Wadenbeißer, Spalter, Überkocher?

Kann sich noch jemand an die Mutter aller Videospiele "Pong" erinnern? Irgendwann in meiner Schulzeit kam der Vater mit einem neuen Schwarzweiß-Fernseher heim, völlig erregt: "Man kann da drauf jetzt Tischtennis spielen! Die spinnen doch komplett, wer spielt auf einem Fernseher? Aber es gab leider keinen ohne." Fernsehen, das waren damals Köpcke und die blonde Lottofee, Raumschiff Orion und der Blaue Bock. Wir Kinder fanden das Daddeln zuerst komisch und dann faszinierend. Schnell fanden wir heraus, wie man dem langweilig-lahmen Ping-Pong Pfeffer in die Schaltkreise gab, indem man draufhaute, fetzte, den Gegner von der Wand aus bombardierte. Unsere Eltern hatten derweil Angst, wir würden die Innereien des Geräts zum Platzen bringen und sicher auch krank werden von dieser Geschwindigkeit.

 Im 18. Jhdt. war es das Privileg von Staatsführern, sich wie die Tiere zu benehmen, wenn politisch gestritten wurde. Nur eine lesemächtige Elite bekam das mit. Demokratisierung hat dafür gesorgt, dass wir alle gemeinsam das menschliche "Schweinsein" in Echtzeit praktizieren und erleben können. Diese Art der Demokratie will gelernt und das Instrumentarium samt Medienkompetenz erst eingeübt sein. (A Privy Council, M. S. Dareny 1779, LoC No. LC-DIG-ppmsca-33534)
Wir lachen heute über solche Ängste, weil wir erlebt haben, wie sich die Entwicklungen immer rasanter ablösten und die Kids immer schneller wahrnehmen und handeln lernten. Eines blieb gleich, auch als ich später mit der Leisure Suit Larry versumpfte: Kassandra vervielfachte sich und beschwor das Ende der Bildung, der Kultur, gar der Zivilisation. Ängste, Unbehagen, Unsicherheiten - das wurde gern beschworen, um zu spalten: die Generation derer, die aus der "Musiktruhe" das Sonntagskonzert hörte. Und derer, die in ihren Augen eigentlich nur in völliger Verblödung oder Umnachtung landen konnte.

Ein absolut kindisches und vielleicht unpassendes Beispiel für das, was ich eigentlich erzählen will. Ich bringe es deshalb, weil seine uns so ferne Absurdität vielleicht die Distanz vermitteln kann zum eigenen Tun und Denken im Augenblick. Kaum jemand, der nicht davon spricht: "Das da draußen (was auch immer)" fühle sich an wie der Tanz auf einem Vulkan, die Menschen wirkten völlig "überhitzt", "überemotionalisiert". Im Ausland reibt man sich zuweilen verwundert die Augen, wie sich in Deutschland plötzlich Menschen gegenseitig mit Worten verdreschen, in diesem Vorbildland, dem man oft mehr Contenance und Zurückhaltung zubilligte als einem britischen Adelsclub. Social Media kochen sowieso. Jede Nation hat ihre eigenen Weltuntergangsszenarien und Problemchen. Die ersten sagen den Tod von Facebook & Co. voraus. Debatten knallen auf Debatten - und wenn man dann atemlos und angewidert genug ist, stürzt man sich in das, wofür das Nachbarland berühmt ist: die Metadiskussion.

Stille war mal. Distanz geht verloren. Eigenkritik? Keine Zeit. Komplexität will man nicht aushalten und das Fehlen schneller Lösungen und Patentrezepte auch nicht - macht ja Arbeit. JournalistInnen können ein Lied davon singen, was dieser Echtzeitdruck mit einem macht. Früher konnten wir Tickernachrichten noch abreißen, zu Fuß ins Büro tragen und beim Kaffee entscheiden, welche ins Blatt kamen. Heute ist das Internet schneller als jeder Ticker. Raushauen, weil die Meute nach der schnellsten aller schnellen Nachrichten giert? Oder darf man auch mal kurz nachdenken, bevor man handelt?

