Ländliche Freuden

Manchmal kommen nicht einmal meine Hobbys von Büchern weg. Ich binde nämlich gern welche oder kaufe aus Zeitmangel dicke leere Hefte und Kladden, denen ich neue Deckel verpasse. Als Kind schon war ich verrückt darauf, das kleinste Buch der Welt zu schaffen.

In irgendeinem Umzugskarton auf dem Speicher müsste es noch liegen, aber ich finde das übersehbare Ding nicht mehr. Groß wie zwei Daumennägel eines Erwachsenen, aus fliederfarbenen "Buch"seiten. Der Einband war mit maigrünem Filz belegt und es gab sogar eine winzige Riegelschließe über einer winzigen Muschelperle. Das Büchlein war so klein, dass ich die Sprüche mit rückwärtsgewandter Füllfeder schreiben musste, damit die Schrift feiner wird. Heute sehe ich bedeutend schlechter, binde also ab Notizbuchgröße aufwärts.

Und dann hab ich fast geheult, als mein letzter Kruschtelladen im Städtl , den ich dazu brauchte, plötzlich zu machte. Ich war da drin Dauerkundin. Kaufte mit leuchtenden Augen Satinbänder, handgeklöppelte Spitzen und allen möglichen Kruscht, den andere zum Nähen benutzen. Die Zutaten endeten natürlich oft als Lavendel- oder Rosenblütensäckchen! Es wurde aber auch schon ein Gartenbuch daraus, in dem ich notiere, was ich wo pflanze, beobachte... Ein DIN-A-4-HEFT mit 90 Seiten als Grundlage. Über die fliederfarbene feine Wellpappe des Einbands läuft provencalische Spitze und es gibt einen Bandverschluss. Ich fand einen Rest Satin, der mit traumhaften alten Rosen bedruckt war, wie auf einem Aquarell.

Außerdem war dieser Laden, der sich übersetzt "Regenbogen" nannte, ein Eldorado an Erlebnissen. Auf engstem Raum zusammengequetscht, kauften hier Teenager die neueste Modewolle (Stricken ist trendy in Frankreich), die Bauersfrauen probierten hinter einem Vorhang einkaufstütengroße BHs, und irgendwer brauchte immer einen Schwatz, eine Nadel oder Knöpfe. Obwohl auf bäuerlichem Niveau im Vogesengeschmack (hier gab es auch noch die echten alten Kittelschürzen in Marineblau und Wachstischtücher mit Elsässer Störchen), fand ich oft unerwartete Preziosen wie eine Rosenstola. Und dann war der Laden von einem Tag auf den anderen zu. Wo kann man heute noch Klöppelspitzen am Meter kaufen?

Gestern quatsche ich mit einer Freundin zufällig über Stricknadeln (ich selbst kann übrigens allenfalls geradeaus stricken und bin zu ungeduldig, weil ich meine Finger zum Schreiben brauche). Und sie meint: "Ja nein, die ist nur umgezogen, das wurde zu klein." Es folgte ein Lob aus zwei Kehlen über den Reichtum, den wir mit solchen Kruschtelläden noch haben, wo die Supermärkte noch nicht alles kaputt gemacht haben. Diese Läden, in denen man sich fühlt wie ein Kind beim Entdecken auf dem Speicher, wo man allein in den Knöpfen stundenlang wühlen könnte wie in Edelsteinen. Dann kommt man mit einem Tütchen heraus, hat preiswert Schönheit erstanden - und ist um einige menschliche Begegnungen und vor allem viele Romaninspirationen reicher.

Spontan haben wir beschlossen, das heute abend beim Flammkuchenessen zu feiern. In einer unserer Handwerker- und Bauernkneipen, in die sich garantiert kein Tourist verirrt. Dort brummt es dann wie im Bahnhof, von Großeltern bis Enkel sind alle am Feiern, Essen, Schwatzen, Herumrennen und Spielen. Man prostet an den Nebentisch, winkt alten Bekannten aus dem Dorf zu und lässt sich's ellenlang gutgehen - über Kalorien redet man bei diesem alten Ritual nicht. Und zum Beginn der Picon Bière (fr. Marke drin, gefälliger Geschmack) oder Amère (elsäss. Marke drin, bitterer) als Apéritif, schon die Wahl der Marke zeugt von Geschmack oder Politik. Aber jeder hebt den seinen, jeder lässt den anderen - das ist die wahre Politik ... und dann klingt's überall auf Elsässisch "Alla hopp, G'sundheit!"

Nur Touristen sind so dumm, mehr als ein Glas davon zu trinken und werden dann unerträglich laut. Wahrscheinlich, so denken wir, müssen sie kompensieren, was ihnen nachher beim Aufstehen fehlt: die Beine.

Kommentare:

  1. Liebe Petra,

    das Buch sieht einfach bezaubernd aus - und die erste Kurzbeschreibung lockt mit zartem Rosenduft.
    Ich freue mich sehr mit dir, dass du mit diesem zeit- und themenumspannenden Werk nun in der Zielgeraden bist und werde erwarte es mit Neugierde und Spannung. Auch für deine weiteren Pläne wünsche ich Dir viel Freude, gutes Gelingen und geschmierte Tippfinger :-)

    Herzlichen Glückwunsch!
    Gabi

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  2. Ach herrje!
    Der Kommentar hätte natürlich zu deinem neuen Rosenbuch gehört - da hab ich mich wieder einmal als technischen Tausendsassa geoutet...
    Ich hoffe, du nimmst meine Mit- und Vorfreude aber auch an den falschen Beitrag angeheftet entgegen.
    Herzlich
    Gabi

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  3. Aber immer, liebe Gabi!
    Danke - du glaubst gar nicht, wie du mir mit deinem Zuspruch meine heutige Arbeit versüßt. Ich leide am Sach- und Personenregister, handgebastelt... Urfassung (gut, einspaltig, 50 Wörter pro Seite): Irrsinnige 45 Seiten.

    Radikalkürzung vonnöten. Jetzt bin ich beim Buchstaben "R" wie Rose, und mein Gehirn fleddert vor sich hin ... stopfen wir Rhodos noch zu Griechenland? Findet man Attar besser unter Rosenöl? Königlicher Park gehört zu Gärten, aber der König muss extra...

    Ich HASSE diese technischen Fieselarbeiten! Ich will endlich wieder geradeaus schreiben. ;)
    Na, noch einen Tag Leiden...

    Liebe Grüße,
    Petra

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