rülps kotz spuck spei!

Meine Eltern haben mir verboten, so zu reden. Deshalb war ich als Kind so fasziniert von diesem Inhalt einer Sprechblase (und deshalb poste ich das heute öffentlich ohne Hemmungen). Es handelt sich um einen Ausspruch von Donald Duck oder Tick, Trick und Track, den sie tätigten, als Onkel Dagobert mal wieder in irgendeinem exotischen Dschungel knauserte. Man kennt das: Eine Entenfamilie, die sich sonst von leckeren, mit viel Liebe selbstgemachten Pfannkuchen  ernährte, musste plötzlich auf zwielichtigem, undefinierbaren, weil irre billigem Zeug herumkauen. Echter Rattenfraß eben.

Fast Food, nein danke! Foto: tutto62/pixelio.de
Ich habe heute einen Fehler begangen. In der Hoffnung, den Osterwahnsinn zu umgehen und Benzin zu sparen, bin ich in den nächsten Supermarkt in einer elsässischen Kleinstadt gefahren. Keiner dieser viel zu großen Hypermarchées, aber ein ordentlich großer. Firmennamen will ich nicht nennen, denn das Trauerspiel ist inzwischen überall dasselbe. In den 1980ern bin ich selbst von Schwaben aus einmal im Monat nach Frankreich gefahren, um endlich mal wieder ordentliche, frische und feine Nahrungsmittel zu bekommen. 1989 wanderte ich endgültig ins Land der berühmten Küche und hohen Lebensqualität aus und ließ es mir gut gehen. Ich schrieb sogar ein Buch über das Elsass mit eigenen Kochrezepten, das die Fülle der Traditionen zeigte und aus dem überraschend viele LeserInnen genussvoll nachkochten.

Inzwischen ist viel passiert. Kurz nach Erscheinen des Buchs starben die Traiteure um mich herum wie die Fliegen, Märkte gingen ein, Preise stiegen und auf elsässischen Heiratslisten standen ganz vorn zwei Geräte: die Mikrowelle und die Brotmaschine. Restaurants, die seit Jahrzehnten für ihre wunderbare, bodenständige Küche berühmt waren, stellten um auf Tiefkühllieferant und Convenience Food. Natürlich gibt es sie noch heute - die kleinen Läden mit der erlesenen Frischware. In den größeren Städten wie Strasbourg. Und zu Preisen, die sich immer mehr Menschen nicht mehr leisten können. Inzwischen halten viele Franzosen selbst in den Städten Karnickel und entdecken den Anbau in Blumentöpfen. Denn der Wochenendeinkauf kostet - in meiner Region - locker das Dreifache von dem in Deutschland. Bei viel niedrigeren Löhnen.

Beim Blick auf den Benzinpreis beschloss ich, nicht meinen elsässischen Freunden zum Gourmeteinkauf in der nahen Pfalz nachzufahren. Dementsprechend war der Laden hier leer. Wo ich einst fangfrischen Hecht, Zander oder Spezialitäten wie Lotte bekam, roch das Angebot diesmal wenig vertrauenserweckend. Es müffelten Filets aus globalen Kloaken, Pangasius, Nilbarsch aus jenem Sklavensee in Afrika, Crevettes aus der Zucht. Unter 20 Euro das Kilo - da ist eigentlich nur noch Dreck zu kriegen. Und weil die Elsässerin alles mundgerecht möchte, die Verkäuferinnen nicht mehr fürs Fischeausnehmen bezahlt werden, gibt's Filets, denen man nicht ansehen kann, ob die Fischaugen schon trübe waren. Was waren das noch für Zeiten, als man mit dem Fischverkäufer diskutierte und juxte und sich ein feines Menu zusammenstellen ließ, inklusive der besten Rezepte!

Das Fleisch verstecken sie gleich in Marinade, immer bunter, immer dicker, denn das bißchen, was noch roh und rein hinter der Theke liegt, hat auch schon bessere Tage gesehen. Immerhin sind sie schon so unverschämt geworden, dass sie zu Weihnachten das Wildschwein aus Osteuropa und zu Ostern die Lammkeulen aus Neuseeland gleich eingeschweißt auslegen! Auch das hat wahrscheinlich seinen Sinn, denn nicht viele Menschen können knapp 25 Euro für ein Kilo Fleisch hinblättern. Aber bitteschön, wieso essen wir eigentlich Fleisch aus fernen Ländern? In meinem Dorf verdienen sie sich die goldene Nase mit den Sonntagsjägern aus deutschen Großstädten. Wo bleiben eigentlich die Wildschweine, die sich hier viel zu sehr vermehren? In meinem Nachbardorf ist eine große Schafzucht. Wo bitte bleibt deren Fleisch? Es ist kein Aprilscherz - deren Fleisch wird exportiert.

