Mein Tempo gehört mir

In der ARTE-Reihe Yourope sah ich kürzlich einen erschütternden Bericht: Die Krankheit Depression verbreitet sich in Europa in einem nie dagewesenen Ausmaß vor allem bei jungen Leuten, die Selbstmordrate stieg in einigen Ländern um 50% an. Woher kommt's?

Aha, junge Leute, typisch! Gleich gehen allüberall in den Medien die Zeigefinger hoch und jeder glaubt, Bescheid zu wissen. Das Internet ist schuld, das Handygedöns, die schalten ja nicht mehr ab heutzutage. Macht alles dumm, brennt aus und dann tötet es. Manche verdienen richtig viel Knete mit dieser ach so beliebten Art von Skandalbüchern, "populärwissenschaftlich" genannt, in denen man eine möglichst dämliche Behauptung aufstellt und die dann unter Ausblendung von Tatsachen und Gegenmeinungen launig untermauert. Aber wie sagte schon Goethe: "Toren und gescheite Leute sind gleich unschädlich. Nur die Halbnarren und Halbweisen, das sind die gefährlichsten."

Kollegin Christa S. Lotz schrieb erst unlängst über den "Social-Media-Burnout?", der als Mythos (?) anscheinend schon bei den Krankenkassen angekommen ist, und sie schreibt eindrücklich, dass man sich die neue Krankheit auch ganz woanders holen kann. Und was ist mit diesen jungen Leute, die da reihenweise in Depressionen fallen oder sich gleich umbringen? Haben die alle einfach nur zuviel getwittert und bei Facebook kommuniziert?

Die brutale Wahrheit wird im Spätprogramm versteckt. Denn es gibt da ganz andere Untersuchungen. Würde man öfter von ihnen hören, könnten die Bürger Europas vielleicht aufmerken, dass mit unserem ganzen Lebenssystem etwas nicht mehr stimmt und sich die Krise schlimmer rächt, als von Politikern schöngeredet. Yourope brachte zwei Ursachen, die sich nur scheinbar widersprechen: Die einen werden depressiv, weil sie absolut keine Zukunft mehr sehen, weil sie in wirtschaftliche Not geraten sind, weil die Jugendarbeitslosigkeit gefährliche Ausmaße angenommen hat. Sie sehen keine Entwicklungschancen mehr und immer häufiger keinen Sinn des Lebens. Die anderen geraten in Depressionen, weil sie alles haben, alles können, die wahren Überflieger sind, oft aus wohlhabendem und behütetem Haus. Eine junge Frau brachte ihr Lebensgefühl auf den Punkt: In einer Welt, in der einem von allen Seiten gezeigt und erzählt werde, dass man alles schaffen könne, alles kaufen - da schlage die Verzweiflung zu, wenn man an irgendeinem Punkt mal nicht so gut und perfekt sei wie das Ideal. Der Turbokapitalismus verschlingt seine Kinder.

Und währenddessen schieben wir das alles fröhlich aufs Internet, die ach so bösen neuen Medien und den schlimmen Arbeitsstress. Wunderbar, denn so müssen wir nicht daran denken, wie viele Leute krank werden, weil sie gar keine Arbeit mehr haben, auch keine Aussichten darauf, in den nächsten Jahren überhaupt noch welche zu bekommen. Die Krise ist schlimm, die Verschuldung ist schlimm und es schimpft sich vortrefflich, wenn man ausblendet, dass sich in Griechenland und Spanien gerade reihenweise Menschen umbringen, während anderswo auf recht hohem Niveau gejammert wird.

Social Media eignen sich wunderbar als ablenkender Sündenbock. Aber wenn man jene Sendung gesehen hat, dann wurde einem eines klar: Depressiv und ausgebrannt werden nach jenen neuen Untersuchungen nicht diejenigen, die noch miteinander kommunizieren, sondern diejenigen, denen es entweder zu gut oder zu schlecht geht. Nicht dem Internet sind sie ausgeliefert, sondern dem Geldbeutel der Eltern, deren sozialer Herkunft und Lebensbedingungen. Unsere Modekrankheit Burnout ist, wie so viele psychische Störungen der Vergangenheit, die die Geschichte erledigt hat, womöglich eine gesellschaftliche Störung.

Absolut beeindruckend fand ich einen Selbsthilfeansatz aus England, der offensichtlich mit Erfolg betrieben wird. Die jungen Frauen, die das "erfunden" haben, trainieren sich nicht etwa Handy oder Internet ab. Nein, sie steigen auf eine verblüffende Art aus dem Hamsterrad aus: Sie gehen laufen. Sie treffen sich regelmäßig und rennen miteinander. Nicht schnell, nicht langsam und schon gar nicht gleichzeitig: Jede rennt so schnell, wie sie kann, wie ihr gerade danach ist. Da rast mal eine voran und wieder zurück, die nächste sitzt traurig auf einem Stein und macht ein paar Schritte - und alle nehmen sich in ihrer Tagesform und wie sie gerade sind. Gemeinsam machen sie die Pausen: Wenn alle das Rennen einfach Rennen sein lassen. Und sich statt dessen gegenseitig bestärken, annehmen und wertschätzen. Bei einer Tätigkeit jenseits des Drucks, den das Geld aufbaut. Geld, dass man entweder nicht hat oder von dem man zuviel hat - die Mitte der Gesellschaft  bricht schon seit Jahren weg. Sie verlassen wenigstens bildlich und kuzzeitig das goldene Hamsterrad, aus dem immer mehr Menschen herausstürzen, während wir verschämt wegschauen.
Und doch hilft das Rennen im eigenen Tempo nur dann, wenn diese jungen Leute wieder einen Sinn im Leben erkennen können und Chancen. Existenzangst macht krank und manchmal ist es die Krankheit zum Tode. In Europa immer häufiger. In manchen Ländern alarmierend häufig.

