Wenn plötzlich alles weg ist

In zwei Wochen, genauer gesagt, am 19. Juli, habe ich eine Lesung in Baden-Baden ... völlig vergessen! Irgendwie ist der Termin von meinem Schirm gerutscht, ich habe mir noch nicht einmal im Terminkalender notiert, wo und wann das stattfindet. Weiß nur, es ist fürs Deutsche Sozialwerk - und ich muss mein Elsassbuch mitnehmen. Früher wäre mir so etwas nie passiert. Da fieberte ich Wochen vorher, probte fleißig herum und starb regelmäßig kurz vor dem Termin an Lampenfieber. Inzwischen muss ich mir so etwas rot aufschreiben und am besten noch den Wecker danebenstellen. Was ist passiert? Werde ich vergesslich? Bin ich zu routiniert?

Der Grund ist ein ganz hässlicher: Der Schreiballtag einer Buchautorin, die hauptberuflich vom Schreiben lebt, vermüllt zusehends. Viele Honorargeber verpassen grundsätzlich jede Preiserhöhung in den Läden und das Steigen von Energiepreisen. Selbst wenn man taff bleibt, kann man sich ausrechnen, was wird: Verdreifacht sich der Ölpreis innerhalb von zwei Jahren, muss ich innerhalb dieser Jahre dreimal so viel arbeiten, um es gleich warm zu haben. Und weil man zuerst immer an den Kreativen und am liebsten an Autoren spart, landen immer mehr "unsittliche" Anträge auf dem Schreibtisch. Wo man sich fragt, woher die Leute eigentlich die Chuzpe nehmen, überhaupt solche Frechheiten zu formulieren und abzuschicken! Dabei zähle ich nicht einmal die Vollpfosten, die glauben, ich würde mal schnell "was für umme" machen, weil ja auch mein Stromanbieter den Saft verschenkt und der Bäcker kostenlos fressen lässt.

Es wird immer kurioser! Könnse uns mal schnell alle ihre Rechte lebenslänglich und bis zum Erbenende schenken? Nur die Rechte für die Aufführung des Pressetexts als Ballett ist noch nicht vorgesehen - soll ich für solche Banausen auch nur ein Wort tippen? Wenn schon, dann Ballett bitte! - Hach, sagense, Sie sind doch Spezialistin für ... sagen wir Steine. Könnse für uns mal eben schnell im Steinbruch kloppen und uns versprechen, nie wieder irgendwo und irgendwie über Steine zu schreiben, lebenslänglich, und bis zum Erbenende und so? - Ach jetzt komm, das machste doch mit LINKS!!! Und dafür willste SONNTAGSzuschlag? - Ach, du schaffst sowas nich über Nacht, willste auch extra Geld, spinnste, bei so'nem spannenden Projekt, wo du doch die Nacht eh bloß verschlafen hättst? - Was jetzt, haste seit der Volontärszeit nicht mehr gemacht? Willste nich? Biste zu erfahren dazu? Jetzt hattse auch noch den Dünkel und meint, wir sollten uns Studenten suchen!

Nicht, dass ich mich mit Anfragen dieser Art länger beschäftigen würde, aber mittlerweile ist es so lästig geworden, abzulehnen, dass ich manche gar nicht erst beantworte. Spam einer neuen Art: "Ich halt dich mal für doof"-Mails.

Und wenn man dann Schreibtisch und Kopf endlich saubergewischt hat, kommen die ordentlichen Projekte von den ordentlichen Auftraggebern. Arbeit, die man selbstverständlich auch gern mal sonntags oder nachts erledigt, weil solche Kunden das zu schätzen wissen. Und dann ist der Kühlschrank wieder gefüllt und man macht sich einen schönen Tag.

Trifft andere Künstler und eine, die man schon länger nicht gesehen hat, fragt: "Wie geht's deinem Projekt?"
Schweigen. Schwärze im Hirn. Was meint sie bloß?
"Na das tolle Projekt, an dem du gerade schreibst!"
Den Pressetext von unlängst meint sie wohl eher nicht. Glaubt sie, ich hätte den Sklavenauftrag im Steinbruch angenommen? Kann auch nicht sein. Mittlerweile schaut sie mich fragend an, weil ich so begriffsstutzig wirke.
"Du hast doch einen Roman angefangen!", hilft sie mir auf die Sprünge, "den mit der Avantgarde!"
Hektisch kämpfe ich mich durch meine Hirnwindungen: Welche Fassung meint sie nur? Wann habe ich sie zum letzten Mal gesehen? Kennt sie die private Version oder hat sie es aus dem Internet?

