Mehr Licht: der Kulturschock

Ohne Telefon, Computer und Internet: Wie fühlt sich das an? Was hat die Medienrampensau aus dieser verlangsamten Zeit mitgebracht? Wie viel "Zurück" macht Spaß und welcher Ausschaltknopf bereichert? Mehr Licht - die Serie über Erreichbarkeiten und Selbsttäuschungen in der dauerabsondernden Medienwelt. Teil 1: der Kulturschock.
Kein Computer, kein Internet und zeitweise kein Telefon - so fühlt sich die Vergänglichkeit von Technik an. Es bräuchte nur einmal längere Stromausfälle oder kriegerische Hackerhandlungen: Was können wir dann noch? Wer sind wir dann noch?
Ich kann ohne. Das weiß ich seit dem Orkan Lothar, der hier in Ostfrankreich die Stromversorgung für Wochen lahmlegte. Plötzlich lernt das zivilisationsverwöhnte Individuum auf dem "platten" Land, dass neuartige Telefone dann nicht mehr funktionieren und Akkus von Handys erschreckend schnell leer sind, dass Türen von Geschäften sich nicht mehr öffnen und die Kassen darin auch nicht mehr klingeln. Man nimmt das hin, wenn Aufräumarbeiten zu leisten sind und im eisigen Dezember nur eine Frage das Leben beherrscht: Wie ersetze ich die nur mit Strom anlaufende Heizung und wie wärme ich mir ein Essen?

Völlig anders die Situation heute, während um mich herum jedes Schulkind am eigenen Smartphone hängt, die Leute ihre Hunde schon mit dem Tablet in der Hand ausführen und sich Paare nicht mehr per Sms trennen, sondern durch Entfreunden bei Facebook. Plötzlich kann ich nicht einmal mehr die Hetze in Social Media lesen, ein Flüchtling brauche doch wohl kein Smartphone zum Überleben. Derweil habe ich keinen Zugriff mehr auf die Online-Spezialwörterbücher zum Übersetzen. In der fremden Stadt muss ich mich zum Computerladen durchfragen und bekomme die glorreiche Antwort: "Wenn die Stimme sagt, dass Sie auf der Brücke stehen, biegen Sie rechts ab." Welche Stimme? Ich höre keine Stimmen mehr, denn ich bin ohne Internet, ohne Telefon, ohne Smartphone. Ich sehe Brücken noch leibhaftig vor mir, aber warum kann mir keiner mehr den Weg beschreiben? Was machen solche Leute im Wald ohne GPS?

Als ich meinen Hund schnappe für eine Wanderung, will ich die Kamera einstecken. Ich liebe es, die Welt durchs Objektiv zu entdecken und mir Notizen aus Bildern zu machen. Wahrscheinlich brauchen Dauerschreibende diesen Ausgleich. Aber kaum berühren meine Finger die Kamera, fällt mir ein absolut dämlicher Gedanke ein: Du kannst das nicht bei FB posten! Spontan lasse ich die Kamera daheim liegen - ich will erkunden, warum ich so ticke. Denn ich habe jetzt viel Zeit. Erschreckend viel Zeit. Wenn ich nicht gerade an meinem Krimi schreibe, am Uraltlaptop, der bewusst nicht internetfähig ist. Eine bessere Schreibmaschine sozusagen, denn ganz ohne ein solches Hintertürchen mag ich dann doch nicht leben. Mir fällt ein, dass man Bücher auch mit Bleistift auf Papier verfassen kann, aber wenn ich an meine häufigen Textänderungen und an das Erfassen danach denke, wird mir übel. Anders gesagt: Ich habe einen Kulturschock erlitten, bin aus meiner Umwelt herausgefallen. Ohne Stadtplan zum Auffalten könnte ich meinen Körper kaum durch eine fremde Großstadt navigieren. Ohne Telefon fehlen mir meine Freunde. Man hatte mich gewarnt, dass ich eines Tages ohne FB und Twitter nicht mehr könnte. Aber ich kann. Erschreckend gut sogar!

Die US-Anthropologin Cora DuBois definierte das Phänomen des Kulturschocks 1951 so:
"Der Begriff Kulturschock bezeichnet den schockartigen Gefühlszustand, in den Menschen verfallen können, wenn sie mit einer fremden Kultur zusammentreffen."
Später kam der "Eigenkultur-Schock" bei der Rückkehr dazu. Beide sollen durch vier Phasen gekennzeichnet sein:  "Honeymoon Phase", Krise, Erholung und Anpassung. Diesen Prozess kenne ich als Emigrantin nur zu gut. Jetzt erlebe ich ihn zuhause durch den Digitalentzug.

