Lernen durch Nachahmen?

Wenn Buchautoren zusammen sitzen, wird gern die Frage gestellt, wie viel man von großen Vorbildern nachahmen darf und ob das nicht der Tod des eigenen Schreibens sei. Das geht so weit, dass einem etliche sogar den Ratschlag geben, in den Verkaufsexposés selbstbewusst Vergleiche mit Berühmtheiten zu streuen: Spannung wie bei Grisham, eine Liebesgeschichte in der Tradition von Rosamunde Pilcher, ein Mann'scher Sprachduktus (ich habe so etwas in meiner gesamten Laufbahn nicht übers Herz gebracht, sondern beschreibe meine Projekte in ihren eigenen Eigenschaften. Die Verlage waren nicht böse darüber.).

Und der Markt macht es einem nicht einfach. "Die Päpstin" läuft fantastisch? Nichts wie her mit den Kardinälinnen, Gegenpäpstinnen und sonstigem Nachahmergespons. Bis zum Erbrechen kann man heute Nachfolgerprodukte in den Markt drücken; wer Sushis gegen seinen sonstigen Geschmack isst, frisst einem auch Carpaccio aus der Hand. Ob dieser Weg dann zum eigenen führt, mag dahingestellt sein...

Ist Nachahmen wirklich so tabu, so schlimm, so verwerflich?
Ich gestehe: Ich habe Schreiben durch Nachahmen gelernt. Allerdings schon in der Schule. Unser etwas außergewöhnlicher Deutschlehrer, der im Winter auch schon mal die Prüfungsaufgaben verheizt hat und beim Anblick des Lehrplans einen über den Durst getrunken, hatte so sein eigenes System, uns Literatur nahe zu bringen.

Ich erinnere mich an unsere Kulterzählung von Thomas Mann: Tod in Venedig. In unserer Klasse absolut hipp. Vom zerfledderten Buch abgesehen brachte ich es auf neun Mal Anschauen des gleichnamigen Films (verglichen mit etwa zwölf Rocky Horror Picture Shows). Natürlich mussten wir das Ding interpretieren. Eine Woche lang, jeden Tag einmal. An einem Tag waren wir Psychotherapeut, am anderen bösartiger Feuilletonist (das Klischee gab es schon 1979). Wir mussten lesen als frommer Priester, als Hausfrau, als Superintellektueller...

Und wenn wir dachten, wir seien erlöst, mussten wir in der nächsten Woche schreiben. Jeder durfte sich eine Kurzgeschichte ausdenken. Aber eben nicht gleich "runterschreiben"! Montags schrieb der Thomas Mann in uns die Geschichte nieder, dienstags der Max Frisch usw. Wir mussten in jede Berühmtheit schlüpfen, die wir vorher als multiple Leserpersönlichkeit auseinandergenommen hatten. Mussten ihren Stil nachahmen, ihren Aufbau, die ganze Art - und ja, wir Schüler haben das nicht geahnt: auf diese Weise lernt man genau hinlesen und vor allem verinnerlichen. Und natürlich gab's im Unterricht das, was man heute wohl Poetry Slam nennen würde - und Applaus reichlich, wenn die Nachahmung besonders "echt" gelungen war.

Nach diesen aufreibenden zwei Wochen haben wir uns mit jenem Lehrer vergnügt und Blödsinn gemacht, abgeschalten. Bis wir wieder wir selbst waren, locker, unbeschwert, ohne Schielen auf Wenn und Abers. Und dann hatten wir eine Woche, um diesselbe Geschichte aus unserer ganz eigenen Feder fließen zu lassen. Ganz sicher hatten wir von den Großen gelernt. Aber wir wären nie auf die langweilige Idee verfallen, sie immer noch nachzuahmen. Wir waren nach diesen zwei Wochen heiß darauf, endlich unsere eigene Stimme sprechen zu lassen. Drauf gepfiffen, was Thomas Mann oder der bösartige Feuilletonist sagten, egal, ob Max Frisch sich im Grab umdrehte oder der Priester beim Lesen rot wurde. Die eigene Stimme entwickeln und sprechen lassen.

Der Unterschied zu heute liegt nicht unbedingt darin, dass es solchen Unterricht weniger zu geben scheint (die Übungen kann man sich selbst konstruieren). Ich fürchte, der Unterschied liegt darin, dass damals keiner von uns je auf die Idee gekommen wäre, irgendeinen dieser Texte freiwillig veröffentlichen zu wollen. Meine Texte aus dieser Zeit existieren nicht einmal mehr. Aber sie sind der Humus, auf dem die jetzigen wachsen.

Und wenn ich mal absolut nicht weiter weiß, wie ich einen Dialog anlege, dann bin ich mir nicht zu schade, erst einmal auf Schmierpapier ein paar "Große" nachzuahmen. Bis es mir reicht und ich begriffen habe, was ICH sagen wollte. Bis MEIN Dialog reif ist. Ja, man kann auch durch Nachahmung lernen. Und man sollte sich in seinen Lernmethoden nie beschränken.

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