Jetzt herrsche ich!

Wäre ich nicht mit deutschsprachigen Freunden verbandelt, die es besser wissen und die mir täglich die Realität vor Augen führen, ich hätte kürzlich meinen Augen nicht getraut. Laut Social Media bestand offenbar das größte und schlimmste nationale Problem in einer Badehose, kleinkariert, kackbraun im Karo. Wäre es ein Schottenrock gewesen, hätte man also sofort gewusst, welcher Couleur der betreffende Clan wäre. Weltbewegend sogar, so schien es mir, weil die New York Times die Übererregung von allen Seiten aufnahm, so dass das fadenscheinige Piefke-Design aus dem Villenviertel sozusagen die halbe Welt umspannte. Hätte ich nicht diese realistischen Freunde im Nachbarland, ich wäre womöglich der ein oder anderen Scheinrealität und vor allem Emotion auf den Leim gegangen.

Wissenschaft und Kunst - kann man wunderbar zusammen denken.

Diese "Einschläge" kommen immer öfter, immer kreischender. Das Urteil des EuGH ist auch so ein Ding, wo Sachverstand und Coolness nicht mehr gefragt sind. Keiner stellt mehr wirklich Fragen. Sagt Anwalt A das nicht nur, weil er genau damit gern Geld verdient? Ist der große Mahner Y nicht allseits als Weltuntergangsprophet bekannt? Welchen Sachverstand hat eigentlich Z tatsächlich? Nein, das geht zackzack, Meldung ist raus, Empörung ist da (am besten gegen die allseits Verdächtigen "da oben"). Sofort Emotion hochfahren, reinkippen, loswerden, wegklicken. Am besten gleich einfach nur hinrotzen, ohne Links anzuklicken und Artikel zu lesen. Es scheint, als würden Social Media zu einer Art Sextoy: Man wichst sich einfach nur noch einen ab, gemeinsam in der Toilette, wie kleine Jungs, die Größenvergleiche anstellen. (Nichts gegen kleine Jungs, aber das Bild drängt sich mir immer häufiger auf, auch bei manchen Staatsmännern).


Aber ich will ja hier nicht Weltuntergangsstimmungen verbreiten und wehklagen - ich will von der anderen Seite erzählen!

Heute Morgen ist es mir passiert, dass mich FB aus meinem Account gesperrt hatte, angeblich irgendwelche Sicherheitsprobleme. (Ich kam dann über einen Sicherheitscheck, der lachhaft war, wieder rein).

Leute, das war ein irres Gefühl!

Zuerst ein Schock: Wie erreiche ich jetzt all die Leute? Und dann machte sich ein ungeheures Gefühl der Befreiung breit. Wow! Plötzlich diese Stille. Die ganze Kakophonie war weg, nicht mal mehr Hass und Geifer unter Medienpostings bekam ich mehr mit. Kein Algorithmus manipulierte mich, wofür ich mich interessieren müsse. Stille. Freiheit. Und die Einsicht, wie irre abhängig ich schon bin. Denn ich wollte mein Account ja dringend zurückhaben! Bitte gleich!

Keine Frage, das Ding ist praktisch und auf anderen Kanälen läuft es nicht zwingend besser. Es wurde auch bei Twitter gebadet und gehost, nur lustiger, knackiger. Aber mir wurde mal wieder bewusst, wie sehr ich selbst nur noch re-agiere statt zu agieren. Ich lasse mich beherrschen. Ich kann eben meine Freunde von FB nicht einfach "mitnehmen" - ist FB futsch, sind sie futsch. Es sei denn, ich habe mir deren Websites oder Telefonnummern gemerkt. Ich kann sie auch über meine offizielle FB-Seite gar nicht alle anschreiben, heute auch ausprobiert. Werbung schalten darf ich- gegen Geld.

Und darum habe ich jetzt "ras-le-bol" (die Schnauze gestrichen voll), wie das auf Französisch so elegant klingt. Der User bin ich, ich will wieder die Herrschaft über mich übernehmen! Wie soll das gehen?

Ich möchte wieder Spürhund sein.

