Das Abenteuer geht weiter

Seit der Buchmesse ist der Ton in der Diskussion um unterschiedliche Publikationswege in den Medien schärfer geworden. Als ich vor etwa zwei, drei Jahren in diesem Blog darüber schrieb, wie es für Kolleginnen und Kollegen auch mit Literaturagentur immer schwieriger würde, an gute Programmplätze und ordentliche Verlagsleistungen zu kommen, hielten mich die meisten für verrückt, weil ich die Prophezeiung wagte, das massive Outsourcing würde sich irgendwann einmal rächen. Damals schien die Welt noch in Ordnung. Verlage und Buchhandel saßen fest im Sattel, Autoren unterschrieben oft viel zu blind alles, was man ihnen vorlegte.

Inzwischen habe ich wieder ein paar Verlagspleiten und -verkäufe überlebt und nichts ist mehr, wie es vorher war. Self Publishing ist zur echten Option geworden, vor allem, wenn man auf die guten outgesourcten Lektorinnen und Grafikerinnen zurückgreifen kann, die gelernt haben, wie man ein gutes Buch macht. Schmuddel-Image wird eigentlich nur noch in Kollegenkreisen oder der Verlagswelt kolportiert, den Leserinnen ist es längst herzlich egal, welcher Verlag auf dem Cover steht. Zumindest im Genre sind die eh nicht mehr unterscheidbar.

Im Moment herrscht Goldgräberstimmung. Alles scheint möglich. Darum entstehen auch im Self Publishing neben Qualität die unsäglich miesesten Produkte, die himmelschreiendsten Experimente und Bücher zum Gruseln. Gleichzeitig gibt es Verlage, die mit ihren unbeweglichen E-Book-Konzepten scheitern, die noch mehr outsourcen, um ins Self Publishing zu investieren, oder mit großem Aufwand irgendwelche Bücher "enhancen", was der Programmierfreak privat viel innovativer schafft. Aber warum eigentlich nicht? Neue Techniken wollen ausprobiert werden. Neue Wege wollen erkundet werden. Auch die Teflonpfanne war einmal ein Weltraumexperiment. Unter all dem wilden Gekröse zeichnet sich schon jetzt ab, dass sich der Buchmarkt völlig neu strukturiert, dass das "Prinzip Buch" diesmal vom Leser neu definiert wird und sich mancher warm anziehen muss. Das Jammern ist groß. Verlage und Buchhandel sitzen nicht mehr so fest im Sattel. Man sagt sich gegenseitig tot. Ohne die Chance zu begreifen, dass veränderte Strukturen für beide Seiten nützlich sind.

Eine kleine Leseliste habe ich zum Thema, um die Bandbreite zu zeigen, die in dieser Diskussion herrscht. Antje Schrupp schreibt ein Loblied auf ihre Verlegerinnen. Sie sollte sie dringend festhalten, denn solche Verlegerarbeit ist eine Rarität. In fast fünfzehn Jahren im Buchgeschäft habe ich das in dieser Größenordnung nur ein einziges Mal erlebt. Was sie kritisiert, wird niemand verhindern können: den Großangriff von Amazon auf die Verlage - wie ihn der Spiegel reißerisch beschreibt. Amazon wird ganz gewiss nicht Konkurrenz für Verlage, die ihre Kernkompetenzen noch ernst nehmen und Bücher wie Autoren pflegen. Die ein persönliches und qualitativ hochwertiges Lektorat bieten. Aber wie viele Verlage schanzen einem lausige Lektoren zu, machen keinerlei Werbung fürs Buch, verramschen nach Rekordzeiten? Plötzlich haben wir Autoren eine Wahl. Wir sind nicht mehr Bittsteller, wir können Nein sagen. Wer eine Wahl hat, kann Verträge anders aushandeln. Belebt nicht Konkurrenz das Geschäft?