Als eingefleischte Optimistin bin ich sofort in der Honeymoonphase. Mir fallen tausend Sachen ein, die ich schon immer mal unternehmen wollte, wenn ich mit der Computerarbeit fertig wäre oder nicht bei FB abhängen würde. Ich mache Osterputz. Laufe drei, vier Stunden mit dem Hund durch den Bergwald. Kürze das Schwätzchen beim Bäcker nicht ab. Koche fürchterlich komplizierte Sachen - mit Hingabe. Lese wieder Papierbücher, weil der Reader längst entladen und Nachschub offline nicht zu holen ist. Arbeite und lebe und habe am Ende des Tages das seltsame Gefühl, dass diese Tage länger sind als andere und abends sogar noch Zeit übrig ist. Kann man tatsächlich die Zeit dehnen? Weil ich aus organisatorischen und finanziellen Gründen nicht sofort zu einem neuen Computer komme, mache ich mir eine Liste für Ersatzhandlungen. Und stelle Wohltuendes fest:

  1. Nicht erreichbar zu sein, entbindet mich des schlechten Gewissens, nicht gleich zu antworten, nicht auf jede noch so dämliche Zuschrift Feedback geben zu müssen. Ich muss keine regelmäßigen Anrufrituale aufrechterhalten, nicht zig Mails durchlesen. Ich beginne mich zu fragen: Was muss ich eigentlich wirklich müssen?
  2. Ohne Computer oder Internet zu sein, entschuldigt so leicht so vieles. Umgekehrt ist es aber genauso. Welche Sorte Entschuldigung bringt mir das sinnvollere Tun? Und wofür ent-schuldige ich mich da eigentlich?
  3. Es kehrt eine wohltuende innere Ruhe ein. Im esoterischen Ratgeber stünde etwas von "innerem Zentrieren" oder "erden". Ich bin ganz bei mir. Wo bin ich eigentlich sonst? Warum lasse ich mich von Like zu Like hetzen und von wem bitte?
  4. Meine Umwelt entalgorithmisiert sich in faszinierender Weise. Ich lese in uralten Schinken in meiner Bibliothek, die heute keiner mehr liken würde. Zeitungsartikel bemessen sich danach, ob das Blatt zu mir aufs Land geliefert wird und mir das Können des Journalisten mein Geld wert ist. Katastrophen ballen sich nicht mehr künstlich, nur weil ein Algorithmus sagt: Wer diese Katastrophe schrecklich findet, hat sich auch in jenen Katastrophen Weltschmerz geholt! Im Dorfladen ist die Einkaufstasche mit dem Kuhmuster absolut hipp und die Nachbarn kleben Schneebildchen an die Fenster. Von kurzlebigen Twitterhypes werde ich dagegen verschont. Wie sehr bestimmen Algorithmen bereits mein Denken und Handeln? Wie werde ich künftig diese offene Vielfalt im Internet bewahren können? Werden wir dumm manipuliert, zu willenlosen Konsumisten, von Maschinencodes? Was verändert sich in mir, wenn ich auch das zulasse, was ich nicht like? Oder einmal like, was ich absolut nicht mag?
  5. Seit Tagen habe ich keine Hetze und keine Hass-Kommentare gelesen oder gehört. Dabei sind die Themen, mit denen ich mich offline beschäftige, genauso kontrovers. Da ist nur die eine Frau über 70, die plötzlich greint: "Es wird Zeit, dass endlich mal wieder einer richtig aufräumt!" Als ich ihr entgegne, ihre Familie habe ja am eigenen Leib erfahren, was so ein Hitler zerstört, klappt ihr der Unterkiefer herunter und ihre Augen weiten sich und sie ist still. Als Kind ist sie geflüchtet und vorher nur Leid durch die Nazis. Sie ist nicht sehr helle im Kopf, hat aber ein goldenes Herz, liest Bildzeitung und schaut RTL und Schlimmeres. So kann auch ich den Kommentar ganz anders einordnen, als wenn ich ihn von Anonym nur gelesen hätte. Im Internet wirkt laut und viel, wer viel schreibt. Wer aber sind die wahren Mehrheiten? Was denken die Menschen, die schweigen oder keine Zeit für Social Media haben? Was verändert real mehr: die polemische, überemotionale FB-Debatte mit Wildfremden und Bots, die sich als Menschen ausgeben? Oder das direkte Gespräch, bei dem man auch zuhört und hinschaut?
  6. Meine Kreativität sprudelt wie verrückt. Weil ich etwas mache, was dem Funktionieren von Algorithmen entgegensteht: Ich lasse meinen Geist wild herumschweifen, beschäftige mich mit scheinbar absolut sinnlosen Dingen. Mache Blödsinn und spiele herum. Ich lache und wüte auch mal und experimentiere. Vor allem aber habe ich verdammt viel Spaß, meine Romanwelten intensiv vor mir zu sehen, auszubauen, weiterzuschreiben. Meine Figuren reden mit mir - und da ist kein Störlärm drumherum. Wie ich später sehe, verkaufe ich in meiner Fehlzeit genau sechs Bücher weniger als in aktiven Zeiten. Warum nehme ich mir nicht öfter eine Auszeit und schreibe lieber Bücher als Postings? Wird die Werbekraft von Social Media maßlos überschätzt?
  7. Abgehängt vom Hamsterrädchen krame ich in der Vergangenheit und entdecke etwas, was mir früher sehr viel Spaß gemacht hatte. Einige Sitzungen am Holzofen mit einer Freundin später stellen wir fest, dass sich heute mit solchem Spaß Geld verdienen ließe. Warum ist mir das nicht früher eingefallen? Warum nehme ich mir so wenig Zeit für eine Rückschau?
Das klingt nun wirklich alles nach Honeymoon, oder? Ich will darum Phase 2, die Krise, nicht auslassen. Keinem muss ich erzählen, dass man im schreibenden Metier (und vielen anderen Berufen) ohne Computer aufgeschmissen ist. Selbst wenn man das offline schaffen würde, ist die Konkurrenz schneller, besser. Nicht einmal Übersetzungen kann ich anfertigen - die werden heutzutage online akquiriert und vergeben und sollten im Computer ordentlich formatiert sein. Schnelligkeit ist da gefragt und immer mehr Recherche. Dabei kann ich nicht einmal mehr all die notwendigen Spezialwörterbücher nutzen, die es nur online gibt:

