Ein Königreich für einen Verlag!

Es war einmal...
Es war einmal eine stolze irische Königin, die ...
Halt, stop. Das hier ist kein Märchen, sondern die knallharte Realität. Also noch mal von vorn:

Es war einmal eine stinkwütende Frau. Sie hatte sich 1993 nach Warschau begeben, um dort zu leben und zu arbeiten. Es war eine ziemlich verrückte Zeit, denn der eiserne Vorhang war noch nicht lange gefallen, die Sowjetunion noch nicht lange aufgelöst. Noch gingen die Flugzeuge in die polnische Hauptstadt international von den allerletzten Gates ab, wo man mit Topolews fliegen konnte. Noch wurde man am Zielort von strengen Flintenweibern in Uniform nach Strich und Faden befragt und kontrolliert - und wehe, Papiere und Visa waren nicht in Ordnung! Nach dem obligaten Stempel begann im Land der Antrag für mehr als nur ein Touristenvisum. Aber kein Problem: Ich war eine Frau, ich brauchte so etwas nicht!

Nun war ich schon immer eine sehr neugierige Frau. Natürlich wollte ich wissen, warum der Staat mir das Leben so erleichterte. Die Antwort war ernüchternd: Ich durfte gar nicht arbeiten, denn dazu war ich von keinem entsandt worden. Und ich war nur als Familienmitglied geduldet. Das mit der Arbeit als Korrespondentin hatte nicht geklappt. Keine der kontaktierten Zeitungen war überhaupt an Polen interessiert oder sie bediente ganz Osteuropa gleich von Berlin oder Moskau aus. - Ja, wenn sie uns Artikel über die Unterdrückung der deutschen Minderheiten schreiben können, dann haben Sie den Job sofort! - Wollte ich nicht, ich weigerte mich, Realitäten zu verbiegen. Diese Unterdrückung gab es nur in spinnerten Hirnen von Chefredakteuren und Vertriebenenverbänden. - Ja, wenn sie uns über das Chaos, den Dreck und die Rückständigkeit berichten könnten, haben Sie den Job sofort! - Konnte ich nicht. Ich lebte in Boomtown, im aufbrechenden Wirtschaftswunder, in einem wachen Land, in dem Zukunft nur so brodelte. Und weil mich niemand entsandt hatte, durfte ich als Ausländerin im nichteuropäischen Ausland nicht arbeiten.

Emanzipation um ein Arbeitsvisum
Ich bin für Nichtstun nicht die richtige Frau. Also fragte ich auf der Behörde, was ich tun müsse. - Sie müssten Inhaberin einer polnischen Firma sein, Direktorin. Womöglich Arbeitsplätze schaffen. - Aha. Warum eigentlich nicht? Aus meinem Beruf als Journalistin müsste doch etwas zu stricken sein? Ich erkundigte mich, wie man Generaldirektorin wird. Aha: Frau gründet eine sogenannte S. p. z. o. o. Was klingt wie ein Tiergarten, ist nichts anderes als eine GmbH. Ich hatte nicht einmal eine Ahnung, wie man eine GmbH in Deutschland aufzog, geschweige denn, was das überhaupt ist - und das in einem Land, in dem ich wirklich absolut nichts verstand? Für mich gibt es allerdings nichts Besseres als die richtige Wut auf hemmende, dämliche und rückständige Strukturen. Und ich hatte eine Menge Wut. Auf die deutschen Chefredakteure, auf die Ausländerbehörde von Warschau, auf die Männerwelt, die eine Frau lieber am Herd sehen würde. Solche Wut macht mich fleißig und kreativ.

Ein Jahr später sprach und schrieb ich recht fließend Polnisch und hatte genügend Leute um mich herum, die Leute kannten, die Leute kannten, die ... mir halfen. Es war die verrückteste Zeit meines Lebens, auch im Nachhinein betrachtet kommt es mir vor wie in einem durchgeknallten Film. Damals war im Osten alles neu, alles frei. Es wurde improvisiert und ausprobiert - ein Paradies für Kreative. Ich brauchte eine internationale Bank, einen Anwalt und einen Notar und hatte nach der Firmeneinlage eigentlich kein Geld mehr. Es war der Dekan der juristischen Fakultät, der mich persönlich beriet und mir die Firmenverträge ausarbeitete, weil jemand etwas bei ihm gut hatte, der jemanden kannte, der mich kannte. Und weil der Dekan die Notarin kannte, hat die auch erklären können, dass ich der polnischen Sprache mächtig genug sei, um allen Verhandlungen allein folgen zu können - denn der eigentlich vorgeschriebene vereidigte Übersetzer hätte mich mein letztes Hemd gekostet. Blieb noch die Bank. Das waren Amerikaner, die mich meinen gesamten Aufenthalt hindurch grundsätzlich mit "dear Sir" anredeten, obwohl sie wussten, dass ich eine Frau war. Aber für Amerikaner gab es keine emanzipierten Frauen im Osten. Dachten sie.