Der Blogger Wolfgang Schwerdt fragt: "Haben die Verlage noch eine Zukunft?" In seinem Beitrag gibt er einen guten Überblick über die Entwicklung des Self Publishing auch im E-Book-Bereich und die Veränderungen für die Verlage und Autoren. Sein Fazit ist ähnlich wie das meine - die Zukunft gehört trotz der Gigantomanie von Amazon, Apple oder Google gerade den kleineren Strukturen, den engagierten Buchleuten, die noch ambitioniert verlegen - zusammen mit veränderten Autoren, die die Zeichen der Zeit zu nutzen wissen. Falls die denn alle aufwachen! Aber auch "Buchfabriken" wird es weiterhin geben. Das Schnellfutter will weiter gedruckt werden.

Es lohnt sich auch ein Blick ins Blog von Alan Rinzler, der für die renommiertesten US-Verlage gearbeitet hat und arbeitet, Autoren für Verlage entwickelt und gleichzeitig für Self Publishing in Qualität plädiert. Er ist da weiter als die deutschen Entweder-Oder-Kämpfer. Wie weit die USA überhaupt sind, zeigt sein Beitrag "Getting published: The inside scoop from 3 top editors". In den USA ist Self Publishing anscheinend derart selbstverständlich geworden und breit akzeptiert, dass die berühmten Verlage ihre Strategie vollkommen verändert haben. Sie entdecken Autoren über deren Eigenproduktionen, verlangen von ihren Bewerbern die gleiche Arbeit in Öffentlichkeit und Social Media, die auch ein Self Publisher leisten muss. Und weil sie das alles tun, suchen sie noch mehr nach dem absolut perfekten Manuskript, der passenden Autorenpersönlichkeit. Deutschsprachige Länder brauchen immer etwas länger. Aber auch hier werden sich die Grenzen zwischen Self Publishing und Verlagen mehr und mehr verwischen. Als erstes wird der Self Publishing Markt auseinanderbrechen - in Hobbyproduktionen auf Bastelniveau und in "richtige Bücher". Der Druck wächst.

Persönlich beeinflusst hat mich der Beitrag von "Schreibtäter" Matthias Brömmelhaus "Die Freiheit des Auftragsbiografen". Er beschreibt darin einen umgekehrten Weg ins Self Publishing. Nicht vom Verlag weg, sondern aus dem privaten Auftragsschreiben heraus. Und er hat mir damit tüchtig zu denken gegeben für mein nächstes Projekt.

Ich habe mich gestern entschieden. Mein nächstes Buch - ein erzählendes Sachbuch - ist eine halbe private Auftragsarbeit. Ich bin zwar völlig frei im Schreiben, in der Konzeption, aber das Grobthema wurde mir vorgeschlagen. Nun ist dieses Thema auf den ersten Blick derart "Nische", dass man solche Bücher früher mit irgendwelchen zweifelhaften Firmen oder sogar Werbeagenturen verwirklicht hat und irgendwelche Hobbyautoren hinsetzte. "Think big" dachte ich mir, auch so ein Thema ließe sich weiterentwickeln, so weit, dass es sogar verlagsfähig wäre. Ich erkannte das Potential an der Geschichte. Und mein Auftraggeber erkannte das Potential einer professionellen Autorin.

Ich habe entsprechend recherchiert und sogar Verlage gefunden, die in Frage kämen. In einem Verlag würde ich von zwei Kollegen beim Verleger persönlich empfohlen werden. Aber irgendetwas ließ mich unzufrieden zurück. Für jeden dieser Verlage müsste ich mein Thema genau auf dessen absolut nischiges Programm zurechtbürsten - und nicht auf das, was dem Thema am besten täte. Ein Verlag macht absolut grottige Cover. Der andere hat in der Region, in der das Buch am stärksten aufgestellt werden müsste, den lausigsten Vertrieb. Ein dritter versteht sein Handwerk, liegt mir aber aufgrund seiner Verlagsphilosophie so gar nicht.

