Die ruhig gespritze Literatur und das böse E-Book

Schnell heißes Wasser und Jod

"Hilfe, wir verlieren durch E-Books die Fähigkeit des linearen Lesens!" - "Ein Buch muss linear erzählt sein und dem Leser Zeit geben, sich in eine andere Welt vollkommen zu versenken. Sprünge und Unterbrechungen darf man sich nicht erlauben!" So und so ähnlich kann man die Befürchtungen auf den Punkt bringen, auf die ich bei den Recherchen zu meinem Essay "In der dunklen Höhle. Zur Zukunft des Buchs" auf Seiten der Ängstlichen und selbsternannten Bewahrer althergebrachter Literatur immer wieder stieß. Diese Ängste werden im Börsenverein ebenso ausgesprochen wie im führenden Feuilleton oder unter Leuten des Bildungssystems. Eine unterschwellige Furcht scheint durch Deutschlands Buchbranche zu geistern und ihre klebrigen Tentakel bis hinein in den Buchhandel und in große Verlagshäuser zu senken: Eine Geschichte, die nicht glatt und geradeaus erzählt wird, verunsichert die Leser. Könnte sie womöglich eines Tages sogar vergraulen oder gar ihrer Lesebefähigung berauben.

Das Beschwichtigungsextrem, das neben allen möglichen literarischen Traditionen aufgeschossen ist, feiert nicht von ungefähr Massenerfolge: der amerikanische Plot. Vorhersehbar wie die Daten einer Drehbuchsoftware aus Hollywood, heimelig und vertraut - jeder Backstein sitzt an seiner Stelle. Die wahren Meister lassen den ein oder anderen fehlen, herunterfallen - aber nur, um ihn unter viel Baulärm rechtzeitig wieder ordentlich einzumörteln und die Leser damit zu entlasten. Aaaaaah, stöhnen die, alles wieder in bester Ordnung! Geschichten als Fluchtpunkt mit Erlösungsgrantie. Wir beten die Linearität an; das Frey'sche System, das Leben in eine einzige Prämisse quetschen zu können, in die Schwarzweißmalerei zwischen Protagonist und Antagonist. Noch ein bißchen Heldenreise aus der Küchenpsychologie dazu - vom mythischen Vorbild hat man sich längst entfernt. Zu kompliziert für die "einfachen Gemüter". Die ja, glaubt man den Kassandren der Edelblätter, bald gar nicht mehr lesen können. Weil dieses böse Digitale sich an moderne Kommunikationsrituale annähern könnte. Da schiebt sich hier ein Bildchen ins Buch und dort wollen gar Leser eine Rolle vorherbestimmen. Musik oder Film im Buch? Schnell heißes Wasser und Jod! Das Elektronische zerstört unser Kulturgut! Das Elektronische ist der Untergang der Literatur!

Wie viel Schärfe verträgt ein Plot, bis das beschriebene Sujet banal wird? (PvC)

Erzählansätze: Bauchnabel oder Migration?

Seit einigen Tagen habe ich eine Gegenthese: Wenn uns überhaupt etwas zerstören sollte, dann ist es die bequemliche, erstarrte Sattheit unserer übermüdeten Kultur. Diese Haltung, was immer lief, müsse automatisch Erfolg produzieren; nur eingelaufene Schuhe seien wirklich bequem und darum müsse man im Vorhinein jeden Schuh gehörig einlaufen, um ihn denn überhaupt Schuh nennen zu dürfen. Selbst die Hochliteratur gefällt sich im Nachahmen von Tonarten. Man erkennt sich, weil das wie Leipzig klingt oder wie dieser Ort in Österreich; war da ein "K" drin - ach, Sie wissen schon, diese Intellektuellen-Soap, die keiner anschaut und über die alle lästern. Man kennt sich und seinen Bauchnabel. Man erkennt sich.

Durch einen meiner Leseschwerpunkte, die osteuropäische Literatur, entdecke ich zum Glück oft völlig andere Welten - die natürlich auch in deutschen Verlagen erscheinen, zumindest verspätet und auf Papier. Der Horizont weitet sich. Natürlich gibt es auf dieser bunten Erde noch jede Menge anderer Erzähltraditionen als die von uns vergötterte amerikanische. Die wir vielleicht vergöttern, weil unsere Vergangenheit die eigenen Wurzeln ausgerottet hat, die ganz Großen der Erzählkunst - und weil einige wenige Glückliche in die USA fliehen konnten, weil sie ihren Samen, Geschichten zu erzählen, in die neue Erde senkten, bis eine neue Literatur erblühte.

