Tyrannen auf vier Pfoten

Im Elsass gibt es zwei Leben. Sobald es warm genug ist, lässt man in der Wohnung alle Türen offen stehen, irgendwann auch Fenster und Haustür. Traditionelle Familien haben sogar eine Sommerküche in Garage, Keller oder Scheune - für den Garten. Die warme Saison ist ein Paradies für meinen Hund, der dann sein ganz eigenes Leben führt, weil er mich nicht mehr fragen muss, wo er sich herumtreiben darf. Dumm nur, wenn es so kalt wird wie jetzt. Die Menschin schließt jede nur erreichbare Tür. Und wie das in den alten Gemäuern auf dem Lande so ist, hängt sie auch noch einen dicken Vorhang vor die Wohnungstür, weil es ihr zieht.

Rocco gefällt dieses Leben gar nicht. Wie sollte er auch Verständnis für Energiefragen aufbringen, wo er doch einfach für diese Jahreszeit nur noch mehr Pelz zulegt. Ach, und wie lästig das ist! Ständig muss man die Menschin drum bitten, die Tür zu öffnen, wenn man raus muss. Hund kann das bei manchen Türen zwar theoretisch selbst, ist aber gut erzogen. Wenn sie guckt, geht das gar nicht. Und damit sie endlich guckt und sich erbarmt, tut man so, als müsse man ganz dringend ein Geschäft erledigen.

Sie fällt immer wieder darauf herein. Macht sich Sorgen, der Hund könne etwas an der Blase haben. Dabei hat er nur gehört, wie die Nachbarshündin aus dem ebenfalls öde verschlossenen Haus herausgeprungen ist. Erstaunlich, wie oft sich die beiden zu einem Schwatz treffen. Ich muss arbeiten und bin eigentlich nicht als Türöffner auf die Welt gekommen. Ist Rocco dann endlich ruhig, geht's wieder ins Büro. Dort ist es ihm zu warm. Er quengelt. Also ab, in den kalten Flur. Dort ist es ihm zu langweilig. Er quengelt. Also wieder rein. Dort ist es ihm zu warm. Das Spiel würde in der Endlosschleife laufen, würde ihn die Menschin nicht eisern und tierquälerisch im kalten Flur "vergessen".

Ich dachte, ich hätte einen besonders nervigen, verwöhnten Hund. Hunde-Nichtkenner auf Besuch haben sich auch schon über das Ritual des Türöffnens mokiert. Dabei dauert der Kampfzustand genau zwei Wochen. Dann nämlich gibt der Hund auf und wählt ein Domizil nach Wärme oder Kälte.

Dass ich nicht die einzige bin, sah ich gestern bei einer Freundin. Katze im ofenwarmen Zimmer. Katze ist es zu warm. Menschin muss die Tür öffnen. Nun ist das eine Glastür. Was macht die Katze? Tut so, als sei sie endlich zufrieden, macht eine kleine Runde ... und baut sich dann riesig und mit großen vorwurfsvollen Augen vor der Tür auf: Ich will wieder rein, ich bin hier so allein! Das Spiel würde in der Übergangssaison immer so gehen. Rein, raus, rein, raus - mit einem Portier auf zwei Beinen.

Ich bin froh, dass ich keine Glastüren habe. Ich kann förmlich Roccos vorwurfsvolles Gesicht sehen, wie er mutterseelenallein im kalten Flur so tut, als müsste er frieren; wie er schließlich mit einem extra lauten Seufzer sein resigniertes Haupt auf der Pfote bettet. Wie er es müde hebt, um strafend die Tür zu fixieren. Nein, ich werde nicht weich. Dann ist der Zirkus in zwei Wochen ausgestanden. Ich sehne mich ja auch so nach der Zeit der offenen Türen!

Kommentare:

  1. Liebe Petra,

    da ist Rocco ja noch relativ zahm. Bettelnde Blicke lassen sich wenigstens eine Zeit lang ignorieren. Unser Sennenhund jault lauthals, am liebsten abends ab 22.00 Uhr, weil er unbedingt draußen noch den Zaun ablaufen muss. Man könnte ja etwas verpassen.;)

    Liebe Grüße,
    Nikola

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  2. Psssst, liebe Nikola, pssst, weck nicht schlafende Hunde! Rocco ist mit Huskies aufgewachsen und hat tatsächlich Wolfsgeheul wie eine Fremdsprache gelernt... Nicht, dass der noch auf Ideen kommt...

    LG, Petra

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