Erzählräume contra Gemütlichkeit

Früher hat man sich, wenn man etwas erzählen wollte, in der Kneipe getroffen. Noch sehr viel früher traf man sich im Winter in den Spinnstuben, wo sich die Frauen bei der eintönigen Arbeit Märchen, Gruselgeschichten und den neuesten Tratsch weitergaben. Deshalb "spinnt" man noch heute eine Geschichte aus oder sogar Seemannsgarn - oder "hechelt" seine Nachbarn durch, als seien sie verunreinigter Flachs. Wer zurückdenkt an diese Zeiten, verbindet die Orte des Erzählens, Tratschens und Erinnerns mit einem deutschen Wort, das es in keiner anderen Sprache gibt, es sei denn, als Fremdwort: Gemütlichkeit.

Irgendwann kamen neue Erzählmedien dazu: Massendruck, Radio, Fernsehen. Die Hoffnungsfrohen malten sich aus, welch unwahrscheinliche Zukunftsmöglichkeiten man dadurch habe, die Ängstlichen beschworen das Ende der Gemütlichkeit herauf und Schlimmeres. Historisch betrachtet wurden solche Räume jedoch immer schon lange vorher erdacht, bevor sie technisch möglich waren. Nikola Tesla wollte zur Pariser Weltausstellung 1900 drahtlos aus den USA "Nachrichten und Energie" übertragen, der französische Dichter Guillaume Apollinaire, der schon 1914 Schallplattenaufnahmen seiner Gedichte produzieren ließ, schrieb "Bildgedichte", von denen er sich erträumte, sie würden eines Tages mittels spezieller "Schallplatten" sicht- und hörbar von der Spitze des Eifelturms gesendet werden. E-Reader kamen schon in Science-Fiction vor, lange bevor es das Internet gab. Ein russischer Avantgardist namens Velimir Chlebnikov schrieb 1921 einen Text mit dem Titel "Radio der Zukunft", der uns Heutige verblüffend an Social Media erinnert. Denn das, was er mangels anderer Worte "Radio" nannte, würde gehört, gelesen und in speziellen Clubs geteilt, ja sogar Geruchs- und Geschmackserlebnisse sollten derart übertragbar werden - leider auch zu Propagandazwecken.

Daran musste ich denken, als ich meinen Social-Media-Kanälen einen weiteren hinzufügte, nämlich Google+. Nicht, dass ich zu viel Zeit hätte, aber ich beteilige mich gerade an einer Ausschreibung für die Social-Media-PR eines Traumkunden und will wissen, welches Umfeld sich für dessen recht schwieriges Spezialpublikum am besten eignet. Da ist das eine: Transmedia Storytelling, wie man neudeutsch die Fähigkeit nennt, über unterschiedliche Medien hinweg jeweils an deren eigene Kommunikationsform angepasst etwas zu erzählen, anstatt dumpf alles in Crosspostings zu stecken. Das andere ist die Atmosphäre eines Mediums, das Gefühl, das ich dort Menschen bereiten kann, auch wenn es Chlebnikovs Geruchs- und Geschmacksteilen noch nicht gibt. Zunächst sind da mal nur nackte und technische Plattformen: Blog- und Contentsysteme, Facebook, Twitter, Flickr, Google+ und wie sie alle heißen. Wie schafft man dort so etwas wie eine Wohlfühlumgebung, vielleicht sogar "Gemütlichkeit"?

Nun habe ich den Vor- oder Nachteil, dass ich Synästhesistin bin und darum auch Social Media anders erfahre. Ich kann nicht nur Kandinskys Gemälde "hörsehen" und Gustav Mahlers Musik "hörsehfühlschmecken." Ich reagiere auf Räume manchmal extrem: In einer Wohnung ohne Pflanzen und ohne Bilder an hohen kahlen Wänden höre ich eine Art Tonlosigkeit wie einen Basso Continuo. In manchem Baumarkt bekommt man mich nur im Notfall hinein, wenn ich dringend etwas brauche, und dann schalte ich alle Sinne möglichst auf Durchzug: Weil extrem hohe, sehr lange überbunte Regalgänge, die bis in jedes Eck vollgestopft sind mit Dingen, zusammen mit Energiesparlicht und aufdringlichen Werbeplakaten mich nicht nur über den Gesichtssinn nerven. Mit Social Media gehe ich ähnlich um. Mich interessiert am ersten Tag: Wie fühlt sich so eine Plattform synästhesistisch an? Denn ich nehme das Internet dreidimensional wie auf einer inneren Satellitenkarte wahr.

Das ist ganz lustig. Bei Facebook fühlte ich mich zunächst wie auf einer unendlich großen, absolut leeren Ebene, die aber ähnlich wie ein Computerspiel mit möglichen Ein- und Ausgängen lockte. Eine Art dreidimensionales Multilevelspiel, das sich zunehmend mit hopsenden und blinkernden Tönchen füllte und perfekt geschützte Räume vorgaukelt. Da hatte ich trotz der cleanen Aufmachung der Seite die Spinnstube des 19. Jahrhunderts, die manchmal aufgrund zu vieler übereinandergeklebter Tapeten und Bilderchen auch gern einmal zur Kakophonie wird, die in den Ohren schrillt. Aber mit solchermaßen "vertrauter" Umgebung, auch wenn sie virtuell ist, lässt sich gut umgehen: Man singt die eigenen Geschichten im Melodienstrom mit und fühlt sozusagen im Unterarm, wann ein Kontrapunkt angesagt ist.

