Buch als Ware oder Wert?

Achtung, ich breche das Medium Blog. Bei Facebook hat sich nämlich eine spannende Diskussion um einen Artikel in der FAZ entsponnen: "Die Notwendigkeit des Buches: Wahre Literatur ist rücksichtslos."
Die Diskussion entspann sich daran, dass ich hinter Hettches Artikel das romantisch-genialische deutsche Bild vom Literaten vermutete und zur Debatte stellte, dass vieles, was wir im ach so literaturfeindlichen Internet heute tun, den Tätigkeiten der Schriftsteller des 19. Jahrhunderts sehr wohl ähnele. Man hat mich widerlegt in meiner sehr fokussierten Meinung, indem man darauf verwies, dass Hettche gerade die Vielfalt der Schriftsteller postuliere: Den weltoffenen Salonlöwen genauso wie den Elfenbeinturminsassen.

Aber genau darin bin ich ja mit ihm einig: Jeder Mensch ist anders - und so ist das auch schön. Und ja, im kreativen Prozess selbst hänge ich in meiner Ich-Schleife fest - und das ist normal so und richtig und gut. Trotzdem stößt mir in dieser Diskussion immer wieder etwas auf: Das implizite Abwerten derer, die sich im Internet bewegen (vielleicht nicht so bei Hettche, aber bei vielen "Kampagnenunterzeichnern"). Wir hatten diese Elitenthese erst unlängst in der NZZ. Und dann ist da dieser eigenartige Idealismus, wenn man auf der einen Seite nicht möchte, dass Bücher reine Waren sind, sich andererseits aber freudig und begeistert ausgerechnet in ein System wirft, das genau das tut: Bücher zu Waren degradieren.

Ich fände es schade, wenn mein Nachdenken darüber bei FB irgendwie verschwindet, drum hier per Copy & Paste meine Gedanken für die internette Ewigkeit ;-) Es darf an allen Orten nachgedacht und debattiert werden ...


Wir sind völlig einer Meinung, dass Kunst und Kultur (nicht nur Bücher) überlebenswichtig für etwas in einer Gesellschaft sind, das Waren nicht befriedigen können. Ich gehe sogar so weit, sie als zivilisatorisches Moment zu bezeichnen. Aber im Weg zur Wertschätzung sehe ich wahrscheinlich zwei Dinge völlig anders:

1. Mir gefällt dieser künstliche Gegensatz des "das geht nur offline" (implizit: das ist tiefer, besser) zum Online nicht. Wer behauptet das, warum, hat er das Gegenteil schon ausprobiert? (Ich rede jetzt bewusst nicht vom kreativen Schaffensprozess selbst, in dem auch Internetjunkies nur Text im Stillen tippen, aber der macht nicht alles Schaffen aus).

Unsere Kommunikationsformen ändern sich. Welcher Schriftsteller sitzt heute noch mit der Zigarre am Stammtisch wie einst? Im Internet kann man erstaunliche Dinge kommunizieren, unter völlig unterschiedlich (!) geregelten Öffentlichkeiten! Menschen holen sich im Internet in Notlagen sozialpsychiatrische Beratung (weil der offline-Dienst grad mal wieder nur den Anrufbeantworter drin hat), Menschen tradieren sich per Internet in Zeitzeugenplattformen Wissen und einen Platz in Zeit und Raum (weil die Opas drumherum verstorben oder schon senil sind), Menschen schließen sich im Internet mit Gleichgesinnten zusammen, um sich gegenseitig zu stärken und womöglich die eigene Persönlichkeit zu entwickeln (Foren aller Art bis zu den abstrusesten Lebensformen). Künstler aller Bereiche arbeiten sogar per Internet zusammen und tauschen sich weltweit aus.

Und jetzt kommen ausgerechnet die Schriftsteller und behaupten: Sorry, Internet kann das nicht. Nicht bei uns.
Falscher Ansatz!!! Muss heißen: ICH kann das nicht, ICH will das nicht. Und dann ist das völlig ok, aber auch keiner Diskussion wert, denn das machen wir alle mal, das Abschalten. Aber ich spreche dem Internet diese Möglichkeiten nicht ab! Internet ist die Summe seiner Teilnehmer. Internet ist ein Instrument wie ein Staubsauger. Es kann die verrücktesten Dinge, weil WIR die können.

Internet entwickelt sich aber nur in unserem menschlichen Sinne, wenn wir es auch gestalten und prägen. Wenn wir es nicht denen überlassen, die daraus Datensammelmaschinen und Wer-weiß-was machen wollen.