Importiert wird dann tüchtig aus Spanien - all das totgespritzte Gemüse. Immerhin hatten sämtliche Tomaten einen echten Frostschaden, dafür sah der Brokkoli aus, als habe man ihn mit Atomkraft gedüngt. Der Salat kostet das Doppelte wie beim Pfälzer Bauern und hält dafür nur 20% so lang. Die Karotten hatten einen Ansatz zum Schwarzschimmel. Die Französinnen griffen lustig und bedenkenlos zu. Wo sind all die Leute geblieben, von denen ich so viel lernen konnte? Die mir zeigten, wie man mit der Nase Frische prüfte, wie man richtig auf Melonen klopft und wie man Schnittstellen überprüft? Wenn ich das heute mache, schaut man mich an, als käme ich vom Mars. Friss oder stirb, aber guck die Ware nicht so kritisch an!

Wenn man sie denn anschauen könnte. Ein für die Osterfeiertage aufgefüllter großer Supermarkt hat nicht mal Würfelzucker. Ein Produkt, das ich immer noch nur in Frankreich kaufe: Rohe Klumpen braunen Rohrzuckers. Aber das Zeug ist extrem viel teurer geworden. Und vor allem selten, ständig ausverkauft! Man steckt Zuckerrohr nämlich neuerdings lieber in den Tank, angeblich "bio", angeblich ökologisch. Maschinen laufen lassen mit Lebensmitteln. Was braucht der Mensch Zucker, ist doch eh ungesund, ist auch sowieso neuerdings noch eine Zuckersteuer drauf, damit man das Zeug ganz sein lässt. Damit man mehr Energie gewinnen kann. Da kassiert der Staat dann noch eine Steuer.

Vorbei auch die Zeiten, als ich fünf Sorten italienischen Espresso bekam. Heute fördert man die heimische Kaffeerösterei, die schon vor Jahrzehnten Junk in die Tüten steckte. Jetzt gibt es Wellnesscafé mit diesem Zusatzstoff und aromatisierten Café mit jener Chemiebrühe. Überhaupt wird alles mit Zusatzstoffen angereichert, mit Aromastoffen totgespritzt. Nicht einmal mehr im Pfirsichlikör für den Crémant ist Pfirsich drin. Und der Beipackzettel auf den Industrie-Croissants liest sich, als würde man Haarfärbemittel kaufen. Convenience-Food allüberall und das Choucroute oder die Köstlichkeiten im Brotteig aus der Großfabrik macht man längst in der Mikrowelle heiß. Das von mir in meinem Buch beschriebene uralte Dessert namens "Schwimmende Insel" kommt heutzutage portionsabgepackt von Nestle.

In meiner Küche liegt ein Prospekt für Hofverkauf und "Naturware". Im Nordelsass sieht's düster aus. Immerhin der Ziegenbauer, zu dem ich 40 Minuten fahre ... Dort gibt es auch eine Forellenzucht mit gar feinsten Zubereitungen und Räucherwaren, wenn man denn rund 40 Euro pro Kilo bezahlen will. Fisch aus ach so grüner Natur, so frisch, so gesund, aus reinstem Vogesenquell. Jemand gab mir den Tipp, die Supermärkte zu zählen, in denen man die Ware dieser Zucht findet, allesamt große Ketten. Die vorrätige Ware in so einem Laden mal durchzuzählen. Hochzurechnen. Zufällig kenne ich die Gewässer. Die Fläche. Pangasius lässt grüßen. Massentierhaltung im Naturpark. Und dieser miese, unappetitliche Supermarkt im Nachbarsstädtchen führt das nun auch.

