Sonntagslese: Wider die Hasskultur

Stellen wir uns einmal eine ferne Zeit vor, in der Menschen sich ständig in Polarisation und Hassreden flüchteten. Sie glaubten, der Komplexität ihrer Zeit durch neue Nationalismen und mehr staatliche Überwachung eine scheinbar schützende Ordnung entgegensetzen zu können. Immer tiefer und öfter zerstritt man sich - in religiösen, ethnischen oder sozialen Fragen. Die Intellektuellen schwiegen oder gingen der raffinierten Propaganda auf den Leim, die einfachen Bürger waren indifferent und passiv. Gab es einen Ausweg?

Das Original der Deklaration der Intellektuellen ist bei Gallica zu lesen.

Gefunden habe ich meine Sonntagslektüre in einem meiner Lieblingsblogs, bei Brain Pickings. Was Maria Popova hier über einen Text schreibt, klingt erschreckend aktuell:

"A passionate cry for using the power of art and intellectual work not for propaganda, destruction, and divisiveness, but for bringing the world together and elevating the human spirit through the invisible fellowship that transcends national, ethnic, and class boundaries."

"Ein leidenschaftlicher Aufschrei für die Macht der Kunst und intellektuellen Arbeit gegen Propaganda, Zerstörung und Entzweiung, um die Welt zusammenzubringen und den menschlichen Esprit durch ein unsichtbares Bündnis zu erhöhen, das nationale, ethnische und Klassengrenzen überschreitet."

Ja, man könnte versucht sein, jenen Text für einen heutigen zu halten, vor allem, wenn man gerade Sascha Lobos Kolumne gelesen hat, in der er den Zorn der Zivilisierten fordert gegen Neonationalismen und Hasskultur. Aber was Maria Popova zutage gefördert hat, ist ein Text von 1919, in der Sprache der damaligen Zeit und unter den Traumata des Ersten Weltkriegs verfasst. Das Original, das so viel in uns zum Klingen bringt, verfasste der französische Schriftsteller Romain Rolland, abgedruckt wurde es am 26.Juni 1919 in der Zeitung L'Humanité (s. Foto) unter dem Titel "Stolze Deklaration der Intellektuellen". Schon die erste Unterzeichnerliste konnte sich sehen lassen: Da war ein Professor Einstein ebenso dabei wie ein Schriftsteller namens Hermann Hesse, es unterzeichneten Selma Lagerlöf, Heinrich Mann, Emile Masson, Bertrand Russell, Léon Werth, Stefan Zweig und viele mehr.

Zum Einstieg empfehle ich den Text in Brain Pickings - einen ähnlich aufschlussreichen Text in deutscher Sprache habe ich erstaunlicherweise nicht gefunden. Der Nachruf in der ZEIT anläßlich des Todes von Romain Rolland 1954 mag den intellektuellen und historischen Hintergrund erhellen.

Worum geht es in dem Manifest, das im Englischen auch als "Manifesto to the Civilized World" bekannt wurde?

Rolland ruft die Intellektuellen und die Welt auf, sich von der allgegenwärtigen Hasskultur abzuwenden, von einem Leben in Passivität und Gleichgültigkeit gegenüber dem, was ein Leben in Menschlichkeit gefährdet. Allzu oft hätten die Menschen des Geistes auf Seiten der Propaganda und des Kriegs gekämpft, nun sei es endlich an der Zeit, diesen Geist (im Original: L'Esprit) für Einheit und Mitmenschlichkeit einzusetzen. Hass, Hochmut, Verachtung gegen andere, Gier nach eigenen Vorteilen, das ständige Denken in Unterschieden hätten die Welt an den Abgrund gebracht. Romain Rolland kommt dabei zu einem Schluss, der uns Heutige angesichts der brutalen terroristischen Anschläge in Paris und der Barbarei selbsternannter "Gotteskämpfer" aufhorchen lässt: Eine Welt in Freiheit, Mitmenschlichkeit und Frieden ist nur möglich, wenn der Geist absolut frei ist:

"Auf! Befreien wir den Geist von diesen Kompromittierungen, diesen erniedrigenden Seilschaften und versteckten Knechtschaften! Der Geist darf von nichts und niemandem Sklave sein. Umgekehrt: Wir sind es, die dem Geist dienen müssen, einen anderen Herrn darf es nicht geben."

und

"Gewiss, wir interessieren uns für die Humanität wie für die Menschheit! Für diese arbeiten wir, aber für sie als Ganzes. Wir kennen nicht einzelne Völker. Wir kennen nur das Volk, einzig und universell. Das Volk, das leidet, das kämpft, das fällt und wieder aufsteht, das doch immer vorwärtskommt auf dem rauen Weg, der von seinem Schweiß und Blut getränkt ist - dieses Volk aller Menschen, die alle gleichwertig unsere Brüder sind. Und darum müssen die Menschen sich wie wir dieser Brüderlichkeit bewusst werden. Wir müssen hoch über ihren blinden Kämpfen eine Brücke der Einigkeit bauen, im Zeichen eines Geistes, der absolut frei ist, einig und vielfältig zugleich und ewig."
 
(Übersetzungen aus dem Englischen und Französischen, ohne Feinüberarbeitung simultan und schnell entstanden: (c) Petra van Cronenburg)

Kommentare:

  1. Zusammen mit dem Blog Clash Of Cultures (habe sehr gelacht) erinnert mich das an den Spruch meiner Grossmutter: Ich liebe die Menschheit aber die Leut' kann ich nicht leiden.

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  2. Guter Spruch, Peter Pielmeier, der könnte glatt auch von meiner Oma stammen! Bei mir ist es ja noch schlimmer, ich liebe sogar die Menschen und ich liebe sie in all ihrer Unvollkommenheit. Was einen nicht davon abhält, dass man manche einfach mal übers Knie legen möchte, damit sie Vernunft annehmen. Vielleicht bin ich deshalb so optimistisch, auch heute noch an solche Träume zu glauben?

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