Das historische Stück in polnischem Design und polnischer Schreibweise der frühen 1990er

Die Generaldirektorin und die Königin
Ehe ich mich versah, war ich Generaldirektorin einer polnischen GmbH, beschäftigte eine Buchhalterin und hatte erreicht, was ich wollte: Ein eigenes Visum und eine Arbeitserlaubnis. Als einzige Ausländerin stand ich mit meinem Köfferchen in den Schlangen der Polen mit Köfferchen auf irgendwelchen Ämtern herum. Ich hatte eine Medienagentur, belieferte ein amerikanisches und polnische Blätter - und unterrichtete die Journalistinnen eines der deutschen Konzerne, die meine allzu ausgewogenen Artikel nicht hatten haben wollen. In Polen arbeitete jener Konzern am Fiskus vorbei mit schwarz bezahlten Journalisten - auch eine Möglichkeit, sich den Ämterkram zu sparen.

Natürlich braucht eine Firma einen wohlklingenden Namen. Und weil ich eine so wütende Frau gewesen war, die sich mit viel Blut und Schweiß ihren Weg in jener knallpatriarchalen Welt gebahnt hatte, fiel mir diese berühmte irische Königin wieder ein, deren Name wie "rotes Bier" einen wahren Rausch bedeutete. Bei einem Irlandurlaub war ich auf ihrer mythischen Grabstätte "Miosgán Meabha" auf dem Knocknarea bei Sligo gesessen.

Queen Maeve oder Medb, eine mythische Königin mit Göttineigenschaften, soll in einem Ganggrab auf dem Knocknarea im County Sligo in Irland liegen, über das sich rund 40.000 Tonnen Steine 10 m hoch wölben.

 Das immer noch unversehrte Ganggrab ist einer der unvergesslichsten Orte, die ich kenne. Von oben hat man einen Weitblick über Irland und das Meer, zu Füßen wachsen winzige Bergkristalle in den grauen Steinmäuerchen. Unzählige Steinkreise mit Initialen und Blumengaben zeugten davon, dass die Einheimischen immer noch alte Zauber webten. Es ist ein Ort, wo man die eigene Winzigkeit spürt wie unter einem nächtlichen Sternenhimmel, und wo sich alle Zeiten der Geschichte ineinander zu verweben scheinen. Sie ist noch recht lebendig da oben, die wilde Frau. Vom Christentum wurde sie schlecht gemacht, als unmoralisch und launisch hingestellt. Draufgängerin war sie in jeder Hinsicht - und was sie wollte, erreichte sie auch. Erst spät in unserer Zeit wurde klar, dass in die alten Geschichten um Maeve auch Schichten von Überlieferungen um eine alte Schöpfergöttin eingegangen waren. Berauschende Schöpfungsmacht - das steckt eigentlich hinter ihrem Namen. Sie ist eigenwillig und kann tricksen und zaubern. Und ganz nebenbei hat sie für ein Kabinettstück früher Literatur gesorgt: den womöglich ersten "Pillow Talk" der Literaturgeschichte. Jener Ort, jene Frau schienen mir ideal auf meine Situation zu passen. Und wenn ich aufgeben wollte oder kraft- und saftlos schien, stachelte mich Maeve, die gälische Medb, wieder an: Aufgeben gab es nicht. Ich schrieb damals auch an meinem ersten Buch, das 1998 erschien.