  1. Ohne Internet fehlt mir ein wichtiger Zugang zu Wissen und Bildung. Welche Nachschlagewerke besitze ich auf Papier und wie veraltet sind die? Es fehlt an Wörterbüchern und Wikipedia oder der einfachen Möglichkeit, bei Google eine blöde Frage zu stellen. Früher gab es wandelnde Enzyklopädien, Menschen mit schier unerschöpflicher Allgemeinbildung, die man ausquetschen konnte. Im Informationszeitalter ist das Wissen der Menschheit derart gewachsen, dass wir in der Tat dieses "teilausgelagerte" globale Gehirn brauchen. Dabei sind nicht einmal nur große Bibliotheken, Sammlungen oder wissenschaftlichen Datenbanken bestimmend über unseren Zugang zur Bildung. Auch im Alltag hilft das Internet: Beim Preisvergleich, bei der Aufklärung über Inhaltsstoffe in einem Nahrungsmittel oder dem Meer von youtube-Videoanleitungen, die einem zeigen, wie man eine Biosbatterie im Laptop wechselt oder die Klospülung abdichtet. Per Internet kann ich auch Meinungen vergleichen und lernen, wie man einen Hoax erkennt. Wie wichtig ist dieser Zugang erst in weniger technisierten Ländern!
  2. Das Internet ist ein wichtiges Instrument für die Organisation von Hilfe und sozialem Miteinander geworden. Flüchtlinge navigieren per Smartphone durch Wüsten, Helfer retten Gestrandete, indem sie via Smartphone Menschen orten und übers Internet die Rettung organisieren. Via Internet vernetzen sich Helfer, werden Hilfsgüter und Aktionen dorthin verteilt, wo sie nötig sind. Wildfremde Leute melden sich bei Twitter als Umzugshilfe oder besorgen Gesuchtes, mit dem Zauberwort #followerpower kann man Wissen und Können einer Menschenmenge nutzen und sich selbst einbringen. Meine eigene Sammelaktion wäre ohne Internet nicht möglich gewesen. Das ist Sharing im Wortsinne. Und daraus entsteht an vielen Ecken und Enden eine neue Kultur des Teilens, die nicht mehr auf die enge reale Nachbarschaft angewiesen ist und bereits global vernetzt ist.
  3. Im Internet kann ich zielgerichtet und hochaktuell Nachrichten abrufen. Seit ich den Fallout von Tschernobyl "verpasst" habe, weil ich als Volontärin im Urlaub eine Woche lang keine Nachrichten konsumieren wollte, weiß ich den Vorteil vom direkten Nachrichtenzugang zu schätzen. Zu Zeiten von Orkan Lothar blieb einem nur das Transistorradio mit Notstandsmeldungen. Bei der Wahl in Frankreich konnte ich mir im Internet gleich online und direkt die Hochrechnungen des damit beauftragten Instituts und die offiziellen Zahlen vom Regierungsserver holen - ohne überflüssiges Geschwätz und ellenlange Sondersendungen. Wer aktiv sucht und auswählt, hat mehr Zeit für anderes.
  4. Dank Internet kann ich mit Gleichgesinnten und weit entfernt lebenden Menschen kommunizieren. So schön ein Tratsch mit den Nachbarn und Dorfbewohnern ist - heutzutage leben auch echte Freunde selten gleich ums Eck. Wer selbstständig ist, weiß das virtuelle Großraumbüro zu schätzen. Und jetzt, wo auch mein Telefon ans Internet angeschlossen ist, kann ich richtig tratschen mit Leuten, die so klingen, als säßen sie neben mir, zu einem Preis, den man sich früher nicht erträumt hätte.
  5. Ohne Internet funktioniert der Alltag immer schlechter. Hier in Frankreich lagern Behörden ihre Terminvergabe an Onlinedienste aus. Wer im großen Hypermarché am Drive-In-Schalter einkaufen will, muss online wählen und bekommt dann die Ware ins Auto gepackt. UnternehmerInnen und Selbstständige sind auf Internetdeklarationen verpflichtet. Wissen, ob der neue Arzt die richtige Wahl ist? Die Daten auf der Gesundheitskarte ansehen oder ergänzen? Eine Überweisung tätigen? Irgendwann werden herkömmliche Kriege wahrscheinlich obsolet. Man müsste den Leuten nur das Internet kappen ...
Endlich wieder mit modernen Medien verbunden: Was will ich eigentlich wirklich?
Inzwischen bin ich so modern vernetzt wie nie zuvor, reise auf der extra schnellen Internetautobahn, weil unser Dorf letztes Jahr investiert hat. Und wenn ich das zweite "schlaue" Gerät endlich verstöpselt habe, kann ich mich außerdem durch 160 Fernsehsender weltweit klicken. Ich bin inzwischen sogar auf einem weiteren Kanal: Instagram.

