Abgespeckt lebt sich's leichter

Nicht, dass jetzt jemand falsche Schlüsse zieht: Ich habe mir gerade zur Feier des Tages ein Stück Foret Noire, also Schwarzwälder Torte auf Elsässisch, gegönnt. Trotzdem fühle ich mich um Tonnen leichter. Heute war nämlich mein "Tag der Befreiungen". Das Leben fühlt sich in meinem Alter recht endlich an und weil einem dann auch langsam die ersten Bekannten wegsterben, macht man sich wohl immer häufiger Gedanken um verpasste Chancen, vergeudete Zeit und Energie oder einfach darum, das man nicht die richtigen Prioritäten setzt. Jeder kann ein Lied davon singen, wie schnell man im Alltag in die Situation hineinrutscht, nicht wirklich bewusst zu handeln oder zu leben. Manchmal geht es aus äußeren Zwängen nicht anders. Aber wenn man sich zu leicht daran gewöhnt, wuchert dieses Sich-Auffressen-Lassen wie ein bösartiges Geschwür. Kein Volk leidet derart unter Depressionen oder Burn-out wie die Deutschen, sagten sie gestern als Ergebnis einer Langzeitstudie im Fernsehen. Wer will schon so enden?

Mein Ideal wäre ja, wenn ich heute tot umfallen würde (toitoitoi, dass das so schnell nicht passiert), dass ich mir sagen könnte: "Schön war's, ich bereue nichts und ich habe einigermaßen das mit meinem Leben angefangen, was ich damit anfangen wollte. Ich habe nichts künstlich auf die Rente verschoben oder auf bessere Zeiten und damit auf den Sankt-Nimmerleins-Tag."

Das Problem war nur in der letzten Zeit immer stärker geworden: Dieser fromme Wunsch und die Wirklichkeit klafften tief auseinander.
 (Es ist zum Heulen, hier hat Google mal wieder einfach nachträglich während des Redigierens Text gekappt, passiert manchmal bei zu langen Texten, leider habe ich kein Backup gemacht. Beschrieben hatte ich hier das Zerreiben an Fremdinteressen wie z.B. der Urheberrechtsdebatte. Was mir pro Blogbeitrag 6000 bis 7000 LeserInnen brachte, Medienaufmerksamkeit, zig Anfragen - aber eben auch Anfeindungen und Leute, die mit Mist warfen. Und es ging um Branchendiskussionen, die zwar andere weiterführen, aber nicht mich, weil ich im Kopf längst woanders bin, an Zukunft arbeiten mag und nicht ständig rückwärts schauen. Außerdem habe ich erzählt, dass es ausgerechnet die immer wieder für schuldig erklärten Social Media nicht sind, denn die geben Energie: Als Großraumbüro und weil ich dort endlich die früher anonyme Masse der LeserInnen als Menschen mit Gesicht kennenlerne. Es war dieses "Kannste mal hier, kannste mal da, kannste mich mal beraten, mir das erklären, deinen Senf dazugeben", während man Privatmails kaum noch schafft.

Schade, sprachlich war das so schön gelungen, aber vielleicht hat's so sein müssen, dass ausgerechnet dieser Teil ins Daten-Nirwhana verschwand ...)

Und wie kommt man aus einem Hamsterrad raus, wenn man mal strampelt?

Heute habe ich Schluss gemacht. Aufgeräumt. Eine lange Liste von "Verpflichtungen" abgearbeitet und angeschaut, ob die für meinen Lebenssinn wirklich Sinn bringen. Ich habe Abonnements gekündigt und Mitgliedschaften, habe Altkleider in Säcke gepackt und Menschen, die irgendetwas von mir wollten, was ich nicht will, abgesagt. Ein irres Gefühl. Da ist ein wenig Trauer um manches, das mir wirklich lieb geworden war, aber einfach zu viel. Aber ich bin auch alt genug, um zu wissen, dass jeder Abschied der Anfang für etwas Neues ist. Derart befreit, hat sich meine Liste im Kopf plötzlich völlig verändert. Die Prioritäten sind wieder klar. Und ich habe jetzt endlich die Zeit und Energie freigeschaufelt, mich vorrangig darum zu kümmern, mich nicht mehr zu verzetteln.