Wenn man dann handelt, hagelt es Hiebe. Inzwischen kann man eigentlich sagen, was man will, von irgendwoher kommt immer ein geifernder Wadenbeißer, der zuweilen sogar bezahlt im Dienste von Gruppen steht. Eine Polin witzelt bei Twitter, dass man ihre Tweets sogar in Deutschland teile und ich witzle zurück: Schlimmer noch, in Frankreich auf Deutsch. Schon habe ich einen PiS-Köter an der Wade, der einen Deutschenhass über mir auskübelt, wie ich ihn in vier Jahren Leben und Arbeiten in Polen nie erlebt habe. Ich teile einen Link von Feministinnen, schon keift mich ein feiger Dreckkübler hintenrum an, uns Schlampen müsse man doch ... wie war das mit den deutschen Saubermännern? Gestandene Frauen und Männer, die sich beruflich völlig selbstverständlich in der Öffentlichkeit bewegen, wagen es nicht mehr, eine Meinung zu haben. Weil man sie dafür angreift, beschimpft, bedroht - egal, was für eine es ist. Fleischesser hauen Veganer und Veganer Fleischesser, Runde verfolgen Viereckige und umgekehrt. Menschen, die im Rund Ecken haben? Weg damit! Wie verdächtig ist das denn! Läuft da wirklich "plötzlich" etwas aus dem Ruder? Spaltet sich tatsächlich die Gesellschaft im Affenzahn, wie es einige neuere Artikel nahelegen? Und immer wieder diese Meta-Frage: Sind die Menschen so oder ist das Social Media?
Das Phänomen, "Lügenpresse" zu brüllen oder zum Bilderstürmer zu werden, weil man sich emotional wegen irgend etwas "angepisst" fühlt, ist leider ein altes. Die Reaktionen in der Vergangenheit: Von der Erkenntnis des "Ecce Homo" ("Seht, ein Mensch") bis zum Widerstand, vom beißenden Spott der Karikaturisten bis zum Entwickeln des eigenen Rückgrats. (Ecce Homo, Dan Demoniae 1775, LoC No. LC-USZ62-80745)
Wer mich kennt, der weiß, dass ich mich nicht nur in einigen meiner Bücher für historische Dimensionen und Kulturgeschichte interessiere, weil ich neugierig bin, wie und warum der Mensch so tickt, wie er tickt. Nicht, dass ich auf letzteres eine Antwort hätte - darum nähert man sich ja stets nur unaufhörlich  in der Literatur.
Mir persönlich hilft es sehr, die Gegenwart mit der Vergangenheit zu vergleichen. Nicht etwa, weil sich die Welt 1:1 wiederholt, sondern weil ich daraus etwas lernen kann. Oder weil es einfach hilft, das Hier und Jetzt zu relativieren, das schneller Vergangenheit sein wird, als uns das manchmal lieb ist. Es hilft mir auch, mich auszuklinken, weil ich im Getöse nicht klar denken kann. Ich schaue dann auf konkrete kleine Dinge und stelle mir Fragen, weil es aufs Große und Ganze keine Antworten gibt.

Kürzlich debattierten wir hier im Elsass mit einem "zugereisten" Regionalpolitiker, der entsetzt war, dass er sich mit FN-Leuten im eigenen Dorf auseinandersetzen musste. Woher die so plötzlich alle kämen? Auch ich war der Meinung, da müsse irgendeine neue unselige Strömung Menschen packen. Die Ureinheimischen rückten dieses Bild schnell gerade. Jeder dieser ganz jungen Leute, die den FN gewählt hatten, stammte aus einer langen Traditionslinie. Wir kennen auf dem Dorf die Namen. Einst waren genau diese Familien Anhänger von Petain, Kollaborateure. Es gibt alte Schwarzweißbilder in den Archiven, wie sie beim SS-Fest mit Hitlergruß jubeln. Und hinter vorgehaltener Hand erzählt man sich, welche Elsässer und Juden sie an die Nazis verrieten. "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch", schrieb Bertolt Brecht - der von diesen Familien ist es zumindest in diesem Fall, wo junge Leute die alten gefährlichen Tradition lautstark wieder aufnehmen - und andere radikalisieren, auch via Internet. Was wurde über all die Jahrzehnte verpasst, verdrängt?

