Buchmesse adé

Eigentlich ist es völlig bekloppt, bei dieser Hochsommerhitze schon an die herbstliche Buchmesse zu denken. Aber Tickets, Fahrkarten und womöglich Zimmer wollen rechtzeitig gebucht werden. Warum aber zum Teufel trifft sich alle Welt in Frankfurt? Warum nehmen Autoren dieses Loch im Geldbeutel in Kauf?

Es ist eigentlich ganz einfach: Man trifft sich, weil sich dort die gesamte Buchwelt trifft. Insofern hat man endlich alle wichtigen Leute an einem Platz, für die man sonst in alle möglichen Himmelsrichtungen reisen müsste. Ich habe auf diese Art meinen Agenten und Verlagsmitarbeiter zum ersten Mal gesehen, die ich vorher nur per Mail und Telefon kannte. Und man lernt durchaus Kollegen kennen, bei inzwischen via Twitter oder FB organisierten Treffs. Termine hat man besser lang im Voraus abgesprochen, die wechseln oft im Zehn-Minuten-Takt. Messe ist Stress, Adrenalin, Aufregung. Ein unvergessliches Ereignis.

Aber der Aufwand ist nicht ganz billig. Und so fragt man sich jedes Jahr: Muss ich da hin? Kann ich XY nicht viel ruhiger und besser an seinem Arbeitsplatz kennenlernen? Was habe ich davon, wenn 70 Twittergesichter real life auf mich einstürmen? Habe ich ein Buch zu promoten, bin ich Star an irgendeinem Stand?

In meinem Fall wäre die Buchmesse in diesem Jahr nur Luxus, um Leute kennen zu lernen. Dort hängen meine E-Books nicht herum und für mein nächstes Buchprojekt gehe ich ohnehin ganz neue Wege. Aber jetzt hat sich die Frage ganz schnell von selbst erledigt: Ich bin 2012 nicht bei der Buchmesse.

Ich muss nämlich in jenen Tagen eine Rede halten, die mit meiner Buchzukunft zusammenhängt. Mein neues Buch beginnt mit der Geschichte eines der größten russischen Dichter, Wassilij Schukowski, Lehrer Puschkins, kongenialer Übersetzer von Goethe, Schiller und Lord Byron. In meinem Buch zieht der Dichter der Zarenhymne ausgerechnet 1848 ausgerechnet in die Nachbarschaft von Georg und Emma Herwegh. Die beiden Revoluzzer sind mit einem gewissen Bakunin befreundet und würden am liebsten alle absolutistischen Herrscher Europas und Russlands beseitigen. Schukowski bekommt seine Rente vom Zaren. Es geht heiß her in jener Zeit in Baden-Baden, die Provinz wird nicht zum letzten Mal zur weltpolitischen Bühne.

Wie das Leben so spielt, wird genau während der Buchmesse Schukowskis Familiengrab als Gedenkstätte übergeben (er selbst wurde posthum nach Petersburg überführt). Die deutsch-russische Kulturgesellschaft hat die Patenschaft übernommen, das Grab hergerichtet - derzeit wird noch am Obelisk gearbeitet. Es wird einen orthodoxen Gottesdienst zur Weihe geben und eine Gedenkveranstaltung in der Stadtbibliothek vor hochrangigen russischen Gästen. Für die deutsche Seite werde ich eine Rede über Schukowski halten.

Ich mache also zur Buchmesse genau das, was man immer tut in dieser Zeit: Kollegen kennenlernen. In meinem Fall ist er schon tot, aber die, bei denen ich recherchieren kann, sind höchst lebendig und womöglich anwesend. Ich mache das, was man zur Buchmesse immer tut: Ich kümmere mich um mein nächstes Buchprojekt. Nur eben nicht in Frankfurt ...

Kommentare:

  1. Gefällt mir, Petra, wie du deine private Buchmesse inszenierst! Ich gehe auch nicht hin, war eh schon dreimal in Frankfurt dieses Jahr. Mal sehen, was ich statt dessen mache.

    Herzlichst
    Christa

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  2. Na, Christa, das inszenieren andere - ich werde inszeniert ;-)

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  3. Auf Messen gehen die Leute aus olympischem Geist. Dabei sein ist alles. Ich habe in meiner Touristik-Zeit zusammengerechnet sicher Monate in Messehallen zugebracht. Dabei war es besonders lustig, den Stand von Kleinkleckersdorf auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin zu besuchen. Da wurde man vom Bürgermeister persönlich begrüßt, der sich darin sonnte, auf der weltgrößten Touristikmesse sein zu dürfen. Gebracht hats selbstverständlich nichts außer Spesen.
    Viel spannender hört sich dein Projekt an. Klingt irgendwie nach "historischem Roman" ;-)

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  4. Hallo Matthias -
    nein, kein historischer Roman (Zwinkern angekommen), eher ein literarisches Reisebuch. Es wird formal sehr nah an meinem Elsassbuch sein - Plaudereien zwischen der Jetztzeit und der Geschichte. Wenn alles klappt, will ich auch ab 2013 Führungen dazu anbieten. Auch mir ist das jetzt spannender als die Messe ;-)

    Was die Messe betrifft, abgesehen davon, dass mir große Menschenansammlungen ein Gräuel sind (irgendwie sind die nie so schön wie Rotten von Flamingos), man kann bei der Buchmesse schon ein High-Gefühl entwickeln. Als Autor sitzt man ja meist allein vor dem Schreibtisch und hat auch im Umfeld nicht immer unbedingt die gleiche Anerkennung wie z.B. der Bürgermeister oder der Topmanager.

    Plötzlich geht man in diese Hallen und sieht NUR Buchleute. Buchleute aus aller Welt, Bücher in allen möglichen Sprachen. Irgendwann huschen irgendwelche hochberühmten SchriftstellerInnen durchs Bild und die ganze Atmosphäre sagt einem: Das, was dein Herzblut ist, dein Lebensding, nämlich die Bücher, steht hier im Mittelpunkt. Und all diese Menschen lieben Bücher. Du bist nicht allein. Da draußen sind so viele spannende Menschen.

    Das Gefühl fand ich bei meiner ersten Buchmesse sehr überwältigend. Und als ich dann einen Termin in der Agency Hall an einem dieser unzähligen Campingtischchen hatte, wo die Glasverhaue der Giganten wie Wylie gleich daneben herumstehen, ja, da kam ich mir ganz kurz irgendwie "wichtig" vor. Ich hatte "es" geschafft, war ein Teilchen des Ganzen.

    Bei der zweiten Buchmesse funktioniert das leider schon nicht mehr. Die Kollegen und Buchleute kann man im Web kennenlernen. Und in den großen Hallen sieht man nur eins: Du bist Teil des Ganzen, aber du bist nur ein winziges, allerwinzigstes Rädchen im Getriebe. Und wenn du nicht rädelst, äh, rödelst, wirst du vom nächsten Rädchen ersetzt.

    Vielleicht saufen Messebesucher deshalb so hemmungslos. ;-)

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