Dabei habe ich eine Menge über mich gelernt. Ich trenne mich offenbar dann am schwersten von etwas, wenn diese Trennung auch eine Veränderung, womöglich eine Umorientierung bedeutet. Manchmal bin ich ein Hasenfuß. Ich tue so, als müsste ich irgendwo mitmischen, ohne zu bemerken, dass ich längst ganz woanders stehe - womöglich allein, vielleicht auch nur noch nicht mit den richtigen Leuten? Und seltsam: Genau diese Trennungen sind es, die den frischen Wind und die Bewegung bringen, also Leben. Weil sie mich fordern, endlich klar Schiff zu machen und auf mein Ziel hinzusteuern, nicht auf das von anderen. In all diesem "Könntest du mal das, könntest du mal dies, ich habe da nur eine kleine Frage, will eine Beratung, muss das ausdiskutieren" kann man brutal Schiffbruch erleiden. Dann nämlich, wenn die anderen von allen Richtungen an einem zerren. Wenn man dann nicht Nein sagen kann, geht man unter.

Hochspannend ist in diesem Zusammenhang für mich, dass ich nicht etwa an den immer wieder als schuldig benannten Social Media einsparen werde. Denn hier habe ich inzwischen einen lebendigen, gegenseitig befruchtenden und wertvollen Kontakt mit meinen LeserInnen und KollegInnen. Das gibt mir Kraft wie ein Großraumbüro, wo man in den Kaffeepausen miteinander plaudert. Und es gibt mir die wirkliche Motivation und Energie zum Schreiben, weil ich endlich nicht mehr für eine anonyme unsichtbare "Masse" von Publikum arbeite. Ich weiß plötzlich, ich schreibe für faszinierende, tolle, interessante Menschen mit Gesicht. Ich habe vor allem eins gelernt: Die sind ganz anders als all die Vorgaben und seltsamen Vorstellungen, die man in der Branche manchmal hat. Und deshalb liegen mir meine LeserInnen ganz besonders am Herzen.

Praktisch gesehen bedeutet das eine schrittweise Umstrukturierung. Ich will geduldig mit mir sein, denn als homo politicus sind mir Aufreger auch weiter einen Aufreger werten "Nebenblogs" in Zukunft mehr von der krankhaft neugierigen Amanda Joos, die an den unmöglichsten Orten über Leichen stolpert, und über die hochspannende "Szene", als sich Europa und Russland in Baden-Baden die Klinke in die Hand gaben. Eine Tradition, die mich derart fasziniert, dass ich auch gern ganz praktisch und im "real life" mit daran arbeite, dass ein wenig von diesem Geist zurückkehren mag. Schuld daran sind nicht zuletzt viele Leserinnen und Leser, die mir durch ihr Feedback immer wieder zeigen, was wirklich wichtig ist. Sie können sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen, was ich alles von ihnen lerne!

PS: Und keine Angst um mich, wenn das Wort "Endlichkeit" hier so oft fällt, mir geht's gut - das liegt nur daran, dass ich schon ein halbes Jahrhundert hinter mir habe, man staunt dann selbst über die Historie ;-)

Kommentare:

  1. Ein wohl sehr verbreitetes Übel, dass man immer tiefer in Verpflichtungen hineinrutscht, die einem bei Lichte betrachtet wenig bringen, eher mehr nehmen - nämlich Zeit für das Wesentliche, die Ruhe, sich dem Eigenen zu widmen, den klaren Kopf, klar zu denken. Sich dessen bewusst zu werden von Zeit zu Zeit ist hilfreich und sehr heilsam. Man wird sich bewusst, wo die ganze Zeit hinfliesst und auch, wieso man ab und an denkt, ständig wie ein Hamster im Rad zu drehen und trotzdem nirgends hinzukommen. Diese Achtsamkeit kann dann Schritte in die Gegenrichtung auslösen. Schritte, wie du sie nennst: Aufräumen in den Pflichten, in den Verpflichtungen, in den Schränken und im Leben. Sich darauf besinnen, was einem selber wirklich wichtig ist. Was es dazu immer wieder braucht, ist ein klares Nein. Ein Hinstehen für die eigenen Bedürfnisse, die eigenen Ziele. Und das klar und bestimmte Grenzen Setzen. ich wünsche dir eine beschwingte Leichtigkeit und immer mal wieder eine Prise Achtsamkeit, zu sehen, ob sich wieder etwas eingeschlichten oder du noch immer leicht deinen Weg gehst.

