Die dunklen Seiten der Autorin

Langsam glaube ich, das Schreiben von Romanen ist eine Ausrede, um endlich wie eine Erwachsene mit Knetmasse spielen zu können. Größenwahnsyndrom. Und Gott formte eine Lehmkugel und blies ihr Leben ein. Und so kneten wir Häuschen und Zimmerchen und Figürchen und derweil die Hitze langsam die Großhirnrinde anweicht, merken wir gar nicht mehr, wo der Roman anfängt und die Welt aufhört. Oder war es umgekehrt?
Schriftstellern ist eigentlich eine Ausrede für alles.

Egal. Gott spielen macht verdammt viel Spaß! Ich habe zuweilen ein richtig schlechtes Gewissen, weil sich die Arbeit plötzlich nicht mehr wie Arbeit anfühlt, wenn ich in Texten nicht akribische historische Recherchen zum Ausdruck bringen möchte oder mich mit den Katastrophen der Jetztzeit kritisch herumschlage. Einfach so aus Jux und Tollerei ironische Dialoge schreiben, komische Figuren erfinden und ein paar Leichen in die Gegend streuen ... das ist fast zu schön, um wahr zu sein! Plötzlich habe ich auch im wahren Leben diesen ganz besonderen Überlebensmodus, den sonst keiner hat: Ich kann alle, die mir krumm kommen, die mich ärgern oder die einfach nur doof sind, unerkannt in einem Buch verhackstücken.


Schlimm, wenn man sich allerdings selbst entlarvt. Meine erste Tote liegt in einem alten Flößerhaus mit dunkelgrünen Fensterläden, ich sehe es so lebendig vor mir, als hätte ich es selbst erbaut. Frau Zander heißt die Frau. Und ich kenne da jeden Stein.
Heute war ich mal wieder in Deutschland und musste in einem gewissen Dorf vor einer dämlich neuen 30er-Zone abbremsen. Da ist mir fast der Fuß ausgerutscht zu einer Vollbremsung. Vor mir ein Straßenschild "Zanderstraße". Dahinter ein typisches altes Flößerhaus mit dunkelgrünen Fensterläden. Ich schwöre, ich hab das nie bewusst gesehen. Ich schwöre, mein Krimi spielt gar nicht da. Und jetzt weiß ich endlich, wie das zustande kommt, dass einen manchmal LeserInnen angreifen, man habe sie in einem Roman verhackstückt.

Mir mal passiert mit einer Frau in meinem Dorf und mit meinem Roman "Stechapfel und Belladonna" (E-Book als "Alptraum mit Plüschbär"). Die wollte sich in der komischen Pfälzerin im Buch wiedererkannt haben und schäumte hinter meinem Rücken gegen mich. Ich hätte ihr ganzes Leben (sieh an!) in die Öffentlichkeit gezerrt, ihre Intimitäten beschrieben. Ich war einigermaßen verdattert, denn ich kannte diese Frau gar nicht, ich hatte nie über mein eigenes Dorf geschrieben ... und warum zum Teufel wollte sie sich partout in dieser Karrikatur wiedergefunden haben? Also fragte ich entsetzt die Überbringerin der Nachricht, ob denn jene Dame auch so viel Mülleimerorange in ihrer Wohnung habe wie meine Romanfigur? Schließlich hatte ich das Haus einer mir unbekannten Dame nie von innen gesehen!

Prompt offenbarte sich mir das Spiel mit Assoziationen in seiner ganzen Gefährlichkeit. Naja, eigentlich nicht, meinte die Petze, aber sie habe da so einen ekligen orangefarbenen Sessel, über den habe sie schon mal gelästert, der habe ja dieses eklige Orange aus den 1970ern. Klingelt's? Zwei Frauen werden in der gleichen Epoche groß, verbinden eine Farbe mit der gleichen Assoziation: Damals waren alle Haushaltsgegenstände so gefärbt und meine Eltern hatten einen riesigen orangefarbenen Mülleimer. Die eine Frau schreibt, die andere erzählt, unabhängig voneinander, ohne sich zu kennen, zu unterschiedlichen Zeiten .... und eine dritte fühlt sich verfolgt und an die Öffentlichkeit gezerrt. Zum Glück verlief die Sache dann im Sand, denn manchmal kann so etwas unangenehm werden. Jene Dame, die sich so aufgeregt hatte, wollte sich dann doch nicht damit identifizieren, dass sich meine Figur im Buch in einer Ausstellung total danebenbenimmt.

Aber da kann man mal sehen, wie abgründig das Unterbewusstsein sein kann. Bei Autorinnen, wenn es ein Straßenschild in eine Leiche umwandelt. Und bei Leserinnen, wenn es das Mülleimerorange im eigenen Leben zum Leuchten bringt.

