Trüffelschwein trifft Elefanten

Das Trüffelschwein suhlt sich in Büchern, bekifft sich an guten Texten. Selten, ganz selten, findet es einen richtig schönen Fliegenpilz, pardon, Trüffel: eines dieser Bücher, an denen sich auch andere berauschen sollten. Dabei ist das Trüffelschwein gnadenlos subjektiv und vor allem unbestechlich. Besprochen werden nur selbst gekaufte Bücher. Zusendungen und Werbung aller Art tritt das Schwein in den Morast - keine Chance!

Erschnuppert: 
Helmut Pöll: Die Elefanten meines Bruders, Roman (All Age), Self Publishing - alle Formate

Die Fährte:
Jemand, auf dessen Fachurteil der Trüffler vertraut, hat das Buch wärmstens empfohlen. Der Trüffler las sich sofort fest, las in einem Rutsch und fragte dann den Autor, warum zum Teufel dieses Buch nicht in einem Verlag erscheine. Das hätte es können, wenn der Autor es braver zurechtgemacht hätte, hieß es. Und zwar so brav, dass man vom Original nichts mehr erkannt hätte. Nun fragt sich das Trüffelschwein, wie man sich solch einen Trüffel entgehen lassen kann?

Die Story:
Der zwölfjährige Billy Hoffmann hat ein großes Problem: Er würde zu gern mit seinem Bruder in den Zirkus gehen, um sich Elefanten anzuschauen - die nicht eingelösten Eintrittskarten bewahrt er auf wie einen Schatz. Billy hat überhaupt jede Menge faszinierender Pläne. Spaziergänger möchte er eines Tages beruflich werden, er, der um die Säule in der Tiefgarage zigmal in die eine Richtung herumrennen muss und dann in die andere, damit sein Kosmos im Gleichgewicht bleibt. Denn Billy hat ADHS, er ist eine wandelnde Filmdatenbank, rettet sich durch feste Rituale auch sprachlicher Art - und wird frühzeitig in die Psychotherapie geschleppt.
Der Roman zeigt die Innensicht eines Kindes, ohne in Betroffenheitsgedöns zu versinken. Denn die eigentlich Behandlungsbedürftigen in diesem Buch scheinen die Eltern zu sein, die weder mit dem Anderssein des einen Sohns umgehen können noch mit dem Unfalltod des anderen. Billy Hoffmann macht sich darum mit dem ihm eigenen Humor und einer verzaubert-verzaubernden Weltsicht auf den Weg, die Elefanten seines Bruders zu suchen.

Das Trüffelschwein denkt:
Mich hatte Billy sofort am Haken, weil ich einem solch faszinierenden Jungen länger in seine Gedankenwelt folgen wollte. Das Anfangsbild vom angefahrenen Bruderengel, die akribischen Berechnungen der Tonnenlast herannahender Busse; die Frage, ob man Engel überfahren könne - das ist so intensiv wie unspektakulär, so lebensecht wie ohne jedes falsche Pathos - und darum berührend. Helmut Pöll findet in der Ich-Perspektive sofort einen mitreißenden Ton, der sprachlich einen ungeheuren Sog entwickelt. Man spürt die Tonnenlast auf der Seele des Jungen und amüsiert sich doch mit ihm über die schrill wirkenden Dinge der Erwachsenenwelt. Man hört es wieder im Rhythmus der Sprache, in der Veränderung des Vokabulars je nach Stimmung des Protagonisten. Die schräg-liebenswerte Geschichte besticht durch Magie, ohne zum Märchen zu werden. Die Figuren erscheinen in ihrer tiefsten Verletzlichkeit und geraten darum so stark - allen voran Billy und seine Freundin Mona. Das erinnert durchaus an die Welten des frühen John Irving und besticht, weil der Autor diesen sehr eigenen Erzählkosmos bis zum Schluss auf Niveau hält.

Fasziniert verändert sich beim Lesen der eigene Blick auf die Welt, der eigene Standpunkt verschiebt sich. Aus anfänglicher Neugier auf die Innensicht von ADHS wird zunächst Faszination, dann Verständnis und schließlich sogar Staunen. Billy erscheint eher wie ein Philosoph oder ein Spiegel für unsere Gesellschaft denn als kranker Junge. Wer bitte ist hier schräg? Die Hauptfigur, dessen Eltern, die Leser?

