Melancholie kann man feiern

Überall wird warnend von Winterdepression geredet, beim Bäcker geben sie sich gegenseitig gute Ratschläge, möglichst viel Licht und Fröhlichkeit zu absorbieren. Weihnachten naht, für viele erst mal nur Stress, man optimiert sich innerlich und äußerlich manchmal mit Gewalt zum heiteren Lächeln, der Himmel hängt schwer und grau über dem Land. Zeit, sich ein richtig trauriges Lied anzuhören und die Melancholie zu feiern. Verrückt? Nö, polnisch.

Wenn der Himmel schwer über dem Land lastet, muss man sich nicht zum Lachen zwingen ...
Ich habe das mit polnischer Musik gelernt, Chopin geht immer, anderes auch - und in vielen anderen slavischen Ländern findet man das Phänomen auch: Wenn man sich den Klängen ganz hingibt, kann diese Musik herzzerreißend traurig werden, melancholisch fast bis zum Bersten. Und dann, wenn alles ganz unten am tiefsten Punkt zu sein scheint, explodieren die Töne in Farben, reißen einen die Rhythmen zum Tanzen auf den Tisch. Die Ikone dieser Art von Melancholie heißt in Polen Ewa Demarczyk. Jene legendäre Chansonneuse, mit deren sehr reinen Polnisch ich im Unterricht die Sprache geübt habe, wird nicht umsonst auch der "schwarze Engel" oder die "schwarze Madonna" genannt. Selbst immer nur in Schwarz gekleidet und mit dicker schwarzer Schminke um die Augen entwickelt sie einen minimalistischen, aber energiegeladenen körperlichen Ausdruck und ein Timbre, das einem Gänsehaut verursacht. Dass sie mit ihrer Sprechkunst vor allem Lyrik vertonte, ist kein Wunder.

"Tomaszów" ist solch ein Lied, das die meisten älteren Polen auswendig mitsingen können. Tomaszów heißen viele winzige Dörfer im Land und so handelt das Lied von Sehnsucht, von Erinnerungen an einen Ort, der überall und nirgends liegen könnte, von Trennung und Verlust. Man muss dafür kein Polnisch können, sich nur einfach in die Klänge legen und das kongeniale Video genießen, das nachgedreht wurde:





Ewa Demarczyk selbst ist eine irgendwie tragische Gestalt, die mich zuweilen sehr an Vaslav Nijinsky erinnert, obwohl beider Leben keine Parallelen hat. Und doch haben beide Vollblutkünstler etwas gemeinsam: Sie verströmen sich völlig in ihrer Kunst, haben nie etwas ohne Hingabe und Perfektionismus gemacht - und sind als Menschen getrieben von einem unerfüllbaren Hunger nach Liebe. Zwei Kilo soll sie auf der Bühne bei jedem Konzert verloren haben - so groß die Anspannung, die investierte Kraft. Bei Vaslav Nijinsky endete die Kunst aufgrund der psychischen Störung. Die polnische Chansonneuse, vor allem bekannt als Sängerin aus der Zeit des Widerstands gegen den Kommunismus, hatte mit Alkohol und Drogen zu kämpfen, nichts Genaues weiß man nicht. Sie hatte nach der Theaterakademie ihren ersten Auftritt 1961 in Kraków, zwei Jahre später war sie eine verehrte Berühmtheit. Wie bei Nijinsky stand die Kunst im Vordergrund, die harte Arbeit an sich und an der Darbietung. Ich habe sie hier im Blog schon einmal vorgestellt.

Am 26. Januar wird die Ikone des polnischen Chansons 75 Jahre alt, doch sie ist spurlos verschwunden. 1980 gab sie ihr letztes großes Konzert, soll Mitte der 1990er noch einmal gesungen haben (ich lebte damals in Polen und habe es nicht mitbekommen) und verschwand dann völlig aus der Öffentlichkeit. Es kursiert ein Zitat, sie sei enttäuscht von den Menschen ... Aus ihrem letzten Haus in Polen hat man sie nie kommen sehen, sie brach den Kontakt ab zu vielen Freunden und Kollegen, die Einwohner des kleineren Ortes sahen sie mit wenigen Ausnahmen nie. Sie hat noch nie viel auf Interviews gegeben, der Ruhestand jetzt besteht in der Tat aus völliger Ruhe. Angeblich kennt nicht einmal ihre Schwester die Adresse. Vor fünf Jahren soll sie laut ihrem Anwalt für immer nach Paris gezogen sein, vielleicht schreibt sie ihre Memoiren, vermutete ein Freund. Ewa Demarczyk lebt, aber sie hat erfolgreich alle Spuren zu diesem Leben verwischt, den Fans bleiben nur die viel zu wenigen Aufnahmen ihrer Kunst.


Eine Auswahl weiterer wichtiger Lebensstationen im Video, darunter eine Fernsehdokumentation, gibt ein Artikel in der Gazeta Wyborcza anlässlich des Erscheinens eines Buchs über die Sängerin 2015.

PS: Da ich aus Frankreich Zugriff auf youtube habe, wo es einen Vertrag der Firma mit den Verwertungsgesellschaften gibt, kann ich nicht erkennen, falls Videos in Deutschland gesperrt sein sollten. Zur Lösung des Problems gibt Google Auskunft. In meinem Blog kann es zeitweise außerdem technische Störungen durch die Umstellungen auf die sichere Verbindung via https geben (bei gemischten Inhalten). Dies kann man umgehen, wenn man das Blog unter http aufruft. Sobald Google die Technik voll ausgerollt hat, werde ich Probleme im Layout reparieren.

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