Ein neuer Wutrausch
Fast 20 Jahre hat das alles in mir geschlafen. Und jetzt bin ich wieder in einer Berufssituation, wo sich ein unwahrscheinlicher Umbruch abzeichnet, wo abzusehen ist, dass bald nichts mehr so sein wird, wie das zu Zeiten meines Erstlings war. Es gibt erstaunliche Parallelen. Wieder stehe ich hilflos in Ämtern herum, die ewig gestrig Berufe definieren. Mit meinem Bauchladen von Tätigkeiten deklariere ich mich dumm und dusslig und werde überall wie der letzte Depp behandelt. Als "auteur-artiste" ist man für Behörden Abschaum, Bodensatz der Gesellschaft, womöglich irgendwie durchgeknallt. Und man befindet sich mit den neuen Möglichkeiten des Self Publishing in Frankreich ständig in einer gefährlichen, weil rechtlich nicht einwandfreien Grauzone, denn Amazon ist kein Verlag. In Deutschland wiederum sind die Self Publisher die "Schmutzigen" - jedenfalls bei manchen Teilen der Buchbranche. Allem voran bei denjenigen, die selbst um ihre Zukunft fürchten. Und man kommt so einfach nicht an das heran, was hilfreich wäre - die Distributoren, den eigenen Shop.

Muss ich noch erzählen, was passiert ist? Mich hat wieder jene Wut gepackt, die in einem Kreativrausch endet. Als hätte ich mit Maeve rotes Bier getrunken. Die Frau inspiriert mich noch immer. Wenn einen etwas stört, muss man nachdenken, wie man es beseitigen könnte. Wenn man beruflich etwas tun will und alles scheint dagegen, muss man schauen, wie man die Wege findet, auf denen möglichst wenig "schlafende Gendarme" liegen. So heißen in Frankreich die Straßenschwellen zum Abbremsen. So nenne ich für mich die Behinderer, die immer nur ein "ja aber" auf den Lippen haben. Vor zwei Jahren hätte ich wegen solcher Leute fast das Schreiben ganz aufgegeben. Stattdessen habe ich mein erstes Projekt im Self Publishing durchgezogen.

Kluge Bücher für moderne Menschen
 Wieder einmal habe ich die Bedingungen zweier Länder verglichen. Mich sogar in einem deutschen Berufsnetzwerk kundig gemacht. Das gab mir den Rest. Außer einer Handvoll aufgeweckter, wirklich hilfreicher Frauen schlug mir per Mail fast Hass entgegen. Ich sei komplett verrückt, ich solle meine Finger davon lassen; was würde ich mir eigentlich einbilden zu glauben, ich könne jetzt auch noch einen Verlag gründen! Sehr reinigend, so etwas. Ich bin aus dem Netzwerk ausgetreten, habe mich mit den Aufgeweckten zweier Nationen beraten, viel diskutiert, viel nachgedacht. Und eigentlich habe ich es schon verraten: Ich gründe einen Verlag. Einen französischen Verlag, der im Elsass deutschsprachige Bücher macht. Erst mal nur die eigenen, mit winzigen Brötchen will ich anfangen. Es ändert sich im Prinzip nur die juristische Form. Aber ich freue mich schon jetzt darauf, den eigenen E-Book-Shop auf die Beine zu stellen - denn ab dann darf ich auch hochoffiziell Bücher verkaufen. In Frankreich können Verlage ihre eigene Verlagsbuchhandlung sein.

Ich sitze in Gedanken wieder auf jenem "Weltenmittelpunkt" in Irland, wo alle Zeiten aufeinandertreffen, und möchte am liebsten mit ihr anstoßen: Maeve ist wieder da. Und die kleine Menschenfrau mit dem elenden Dickkopf und dem Zukunftshunger kalkuliert sich noch diverse Dinge durch, liest sich durch Tonnen von französischer Juristerei, lässt sich weiter beraten. Und dann kann es im September ganz schnell gehen. Die Firmenform lässt sich online eintragen. Und die Deklaration für die Firmennummer wird innerhalb von 24 Stunden bearbeitet. Dann wird der Verlag offiziell und amtlich sein.
Éditions Maeve. Kluge Bücher für moderne Menschen. 

Und nein, ich nehme KEINE Manuskripte an!

Kommentare:

  1. Ganz viel Glück wünsch ich Dir. Die Zeiten sind günstig, wenn Europa so bleibt.

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  2. Danke euch beiden! Dass Europa bleibt und nicht nur rein über Geld, sondern auch seine reiche Kunst und Kultur erfahrbar bleibt, dafür strenge ich mich gemeinsam mit Gleichgesinnten tüchtig an. Der Verlag ist auch ein kleiner Schritt hin zu einer Arbeit diesbezüglich ...

