Das Trüffelschwein schnüffelt

Es gibt Leute, die legen Tarotkarten oder schauen in Kristallkugeln, um in die Zukunft zu sehen. Ich habe ein ähnlich schlimmes Laster - ich schnüffle gern nach Talenten, aus denen einmal etwas werden könnte. Nicht, dass sich jetzt alle Unentdeckten dieser Erde bei mir melden - das funktioniert garantiert nicht! Nein, ich muss zufällig "über Leute fallen" und dann muss zufällig mein rechter kleiner Finger jucken. Wenn er ganz fürchterlich juckt, versteige ich mich in einer Kritik schon einmal zu waghalsigen Prophezeiungen nach dem Motto: "Den Namen wird man sich merken müssen!"

Zum ersten Mal ist mir das passiert, als ich fürs Feuilleton mit ein paar wortkargen Jungs Bier saufen musste (was tut man nicht alles für den Beruf), damit die Jungs gesprächig genug für ein Interview werden würden. Eigentlich hatten sie wahrscheinlich nur Lampenfieber, denn ihre Band war absolut neu, absolut unbekannt und die Journalistin in der braven Bürgersstadt sah auch nicht aus, als schlage sie sich regelmäßig die Nächte auf Rockkonzerten um die Ohren. In der Redaktionskonferenz am nächsten Tag schauten mich die Kollegen überrascht an. Ich hatte mich dazu verstiegen, der Öffentlichkeit kundzutun, sie würde sich den Namen "Fury in the Slaughterhouse" dringend merken müssen. Das war 1987.

In loser Abfolge ist mir das immer wieder einmal passiert. Ich kann frech behaupten, einige große Schauspieler, Regisseure oder Musiker seien von mir entdeckt worden. Aber nein, das wäre natürlich vermessen, denn groß wurden sie ja nur, weil eine ausreichende Masse von Menschen sie und ihr Talent wahrgenommen hat. Außerdem irre ich mich extrem oft. So mancher ist heute sehr berühmt, über den ich stöhnte: "Wie kann man nur so einen seichten Trash auf Publikum loslassen?" Ich formuliere also um: Ich habe mich mit meiner Meinung in Kritiken oft schneller aus dem Fenster gelehnt, als andere Kollegen sich das getraut haben. Mit einer höheren Treffsicherheit als beim Tarot - immerhin.

In diesem Jahr ist es wieder passiert. Dem Trüffelschwein juckte unversehens mehrmals der rechte kleine Finger. Einmal lief er sogar heiß, aber vergebens, denn das traumhaft spielende Szymanowski Quartett ist bereits international bekannt und renommiert (Geheimtipp: im nächsten Sommer wieder beim Internationalen Musikfestival in Wissembourg zu hören).

Ich möchte in loser Folge hier im Blog meine Entdeckungen des Jahres vorstellen. Das Feuilleton hat sie noch nicht entdeckt, aber das mag daran liegen, dass das Feuilleton sich heutzutage keine Trüffelsuche mehr leistet und lieber risikolos bringt, was alle bereits kennen. Es handelt sich bei meinen Entdeckungen um einen Ausnahmemusiker und zwei Literaten. Die beiden Literaten fallen voll in mein Beuteschema der Zufälligkeit. Das eine Buch bekam ich von einer Freundin geschenkt, hätte ich mir vom Äußeren her nie gekauft, hätte ich wahrscheinlich auch in kaum einer Buchhandlung gefunden. Über den anderen Autor stolperte ich zufällig bei Facebook, irgendwie hatte er es mit einem Satz an die Allgemeinheit geschafft, dass ich mir seinen frechen Buchtrailer anschaute. Der war wirklich so frech, dass ich die Leseprobe suchen musste, rein aus Trotz. So schnell habe ich noch nie ein Buch bestellt. Ein Buch, dass man auch kaum im Laden finden mag. Aus beiden Literaten kann etwas werden, wenn sie so weiter machen. Und wenn sie es schaffen, dass dieser verdammt schwierige Markt auch auf sie aufmerksam wird.

Der Ausnahmemusiker ist ein junger Cellist. Dem bin ich zufällig am Freitag live begegnet und habe bei seinem Spiel Herzrhythmusstörungen bekommen, weil ich vergessen habe zu atmen. Ich bin an sich nicht so leicht zu begeistern, aber für das, was er auf seinem Instrument lebt, würde ich gern noch ein paar Mal aufs Atmen verzichten. Konstantin Manaev - den Namen sollte man sich merken - über den habe ich hier geschrieben.



Dass ich in diesem Jahr nur von Männern begeistert war, ist übrigens Zufall. Mein kleiner Finger schaut grundsätzlich nie aufs Geschlecht. Aber das einzige weibliche Talent, das mich nach wie vor umgehauen hat, ist die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk - und die ist nun auch endlich in Deutschland berühmt. Ein neues Buch (Original 2009 erschienen) ist gerade übersetzt worden.

Et voilà - demnächst in diesem Hause: Ein junger Schriftsteller, dessen orientalische Sprachwucht sich ebenfalls aufs Atemzentrum auswirkt - und ein gemächlich gehender Literat, der die feine Psychologie einer Altersliebe erwandert.

PS: Wie das Leben so spielt, bin ich eben über eine Journalistin gestolpert, die ich ebenfalls mit ihrem Buch vorstellen will. Weil sie ein journalistisches Genre glänzend beherrscht, für das sich immer weniger Zeitungen Zeit nehmen.

Ich sage es noch einmal deutlich: Mich bitte jetzt keinesfalls mit Eigenwerbung oder irgendwelchen künftigen, noch ach so unentdeckten Bestsellern zuschütten! Daraus wird nichts!!! Im Laufe meines Berufs als Kritikerin habe ich ohnehin immer wieder feststellen dürfen, dass die billigen Jakobs, die Selbstüberzeugten, die großen Zampanos immer klein blieben. Manche haben mit dieser Haltung sogar das letzte bißchen Talent getötet, das sie vielleicht gehabt hätten.
Außerdem bin ich nur ein kleines Licht. Das große Feuilleton muss Menschen entdecken und dann müssen sie alle darüber schreiben. Erst dann werden die Konsumenten wach...

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