Fast bis zur Schmerzgrenze zwingt uns Pöll mit seiner authentisch wirkenden, und dabei immer flexibel bleibenden Sprache in die lebenserhaltende Ritualistik des kleinen Billy, in jene rasante Kamerafahrt aus dem Kopf heraus. Der Junge dreht zeitweise in Worten wie Taten durch, übermäßige visuelle Reize und Farben bringen ihn aus dem Tritt. Dabei hat er längst eine verblüffende Erklärung für sein Anderssein gefunden, denn krank sind die anderen: "Ich habe nur viel Energie. So viel wie ein Fusionsreaktor. Und Kindern mit ADHS darf man nichts tun."

Damit im Kopf bei Überhitzung keine "Kernschmelze" eintritt, hat der Junge, der sich häufig mit Maschinen oder Robotern vergleicht, einen Notausschaltknopf. Im herannahenden Ernstfall verlangsamt er Zeit durch exzessive Wiederholungen, durch magisch erscheinende Rituale, die Harmonie wiederherzustellen versuchen. Wenn alles nichts mehr hilft, gibt es den "Rainman-Schrei". Oder der Junge rast mit dem Todesstern aus dem "Krieg der Sterne" durch die schockierte Erwachsenenwelt. Weil er aber die Welt etwas anders sieht und manchmal auch die Fantasie mit ihm durchgeht, verdächtigt er einen alten Mann, ein Terrorist zu sein. Er löst Bombenalarm aus bei der Polizei. Und doch ist es ausgerechnet jener "böse" Mann, mit dem der Junge später einen Weg zu den Elefanten seines Bruders finden kann.

Bei einem anderen Autor wäre eine solche Geschichte womöglich zum Slapstick geraten, zur Betroffenheitsschmonzette oder zur schrillen Unglaublichkeit. Davon ist Helmut Pöll weit entfernt: Jede seiner Figuren ist auch in den schrägsten Konstellationen absolut glaubhaft, die Magie der Szenen immer leise, mit feinem Humor unterlegt. Wenn in diesem Buch entlarvt wird, dann nie einfach nur schonungslos, sondern gepaart mit Liebe auch für die, die es nicht besser wissen wollen. Wir, die Leser, sind es schließlich, die über all die verpassten Gelegenheiten eines Lebens nachdenken, über Schuld und Verantwortung oder über die eigentlich naheliegende Möglichkeit, auch das zu akzeptieren, was wir nicht verstehen können, was uns zu bedrohen scheint.

Man möchte nicht aufhören, Billy zu begleiten. Etwa wenn er mit der Selbstverständlichkeit eines Kindes die Erinnerungen an den geliebten Bruder sortiert oder messerscharf die Unfähigkeit zur Trauer bei den Erwachsenen seziert. Er blickt mit staunenden Augen auf ihre himmelweite Angst vor seinem Anderssein und empfindet sich selbst als richtig, so wie er ist. Die Szenen bei den nicht minder hilflosen Psychiaterinnen gehören zu den Perlen des Buchs, seltsam deppert experimentiert die Iguanodondame aus "Jurassic Park" an ihm herum, so hat es den Anschein. Denn Billy verliert sich Filmwelten, wenn er überfordert wird; aus Ohnmachten wacht er mit Filmzitaten auf, die dem Roman eine weitere Sichtebene verleihen. Einziger, klitzekleiner Wehmutstropfen angesichts der unterschiedlichen Ebenen: Hier hätte man das Ende in der dramaturgischen Entwicklung um ein Fitzelchen zuspitzen können - aber das ist nun ein rein persönliches Geschmacksurteil.

"Die Elefanten meines Bruders" ist ein sprach- und bildstarker Roman über das Erwachsenwerden und den Umgang mit Trauer, ein humorvoll-feinsinniger Einblick in die Erlebenswelt eines ADHS-Kindes und in die Sprachlosigkeit von Erwachsenen, die doch einfach nur diesem Kind zuhören müssten, dieses Kind ernstnehmen müssten, um sich selbst zu erlösen. Dass dieser Roman nicht nach irgendwelchen Glättungs- und Verniedlichungswünschen zurechtgestutzt wurde, ist eine weitere Stärke - und das macht ihn so lesbar für Jugendliche wie Erwachsene.

Helmut Pöll wünsche ich, dass er sich durch nichts auf der Welt unter Druck setzen lässt. Sich stattdessen alle Zeit nimmt, die es für ein weiteres Buch von diesem Niveau braucht. Ich wünsche ihm, dass er sich nicht wie so viele nach dem Erstling anpasst an all die Instanttipps, die man gemeinhin für angeblich "Bestsellerverdächtiges" behauptet. Wäre ich Verlegerin eines Publikumsverlags, ich hätte das Manuskript eingekauft, ohne mit der Wimper zu zucken. So werde ich als Leserin geduldig auf ein zweites Buch warten und als Kritikerin all jene Verlage bemitleiden, denen dieses Manuskript entging.

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