Haben Bücher ein Verfallsdatum?

Vor mir liegt ein Packen alter Bücher, die man heute als "Sachbuch" einordnen würde. Beim Lesen fällt mir auf: Kein Genre scheint derart extrem altbacken werden zu können wie das Sachbuch. Das ist etwas anderes als in der Belletristik, wo mir Erzählgewohnheiten vielleicht als "altmodisch" auffallen können. Etwa, wenn ich mit "lieber Leser" angesprochen werde oder wenn die Sprache altertümlich klingt. Das ist jedoch kein Hinderungsgrund, solche Bücher nicht nach wie vor zu genießen: Belletristik behandelt die ewig großen Menschheitsthemen, die sich nicht wirklich durch und durch ändern. Dostojewskijs "Spieler" etwa sitzt auch in heutigen Casinos herum.

Beim Sachbuch hingegen passiert zweierlei. Die Art, jemandem von Fakten zu erzählen, ändert sich im Verlauf der Jahrhunderte teilweise grundlegend. Vor allem aber ist die Art, wie ein Autor Fakten auswählt und bewertet, abhängig von der Zeit und Gesellschaft, in der er lebt. Wer viel geschichtlich Relevantes recherchiert, der weiß, wie wichtig es ist, auf das Herausgabedatum eines Buchs zu schauen. Es ist nicht egal, ob ein Sachbuch 1870 in Frankreich erschien oder 1937 im Deutschen Reich. Ältere Sachbücher zu lesen bereitet doppelt Mühe: Neben den einfachen Lesevorgang muss das eigene Bewerten treten. Dazu braucht man eine gewisse Sachkenntnis der jeweiligen Zeitumstände. Propaganda durchschaut man nur mit einer gewissen Bildung - gestern wie heute.

Vor mir liegen ein paar Extrembeispiele. Das liegt zum einen am Thema: Es geht um Russen im westlichen Ausland - wie wir alle wissen, waren diese Beziehungen durch die Geschichte hindurch allzu oft problematisch. Zum anderen liegt es an der Regionalität: Nicht jeder Autor ist wirklich erfahrener Buchautor - hier schreiben Lehrer, selbsternannte Spezialisten, Lokalchronisten. Sie alle leisten wertvolle Arbeit, indem sie Quellen für die Nachwelt überliefern. Aber sie schreiben zwischen zwei Pappdeckeln nicht unbedingt ein "richtiges Buch". Und schließlich sorgt die Zeitspanne für Zündstoff, weil es grob vom Ende des 18. Jahrhundert bis ins zwanzigste geht. Das ist eine Zeit voller unseliger Kriege, eine Zeit einer uns inzwischen fast unbekannten Geistesgeschichte. Nie erlebten Europa und Russland derart extreme Umwälzungen in den Gesellschaftssystemen, den Arbeitsverhältnissen, dem Verhältnis von Mann und Frau, in Technik, Kultur und Kunst. Und all dies, in sich schon kompliziert genug, wird von Autoren bewertet, die den nötigen Abstand nicht haben. Sei es, dass sie innerhalb eines Propagandasystems veröffentlichen, sei es, dass sie sich schwärmerisch den Blick auf die Wirklichkeit selbst verstellen.

Es ist schon hart, was da auf meinem Schreibtisch liegt. Einem Autor merke ich sofort an, dass er evangelisch ist und einen Faible für die pietistischen Schwaben hat. Die werden darum auch so dargestellt, als hätten sie das Badische förmlich überrannt, um ihm irgendein zweifelhaftes Heil zu bringen. Da spritzt offen der Katholikenhass in den Aussagen, auch in denen, die mit Religion nun wirklich nichts zu tun haben dürften. Richtig abstrus wird es dann, als er Turgenjew zu einem bekehrten Vorzeigegermanen machen will und über seine russischen Zeitgenossen nur so herzieht. Ein Blick ins Impressum verwundert mich - das Buch erschien Anfang der 1980er! Doch dieser Autor sülzt mir allzu selbstherrlich in abstrusen Aussagen herum und serviert in einem unerträglich betulichen Stil schlichtweg Propaganda. Ich recherchiere ihm nach. Mein Gefühl trog mich nicht. Das Buch erschien 1937. In dieses menschenverachtende System passt es haargenau hinein. Wie aber hat man das in den 1980ern so kritiklos neu abdrucken können?

So ein Buch hat eindeutig sein Haltbarkeitsdatum hinter sich gelassen. In unserer heutigen Zeit wäre es unverantwortlich, den Text ohne Kommentare oder erhellendes Vorwort überhaupt noch einmal zu drucken. Privat könnte ich diesem Autor den Stinkefinger zeigen und das Buch dem Vergessen übergeben. Beruflich muss ich es leider trotzdem lesen. Einfach weil dieser Mensch aus sehr viel älteren Quellen zitiert, die in dieser Fülle nicht mehr aufzufinden sind. Das Problem ist, dass es zu wenige Bücher zum Thema gibt. Jedes Fitzelchen Information, jeder Hinweis auf Namen oder Werke kann wertvoll sein, um danach zielgerichtet in den Archiven zu suchen. Denn die sind noch nicht digitalisiert. Aber wie liest man so ein Buch, ohne ihm auf den Leim zu gehen?