Ich träume von naturbelassener Nahrung. Von Frische. Ich träume von heimischen Produkten, all diesen französischen Spezialitäten, regionalen Köstlichkeiten, die sie irgendwo heimlich verkaufen müssen - oder womöglich exportieren. Ich träume davon, mein Lammfleisch von den Schafen zu bekommen, die hier auf den Wiesen weiden. Ich träume von einem Baguette à l'ancienne, das mich nicht zum Kauf einer Brotmaschine verführt. Ich träume von Weichkäse, der nicht mehr in Stücken abgepackt in Folie schwitzt, weil man sich das Personal spart. Ich träume von Agrarprodukten aus dem Agrarland Frankreich, nicht vom Raubbau für "Biobenzin". Im Fernsehen kommen immer häufiger kritische Berichte, die einem das Vegetarierdasein schmackhaft machen sollen. Aber was bitte soll ich dann essen, wenn die Pflanzen genauso geschunden werden, wenn auch das Fleischlose zum Rattenfraß verkommt?

Wein habe ich gekauft. Damit kann man sich den unsäglichen Zustand der heutigen französischen Küche zum Glück immer noch schöntrinken. Die UNESCO wird wissen, warum sie die Französische Küche wie eine bedrohte Tierart unter Schutz gestellt hat. Solange uns die Nahrungsmittelindustrie derart fest im Griff hat und auf unsere Kosten zockt, gleicht sich die Misere weltweit an. Pangasius for everyone.

Kommentare:

  1. Mir aus dem Herzen geschrieben, Petra! Ich wundere mich schon seit Jahren, warum mir nichts mehr schmeckt und warum mir auch das Kochen immer weniger Spaß bringt. Erst gestern war ich in unserem relativ neuen großen SuperKauflmarkt, weil ich Zwieback, Zucker und einen Klebestift kaufen wollte. Zwieback und Zucker habe ich gar nicht erst gefunden, dafür ganz viel von dem gesehen, was du beschreibst. Statt des Zwiebacks gab es eine ganze Ladenreihe mit Knäckebrot. Den italienischen Espresso musst du zwischen all den Pads und Milchkaffeepackungen entdecken. Um Wurst, Fleisch und Käse mache ich einen großen Bogen, auch das Nichtabgepackte schmeckt nach Gummi. Ih! Der Klebestift war das einzig reelle, und an der Butter kann man wohl nicht so viel falsch machen. Wenn man sie mal für 85 Cent ergattert, ist man selig! Karotten, wie wahr, kürzlich waren sie schon nach einem Tag verfault. Allein beim Aldi und beim Türken in Calw kriegt man noch anständiges Gemüse, naja, wie anständig es vom Aldi ist, wäre noch zu prüfen ...:-)
    Vorbei die Zeiten der richtigen Hühner und der richtig guten Eier vom Markt. In der Großstadt scheint es einfacher zu sein. Mein Bruder fährt mit dem Fahrrad extra zum Markt, um frische Klumpenbutter zu kaufen. Ich könnte noch ewig weitermachen. Wir halten uns an Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln und italienische Spagetti. Beim Metzger kriegt man wenigstens noch echtes Hackfleisch, ohne Sauerstoff. Durch die Supermärkte renne ich inzwischen, wenige Sachen im Fokus und nix wie raus. Eine Kette gibt es, die noch ein ganz klein wenig Wert auf Qualität legt, aber die ist auch nicht immer erreichbar.

    Herzlichst
    Christa

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  2. Liebe Christa,
    als ich den Beitrag schrieb, hatte ich zwei Befürchtungen:
    1. dass nur ich mäkelig bin
    2. dass man mir anlastet, ich würde das Elsass schlecht machen wollen.

    Das Echo bei Twitter und FB zeigt, dass es sich wirklich um ein "globales" Phänomen handelt, wobei ich mich frage, wie lange wir Verbraucher das noch mitmachen? Da hängen ja noch jede Menge ethischer Probleme mit dran wie Sklaverei, Bodenverbrauch, Landzerstörung, Artenschutz und und und und.

    Mich schockiert besonders, dass nun auch die Länder auf den Hund gekommen sind, die für ihre Genussfreudigkeit und Küchen berühmt wurden. Italien fiel bereits mit den Müll- und Mozarella-Skandalen, über Frankreich wagen noch nicht so viele, laut zu reden. Wobei im Land selbst heftig geklagt wird, aber von Minderheiten.

    Dein Klebstift brachte mich zum Lachen. Manchmal ist der Unterschied zum "Lebens"mittel nicht mehr groß ...

    Aber wo geht man hin? Die Elsässer hier tatsächlich zum Aldi Nord in der Pfalz, wo man wunderbare BIOware bekommt. Zur Tour bei den Bauern - aber auch die kaufen oft zu und woher? Markt, wenn man zufällig frei hat zu der Zeit. Aber seit ich in der Markthalle Hagenau die alten Wibli mit den freilaufenden Hühnchen ertappt habe, wie sie heimlich das Huhn aus dem Sonderangebot von Auchan auspackten ... danke.

