Wenn Worte fehlen: Kunst und Anderssein

Manchmal berührt einen ein Text sehr tief, weil man ahnt, wieviel Erfahrung und Leben, auch Leiden, hinter den Worten steckt. Weil ich mich mit ähnlichen Fragen herumschlage: Wie schreibe ich "wahr", wenn Worte fehlen, wenn Lebenssituationen von Figuren auf diesem schmalen Grat herabzukippen drohen, den wir alle in uns haben: vom Alltag in die Krankheit, vom "Normalsein" in den Wahnsinn, vom "Sein wie alle anderen" ins Anderssein. Es ist leicht, über Alltagsfiguren zu schreiben - aber wie blicke ich in gebrochene Figuren hinein?

Ein Mensch lässt sich schlecht in Schubladen stecken. Eine literarische Figur, der man das antun will, wird zum Pappkameraden, zur Silhouette für ein Klischee. Leitzordnerliteratur?
Die Schriftstellerin Nicci Gerrard beschäftigt sich in ihrem äußerst lesenwerten Artikel "Words fail us: dementia and the arts" mit Demenz und Kunst. Fürs Lesen unbedingt genügend Zeit und Muße mitbringen, denn es steckt so viel Wertvolles darin, wenn man sich darauf einlässt! Im Grunde geht es um die Frage: Kann Kunst (von anderen) die Fehlstelle besetzen, wenn uns die Worte fehlen, wenn Dinge, Menschen und Verhaltensweisen unbegreifbar werden? Kann sie uns an diesen Fehlstellen anschaulicher Leben erklären als z.B. Wissenschaft oder der Sachtext? Und gelingt es uns mit Kunst (von uns selbst) vielleicht sogar - wie im Fall der Demenz- möglichst auch dann noch ein Ausdrucksmittel zu haben, wenn die normalen Wahrnehmungen nicht mehr funktionieren?

Das Thema betrifft übrigens nicht nur die Demenz, sondern auch seelische Erkrankungen. In meinem Buch "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" habe ich mich u.a. mit einem Kurator über einen Sonderzweig der Kunst unterhalten: Art Brut, der Kunst von psychisch Kranken - die nicht umsonst eine solche Faszination auf Nichtbetroffene ausübt, wie es 2011 die Ausstellung Weltenwandler in der Frankfurter Schirn gezeigt hat. Sie ist nicht identisch mit dem therapeutischen Malen, ist "echte" Kunst - und doch erfüllt sie einen ähnlichen Zweck: Der Künstler, die Künstlerin gestalten sich ihre Welt zum Erträglichen hin.

Als er nicht tanzen durfte, malte er; als er nicht mehr malen konnte, schrieb er, bis er fast katatonisch verstummte: Vaslav Nijinsky, der Weltstar des Ballets, der zusammenbrach, als man ihn der Kunst beraubte.
Als Autorin fasziniert mich vor allem ein ganz großer Unterschied, den Nicci Gerrard meisterhaft beschreibt: Es gibt Bücher über Demenzkranke, die uns zutiefst berühren und auch verstören. Bücher, auch zuweilen Filme, die in unsere vertraute Welt einbrechen, durchaus gewisse Verlässlichkeiten zertrümmern, um etwas zu hinterlassen, das ein Schatz sein könnte, der unsere kleine Welt bereichert. Und dann gibt es die Flut der "Produkte", in denen Demenz vorkommt, weil die Krankheit eben gerade in aller Munde ist und uns umgibt und weil es vielleicht sogar hipp sein könnte. Da vergessen dann Romanfiguren alles mögliche, benehmen sich seltsam, haben vielleicht Sprachprobleme - kurzum, sie benehmen sich wie ein fleischgewordener Wikipedia-Artikel. Der Kommissar, der eben noch trendy alkoholkrank war, ist eben jetzt dement. Figuren auf Bestellung driften gefährlich ab ins Klischee, funktionieren dann doch wieder irgendwie, belügen ihre Leser und berühren sie kaum.

Ich glaube, obwohl sich der Artikel um Demenz und Kunst dreht, ist es Nicci Gerrard gelungen, hier auch den großen Unterschied zwischen Kunst überhaupt und einem kunstfreien Verarbeiten zu beschreiben, ohne beides zu werten. Es ist die ewige Frage einer jeden Autorin, eines jeden Autors: Wie schaffe ich es, meine Leser zu berühren? Sie nicht einfach nur in eine andere Welt hineinzuziehen, sondern ihnen regelrecht tagelang im Magen zu liegen oder sie zum Fliegen zu bringen? Ein Mysterium, das an den Brüchen sichtbar wird.

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