Schadet Gedöns der Literatur?

Hätte ich eine Webcam beigeschaltet, könnte man jetzt auf meinem Gesicht ein ziemlich fettiges, freches Grinsen sehen, vor Schadenfreude über mich selbst strahlend. Ich habe ja in letzter Zeit laut darüber sinniert, wie viel Abschalten Schriftsteller zum Schreiben eigentlich brauchen. Jetzt ist mir da ein kleiner Unfall passiert ...

Heute war ein richtig brutaler Tag, der alles hatte, was als literaturtötend gelten kann. Und eigentlich wollte ich heute in aller Seelenruhe an meinem Buch weiterarbeiten. Stattdessen musste ich gemeinsam mit anderen Menschen ein paar schwere Probleme für jemand anderen lösen - freier Kopf ade! Nicht einmal Zeit zum Schreiben hatte ich, denn ich hing permanent am Telefon, um auf Zeit alle möglichen Leute herbeizutelefonieren, die sonst gleich im Urlaub und anderswie nicht greifbar sein würden. Mein Telefon war sozusagen die Vernetzungszentrale, neben mir lagen Nummern, Notizzettel und der Bleistift zum Mitschreiben.

Und dann ist es plötzlich passiert. Während eines Gesprächs fuhr irgend ein Heinzelmännchen meinen Laptop hoch und rief eine neue Seite im Schreibprogramm auf. Ich war wohl nicht ganz Herrin meiner Sinne, ich hätte doch am Buch arbeiten sollen! Kaum hatte ich das Telefon ausgeschaltet, tippten meine Finger einen Titel und mein mit völlig anderen Dingen beschäftigtes Hirn registrierte, dass es um eine Idee ging, die ich seit Wochen mit mir herumtrage. Eine Freundin hatte mir eine Begebenheit erzählt, die ich im Gedächtnis ablegte unter dem Label: "Könnte für Geschichte taugen, reizvolle Variante meines Schubladenthemas Soundso, irgendwann mal drüber nachdenken, vielleicht recherchieren." Seither blubberte die Szene immer wieder hoch, ohne dass ich mich daran festhaken konnte oder erkannt hätte, was sich daraus machen ließe. Und zum Recherchieren fehlte mir ein Ansatz.

Während der Hochkonzentration zwischen zwei extrem wichtigen Telefonaten auf eine völlig andere Aufgabe - während ich nicht wissen konnte, wann mich das Telefonklingeln wieder hochschrecken lassen würde - tippte ich als Titel "Er geht" und beschrieb einen Mann, der völlig regungslos dasitzt. Während ich ins Schwitzen geriet, wurde dieser Mann immer ruhiger, wurzelte sich tief in die Erde ein. Der Tag verlief weiter hochchaotisch, meine einzigen Pausen bestanden in einer Hundewanderung und zu viel Geschreibsel bei Facebook, weil ich zu viel auf andere zu warten hatte. Aber von wegen Unproduktivität, von wegen, das hält vom Schöpfen ab! In den Zwischenminuten wuchs ein erstaunlicher Text, eine Kurzgeschichte, wie sie tatsächlich in mein Schubladenprojekt passt, zu anderen besonderen Texten passt. Das habe nicht ich geschrieben, das hat mich geschrieben - und das Ergebnis ist erstaunlich. Ein ganzes Menschenleben ist aus jener kleinen Bemerkung meiner Freundin entstanden - und der Text ist tatsächlich so etwas wie "echte Literatur". Die ja bekanntlich am besten im ruhigen Kämmerlein entsteht.

Jetzt, wo man mich auswringen kann von diesem hektischen, intensiven Anti-Schreibtag, wartet die Geschichte nur noch auf einen guten Schluss. Und da ist mir eingefallen, dass meine besten Bücher inmitten von Situationen entstanden sind, die angeblich dem Schreiben absolut abträglich sind, im größten Chaos, unter Belastung. Ob das daher kommt, dass ich als Journalistin angefangen habe? Ich bin immer zur Hochform aufgelaufen, wenn ich erst eine Stunde vor Redaktionsschluss einen Aufmacher aufs Auge gedrückt bekam, um mich herum drei Kollegen lautstark telefonierten, einer einen Besucher interviewte, der Fotograf hereinhetzte, der Redaktionsleiter die Artikel anmahnte und irgendwer brüllte: "Wer zum Teufel macht endlich mal Kaffee!?!"

Der gute alte Nietzsche hatte vielleicht doch recht, als er sagte:
"Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern zu gebären."
Nur wer den Kaffee macht, das hat Nietzsche leider nicht verraten.

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