Widerspricht das nicht meinen Erkenntnissen aus dem Kulturschock? Ganz und gar nicht! Denn ich habe gelernt, mich wieder auf das zu konzentrieren, was ich wirklich will und brauche. Mir die moderne Technik dabei zunutze zu machen als Werkzeug. Öfter Pausen einzulegen und mich zurückzuziehen. Instagram etwa spart mir jede Menge Zeit: Viel einfacher und schneller als Facebook, ganz andere Wirkung und mit einem Klick dorthin geteilt. Es wird nützlich sein für ein späteres Projekt ...

Bis Weihnachten gibt's weitere Artikel in der Serie "Mehr Licht" - als kleines Dankeschön für all diejenigen, die sich bei meiner Sammel-Aktion für meine Blogarbeit bedanken, mit einem Geschenk in Form von Computer, Technik, jeder Menge Kauknochen und vorbezahlten Tierarztrechnungen. Herzlichsten Dank!

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Christa S. Lotz hat in ihrem Blog einen schönen Beitrag geschrieben, wie man wieder mehr sensorische Erlebnisse ins Leben einbauen kann. Feine Inspiration!

1 Kommentar:

  1. Liebe Petra,

    danke für diesen wunderbaren Artikel. Ich möchte das alles unterschreiben! Was mich erschreckt, ist, wie oft ich diesen Gedanken zur "Auszeit" nachgehe und wie wenig ich daraus lerne. Auf die Kontakte mit Kollegen über FB möchte ich nicht verzichten, aber ansonsten fühlt man sich nach stundenlangem Gewühle durch Textschnipsel, Videos, Kommentaren und Meinungen zu jedem nur erdenklichen Kram wie besudelt. Auch wenn es schräg klingt, denn eigentlich läge es in meiner Hand, sehne ich einen Totalcrash wie den, den du erleben musstest, geradezu herbei.
    Bitte noch "Mehr Licht"!

    Herzliche Grüße
    Nikola

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In diesem Blog ist kein Platz für diesen Dreck. Ich lese das auch nicht, sondern lasse automatisch löschen.

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