    Annemarie, da du auch in der französischen Pampa sitzt ;-) muss ich dir ja nicht erklären, wie die Freuden eines reinen auteur-artiste zwischen AGESSA und der auto-édition sind. ;-) Ich mache seit einem Jahr herum, weil die AGESSA einen meiner Texte nicht als "literarisch" anerkennen will (!) und hab jetzt einfach die Faxen dicke ...

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  3. Wenn ich mal in die französische Pampa komme, bringe ich rotes Bier mit – versprochen! Die Menge hängt allerdings von meinem Fortbewegungsmittel ab *ggg*

    Und ansonsten: Willkommen im Club! :-) Corragio! Wird schon schiefgehen!

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  4. coraggio heißt das natürlich :-(

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  5. Viel Glück, Petra, in der Wut werden die besten Projekte gestartet!

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  6. Prächtige Geschichte!

    Könnte auch heißen "Not macht erfinderisch" oder (nach Karl Marx) "Das Bedürfnis verschafft sich ein Organ …"

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  7. Haha, da hat der alte Karle aber voll ins Schwarze getroffen ;-) Danke für die guten Wünsche!

    Aber ich muss eins klarrücken: Es war ein immenses Abenteuer und eine Anstrengung, im Polen der 1993er eine Firma zu gründen. Einen Verlag zu gründen ist fast zu einfach! In Deutschland reicht ein Gewerbeschein. In Frankreich reicht man beim Finanzamt ein hübsches DIN-A-3-Formular auf dem Finanzamt ein und gründet die Firma dazu auf einer Website. Reine Formalie (natürlich mit diversen Konsequenzen in Rechten, Pflichten etc.).

    Ich glaube, die Kunst kommt erst nachher. Da es mir langfristig auch um binationale Ideen geht, ist das schon ein tüchtiges Kuddelmuddel allein in Sachen Vertrieb etc. Aber ich wohne, denke ich, genau im richtigen Departement dazu.

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  8. Ähm, übrigens: In der französischen Pampa haben wir rotes Bier immer vorrätig. Heißt hier "weng ruhsch" ;-)

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  9. Petra, nochmal: Gratuliere! Weil du das einzig Richtige machst. Es ist sinnlos, sich mit Idioten streiten zu wollen, zumal die Idioten dank ihres Amtes immer den längeren Hebel haben. Also Attacke!

    Alles Gute. Du packst
    das.
    Peter

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  10. Merci Peter,
    zuerst wird sich ja mal nichts außer dem Status ändern. Was mich viel schlimmer entsetzt hat als all der Formularkram waren die Reaktionen aus dem Buchbranchen-Netzwerk. Ich wusste ja, dss wir im Haifischbecken schwimmen, aber das ...

    Für den Umgang mit Behörden haben wir in Frankreich eine Steilvorlage:
    http://www.youtube.com/watch?v=lIiUR2gV0xk

    Grüße über den Teich und Daumendrücken für den "Aasgeier", den neuen Krimi!
    Petra

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  11. Liebe Petra,

    Haifische sind eigentlich ganz friedliche Tiere, vor allem im Vergleich zu Raubmenschen. Wenn Sie die meiden wollen, müssen Sie nicht nur Buchbranchen-Netzwerke auslassen, sondern auch S-Bahntüren, Notausgänge, Grabbeltische und (sinkende) Kreuzfahrtschiffe. Überall, wo sich Menschenschlangen bilden, würde ich meine Position lieber mit Klapperschlangen und Ringelnattern teilen.

    Auf der anderen Seite sind die ungefährlichen, satten und unbedrohten Menschen so langweilig bis widerlich, dass sie uns nicht wütend genug machen. Es soll wohl alles so sein, wie es ist und wie es kommen wird. ;)

    Ich wünsche Ihnen viel Erfolg mit Ihrem neuen Projekt! Vor allem bleiben Sie immer gesund, glücklich und zufrieden.

    Gruß Heinrich

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  12. Lieber Heinrich,
    wenn alle Stricke reißen sollten, werde ich mir von Peter J. Krauss eine Klapperschlange besorgen lassen. Ihre Wünsche sind viel wichtiger als alles Firmengezausle (obwohl das vor allem die Gesundheit fianziert) - drum herzlichsten Dank dafür mit schönen Grüßen,
    Petra

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  13. Du bist super!

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  14. Sehr gute Entscheidung! Herzlichen Glückwunsch. Liebe Grüße

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  15. Herzlichen Dank, Petra! Ich hoffe, ich werd's nicht bereuen, noch ist mir leicht gruslig ;-)

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