Früher hätte ich Kompromisse geschlossen. Schlimmer noch: Ich hätte demütig meine Exposées geschrieben, für jeden ein anderes. Hätte meine Idee zigmal umgebürstet und die Runde gemacht und ewig gewartet und gebangt. Hätte in einem langwierigen Prozess irgendwann ein Buch in Händen gehalten, das mir vielleicht sogar fremd erschienen wäre. Wäre ausgeliefert gewesen. Wäre auch nicht im Buchhandel platziert gewesen, nicht mit solchen Verlagen.

Seit meinem Nijinsky-Projekt und der Erfahrung, was ich selbst bewegen und erreichen kann, hat sich mein Denken verändert. Ich würde gern die Cover vom einen Verlag haben, das Image vom anderen und den Vertrieb von einem Dritten. Ich würde gern die unprofessionellen Abteilungen austauschen und eine neue Region besetzen. Ich will 100%, wenigstens versuchen. Ich will nicht ausgeliefert sein, wo ich jetzt schon Schwachstellen erkenne. Ich kann 100% haben. Ich kann mir alles nehmen: Lektorat, gute Cover, andere Vertriebsschienen, Print und E-Book. Ja, das kostet Geld. Und ich möchte auch nicht umsonst schreiben. Inzwischen bin ich mir sicher, dass das funktioniert. Vor allem aber muss ich schneller sein als ein Verlag. Ein aktueller Termin fürs Thema steht vor der Haustür.

Mein nächstes Sachbuch wird also wieder im Self Publishing entstehen. Aber diesmal werde ich noch eine Stufe weitergehen. Ich selbst kann die klassischen "Verlagsarbeiten" nicht finanzieren. Also werde ich das jetzt so machen wie Mozart & Co., mit Finanzierung von außen. Mein Auftraggeber muss nicht mehr - wie das früher üblich war - ultrateure, kriminelle Zuschuss"verlage" bemühen. Mit einer Erstauflage im Print-on-Demand schrumpft sein finanzielles Risiko noch um einiges mehr. Das setzt Gelder frei, um ein absolut professionelles, schön gestaltetes Buch zu machen und auch die Autorin für ihre Arbeit zu bezahlen. Wir suchen Sponsoren. Im Moment suchen wir die nicht im Internet. Aber es ist durchaus denkbar, das Projekt ins Crowdsourcing auszuweiten. Denn auch das wird absolut neu ein: Dieses Buch soll sofort auch in Übersetzung erscheinen. Das bieten Verlage in der Regel überhaupt nicht. Sobald die Texte fertig lektoriert sind, bekommt sie meine Übersetzerin in die Hand.

Ja, das wird ein Abenteuer. Zunächst einmal ein finanzielles. Dann aber auch ein schriftstellerisches, denn wenn man sich derart gegenseitig in die Hand arbeitet, müssen auch die Arbeitsabläufe verändert werden. Es steht noch in den Sternen, ob dieses Projekt etwas werden wird. Aber das habe ich über mein Nijinsky-Buch ja auch gesagt.

Kommentare:

  1. Gut beschrieben, Petra. Fast möchte ich sagen: Willkommen im Klub!
    Gerade für Auftragsautoren wie mich bietet Self Publishin neue Perspektiven. Viele Autoren gehen damit m. E. völlig falsch um. Sie sehen es immer nur als teilweise mit Schmuddelimage behaftete Alternative zu einer Verlagsveröffentlichung. Im Bereich der Belletristik und der Großverlage mag das stimmen. Mein "fertiges" Krimimanuskript bleibt eher in der Schublade, als dass ich es selbst publiziere oder als Amazon-Ebook auf den Markt werfe. Lektorat sowie Umschlag- und Buchgestaltung wären viel zu teuer und das Buch würde deshalb höchstwahrscheinlich keinen Gewinn, sondern einen Verlust generieren, den ich mir nicht leisten kann.