Nach dieser Sendung frage ich mich, ob es nicht Kalkül ist, alles aufs Internet und Social Media zu schieben. Das hält die Menschen so schön abgelenkt und unwissend. Wäre ja schrecklich, wenn wir über die Grundfesten unseres Lebens nachdenken müssten, anstatt einfach nonchalant ein Handy wegzuwerfen und etwas von Befreiung zu jodeln. Dass es solche Filme im späten Spätprogramm gibt, erfährt man zum Glück durch Social Media und das Internet.

Initiative / Themenschwerpunkt bei ARTE vom 27.-29.11. (ab heute): Why poverty?

Kleiner Hinweis in eigener Sache:
In meinem Buch "Faszination Nijinsky" geht es um einen weltberühmten Künstler, der wahrscheinlich an einer bipolaren Störung litt und mit "Schizophrenie" fehldiagnostiziert wurde. Im Anhang des Buchs führe ich ein äußerst aufschlussreiches Interview mit dem österreichischen Kurator Dr. Michael Braunsteiner über das Thema "Kunst und Wahnsinn". Braunsteiner hatte die weltberühmte Prinzhorn-Sammlung aus Heidelberg in einer Ausstellung nach Österreich gebracht. Prinzhorn sammelte sogenannte "Bildnerei von Geisteskranken" u.a. in der Klinik, in der auch Nijinsky behandelt wurde, sein Buch wurde zur "Bibel" der Avantgarde. Vom Kurator will ich wissen, ob der Mythos vom wahnsinnigen Genie stimmt - und ob psychische Störungen nicht auch von den Umständen ihrer Zeit abhängig sind, die sie besonders häufig diagnostiziert.

Kommentare:

  1. Ein sehr schöner Beitrag, liebe Petra.

    Leider habe ich die Sendung nicht gesehen, aber du hast sie mir jetzt auf jeden Fall schmackhaft gemacht.

    Dankeschön.

    Liebe Grüsse
    Dani

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  2. Dani,
    leider ist die Sendung auch nicht als Video bei ARTE abrufbar, so bleibt vieles hier natürlich ungesagt. Etwa, dass das Phänomen Depression natürlich in allen Alterstufen vorkommt und in den meisten Fällen nicht so eindeutig Ursachen zugeordnet werden kann wie in diesen europäischen Untersuchungen zu jungen Leuten.

    Depressionen können uns alle erwischen, viele Menschen hatten in ihrem Leben sogar schon vorübergehend eine, ohne deshalb als depressiv diagnostiziert zu werden. Manche leben ganz normal damit, anderen helfen nicht einmal die besten Therapien.

    Was mich bei der Sendung erschüttert hatte, war der sehr starke Hinweis, wie sehr doch "psychische Störungen" immer auch "Kinder ihrer Zeit" zu sein scheinen. Es kann jeden jederzeit erwischen, warum auch immer, manchmal einfach so. Es erwischt einen aber anscheinend sehr viel leichter, wenn die Lebensumstände dementsprechend sind.

    Das hat mich sehr an das Schicksal Vaslav Nijinskys erinnert, dem man damals, historisch bedingt aus Unwissen, die falsche Diagnose und falsche Therapien verpasste und den man damit in die endgültige Katastrophe trieb. Heute sind wir sensibler und begreifen, dass sich eine Seele unter Druck auch unübliche Auswege sucht. Aber immer noch allzu oft nimmt man das nicht wahr und dann sind die schnell konstruierten "Gründe" bei der Hand.

    Das hat mir bei den jungen Engländerinnen imponiert: Die haben es geschafft gehabt, sich aus solchen Zuweisungen zu befreien und einfach zu sagen: "Stopp. Unsere Seele ist hier im Spiel, das Wertvollste, das nicht mit Geld zu kaufen ist. Und diese Seele soll wieder spüren, welches Tempo ihr allein gut tut. Egal, was ihr von uns fordert oder was ihr uns verweigert."

    Herzlichst,
    Petra

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  3. Liebe Petra,
    Das habe ich bemerkt. Schade. Allerdings sind unter dem von dir angegebenen Link ein paar Ausschnitte der Sendung (?) online gestellt.
    Das ist zumindest etwas.

    Oh, und ich könnte ein Lied über pseudo-psychologische Kurzschlüsse singen; wie z.B. Videospiele, die Gewalt beinhalten, immer noch verteufelt werden. Sie seien der (einzige) Grund für aggressive Jugendliche. Darum bin ich als bekennender Videospieler eine Gefahr für die Gesellschaft -.-

    Mit deinem Nachtrag zur Befreiung von Zuweisungen hast du - wie auch schon im Artikel - sehr schön mit dem Finger aufs Kernproblem gezeigt. Und auf eine mögliche Lösung.
    Es ist gar nicht begreifbar, wo sich dieser Lösungsansatz überall anwenden liesse.
    Z.B. an der Uni, wenn einem durch die Blume vermittelt wird, dass längere Studienzeit Faulheit oder Ineffizienz bedeutet (zum Glück bilden meine Professoren eine Ausnahme).
    Oder dass man unfähig ist, wenn man sich nicht für ein bestimmtes Berufsfeld entscheiden kann. "Und was willst du später mal damit machen?" bzw. "kann man Geld damit verdienen" (füge den ungläubigen Unterton hinzu).

    Gruss

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