Der antisemitische, dem Daech anhängende Messerattentäter von Marseille ist laut Staatsanwalt keine 16 Jahre alt, ein guter Schüler aus normalem bürgerlichem Hause. Weder Eltern noch Schule wollen etwas von seiner Radikalisierung bemerkt haben, die wahrscheinlich über das Internet erfolgte. Das ist eine andere Seite. Menschen, denen man "es" nicht ansah und von denen man "es" nicht glauben wollte, brauchen nicht einmal mehr das reale Leben, um umzuknicken. Längst sind Social Media von einer immensen Propagandamaschinerie unterwandert. Und wenn die Tochter einer Bekannten sagt: "Mama, ich glaub dir das nicht mit deiner Erfahrung, im Internet steht etwas anderes!" - dann muss diese Naivität erschrecken, weil sie das Einfallstor für die medialen Verführer ist.
Oft bellen die am lautesten, die am meisten haben. Eine Kultur des Teilens entsteht nicht von selbst. Sie will erarbeitet werden. (Market Day, G. M. Woodward 1804, LoC No. LS-USZC2-744)
Sortieren wir mal ein bißchen:

Was uns "auf einmal" allenthalben schockiert, ist nicht plötzlich aus dem leeren Raum auf die Erde explodiert. Wir nehmen es nur so wahr, womöglich durch die medialen Verstärkungen (durch Social Media wie herkömmliche Medien). Man vergleiche nur die Twittertrends unterschiedlicher Nationen, schon sieht die Welt völlig bunt aus! Solche "Verstärker" lenken unsere Aufmerksamkeit genauso wie Tante Erna, die beim Sonntagskuchen nur von ihrem neuen Gebiss und schlechten Zahnärzten redet. Und genauso, wie man schlimmen Besuch auch mal wieder loswerden muss, hilft das wiederholte Abschalten im Gebrüll, das Innehalten, um zu überprüfen, ob das, worin wir uns fast manisch hineindrehen, nicht doch nur ein Teil unserer Wirklichkeit sein könnte.

Man stelle sich vor, medial und kommunikativ fände endlich auch all das andere statt, was auf der Welt an Interessantem, Hoffnungsvollem, Zukunftsverheißendem passiert. Man stelle sich vor, wir müssten nicht jeden Fehler wiederholen, sondern würden mit offenem Blick über die Zäune von anderen lernen? Suchen wir nach Zusammenhängen statt Symptomen?

Was uns gerade an allen Ecken und Enden schockieren mag, ist auf einem Mist gewachsen, der seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten dampft. Denn wir haben verdrängt, verschlafen, uns Dinge schön geredet oder uns selbst beschwichtigt. Vielleicht konnten wir manchmal nicht ahnen, welcher Wurm sich da zum Monster fraß an jenem Mist. Vielleicht haben wir die Vergangenheit doch zu schnell abgetan, um wirklich bis an unsere eigenen Wurzeln zu lernen. Jetzt sind die Dinge sichtbar. Es ist nicht zu spät. Jetzt können wir lernen, sie zu benennen und adäquat und irgendwann auch sachlich damit umzugehen. Aber auch das erledigt sich nicht plötzlich und schon gar nicht mit der Extremistenkeule. Warum können wir nicht einfach zugeben, wenn wir Fehler gemacht haben? Hinfallen, aufstehen, besser machen?

Es ging uns in jeder Hinsicht bisher verdammt gut. Jetzt bemerken wir, dass die Welt doch komplizierter, komplexer und vernetzter ist. Plötzlich kann man auf dem Fernsehgerät auch spielen und Herr Köpcke erklärt nicht mehr eine Einfachstwelt. Wir können nicht mehr zurück ins Seligland verführerischer Heilsversprechungen! Auch wenn uns Extremisten aller Couleur und Kulturen dämlich reden wollen, dass Enge und Abschottung kleine heile Welten erschaffen könnten. Nein. Sie erschaffen kleine feine Gefängnisse, mehr nicht. Wer seine Angst nicht aushält, um sie zu transformieren, sondern sich ausgrenzend, hassend oder gewaltsam auf das "böse" vermeintlich Angstmachende stürzt, der schafft schlimmeres als Angst. Nämlich Terror.


Vielleicht müssen wir im Moment einfach mal nur lernen, uns selbst und unsere Mitmenschen auszuhalten? Auszuhalten, dass ein Planet voller Individuen, die doch die meiste Zeit über recht faszinierend sind, nie zu einem Konsens gelangen wird. Warum auch? Der totale Konsens, das Ende unserer Angst kommt im Leben noch früh genug - mit dem Tod. Wer sich nicht mehr an Situationen und Menschen reiben kann, entwickelt sich nicht mehr.