Eben habe ich eine geniale alte neue Erzählform entdeckt, im Buch "Hobo Blues" von William T. Vollmann (Suhrkamp), amerikanisch wie nur was. Eine Erzählform, die mir als Journalistin ganz besonders liegt und die mich in ihrem Changieren zwischen Fiktion und Tatsachenbericht, zwischen Autorenstimme und historischen Stimmen fasziniert. Das deutsche Feuilleton hat sich teilweise schwer getan mit dem Buch. Das macht man doch nicht! Entweder erzählt man Tatsachen oder schreibt einen Roman. Warum schreibt der Mann vom "Ich" und quetscht seine "Dus" nicht wie eine Zitrone wenigstens noch zu Halbsätzen aus?
Man nennt diese Form "literarische Reportage". Im Gegensatz zur echten Reportage darf sie noch subjektiver und vor allem sogar teilweise fiktiv sein. Bei Wikipedia lese ich, dass literarische Reportagen in Deutschland keine Rolle mehr spielten, wo sie in den 1920ern ganz ganz groß herauskamen. So viele zerstörte Wurzeln - nie wiederbelebt. Das Nachbarland Polen zelebriert sie (Ryszard Kapuscinski), leistet sich in einer der größten Zeitungen des Landes einen großen Stab an Reportern - nur dafür. Im deutschsprachigen Raum kauft man die Amerikaner dafür ein, ein Egon Erwin Kisch ist Geschichte.

Die Amerikaner haben schon immer fremde Literaturen in die eigenen Traditionen aufgenommen. Auch heute wieder sind es junge Schriftsteller mit einer "Migrantenliteratur", die Furore machen und das Buchgeschehen prägen: Jonathan Safran Foers oder Aleksandar Hemon sind zwei Grundpfeiler dieser Art von Literatur, die sich nach den Traditionen Osteuropas ausstrecken, nach den eigenen Wurzeln.

Mit einer Prämisse ruhig spritzen?

Wovor man hierzulande die größte Angst beschwört, das beherrschen osteuropäische Autorinnen und Autoren meisterhaft. Und sie zeigen, wie dumm und autorenfern Besserwisser urteilen, die glauben, es seien lediglich elektronische Entwicklungen und Technikkram, die eine Literatur veränderten, oder ein Leseverhalten. Literatur lebt, zumindest ist sie so lebendig wie eine Gesellschaft. Sie verändert sich, wenn sich Menschen verändern, wenn sich das Leben verändert. Als Autorin gebe ich Linearität nicht auf, weil ich die technischen Möglichkeiten dazu hätte oder weil mir meine Leser nicht mehr länger konzentriert folgen können. Ich breche die alten Formen, weil das Leben Brüche bekommen hat. Eine orientierungslose Zeit spiegelt sich in mäandernden Geschichten. Eine Existenz, die mit letzter Kraft Fragen hinausschreit, um sich zu spüren, lässt sich nicht mit einer Prämisse ruhig spritzen. Interessiere ich mich für Menschen? Für das Leben und den Tod, die Liebe? Dann darf ich wie diese Menschen stammeln, mich im Kreise drehen, wieder von vorn anfangen, Gedanken in die Runde werfen.

Ein großes Buch der letzten Jahrzehnte gibt es für mich. Die Polin Olga Tokarczuk hat mit "Unrast" (Schöffling & Co.) ein "Erzählgebilde" geschaffen, das in meinen Augen wie kaum ein anderes den Denkvorgängen nahekommt, die der moderne Mensch seit dem Internet pflegt. Ich habe in meinem Essay angerissen, warum ich diese Art des Schreibens für so ungeheuer zeitgemäß halte, so nah an uns jetzigen Menschen in der technisierten Welt. Olga Tokaczuk bricht alles, was wir uns unter einem "ordentlichen Roman" vorstellen - und sie tat das bereits 2007, in ihrem Land dafür mit einem der höchsten Literaturpreise ausgezeichnet.

Da ist eine Ich-Figur, die aus unterschiedlichen Lebensphasen erzählt. Eingestreut läuft eine vollkommen andere Handlung um einen Mann namens Kunicki ab, die zu einer Krimihandlung werden könnte, die auf alle Fälle die Geschichte einer Suche ist. Die Ich-Figur wiederum sammelt Kuriositäten, Enzyklopädisches. Winzige Textteilchen, kurz aufflackernde Bilder - und die gibt es auch ab und zu, die Bilder im Text. Keine Minute lang hatte ich in diesem bestens durchkomponierten, scheinbaren Chaos das Gefühl, die guten alten "heruntererzählten" Romane zu vermissen. Im Gegenteil. Hier hatte jemand endlich eine Sprache für meine Welt gefunden. Hier tastete sich jemand mutig in den Ausdruck unserer Unrast, unseres Getriebenseins, unserer Suchen, die manchmal so sehr ans Internetsurfen erinnern.

Eine Literatur der Brüche, der Suche

Im Moment lese ich einen Russen, der das noch früher und noch extremer versuchte. Wladimir Makanin: "Underground oder Ein Held unserer Zeit" (Luchterhand). Der Roman von 1998 spielt in der Zeit der Perestroika, der "Held" ist ein Antiheld, ein Schriftsteller des Untergrunds, der unter Breschnjew das Schreiben längst eingestellt hat und als Wohnungswächter eine Zeitlang seine eigene Obdachlosigkeit und innere Lähmung verbergen kann. Bis es ihn in Tiefen hinabreißt, die wir uns kaum vorstellen können.

