Züchtet Riesenpilze in eurem Keller!

"'Fabulous growth in twenty-four hours'", Tom quoted from memory. "Plant them in your cellar ..."
Was hatte ich als Kind Gänsehaut beim Lesen dieser Kurzgeschichte. Einmal so schreiben können wie Ray Bradbury in "Jungs! Züchtet Riesenpilze in eurem Keller" ... allein dieser Titel! Fortan wurde der für mich zum geflügelten Wort, wenn ich Dinge ausbrütete, die drei Nummern zu groß für mich schienen. Leider war ich lange Strecken meines Lebens nicht so mutig wie die Jungs im Keller - ich begrub viele Ideen schon als Leichen, bevor sie überhaupt gestorben waren - aus Angst, "das sowieso nicht zu können".

Zum Glück wird man in der zweiten Lebenshälfte wohl doch ein ganz klein wenig schlauer. Oder es sind die neuen Vorbilder, denen man im Laufe des Lebens begegnet. Ein gewisser Terry Gilliam etwa hat mich in den schlimmsten Zeiten gerettet, als mein Buch "Faszination Nijinsky" beinahe an Dritten gescheitert wäre. Ich sah nämlich zufällig zur rechten Zeit die Doku "Lost in La Mancha" über das wohl spannendste Scheitern, das man sich vorstellen kann. Ja, ich wollte nicht nur schreiben können, ich wollte auch diesen Biss haben, diesen Glauben an ein Projekt, diese irrsinnige Durchhaltekraft!
"Roger Willis: What's intuition?
Huge Fortnum: Uh, the stuff you know that you don't know you know?
Roger Willis: That's it. Over a period of time, things gather. Surprises. Your hands get dirty but you don't remember how they got that way. Dust falls on you every day but you don't feel it. But when you get enough dust collected up, there it is. You see it."
(aus dem Film "Boys! Raise Giant Mushrooms in Your Cellar!")
Hätte ich doch nur früher auf den guten alten Bradbury gehört! Als ich wider alle Hindernisse und Unkenrufe mein Projekt über die Ballets Russes ins Leben brachte, sah ich mich unversehens in einem Strudel, der mein Leben umwälzte. Ich war Menschen begegnet, die ähnlich verrückte Dinge taten, ähnlich an die Verwirklichung von Projekten in der Kunst glaubten und mir das Gefühl gaben, dass all diese Aliens des Alltagslebens immer und immer wieder Riesenpilze pflanzten, weil Riesenpilze ein wenig den Alltag verändern und einfach wunderschön sein können. Plötzlich sah ich mich in einem Mycel von Musikern, Sängern, Choreografen, Malern und anderen Künstlern, die in die Keller der Intuition und Kreativität hinabstiegen, ob in den USA oder Russland, in Frankreich oder Deutschland. Dass ich damit auch Menschen kennengelernt hatte, die einem beim Graben im Humus helfen konnten, realisierte ich wiederum sehr spät.

Mit besten Freunden habe ich manchmal darüber geredet. Dass mich die faszinierende Welt der Ballets Russes nicht mehr loslässt. Es wäre wohl die Zeit, in die ich mich mit einer Zeitmaschine zuerst beamen lassen würde. Ich habe mit einem Roman begonnen, der teilweise in jener Zeit spielt, aber ein völlig anderes Thema hat. Die andere Idee keimte nur still in meinem dunklen Keller, schien zu verrückt, zu sehr "Alien", um im Wachzustand und Licht einen Gedanken daran zu verschwenden. Weil ich solch eine Idee unmöglich allein stemmen kann. Einer, der Erfahrung mit so etwas hat, versprach, mein härtester Kritiker zu werden, wenn ich es durchbrächte. Aber wie? Das ewige Geldverdienenmüssen verdrängte zunächst die Idee ... zu viel Geld würde sie kosten.

Wie gut, dass sich Künstler ablenken lassen. Es geschah wie immer, heimlich, still und leise, aus dem Keller schleichend - dieser Moment, den Willis in Bradburys Kurzgeschichte so treffend beschreibt, als er meint, wir würden nur zehn Prozent unserer Begabungen nutzen. Wir sollten viel mehr hinhören, fühlen, riechen, ertasten. Irgend etwas sei plötzlich anders, meint er. Vielleicht nur die Art, wie der Wind übers Unkraut streicht. Vielleicht scheine nur die Sonne anders auf die Telefondrähte ... wenn wir nur hinspüren und vergleichen könnten!

