Was braucht der Mensch Kultur!

Gestern hatte ich mal wieder eine dieser fruchtbaren Diskussionen, bei denen man sich als Schriftsteller entweder eine Depression oder die Tür hinter sich zuzieht. Ein reifer, gestandener Mensch, der schon viel vom Leben gesehen hat, fragte mich, wann ich endlich aufhören würde, Bücher zu schreiben. Es ginge doch nicht an, dass in meinem Alter bei einem Job so wenig "rumkomme". Andere in meinem Alter hätten längst Karriere und Geld gemacht.

Tja, ich bin aber nicht andere... Wohl eher kläglich habe ich versucht zu erklären, dass das Schreiben für mich so nötig sei wie für andere das Atmen. Und dass ich daran glaube, dass man für seine Talente eine gewisse Verantwortung trage, etwas daraus zu machen.

Alles Kappes. Essen, Trinken, Atmen ja. Aber all das Drumherum, das brauche man nun wirklich nicht zum Leben. Und deshalb brauche der Mensch auch einen ordentlichen Job, um ordentlich Knete zu machen. Wenn ich es bis jetzt nicht geschafft hätte, richtig berühmt zu werden, sei vielleicht auch das mit dem Talent ein Irrtum. Der Hape Kerkeling und der Dieter Bohlen, die könnten es...

Mir geht es gut. Essen und Trinken kann ich mir leisten und für die neuen Heizölpreise wird auch noch irgendwann vor dem Winter genug Geld hereinkommen. Vielleicht friere ich bei dieser Lebensweise einmal mehr als andere. Aber ich bin reich, innerlich reich. Kunst und Kultur machen das Leben reich - bringen Schönheit, Ideen, Faszination, Reibungsflächen, Fortentwicklung.

Alles Kappes. Der Mensch braucht weder Kultur noch Kunst. Alles überflüssiger Luxus, aus Langeweile geboren. Die, die das machen, bräuchten sich doch nicht zu wundern, wenn sie verarmen. Was haben sie der Gesellschaft schon zu geben. Tun nur, was ihnen Spaß macht. Leben in den Tag hinein. Kümmern sich nicht um ordentliche Jobs. Sind nicht bereit, ordentlich zu arbeiten. Machen nicht richtig Knete. Und darum sind sie selbst schuld, wenn sie keine haben.

Solche Gespräche (obiges wurde der Deutlichkeit halber mit einem anderen "gekreuzt") machen mir klar, dass es einen Punkt in meinem Leben gegeben haben muss, an dem ich aus einem "bürgerlichen" Leben herausgefallen bin - und wo es kein Zurück mehr gab. Früher hat mir das Angst gemacht, weil ich zwar wusste, dass ich "anders" war und ausgeschlossen werden würde, aber ich wusste nicht, wohin ich falle.

Heute weiß ich, dass ich nicht gefallen bin. Ich fliege. Und sehe, dass auf dieser anderen Seite des Zauns so viele andere Menschen mit mir fliegen. Die daran glauben, dass der Mensch ohne Kultur auf Dauer nur vegetieren, aber nicht überleben kann. Menschen, die es auf sich nehmen, vielleicht nicht in Geld zu schwimmen, sondern in Ideen - mit denen sie sich an andere Menschen verströmen können, in ihrer Kunst.

Was wäre, wenn alle bildenden Künstler, alle Musiker, Tänzer, Schauspieler, alle Autoren und Dichter und Kulturschaffenden heute in den Generalstreik treten würden, habe ich gefragt. Ja und, bekam ich zur Antwort. Die Supermärkte öffnen weiter.

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