Die Bonbons der Bäckerin

Vorhin beim Dorfbäcker eine scheinbar alltägliche Geschichte. Ein kleiner Junge bringt etwas Geliehenes von einem Fest zurück. Die Bäckerin schenkt ihm dafür Süßigkeiten aus den großen Gläsern mit den Köstlichkeiten. Dann stockt sie, überlegt, greift noch einmal in drei Gläser. Der Beschenkte bekommt kugelrunde Augen, mit so viel hat er nicht gerechnet.


"Und die bekommst du fürs Tanzen kürzlich", sagt die Bäckerin. Der Kleine bekommt noch größere Augen.
"Ja, ich hab dich beim Schulfest tanzen sehen, du hast so ein Gefühl für Rhythmus, das kannst du richtig gut!"
Der Junge wird rot, guckt ganz stolz, und die Bäckerin setzt noch ein paar Komplimente drauf und fragt: "Bist du denn irgendwo für Unterricht eingeschrieben?"
Da schüttelt er traurig den Kopf. Er war mal im Tanzunterricht, aber dann hätten seine Eltern gemeint, das sei nicht so wichtig für einen Jungen.
Die Bäckerin holt ganz tief Luft, jetzt bekommt sie große Stauneaugen, laut sagt sie, das könne sie sich gar nicht vorstellen, bei solch einem Talent! Jeder der dagewesen sei, habe das erkannt, ja, alle hätten ihn gelobt ... so ein Talent, das sehe man selten. "Du musst da unbedingt dabei bleiben. Frag deine Eltern, ob sie dich nicht wieder in Unterricht schicken. Sag ihnen, dass ganz viele im Dorf dein Talent gesehen haben. Das wäre so schade, da nichts draus zu machen, du bist richtig gut! Und wenn sie dir nicht glauben, schick sie zum Brotholen her!"

Wundervoll. Klar, dass die Bäckerin nun in mir eine treue Stammkundin hat, auch wenn ihr Brot manchmal riesige Luftblasen aufweist. Und als ich heimfuhr, fragte ich mich - wer wird in Zukunft solche soziale Rollen übernehmen, wenn wir nur noch anonymisiert einkaufen oder gar per Internet bestellen? Wo werden Kinder künftig auf die Menschen treffen, die sie - notfalls auch gegen die Eltern - motivieren und aufbauen?

Kommentare:

  1. Ist das nicht in seiner Bindungsfähigkeit und seinen Einwirkmöglichkeiten vor Ort sehr begrenzt? Und was, wenn die entsprechenden Stellen im Internet gar nicht sind oder dort nicht so wirken wie im Leben? Ich denke z.B. an die Tanzlehrerin ... Fast nichts in diesem Ort ist im Internet ...

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  2. Ich möchte Anonümi mal zustimmen. "Im Internet!" hätte ich auch geantwortet und habe das auch schon erlebt. Es ist natürlich anders, aber so sehr nun auch wieder nicht. Das wohlmeinende Dorf kann im Netz der YouTube-Fanclub sein. Wer im Leben keine Bäckerin wie die beschriebene hat, hat vielleicht den feinfühligen Chatfreund, den Forenbeitragsschreiber, der gar nicht so anders als die Bäckerin ist. Ich würde Internet und Leben nicht so trennen, es ist eine Kommunikationsform, das Netz, das ins Leben eingreift. Naja, und Möglichkeiten des Einwirkens haben weder die Bäckerin noch der Chatfreund, wenn die Eltern des begabten Jungen sagen: "Halt die Klappe und werd Bauarbeiter!" Da könnte der Chatfreund vielleicht besser bei der Befreiung aus diesen Verhältnissen helfen als die Bäckerin, die einmal was Nettes gesagt hat, wer weiß?

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  3. Grundsätzlich gebe ich euch recht, Alexina und Anonümi (köstlich!) - man kann Internet und Leben nicht trennen.
    Aber hat es nicht doch eine andere Qualität, ob ich Leute gut kenne und mit ihnen täglich umgehe(Dorf) oder mit Menschen chatte, die ich noch nie gesehen habe?

    Der Chatfreund surft morgen vielleicht schon weiter oder mobbt mich morgen in einem Forum, ohne dass ich wirklich beurteilen kann, was dahintersteckt. In unserem Dorf, wo irgendwie jeder jeden kennt, wissen die Leute genau, wie die Eltern des Jungen "ticken", wie sie zu nehmen sind. Und die können dann auch schon mal bei Papa auf der Matte stehen und sagen: "Der Junge kann Bauarbeiter werden, wenn er jetzt erst mal tanzen darf." Und wenn der Vater sich blöd anstellt, kann er sein Bier beim Boule alleine trinken ... Nur mal so ins Unreine gedacht.

    Ich weiß nicht, vielleicht haben wir hier in Frankreich eine andere Kultur der Netzwerke. Es gibt hier ein reales "soziales Netz", das man z.B. damit stärkt, dass man sich zum Apéro trifft, sich austauscht, Nähe zelebriert, über ein paar Sorgen redet und miteinander lacht. Und prompt ist ein Fahrdienst für die eine Nachbarin organisiert, der eine hilft dem anderen beim Holzhacken und der dritte erklärt, wie man den Bürgermeister bei einem Problem zu nehmen hat. Wenn etwas passiert, sind alle da zum Helfen. Nur die nicht, die ständig im Internet hängen. Die kennen kaum mehr einen, beteiligen sich nicht. Und suchen dann Umzugshilfe via Twitter, anstatt die Nachbarn zu fragen ;-)

    Das ist jetzt auch wieder zugespitzt erzählt, aber ich frage mich, ob man in manchen Fällen nicht eine sehr nahe Hilfe braucht.

    Ich persönlich mache das z.B. oft, dass ich besondere Menschen aus dem Internet ins Leben hole, von Angesicht zu Angesicht. Weil mir das eine nicht reicht ohne das andere. Aber da sind wir wieder bei dir, Alexina, du sagst ja auch, dass es zusammenhängen muss!

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