Zum Glück ahnt niemand, dass wir auch eine äußerst düstere Seite haben, der wir uns lustvoll beim Schreiben hingeben. Einmal auf einer Behörde geärgert und es findet sich die Szene 1:1 im Buch wieder ... und natürlich schwören Schriftstellerin dann Stein und Bein, dass in diesem Roman alles, wirklich alles fiktiv ist. So durchgeknallt kann es auf keiner Behörde dieser Welt zugehen, oder!? Apropos Stein und Bein ... warum heißt das eigentlich so? Hat das was mit Totenstarre zu tun? Kürzlich zog ich mir eine Reihe Dokus zu Ermittlungsmethoden rein und war fürchterlich enttäuscht, dass da nur Kriminalfälle in Szene gesetzt wurden. Das mit dem Todeszeitpunkt hätte ich nämlich gern ausführlich gesehen. Ungern gesehen habe ich heute dagegen einen Lammknochen, unterer Halswirbel, der von selbst weglief.

Lag noch gar nicht so lange im Müll und veränderte vor meinen Augen seine Form und bewegte sich gar sehr. Ich will nicht in Details gehen. Früher hätte ich sofort weggesehen und einen Schnaps gebraucht. Aber irgendwas muss kaputt sein an mir: Ich schaute höchst interessiert hin, berechnete die wahrscheinliche Liegezeit und Temperatur und machte mir im Hinterkopf Notizen. Dabei war für mich das Schlimmste, dass ich nicht herausfinden konnte, ob der Knochen roh oder gekocht gewesen war. Dazu hätte ich ihn anfassen müssen ... also dieses Zeug, welches ...

Habe ich schon einmal erzählt, dass ich acht Wochen lang neugierig ein Reh im Wald beobachtete? Also - die sterblichen Überreste, denn es war irgendwie verendet und ein oder mehrere Tiere hatten sich daran schon gütlich getan. "Sich an etwas gütlich tun" ... so klingen doch gemütliche Krimis, oder? Nicht, dass ich je in einem meiner Romane die Leichen so genau beschreiben würde! Aber ich fand es durchaus faszinierend, wie sich ein Körper in der Landschaft zersetzt und irgendwann zu Erde und Staub wird. Wirklich so, wie sie das bei Beerdigungen immer sagen. Vorher natürlich das volle Biotop. Und ich kann eines sagen: Zum Glück kann man Bücher nicht riechen! Ich habe nie, auch nicht den brutalsten und grausamsten Krimi mit einer realistischen Beschreibung des Geruchs gelesen, der sich schon nach erstaunlich kurzer Zeit bemerkbar macht. Wer einmal so den Tod gerochen hat, vergisst diesen Geruch nie wieder. Und daran kann man sehr viele Serienkillerblutsuppenautoren überführen: Die riechen nicht richtig. Die haben wahrscheinlich auch noch nie eine Pathologie von innen gesehen.

Keine Angst, das alles muss sich nur meine Neugier antun, damit das Geschriebene stimmt. Nicht etwa, weil ich's beschreiben wollte. Aber im Moment treibt mich das doch sehr um: Kann bei dieser Hitze jemand in der Nacht ermordet werden, ohne dass der Hausarzt am nächsten Morgen etwas riecht? Gut, ich habe dem Mann vorsorglich einen Sommerschnupfen angedichtet. Aber wenn die Fakten nicht stimmen, werden die LeserInnen wütend. Notfalls muss ich den Mörder später kommen lassen. Oder die Mörderin. Oder die Mörder. Das ist das Schöne beim Lehmkneten - irgendwie rettet man sich immer wieder über falsche Konstrukte hinweg und konstruiert um. Vielleicht schreibe ich deshalb so gern? Weil Schreiben nicht so endlich ist wie die Endlichkeit? Weil das engmaschige Netz sichtbar wird, in dem immer Entscheidungen zwischen A und B oder C oder Achteinhalb möglich sind?

Das habe ich jetzt übrigens von jenem erfundenen Hausarzt abgeschrieben. Der vergleicht das Leben mit einem Gewebe und übersieht dabei, dass es ganz anders kommen kann als es aussieht. Genug geplaudert ... ich muss zum "Familienrat" meiner drei Hobbyermittler. Die müssen jetzt planen, wie sie ein paar Verdächtigen auf den Zahn fühlen können. Irgendwo da hinten, wo die Zanderstraße zur toten Frau Zander zwischen Realität und Hirnwelt verläuft. Und falls ich jetzt immer die gleichen Geschichten doppelt erzähle: Das sei der Hitze geschuldet, sorry. Man kann außerdem den eigenen Mythos gar nicht oft genug festschreiben, damit man ihn auch selbst glaubt!

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