Wäre Geduld eine nützliche Eigenschaft? Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten Technik und Medien geschaffen, deren Entwicklung irgendwann unsere eigene Kompetenz überholt hat. Der Mensch hinkt selbst den Algorithmen hinterher. Ist es nicht klar, dass das aus dem Ruder laufen musste? Erinnert sich noch wer an diesen immensen Kater, wenn wir Leisure Suit Larry nächtelang gedaddelt haben? Heute kichern wir darüber. In ein paar Jahren werden wir vielleicht darüber lachen, wie wir uns über den Missbrauch von Social Media aufgeregt haben. Weil es wieder etwas neues geben wird, weil sich Twitter jetzt schon wandelt und Facebook irgendwann auch. Erinnert sich noch wer an das Trollphänomen in uralten Newsgroups? Wie plötzlich jede Gruppe ihre eigene Netiquette schuf und Moderatoren ernannte? Wenn ein Medium nicht so läuft, wie wir uns das wünschen, ist es an uns, es zu verändern. Die Werkzeuge haben wir. Wir erreichen nichts, wenn wir die Kommunikation (bezahlten) Agitatoren und sogar Dialogbots der Propaganda überlassen.

Werfen wir Hirn in die Maschine!


Für mich ganz persönlich sind die folgenden Fragen wichtig:

Gelingt es mir noch, einen eigenen Standpunkt zu entwickeln und zu hinterfragen und aktiv Diskurse zu gestalten? Oder mache ich mich zum reinen Sharing-Verstärker ohne eigene Stimme? Wen oder was multipliziere ich und hat das überhaupt noch einen Effekt, wenn ich das nur passiv mache?
Welches Getöse braucht meine Stimme noch? Wo setze ich meine Stimme so ein, dass sie auch gehört wird und nicht nur Kakaphonien befeuert?

Kämpfe ich gegen etwas oder für etwas? Klingt vielleicht esoterisch, aber die Energiekonstellation ist eine andere.

Muss ich wirklich sofort und zu allem etwas sagen? Kann ich dabei überhaupt noch nachdenken? Was passiert, wenn ich mich aus diesem Sog befreie und einfach einmal azyklisch denke und agiere? Querdenken braucht Zeit und ebenfalls Multiplikatoren. Wie nutze ich "Wellen", ohne in ihnen unterzugehen? Kann ich Themen brechen, indem ich eigene oder andere anbiete? Was kann ich delegieren?

Muss ich alle Kanäle gleichzeitig bedienen? Welche meiner Anliegen sind in welchem Medium am besten aufgehoben? Folge ich dem konsequent? Schönes Beispiel ist dieser Beitrag. Seit Tagen eiere ich damit herum, jetzt ist er ausufernd und wirr. Und ich habe ganz andere Dinge gesagt, als ich mir vorgenommen hatte und kapiere manches selbst noch nicht richtig. Ergo: Dieses Thema wäre eines für ein Essay. Länger, langsamer, durchdachter. Aber wer liest schon noch Essays? Kann ich mit dem Mut zur Lücke und zum Unvollkommenen leben und das einfach bloggen? Es zieht sich ohnehin durch meine gesamte Arbeit. Plötzlich spricht in meinem Krimi eine Figur Sätze aus, die erschreckend aktuell sind. Weil sich selbst meine Figuren an mir bedienen.

Langer Rede kurzer Sinn: Ich glaube weder, dass wir durchgeknallt sind, noch dass wir uns endgültig spalten lassen (sollten). Ich glaube, wir erwachen einfach nur aus Jahrzehnten der Spaßgesellschaft und Quoten-Jokes und haben zum ersten Mal eine Chance: An den von uns entwickelten Techniken und medialen Möglichkeiten erwachsen zu werden.

PS: Nur mal so gesagt ... dieser Beitrag bezieht sich nicht allein auf Köln. Es gibt auf dieser Welt noch eine Menge andere Probleme.
PPS: Ich entschuldige mich für das "Wir". Ich finde Artikel in Wir-Form furchtbar. Das ist nur ein billiger Trick, um Nähe zu schaffen. Wo wir doch alle Individuen sind, ganz furchtbar.

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