Da lerne ich von meinem Inspirational Manager: Man habe ein Thema in der Birne (Wildschwein) und schnüffle den Boden kreuz und quer ab. Ab und zu stößt man auf Nebenspuren (Hase, Reh) und entscheidet, welche frischer und vielversprechender ist. Stößt man auf die Wildschweinfährte, gibt es nichts anderes mehr, keine Ablenkung, Nase und Spur werden eins. Seit einigen Wochen verändere ich manche Accounts / Abos so, dass ich Wald in die Nase bekomme. Und ich habe einen Lesezeichenordner für Dinge, die ich mir selbst suche. Statt FB und Twitter sind Google, Grips und Websites gefragt. Ähnlich wie Bilbo mit seinen Vorlieben für Wildgeflügel kristallisieren sich bei mir zwei Grundthemen heraus: Paper Art und Mixed Media-Kunst in einem sehr weiten Sinn - und unser aller Zukunft, auch Wissenschaft. Beides trifft sich in der Sparte der Science Art. Da gibt es so ungeheuer spannende Entdeckungen, Dinge, Entwicklungen, von denen ich auf FB noch nie etwas gesehen habe - obwohl ich wichtigen Medien folge. In denen kommt es nämlich auch nicht bei den meistverteilten Algorithmenhits vor. Manchmal stoße ich durch die Kunst darauf, wenn ich Ersatzleder entdecke, das aus Pilzmycel wächst, oder auf Techniken, wie Plastik abbaubar gemacht werden soll.

Ich will erzählen.

Bevor ich zehnmal Überflüssigkeiten geteilt habe, die alle anderen sowieso auch teilen, habe ich einen Artikel geschrieben. Über das, was mir am Herzen liegt, in der Tiefe, die ich für nötig erachte. Ich will diese Links nicht mehr in meinem Leseordner verstauben lassen, sondern euch davon erzählen. In einer Welt, in der immer mehr Verrückte lieber an eine Flacherde glauben (Spitzenartikel hier lesen!), möchte ich über die spannenden Fragen nachdenken können, die unsere Zukunft bestimmen werden und die mich in meiner Kunst berühren. Nicht als Rückzug ins Private, sondern so, wie das richtig gute Science Fictions auch tun: als Spiegelung der eigenen Gegenwart.

Mich treibt z.B. um, wie sich das unsägliche Artensterben (und Artenvernichten) zur Tatsache verhält, dass ständig neue und bisher unbekannte Arten entdeckt werden. Gleichzeitig stellt sich die Frage, was eigentlich den Menschen ausmacht, immer dringlicher. Nicht etwa nur wegen der Künstlichen Intelligenz, sondern auch wegen unserer Körperinhalte. Die Mikrobiomforschung zeigt, dass wir eigentlich aus mehr Fremdlebewesen bestehen als aus ... was eigentlich? Es wird bereits der große "Master-Algorithmus" gedacht, während in #Neuland PolitikerInnen damit ringen, das Internet zu verstehen. Was wäre als Konsequenz daraus denkbar, wenn ich Scifi-Plots entwerfen könnte? Warum kratzt mich manches so an, was in der Biohacking-Szene läuft? Soll ich wegschalten, nicht hinschauen? Oder wäre es nicht an der Zeit zu betrachten, was warum in Künstlerateliers und privaten Garagen "gebastelt" wird, das früher allenfalls in Hochsicherheitslabors möglich war? Welche Chancen und Risiken lauern da? So viele Fragen ...

Die alte Neugier brennt wieder.

Sicher werde ich nicht über all diese Themen schreiben, manches ist vielleicht auch zu speziell. Aber ich möchte mir doch die Zeit nehmen. Es sind nämlich Themen, die unser aller Leben betreffen. Die, wenn sie allgemeinverständlich erzählt werden, ungeheuer spannend sein können. Noch bin ich am Herumwurschteln, wie ich Blog und Newsletter zu einer guten gegenseitigen Ergänzung bekomme. Aber mir fällt sicher etwas ein. Bücher halte ich nach wie vor für diese spezielle Zeit und meine Schreibinteressen als zu schwerfällig in Sachen Zeitrahmen. Bis ein Buch erscheint, sind manche dieser Themen schon wieder überholt. Aber online ... es köchelt in mir!

Ich bin selbst gespannt und kann nichts versprechen. Aber da ist im Moment so viel Aufbruch, so viel Spannendes auf dieser Welt, da sind so interessante bis skurrile Denkerinnen und Denker - wäre schade, dass das nie erwähnt würde. Vielleicht schaffe ich es dann auch, eines Tages so weit zu kommen, dass mir das Ausgesperrtsein aus FB gar nichts mehr ausmacht.

Kommentare:

  1. Ich finde es sowieso immer spannend, was du alles erschnüffelst, und lese das auch lieber hier im blog als bei fb. Hier geht mir nichts verloren, auch wenn ich erst nach Tagen Zeit zum Lesen habe.
    Susanne

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    1. Ich freue mich immer über treue Leserinnen, liebe Susanne!
      Und mir geht es genauso - oft will ich auf FB etwas nachlesen - und schon ist es im Datensalat verschwunden. Dieses Blog kann man zudem durchsuchen (ganz üben rechts im Balken) und rechts im Menu das Archiv durchkramen.

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