    Ganz anders sieht es bei Sachtexten aus, die ich im Auftrag schreibe. Hier sind diese Kosten in das Angebot eingerechnet. In Marktnischen vergleiche ich SP deshalb nicht mit einer Verlagsveröffenltichung, sondern mit dem System der Druckkostenzuschussverlage - womit nicht die schwarzen Schafe gemeint sind. Vanitypress gibt es seit Jahrzehnten. Dazu gehören Kleinstverlage, die mangels finanzieller Potenz viele Leistungen auf den Autor verlagern genauso wie Wissenschaftsverlage, die öffentliche oder private Gelder einsammeln und damit die Publikation oftmals bahnbrechender wissenschaftlicher Erkenntnisse sichern.

    Schon in den 90-iger Jahren habe ich für einen Reiseführer getextet, der nur dank Sponsoring produziert werden konnte. Geld verdient hat damals nur der Verlag, wir Autoren wurden mit Brosamen abgespeist. Hätte es damals schon Print on demand und das dadurch möglich gewordene Self publishing im heutigen Sinn gegeben, hätten auch wir "Contentlieferanten" am Erfolg des Produkts teilgehabt.

    Wie dem auch sein: Es bleibt spannend und ich freue mich, möglichst viel von deinem neuen Abenteuer zu hören.

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  2. Matthias, ich habe den Doppelmoppel herausgenommen ;-)

    Mit dem Klub hast du so unrecht nicht, denn diese Arbeit ähnelt der deinen zumindest von der Art des Buchs her - nur kann ich keine Zeitzeugen mehr interviewen und muss stattdessen in Archiven und in historischen Zeitungen nachforschen. Es geht darum, die gemeinsame russisch-deutsche Geschichte und Kultur eines eng begrenzten Raumes so zu erzählen, dass natürlich die Fakten stimmen, aber die Leute ein wirklich lesbares Buch bekommen - nicht diese üblichen Chroniken. (Ja, Nijinsky ist "schuld" an dieser Arbeit). Du kannst dir also denken, welche Art von Verlagen da in Frage kämen - die sind einfach oft zu klein, um alles zu können.

    Weggedacht von meinem konkreten Projekt sehe ich, dass viele Privatkunden und Organisationen, z.B. auch Kommunen, leider nicht einmal Vanity Press bemühen. Sie kennen sich oft so schlecht im Buchmarkt aus, dass sie wirklich den Kriminellen aufsitzen. Ich habe gerade wieder von einer Bekannten gehört, die für eine touristische Region ein wunderschönes Buch hat machen lassen - die Auftraggeber haben Tausende allein für die Produktion gelöhnt. Jeder bekam seine Exemplare zum Selbstverkaufen (!) und dann kam das böse Erwachen: Keiner konnte das Buch bestellen oder irgendwo anders kaufen. Das ganze Geld war in den Sand gesetzt, aber ein zweiter Anlauf ist nicht drin.

    Auch das muss heutzutage nicht mehr sein. Mit diesen Fachleuten wäre das Buch im Self Publishing noch schneller, viel billiger gemacht gewesen. Und es wäre heute noch im Handel.

    Der Beratungsbedarf in dieser Hinsicht ist groß. Kommt ja noch hinzu, dass auch sehr zweifelhafte Autoren auf diese Leute zukommen ("Ich schreib ihnen mal schnell ihre ganz dolle Stadtgeschichte") und sie beschwatzen. Kennst du aus deiner Branche zur Genüge. Ich bekomme immer spitze Finger, wenn ich in den Tourismusbüros diese "Reiseführer" von Otto Vanity oder vom Werbeverband der beschickerten Kellergeister in die Hand nehme. Was diese Bücher den Auftraggeber kosten und was er dafür bekommt!

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  3. Ich war mal so frei, und habe mit einem Teaser auf diesen tollen Eintrag hingewiesen...

    http://forumos.net/index.php?page=Thread&threadID=2158

    Gruß,
    Teich

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  4. Ich frei mich, Teich, danke!

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