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  2. Danke, du hast das wunderbar auf den Punkt gebracht, Cosima!

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  3. Text ist verschwunden, dann sind Teile wie durch Geisterhand wieder aufgetaucht - ich fasse den jetzt nicht mehr an, sonst explodiert noch mein Blog! ;-)))

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  4. Mönsch, das hätte ich jetzt nicht erwartet - und kann es doch sehr gut verstehen.
    Schon lange beobachte ich mit Hochachtung und Erstaunen diese vielgestaltige Produktivität der Frau van Cronenburg.
    Als wir uns letztens hier alle Gedanken um das Cover und den Titel der Kurzkrimi-Sammlung eines PvC-Kollegen gemacht haben, wunderte ich mich: Dass sie auch noch dafür Zeit und Energie hat. Welch herrlicher Klappentext! (Oder sollte es sich gar nicht um einen Kollegen, sondern um PvC herself handeln??)
    Und ein wenig ärgerte ich mich, weil mich jede Vehinderung des Vorankommens von Amanda Joos ärgert. Wann - bald - fließt Blut???? Bitte schreiten Sie zum Aderlass? Die Ankündigung ist so erfolgversprechend.
    Nun, eigentlich wollte ich hier und heute davon berichten, dass ich in meinem Blog den Kampf mit dem Bachmannpreis 2012 aufgenommen habe - aber passt das jetzt noch hier hin?
    Beste Grüße und Wünsche
    Doris Brockmann

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  5. Liebe Doris Brockmann,
    danke für die Komplimente und die wichtige Aufforderung, Amanda mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Zu Ihrem Trost: Da stehen schon rund 160 Seiten Rohentwurf, aber der Anfang wird gerade komplett umgeschrieben, weil ich all das jetzt wieder so mache, wie ICH mir das vorstellte und nicht, wie es "verlagsbewerbungsangepasst" wäre. Kommt Zeit, kommt Blog ;-) Ich hab ja nur zwei Hände.

    Was meine vielgestaltige Produktivität betrifft, so habe ich das Pech, allein vom Schreiben leben zu müssen (und leider ernährt das Bücherschreiben nicht) und so gehört PR zu meinem Geschäft. Klappentexte gehören dazu nicht unbedingt (weil man dazu auch ein ganzes Buch lesen muss und keiner das ordentlich bezahlt), aber in diesem besonderen Fall habe ich mich breitschlagen lassen, weil ich die Stories schon kannte. Und ich schreibe ja schon seit 1998 Klappentexte ...

    Köstlich, der Blogbeitrag auf http://www.walk-the-lines.de/blog/ ! Ich habe mich schon gewundert, ob es dieses Jahr keine Bachmänner gibt.

    Nach der Produktion von Mr. Dog läuft auch die meiner eigenen Backlist im Hintergrund weiter. Dann muss ich allerdings erst noch das erste Kapitel meines Russenbuchs entwerfen, wegen der Sponsorensuche und weil es zufällig ein Thema beinhaltet, für das ich eine Rede halten muss, wenn die Erinnerungsstätte eines der größten russischen Dichter offiziell übergeben wird. Sie sehen, meine Bücher haben oft ein seltsames Nebenleben und dann geht einfach immer derjenige vor, der mir gerade den Kühlschrank füllt, leider. Das wird erst anders, wenn meine LeserInnen wie wild kaufen ;-)
    Sonnige Grüße,
    Petra

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  6. Wunderbar beschrieben – meine Baustelle! :-))) Danke dafür! Vielleicht sollte auch ich mich endlich aufraffen, Klar Schiff zu machen und mal die "Liste der lästigen Pflichten" zu überprüfen …

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  7. Auf jeden Fall bin ich sehr froh, dass Du Dich so ausgiebig zum Urheberrecht geäußert hast, nicht nur wegen Deiner differenzierten und erhellenden Beiträge, sondern auch, weil ich sonst wohl nicht über die Verlinkung der Verlinkung der Verlinkung hierhergefunden hätte. Und dann hätte ich nie eine Ahnung gekriegt, welche Schätze es hier sonst noch zu entdecken gibt ...

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