    Die arbeitende Bevölkerung ist auf Supermärkte angewiesen. Und immer mehr Menschen können sich die astronomischen Preise nicht mehr leisten. Derweil hungert die Menschheit weltweit weiter, obwohl wir technisch und wissenschaftlich in der Lage wären, alle zu ernähren. Aber stattdessen verarbeiten wir Lebensmittel zu Tode, pumpen unsinnige Materialien, Energie und Wege hinein. Bauen in Entwicklungsländern und auch hier SPRIT an, auf Böden, die für Monate absolut tot gespritzt wurden.

    Wir brauchen keine Aufkleber für Fettgehalt, sondern Aufkleber für den ökologischen und ethischen Grundumsatz. Dann würde es erst richtig lecker!

    Herzlichst - und trotzdem guten Appetit an Ostern!
    Petra

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  3. "und trotzdem guten Appetit an Ostern!"-ja, genau - ich muss ja nachher noch einkaufen. Mal sehen, was eim Blick durch die Klarbrille noch übrig bleibt!:-)

    Christa

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  4. Liebe Petra, diese Veränderungen in der Esskultur in Frankreich fielen uns vor einigen Jahren auch schon öfter auf - z.B. Fisch, der eklig nach Chlor stank ... während parallel dazu in unserem kleinen norddeutschen Städtchen die Möglichkeiten, gute Lebensmittel zu besorgen, immer besser wurden: Zwei Bioläden,ein Wochenmarkt, auf dem man die Dorade frisch geschuppt bekommt (naja, das unvermeidliche Pangasiusfilet gibt´s auch), ein Supermarkt,der nicht nur an Ostern Lammfleisch hat. Mehrere Biobauern mit Hofläden im Umland.
    Aber die Realität ist auch das, was heute in der Zeitung zu lesen war: Das Milchgeschäft lohnt nicht mehr, da wird dann eben die Milch in ihre Bestandteile zerlegt, und die asiatischen Märkte sollen mit Laktose versorgt werden. Wir sind hier ja schon damit überversorgt - Laktose ist selbst in Wurst und Brot und sogar Knäckebrot reichlich vorhanden, und da wundert man sich, warum immer mehr Leute eine Laktose-Intoleranz haben. Tja, wennn die doofen Europäer u.a. deshalb immer weniger Milch kaufen und auch ncoh den Joghurt meiden müssen, dann weichen wir eben auf Asien aus! http://tinyurl.com/bu6buw2
    Dolle Investition, wo vermutlich aus genetischen Gründen nur 6% der Asiaten Milch vertragen: http://www.zeit.de/zeit-wissen/2011/05/laktoseintoleranz

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  5. Ja, liebe Elisabeth, kürzlich kam auch ein Bericht, wie die reiche, übersatte Welt afrikanische Kleinbauern kaputt macht und ganze Landstriche dort in noch schlimmere Armut stürzt, weil die EU all die Hühnerteile gefroren zum Spottpreis auf den afrikanischen Markt wirft, für den sich westliche KöchInnen zu schade sind. Man zerteilt doch kein Huhn mehr selbst, macht doch Arbeit und wie geht das überhaupt? Dafür gibt man sich dann das Gutmenschen-Image, man tue doch damit aktiv etwas gegen den Hunger in Afrika und schließlich verschenke man die Ware ja fast, was denn die aufgebrachten Afrikaner zu meckern hätten. Und jede Hausfrau, die zur abgepackten Hühnerbrust greift, macht sich indirekt mitschuldig.

    Man kann gar nicht so viel kotzen, wie man müsste ...

    Ich empfehle übrigens zum Thema industrielle Nahrungsmittel das Satireformat "Da wird mir übel" auf ZDFNeo! http://neo.zdf.de/ZDFde/inhalt/20/0,1872,8091188,00.html

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  6. Wir werden seit über einem Jahr von einem regionalen Anbieter einmal wöchentlich mit einer Biokiste mit Obst, Gemüse und Käse beliefert. Ist ein wenig teurer als im Supermarkt, was man aber wieder dadurch spart, dass man sehr viel bewusster kocht und isst und nichts mehr wegwirft (oder vergammelt wegwerfen muss).

    Frohe Ostern!
    Luise

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