Hier muss ich als moderne Leserin die Geschichte kennen. Ich muss genug Bescheid wissen, um Propaganda zu durchschauen, um zu wissen, wie es wirklich war. Im Prinzip muss ich alles, was dieser Autor schreibt, hinterfragen. Ich darf ihm gar nichts glauben. Ich habe Zitate aus alten Quellen, zeitgenössischen Quellen. Ich weiß, dass er sie meist falsch bewertet, im Sinne der Nazis. Dadurch ahne ich aber auch, dass die Zitate vielleicht absichtlich aus dem Zusammenhang gerissen wurden. Was mag im Urtext tatsächlich stehen? Es ist eher ein Erahnen und Stellensuchen denn ein Lesen.

In einem anderen Buch wird nur so geschwärmt. Man will nichts auf die eigene Region kommen lassen, man wähnt sich selbst im Zentrum der Welt und baut sich in der Schwärmerei ein künstliches Märchenreich zusammen, in dem weder Blut fließt, noch Hass zwischen Menschen denkbar ist. Zwei Jahrhunderte erscheinen wie eine einzige glitzernde, heiße und nahrhafte Suppe. Wie Croutons schwimmen darin die ewig gleichen Namen von Berühmtheiten herum, natürlich alle männlich. Ein Schwein, das einen jungen Mann vom Lynchmob lebendig zerreissen ließ, wird zur niedlichen Gesellschaftsanekdote. Das Heimwehzitat einer Herrscherin, die unter den Intrigen am Hofe litt, wird umgewidmet in Urlaubsfreude.

Und weil alles so herrlich ist und so schön und reich, werden die handelnden Menschen zu Schablonenfiguren, zu Pappkameraden. In der Belletristik kennt man das vom Genre des Trash. Aber Trash gibt es auch im Sachbuch. Solche Bücher lesen sich leicht und unterhaltsam, vor allem, wenn man der gleichen Schwärmerei verfallen ist wie der Autor. Dumm nur, wenn diese Art der freundlichen Gehirnwäsche nicht mehr à la mode ist. Wenn die Leser in einer Zeit leben, in der man diese Schwärmerei nicht mehr nachvollziehen mag. In der man solche Autoren mitleidig belächelt - sie haben es womöglich einfach nicht besser gewusst? Solch ein Sachbuch wird unglaubwürdig mit der Zeit. Märchen werden entmystifiziert. Was bleibt, ist genauso schwierig zu lesen wie politische Propaganda. Wo ist der wahre Kern, welches sind die echten Fakten? Wann hat der Autor durch die rosarote Brille völlig verkehrt auf die Wirklichkeit geschaut?

Da lobe ich mir noch die alten Chronisten, die minutiös bis zur Langeweile ihre Preise für Brennholz und Brot zusammengetragen haben, die Personenlisten von Hotels abschrieben oder sich in Diskussionen ergingen, warum irgendein Ort plötzlich gemieden wurde. Ihre Bücher sind meist - falls man nicht selbst ein Chronistengemüt hat - unlesbar und stinklangweilig. Ihnen fehlt oft der Blick für das große Ganze, für die Zusammenhänge. Sie ordnen selten das Lokale ein in die große Geschichte und Politik. Aber sie liefern Quellen und Zitate, Kleinigkeiten, die das eigene große Bild abrunden. Sie ersparen einem Archivgänge, weil man zuerst einmal einen Überblick über den sonst ungeordneten Stoff bekommt. Weil man lernt, wo man für die eigene Recherche ansetzen muss. Das Lesepublikum solcher Chronisten mag enorm klein sein - ihre Bücher veralten trotzdem nicht. Sie überliefern das Wissen, wie es zur Lebenszeit des Autors vorhanden war. Sie halten fest, was die lesbaren großen Bücher nicht beachten können, weil es zu kleinkariert wäre.

Irgendwann wird die Autorin des 21. Jahrhunderts vielleicht all diese Sachbücher gelesen, ausgewertet und selbst in den Archiven in Originalquellen recherchiert haben. Sie wird in einem völlig anderen Stil schreiben. Einem Stil, der wie bei Sachbüchern heute üblich, ein weit größeres Publikum anpeilt. Ein Publikum, das nicht nur lernen will, sondern vor allem unterhalten werden möchte. Ein Publikum, das in der Schule nicht mehr alles so selbstverständlich gelernt hat wie einst.

Diese Autorin wird ihre Quellen ebenfalls nur vermeintlich objektiv beurteilen können. Sie wird kritisch Aussage gegen Aussage stellen, hinterfragen, an Fassaden kratzen. Und doch ist auch diese Autorin ein Produkt ihrer eigenen Zeit, ihrer Bildung, ihrer Lebensumstände und ihres Denkens. Auch sie wird kein objektives und zeitloses Sachbuch schreiben können, denn sie ist auch nur ein Mensch, der auswählt, bewertet, eine eigene Meinung hat, ein eigenes Erzählziel. Vor allem aber wird sie, wie alle Autoren vor und nach ihr auch, an manchen Stellen irren.

Wie lange ist ein Sachbuch haltbar? Kann ein Sachbuch irgendwann völlig "out" sein?
Ich würde die Frage nun gern anders formulieren: Wie viel brauchbare Substanz kann sich auch in einem veralteten Sachbuch überliefern? Wie schaffe ich es, meinem Sachbuch möglichst viel von dieser Substanz zu verleihen? Wie komme ich dem nahe, was zunächst nur Beweggrund der Belletristik zu sein scheint - wie nähere ich mich den großen Menschheitsfragen, den großen bewegenden Themen in meinem "kleinen" und zeitabhängigen Thema? Und wie erzähle ich davon so, dass man es nicht nur studiert, sondern womöglich nachfühlen kann?

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