Zwei Figuren machten sich selbstständig. Wo ich ging und stand, hörte ich sie miteinander reden. Die Jungs wollten raus aus ihrem Buch, schlichen sich in meinen Keller, räumten um, stellten ein Klavier auf, der rechte öffnete ein großes Fenster:
"N: Wenn ich tanzen soll, muss das offen bleiben. Wegen der Linien.
D: Du wirst hier aber nicht deinen berühmten Fenstersprung zelebrieren!
N: Sieht abschüssig aus da draußen.
D: Man nimmt dort den Tee am Ufer irgendeines Bachs.
N mürrisch: Ich tanze in gedachten Linien. In Kreisen, Augenformen. Die Leute wissen es nicht zu schätzen. Ich habe ihnen meine Augen gezeigt und sie haben gebrüllt! Sie hätten die Linien und Winkel in der Musik sehen können, aber sie haben nur Augen für ihre teuren Roben! Wie die Affen sind sie, nicht zur Kunst bereit. Affen, die sich vor anderen Affen ausstellen, Affen, Laffen!
D: Ruhig Blut, Vatsa. Uns hätte nichts Besseres passieren können als dieser Tumult in Paris."
(Text: Petra van Cronenburg)
Flohzirkus. Löse dich von deinen Figuren! Lege endlich weg, was geschaffen ist! Gieße Beton über die Leichen im Keller und mach dich auf zu neuen Ufern ...
Aber da war kein Entkommen, die Pilzsporen hatten sich bereits eingenistet. Ich hätte, wie ich das früher gemacht hätte, laut lachen können über mich, und zur Tagesordnung übergehen. Aber dann begegneten mir wieder Menschen aus diesem seltsamen Künstlermycel, die seltsame Dinge zur rechten Zeit sagten. Manchmal nur einen einzigen Satz. Zufälle, keinerlei Zusammenhänge, lose Worte. Nur Menschen, die stark auf eine Idee hin fokussieren, hören all das zusammen, sehen plötzlich die Unterschiede des Sonnenlichts auf den Telefondrähten ...

Ich bin über all meine Schatten gesprungen, weil ich in jener für Projekte gesunden Phase war, diese Idee sowieso nicht verwirklichen zu wollen. Das macht frei. Und dann habe ich sie einfach ein paar Leuten vorgestellt und sie gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, so etwas ins Leben zu hieven. Ich wusste nicht, wie Leidenschaft überzeugen kann. Und offensichtlich rede ich mich bei so etwas immer in Leidenschaft.

Die Sache ist komplett irre, wenn man sie vernünftig betrachtet. Es ist eigentlich ein Jahr zu spät, um damit anzufangen. Gelder müssen beschafft werden, Räumlichkeiten, Partner, Mitwirkende. Allein die Organisation könnte ich allein nie stemmen, wir brauchen viele geölte Rädchen in einer Wundermaschine. Aber jetzt, wo ich nicht mehr ganz allein bin mit meiner Idee, kann es losgehen: Kurzkonzept schreiben, Ideen entwickeln, Verbündete suchen, unzählige Türklinken putzen, Finanzierungsplan aufstellen, Sponsoren suchen. Und natürlich die Kunst nicht zu vergessen! Ein Text, der sich aus dem Format Buch befreit. Wir fangen klein an, mit der Option auf Größeres. Ich werde nun doch extrem fleißig im Keller meine Riesenpilze züchten müssen, denn 2014 ist bald, fast zu bald. Das Jahr, in dem der Mann mit dem Fenster 125 Jahre alt geworden wäre.

Zum Glück bin ich nicht allein. Zum Glück hat mir das Buch über jenen Mann so viele außergewöhnliche Bekanntschaften beschert. Es wird ein Projekt eines Teams und vieler Helfer. Ein Projekt, das jeden Tag und zu jeder Stunde sterben kann. Das vielleicht nur lächerlich winzig wird, vielleicht angenehm schön. Aber wie soll man Riesenpilze züchten, wenn man sich nicht wenigstens einmal in den Keller traut?

1 Kommentar:

  1. Anmerkung:
    Der Riesenpilz wurde tatsächlich ins Leben gebracht. Ein eigenes Theaterstück, ein Kammerspiel zwischen Nijinsky und Diaghilew, uraufgeführt 2014 in Baden-Baden http://www.cronenburg.net/wordpress/erzaehlen-erleben/jeux-russische-spiele-in-baden-baden/

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