Google+, wo ich seit gestern erst wirklich aktiv bin, fühlt sich dagegen völlig anders an. Da ist kein Ebenengefühl, sondern der Eindruck, in einer immensen, sehr hohen und sehr kalten Kirche zu sein, so einer Art Technikkathedrale. Ein "Computerspiel", bei dem man eher mit Herumklicken auf Pfeilern und Zwischenräumen arbeitet, spielerisch herumturnt und sich fragt, was wohl hinter jener Wand verborgen ist oder wie man jenes Kerzchen im Lüster kreisen lässt. Es ist still da, extrem still. Und damit meine ich die synästhetische Stille. Ein Kandinsky klingt unwahrscheinlich reich und lange nach, während ein Werbebild einer braunen Limonade nur kurz und kreischend quietscht. Google+ ist ein stiller Hohlraum. Wenn ich dort arbeiten will, muss ich alle Töne allein aus meinen Geschichten erschaffen.

Während ich mein Profil aufbaue und mich bereits mit anderen vernetze, habe ich auch das Gefühl, selbst ständig allzu sichtbar zu sein, während ich mich bei Facebook scheinbar viel enger unter Menschen fühle: Die Sinneseindrücke vom Gegenüber werden anders geleitet. Google+ ist clean und schön einfach und intuitiv, aber es verschluckt Wahrnehmungen. Man tapeziert nicht wild drauflos, sondern steigt manchmal in den unendlichen Pool des Internet; muss erst fischen gehen, erschrickt auch schon mal wegen jenes tief mitternachtsblauen Klangs der Weite jener Möglichkeiten. Ob ich hier je dreidimensional irgendwelche Level wahrnehme und lustig hüpfende Spielfiguren? Ich bespiele ein schwarzes Loch und weiß noch nicht, in welche Galaxie es meine Geschichten bläst.

Techniker, Pragmatiker und Social-Media-Experten können jetzt gern über mich lachen. Ich kann nicht anders. Für mich ist auch ein Gefühl wichtig, das jede Plattform vermittelt: Regt sie mich so auf wie jener Baumarkt, so dass ich nur ein Minimum an Zeit dort verbringe? Oder saugt sie mich herein wie ein gutes Konzert, von dem ich nicht genug bekommen kann? Dementsprechend muss ich meine Geschichten dort erzählen. Tapezieren ist einfach. Aber wie bekommt man eine leere Kathedrale zum Klingen?

Kommentare:

  1. Sehr schöne Darstellung. Auf Autos übertragen könnte man auch sagen, dass Google+ ein straff gefederter Audi und Facebook ein hydropneumatischer Citroën ist.

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  2. Julian, das ist interessant. Ich bekomme von mehreren Seiten das Feedback, dass die Leute sich bei Google+ irgendwie einsam oder in einer leeren Halle fühlen, trotz der Millionen von menschen. Vielleicht sind Suchmaschinen-Oberflächen doch nicht so "touchy" ;-)

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  3. Danke, Petra, für diese Beschreibung. Für mich deshalb besonders spannend, weil ich nun ernsthaft überlege, ob ich nicht auch eine synästhesistische Wahrnehmung habe. Das würde zumindest meine unverständlich starken Reaktionen auf gewisse Form-Farb-Laut-Kombinationen im Alltag erklären. Ich werde das mal beobachten...

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  4. Liebe Simona,
    ich habe das auch erst recht spät herausgefunden, weil ich als Kind immer dachte, alle anderen hätten einen Defekt, dass die sowas nicht mitkriegen. Und in meiner Schulzeit hab ich dann gelernt, zu filtern und es zu verstecken, denn damals glaubte man noch im Ernst, das sei eine Krankheit und die könne mal irgendwann durch Lobotomie am Hirn beseitigt werden, welch ein Graus!

    Deshalb spreche ich auch sehr offen drüber, weil es immer noch Menschen gibt, die darunter leiden, weil ihr Umfeld sie für verrückt erklärt. Obwohl man längst herausgefunden hat, dass es sich im Gegenteil um eine besondere Begabung handelt.

    Man kann relativ leicht herausfinden, ob man nur "assoziativ besonders begabt" ist oder echte Synästhesie hat, also mit mehreren Sinnen gleichzeitig wahrnimmt: Assoziationen können sich ändern und auch verdrängt werden. Bei Synästhesie hat man sozusagen ein fest eingebautes "Wörterbuch", das immer anspringt und immer ganu gleich. Wer also z.B. Zitronensaft auf der Zunge blau schmeckt, wird immer und überall bei diesem Geschmack blauschmecken, aber nie rot oder gelb. Wer Zahlen in Farben sieht, sieht immer die gleichen Farben zu einer Zahl.

    Ich geb dir den Tipp, mal nach Texten und Büchern von Richard Cytowic zu suchen, ein Wissenschaftler, der wunderbare Bücher darüber geschrieben hat. Leider im Westen unbekannt und auch von vielen Wissenschaftlern in einem wahren Glaubenskrieg verstoßen, sind russische Forschungen. Dort gibt es die Schule, die sagt, dass man Synästhesie gezielt fördern und nutzen kann, vor allem kreativ und künstlerisch.

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  5. Übrigens hab ich mir sagen lassen, dass Nicht-Synästhetiker das Gleiche erleben, wenn sie LSD nehmen ;-)

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