computercrash habe ich einen inneren Resetknopf. Ich schalte aus. Konnte mir gerade den unverschämten Luxus leisten, zweieinhalb Stunden mit dem Hund in gigantisch gutem Wetter durch den Bergwald zu laufen. Dafür gibt's eben eine Nachtschicht. Aber wir waren weit weg von Zipfelmännchen und Zipfeltürmchen in einer segensreich menschenleeren Natur. Wo nur zählt, ob die Weiden zu früh austreiben oder die Wildsau sich an Mäusen dick fressen kann. Reset: den Kopf leer machen und dann an die Dinge gehen, die einem selbst persönlich am Herzen liegen, die einem wichtig sind.
Ohne meinen Hund Bilbo hätte ich diese Schönheit wahrscheinlich übersehen. Seine Leine hatte sich an dem Baumstumpf verfangen. Und da saß ich dann, habe Farben genossen und Strukturen befühlt. Den Duft von zerfallenem Laub und feuchtem Moos gerochen. Dem Knirschen und Rascheln zugehört. Den Blick für das Wesentliche geübt.
Die Welt ist wunderschön, faszinierend und inspirierend, wenn man es nur zulässt. Oder anders hinschaut. Darum möchte ich bis in die Weihnachtszeit hier im Blog die Serie "Mehr Licht!" bringen. Als Dankeschön für meine treuen Leserinnen und Leser.
Und vielleicht gelingt mir auch ein wenig Inspiration für andere, wenn ich über Themen nachdenke, mit denen ich in der "analogen" Zeit konfrontiert war: innere Gelassenheit, neue Wege wagen, hemmungsloses Faulsein ausprobieren, einfach mal vorsätzlich nicht "funktionieren", querdenken, Dinge aushecken, Spaß haben, das Leben lieben. Kann man alles auch mit Computer und Internet haben, klar. Aber manche schönen Dinge sind wie gutes Parfum - sie sind flüchtig, wenn man sie nicht festhält!

Außerdem ist die Serie ein Dankeschön für all die treuen Seelen, die mir gerade über eine Notlage hinweghelfen, die durch den Technikcrash entstanden ist. Ihr seid der Beweis, dass es auch heutzutage noch Licht gibt! Hier kann man mehr erfahren und sich beteiligen:

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