Das Buch ist nicht einfach und schon gar nicht schnell zu lesen. Nicht etwa, weil Makanin nicht spannend und mitreißend erzählen könnte - im Gegenteil. Nein, das Buch ist einfach extrem dicht, verschiedene Kodierungen erzählen Geschichten auf mehreren Ebenen, wenn man sie zu lesen weiß oder lesen möchte. Ähnlich wie damals bei Ecos "Im Namen der Rose" kann man auch "Underground" vordergründig wie eine Geschichte lesen, in der Verbrechen vorkommen und sich ein Mörder verantworten soll. Ähnlich verweisen jedoch Zitate und Spiegelungen, ja sogar die Form auf andere Bücher und Geschichten. Es ist wie mit einer Verlinkung im Hypertext: Ich kann den Roman herunterlesen. Dann werde ich extreme Brüche erkennen, unerwartete Kompositionen. Scheinbar unlogische Zeitabfolgen - und trotzdem gut unterhalten werden. Ich kann mich auf einige dieser Kodierungen oder Links jedoch auch einlassen. Intertextualität nennt man das in der Fachsprache: Jeder Text steht in einem Bezugsgeflecht zu anderen literarischen Werken und Traditionen.

Unser Underground-Held vollzieht in diesem Buch tatsächlich auch im Wortsinne einen Abstieg in die Unterwelt, der in der U-Bahn endet. Das ist Dante in Moskau, das ist die neue Form, solche alten Wahrheiten zu erzählen. Da ist aber auch der archaische mythische Held im Labyrinth - oder im verschachtelten Plattenbau. Der Abschnitt "Hunde-Scherzo" - völlig neu und anders liest er sich, wenn man Bulgakows Meistererzählung "Hundeherz" kennt, da ist "Krankensaal Nr. 1" in Anlehnung an Tschechows "Krankensaal Nr. 6". Und ein eindringliches Kapitel, das in einer Irrenanstalt spielt, nimmt Bezug auf eine Gulag-Erzählung Solschenizyns. Dass man das Buch derartig "verlinkt" auch lesen kann (und ohne dieses literarische Wissen trotzdem versteht), sagt der Titel. Er nimmt Bezug auf Dostojewskijs "Aufzeichnungen aus dem Untergrund" und Lermontows "Ein Held unserer Zeit". Für russische Leser sind all diese Texte Schulstoff, sie sind vertraute Klassiker. In Russland hat sich eine Tradition herausgebildet, Bücher nicht linear und vordergründig herunterzulesen, sondern nach Schlüsseln und Symbolen zu suchen, zwischen die Zeilen zu schauen. Eine Folge der Zensur: Eine Literatur, die den Lebensbedingungen folgte.

Dies sind einige ganz wenige, willkürlich herausgegriffene Beispiele, die mir zeigen, was Literatur alles wagen kann und nicht nur wagen darf, sondern muss, will sie lebendig bleiben. Der glattgebürstete Superplot in drei Akten ist nicht alles. Es wäre ja schön, wenn die Welt so einfach wäre und das E-Book und neue technische Geräte uns lehren könnten, wie wir neue Literaturformen entwickeln könnten! Aber wir sind doch im Grunde nur bequem, setzten das Altvertraute in Bits um. Diejenigen, die wirklich wagen und experimentieren und eine völlig eigene Erzählweise entwickeln, schaffen das jedoch lange vor der schnöden Materie, sogar vor dem Papier. Literatur entsteht nämlich im Kopf. Wir finden nur dann eine neue Ausdrucksweise für unsere Zeit und unsere Bedürfnisse, wenn wir uns innerlich von all dem lösen: den Materialien und Medien, den bequemen Instant-Anleitungen, dem Marktgeschrei und Branchengesabber. Ich möchte so weit gehen zu behaupten, Literatur entsteht nicht am Buch, sondern am Menschen.

Zur FB-Diskussion

Update: Offensichtlich liegt das Thema gerade in der Luft, Roger Ebert schreibt in der Chicago Sun Times über das Gequengle nach Linearität im Film.

Kommentare:

  1. Die Perfektionistin in mir kreischt angesichts des fehlenden "t" im Titel - aber Überschriften sind leider nachträglich nicht editierbar. Also: nicht gerührt, nicht geschüttelt, sondern gespritzt! ;-)

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  2. Aus der Seele gesprochen.
    Literaturuniformierung - Schemadenken - vorhersehbare Langeweile und Schlichtheit.

    Liegt im Erkennen dessen nicht schon die Chance?

    Mercy, Madame
    und ein Gruß
    Elke

    PS: Ich schenk dir noch ein 't'.
    Doppelt genäht, hält besser ...

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  3. Ganz bestimmt, liebe Elke. Ich tu mich nur leider als Leserin immer schwerer, die herausfordernden Perlen zu finden im Wust des Glattgebügelten. Oben genannte Bücher hätte ich nie in Buchhandlungen entdeckt, das waren die besonderen Tipps, wie sie die Stadtbibliothek regelmäßig präsentiert. Manchmal ist da auch nichts dabei, aber diesmal gab's nur Volltreffer.
    Schöne Grüße, Petra

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