"Was ist los mit dir? Du arbeitest doch grade an einem Projekt?"
"Nicht nur an einem ..." Da ist der Brotauftrag XY, dann wartet jetzt das Gartenbuch, das ich im Auftrag für jemanden schreibe. Das hat Vorfahrt, weil's die Butter bezahlt. Vielleicht noch eine Übersetzung ...
"Aber du arbeitest doch noch literarisch, oder?"

An der Stelle kommt der Schock. Ich würde ja zu gern. Aber die Zeiten haben sich derart verändert, dass die hauptberufliche Autorin Romane nur noch als Hobby schreiben kann. Für Stipendien bin ich längst zu alt und zu unterhaltsam. Ob ich das Dinge je gebacken bekomme? Um mich herum sind sie nicht so irre, da werden die Schmonzetten in weniger als einem halben Jahr produziert. Und dass durch meinen Eklektizismus die Aufträge inzwischen richtig schöne Arbeiten sind, die ich gern mache ... das zählt nicht. Nicht für sie. Ich fühle mich wie eine Versagerin. Ob ich es in meinem Alter je noch auf die Reihe bekomme?

Als ich ihr sage, dass der Roman immer nur in den Pausen drankommt, weil er ja erst mal nichts einbringt, wird sie wütend. Aber es geht ihr in ihrer Kunst ähnlich. Die Arbeit im Steinbruch weitet sich aus. Sie hat auch keine Lösung.

Ich habe anschließend den Fehler gemacht, in Social Media zu schauen. Wo man hinschaut, Diskussionen um Rankings, um Billigstpreise für Bücher, um fast maschinell hingehuddelte Schnellware. Irgendetwas mache ich falsch. Sterben Menschen aus, die noch künstlerisch am Text arbeiten?

Ich habe dann schleunigst abgeschaltet und mich mit einem guten Stück Literatur in die Sonne gesetzt. Das stärkt udn regeneriert auch die Hirnmasse. Dabei habe ich beschlossen, in dieser Woche einen Härtetest zu machen. Mit meiner verrücktesten, abgefahrensten Idee. Die hat sogar ein kleines bißchen mit dem Roman zu tun. Sie ist nur zu verrückt. Aber wenn nicht jetzt, wann dann? Wahrscheinlich ernte ich schallendes Lachen. Oder den schönen Spruch: "Wer soll das alles bezahlen?" Mal sehen. Ich will es jetzt wissen: Ob da draußen noch ein paar andere Spinner sind, denen Kunst und Kultur noch am Herzen liegen.

Das Schlimmste kann ich nun auch zugeben: Ich habe diesen Beitrag nur geschrieben, um mir einzuprägen, dass ich am 19. Juli auftreten muss und jetzt endlich den Brief mit Ort und Uhrzeit suchen sollte. Jetzt.

Kommentare:

  1. Was immer weggeht ... bitte bleib. Und denk dran: 19. Juli ... wichtiger Tag für dich(für mich auch; Frau Tochter hat an diesem Tag Geburtstag).

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  2. Keine Angst, Alice, wenn hier etwas beseitigt wird, dann allenfalls der "Müll", mit dem ich immer gnadenloser verfahre. :-)

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  3. Also ... die Veranstaltung ist "halböffentlich". Ich lese am 19.7.2013 um 15:30 Uhr (!) in der Baden-Badener Seniorenresidenz Bären. Das mache ich für das Deutsche Sozialwerk, dessen Ziel es u.a. ist, alten Menschen Sozialkontakte auch nach außen zu bieten und gemeinsam kulturelle Veranstaltungen zu erleben. Die Veranstaltung ist aber für Gäste offen!

    Und wer mich gern mal wieder an einem anderen Platz in Baden-Baden erleben will ... die Planung läuft. Dieses Jahr werde ich aus Zeitgründen allerdings wohl kaum auftreten.

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