Ja, ich bin für menschliche Freiheit. Schriftsteller müssen das Internet nicht mögen, nicht benutzen und dürfen es sogar hassen (sollten aber mit den Folgen beim Publikum leben). Aber in meinen Augen hat zumindest ein Literat auch vielleicht so etwas wie eine gesellschaftliche Verantwortung oder ein Interesse an seiner Umwelt, an Menschen, am Leben. (Brutale Forderung, ich weiß). Dazu gehört das Internet. Es gibt keine Zeit mehr davor.

Und jetzt könnten wir noch einen Sack aufmachen, was für Literatur entsteht, wenn ich mich nur im Elfenbeinturm bewege - und was für eine, wenn ich
mich intensivst mit Leben und Menschen beschäftige. Und dann sind wir wieder an dem Punkt, dass es in unterschiedlichen Ländern auch unterschiedliche Schriftstellerbilder gibt, die ihre Literatur sehr prägen. Zum Glück. Nur bitte nicht mit diesem künstlichen Gegensatz offline-online.

 2. Problem: Das Buch als Ware. Wir leben in einer Zeit des Turbokapitalismus (mit schon leicht wahnsinnigen Zügen), in denen das Buch in der Tat ausgerechnet von den BuchMACHERN zur Ware degradiert wurde. Nicht von den Lesern - die lernen nur, was man ihnen vorsetzt. Ich muss nicht erklären, wie das zustande kommt, Stichworte müssen plakatierend reichen: McKinsey und Controling im Verlag, Spitzenpositionen und Turboverramschung - und die Remittierpraktiken oder das Regalplatzverkaufen im Buchhandel. Verlagen und Buchhändlern, die stattdessen versuchen, rein ideelle Werte zu präsentieren, geht es meist finanziell nicht rosig, viele werden von den Großen geschluckt.

Gleichzeitig haben wir es in Deutschland mit einer gewissen Kälte bis Feindlichkeit gegenüber Kunst und Kultur zu tun, mit einem Abscheu sogar vor der Intelligenz (das ist woanders zum Glück nicht ganz so schlimm). WERT wird rein über Geld vermittelt, andere Werte sind nicht mehr unbedingt fühlbar. Meine These: Riesiges Problem in Bildung und Erziehung!

So - und diese beiden "Stromkreise", Turbokapitalismus und mangelnde Wertschätzung, schließen sich in unseliger Weise zusammen und ergeben einen gesellschaftlichen Kurzschluss. Wir haben kein literarisches Problem, wir haben kein Problem mit Büchern oder künstlerischer Arbeit. Wir haben ein Problem mit unserem Umgang mit dem Kapitalismus. All das, was Künstler gerade "erleiden", erleiden andere Bevölkerungsschichten auch. Weil wir alle miteinander nur noch übers Geld interagieren, uns über Geld definieren, immer weniger Geld in der Tasche haben, immer mehr Geld sparen wollen etc. pp.

Wie wollen wir aus dem Hamsterrad raus? Wie wollen wir das schaffen, wenn wir ausgerechnet in den beiden Branchenkreisen mitten drin hängen, die unsere Bücher erst zur Ware machen? Sollen wir Verlage und Buchhandel wegwerfen, das selbst machen? Dumm nur, dass wir dann aufgrund der Strukturen selbst wie ein Verlag agieren, selbst Handel betreiben müssen oder Handel treiben lassen müssen. Und weil wir von etwas leben wollen, definieren wir dann selbst wieder unser Buch in Geldwert um.

Wir werden unsere Situation nicht ändern, indem wir vor Warenstrukturen katzbuckeln oder uns aus dem Internet abschalten. Schriftsteller werden in manchen Ländern zur sog. "Intelligentsia" gezählt. Sprich: die hätten den Grips und die Macht und die Chuzpe, Alternativstrukturen zu schöpfen und ihre Thesen direkt an die Öffentlichkeit zu bringen. Dazu müssen sie aber raus aus ihrem Kämmerchen. Dazu müssten sie zum homo politicus mutieren. Alles nicht so einfach. Sicher nicht für jeden geschaffen. Aber Kunst und Kapitalismus sind heutzutage miteinander verheiratet. Ich kann nicht so tun, als lebte ich nur eins von beiden.

Es gäbe hier hochspannende Ansätze, über die man diskutieren kann. Erstaunlicherweise finde ich die spannendsten bei den "angeblichen Kampagnengegnern", nicht beim Establishment. Aber auch hier ist meine Meinung absolut nicht maßgeblich, weil meine Sicht schon ganz anders gebogen ist: durch die sehr politische literarische Bewegung in Frankreich, die längst probt, wovor sich andere fürchten.

Kommentare:

  1. Ist der Link interessant?

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/zukunftssorgen-der-buchhandel-verliert-seine-besten-kunden-11774145.html

    Gemischte Gefühle in der Buchbranche: Die Verlage sehen der elektronischen Zukunft des Buches hoffnungsvoll entgegen, der Handel erwartet hingegen einen Umsatzeinbruch.

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