Schwerelos

Manchmal ist es dieser winzige kleine Schritt, der die Welt verändern kann. Oder der einfach nur für eine andere Perspektive sorgt und Dinge im Kopf zurechtrückt. Das sage ich mir auch, wenn ich mit Hund Bilbo unterwegs bin, dem es dieser Tage einfach oft zu heiß ist. Ohne Wasservorrat und genügend Pausen sind Wanderungen bei dieser Hitze für ihn anstrengend. Und als ordentlich vom Hund erzogene Menschin hat bei mir natürlich Bilbo das Sagen. Zum Glück!

Sogenannter C-Falter oder Comma (Polygonia c-album)

Bei der letzten Waldwanderung wollte ich schon wieder umkehren - der Hund hatte genug. Der Weg stieg in einer Kurve an, war bis dorthin außerdem von hohem Gestrüpp bestanden. Ich gab Bilbo Wasser und ließ ihn ausruhen, aber er zerrte nach oben. Irgendetwas war da. - Also gut, nur noch bis zur Kurve, dann würden wir endgültig umdrehen. Bilbo war vor mir oben, schnüffelte herum und setzte sich dann ganz still hin.

Er wird ausgepowert sein, dachte ich. Aber er hatte diese "Ich staune die Welt an"-Haltung. Das "Gestrüpp" entpuppte sich als Brombeergebüsch, das eine ganze Lichtung bedeckte. Selten habe ich Brombeeren gesehen, die so dunkelrosa blühten. Und dann bemerkte ich, was Bilbo so anstaunte: Die Luft bewegte sich.

Es tanzte, flatterte. Plötzlich stieg es schwerelos von Blüten auf, taumelte in der Luft. Farben spielten im Sonnenlicht auf diesem hellen Fleck im sonst düsteren Wald. Es duftete.

Es waren nicht ganz so viele wie Blüten, aber hier schienen sich alle Schmetterlinge der Region auf einmal zu verstecken, als seien sie zu einem geheimen Fest gekommen. Die meisten waren riesig, von einem warmen Sonnenorange, mit brauner Zeichnung: Kaisermantel (Fotos). Man nennt diese Edelfalter auch Silbertstrich (Argynnis paphia), denn wenn sie sich zusammenfalten, haben die Weibchen silberne Striche auf den Unterflügeln.

Wie Perlmutt saßen sie auf den fast pinkfarbenen Blüten, naschten Nektar und stoben wieder auf zu einem Paarungstanz in den sommerheißen Sonnenstrahlen, die sichtbar abgegrenzt durch die Baumwipfel fielen. Bilbo saß ganz still und hingerissen da, man konnte die Stille fast hören, wie eine feine, leise Leichtigkeit. Selbst das Reh, das weiter unten den Weg querte, schien leiser als sonst aufzutreten. Irgendwann war hier ein Pferd vorbeigelaufen. Seine Hinterlassenschaft glänzte noch feucht und hatte sich in ein schillernd blaues, atmendes Etwas verwandelt. Bläulinge saßen hier dicht an dicht, aber auch der ein oder andere Schillerfalter saugte begeistert den alternativen Nektar. Und weil das fast ausschließlich die Männchen so machen, sah jeder Bollen aus, als würde er in Farbenpracht davonfliegen wollen.

Also hörte ich auf meinen Hund, gab ihm sein Wasser und setzte mich mitten auf dem Weg neben ihn.

Die Zeit stand still in dieser leisen Welt. Wenn sich von einem Holzscheit unsichtbare Wesen erhoben und beim Fliegen erst ihre Farben zeigten, war mir völlig klar, warum es Elfen geben musste ... und eine Kindheitserinnerung fiel mir wieder ein. Ich sammelte damals bunte Wachsmalkreiden in einer leeren Glühbirnenschachtel, weil ich der Meinung war, Farben bräuchten so eine "Lichtschachtel". Und mit den Farben wollte ich Geschichten aufschreiben, die mir die Schmetterlinge erzählten. Ich war mir sicher, die konnten reden, aber sie sprachen in Farblichtern. So erfand ich meine erste Schrift.

Ich war wieder ein kleines Kind, das dem Farblicht zuhörte. Und war mir fast sicher, der Hund neben mir konnte es auch hören. Wir beide waren im wahrsten Sinn des Wortes hin und weg. Und wir behielten diese Stille, begegneten so vielen Tieren, die sich nicht stören ließen: Rehen bei der Mittagspause, ein Hase lugte aus dem Maisfeld.

Solche Momente genieße ich, ohne auf die Uhr zu schauen, ohne Fotoapparat, ohne Handy, einfach nur im Sein. Als wir uns schließlich auf den Weg machten, hatte ich fast den Eindruck, Bilbo hätte einen leicht flatternden Gang. Der ist anmutiger, leichter als der "Ich bilde mir ein, ich sei eine fliegende Ente"-Gang. Beagles haben es irgendwie mit dem Fliegen ...


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