Meilensteine im All

Gestern war wieder so ein Tag. Immer wieder einmal im Leben passieren diese kleinen Wunder, an denen man merkt, dass die Geschichte sich entwickelt und Zukunft kurz hereinlugt ins Leben. Ich weiß nicht, wann ich das Gefühl zum ersten Mal hatte. Vielleicht an dem Tag, an dem ich im Schaukelstuhl saß und mich wunderte, dass das Gehirn nicht einfach lose wie verrückt in der Hirnschale herumschwappt. Wenn es sich so gut equilibrieren konnte, wäre es womöglich fähig, noch ganz andere Dinge ohne mein bewusstes Zutun zu bewältigen? Ich war damals ein sehr kleines Kind und fühlte mich wie der größte Schaukelstuhlforscher aller Zeiten.

Foto: anavanz / pixelio.de
  Noch während meiner Kindheit wurde sogar die kühnste Science Fiction plötzlich Gegenwart. Wir starrten in den Himmel, um Sputniks zu finden und auf den Fernsehbildschirm, als der erste Mensch den Mond betrat. Unser Weltbild explodierte mit den Feuerstößen unter den Raketen. Wenn die Eltern nicht zuschauten, unterhielten wir uns mit imaginären Marsmännchen und träumten von Reisen ins All im Stil von "Raumschiff Enterprise". Da war so viel Aufbruch, so viel Hoffnung. Als Teenie schrieb ich mir selbst einen Brief ins Jahr 2000. Ich würde dann eine "uralte" Frau sein, in einer unvorstellbaren Science-Fiction-Zeit, in der wahrscheinlich die Autos fliegen konnten, die Gehsteige durch Rollbänder ersetzt wären und Menschen durch kleine umgehängte Geräte in allen Sprachen auf der ganzen Welt sprechen konnten.

Und dann kam eine Weile nichts. "Null Bock" und das Gefühl, diese Gegenwart sei irgendwie nicht das Erträumte. Schließlich Bedrohungsgejammere, Krisengejammere. Bis es wieder einschlug. Ich hatte mich vor dem deutschen Krisengejammere in den ehemaligen Ostblock abgesetzt und saß in Polen, bestückt mit einem uralten, analogen feuerwehrroten Plastiktelefon, das aussah wie aus dem Fundus von James Bond, aber nur funktionierte, wenn das Wetter schön oder die Kupferleitung nicht gerade geklaut war. Wilde Zeiten im Umbruch, 1993. Plötzlich ist es wieder passiert. Aus dem fernen Nachbarland drang durch den Hörer das Wort "Faxweiche". Als ich weggefahren war, hatte es dieses Wort noch nicht gegeben. Ich suchte es vergeblich in den Wörterbüchern. Ich fand nur ein Wunder. Da gab es ein Gerät, das Texte und Bilder fraß ... plötzlich geschah irgendeine geheimnisvolle Magie in der Telefonleitung - und schon spuckte ein ähnliches Gerät am anderen Ende die Texte und Bilder wieder aus. Die Faxweiche sorgte offensichtlich dafür, dass man von Stimme auf Papier umschalten konnte. Ein Beam-Regulator!

Das Wunder war für mich insofern ein noch größeres, als das gekaufte ausländische Gerät auch mit der alten Kupferleitung funktionierte, falls schönes Wetter herrschte und falls sie nicht wieder von irgendwem zu Geld gemacht worden war. Das fühlte sich an wie im Raumschiff Enterprise, das war Beamen! Kurze Zeit später hatten wir wegen der Kupfermisere ein riesiges, ultraschweres Telefon mit Antenne, das eigentlich für Autos erfunden worden war, aber transportabel in die Wohnung mitgenommen werden konnte. Wir bekamen Angst um unsere Hirnströme, wenn wir den affig großen Hörer an den Kopf legten, während wir das Gerät sogar in die Küche mitschleppen konnten. Wenn es dann in einem Funkloch britzelte, sah ich wieder Scottie vor mir, wie er panisch an Knöpfen dreht, während ihm Kirk zuruft: "Alle Energie zuschalten, Warp5!" Wir lachten uns kaputt über die Idee, wann sie wohl Telefone entwickeln würden, die einem nicht mehr den Arm schwer machen würden. Womöglich würde man eines Tages sogar das eigene Bild beamen können. Hinein in den Hyperraum und am anderen Ende wieder heraus.

Gestern war nun wieder so ein Tag. Ich habe mein Buch gebeamt! Wer mich sehen kann, erkennt, dass ich stolz wie Scottie im Maschinenraum herumstolziere und kurz in die Sprechtröte sage. "Alles in Ordnung Captain. Sind wieder voll auf Stoff." Spock macht noch einmal den großen Maschinencheck: "Keine besonderen Vorkommnisse, Sir, es validiert!" Kirk schmunzelt Uhura an und murmelt sein: "na dann kann's losgehen" - und das Raumschiff fliegt eine Kurve in die unendlichen Weiten des Weltalls.

Meine Bibliothek strahlt Magie aus. Aber was ich jetzt getan habe, ist auch magisch. Ich habe die Datei eines Papierbuchs gehäckselt und geschreddert, in die Waschanlage gefahren und neu zusammengesetzt, bis nichts mehr an ein "Buch" erinnerte. Und dann habe ich den großen roten Knopf gedrückt.
"Beam me up, Scottie!"
Und wuuuuusch. Blaue Balken in zwei Reihen laufen über Spocks Bildschirm, zucken ein wenig, laufen weiter. "Sir, die Mannschaft ist auf dem Planeten Mobi erfolgreich gelandet!"
Und wuuuuusch. Blaue Balken in zwei Reihen laufen über Spocks Bildschirm, zucken ein wenig, laufen weiter. "Sir, die zweite Mannschaft ist auf dem Planeten Epub gelandet!"
Natürlich musste ich gegenchecken. Ich habe meinen Reader angeschlossen und die Mannschaft von Mobi herübergebeamt. Und bin hin und weg. Ein richtiges, echtes, feines E-Book, das kein bißchen weniger perfekt aussieht wie das von "echten Verlagen" - im Gegenteil, es sieht meiner Meinung nach sogar besser aus als die Konvertierung von einigen.

Irgendwie ist das immer noch die pure Magie. Ich staune wie der Eingeborene, der sich zum ersten Mal auf einem Foto sieht. Das ist Beamen pur, das ist gigantischer Hyperraum im Buch. Nicht auszudenken, welche fernen Planeten noch denkbar sind! Und wenn das Ding die gleiche schnelle Entwicklung durchlaufen würde wie einst das ultraschwere Tragetelefon?

Mein Raumschiff muss natürlich jetzt erst einmal landen und dann muss Spock noch einmal alle Daten durchchecken, ob auch wirklich kein Fehler übersehen wurde. Uhura brütet an der Kommunikation, denn der Prototyp darf sich erst dann E-Book nennen, wenn Klappentext und all der Kram gedichtet sind. Erst dann darf Scottie noch mal ran. Er muss das Wunder in die Galaxie von Amazonien bringen. Schon sehr bald wird dort ein kleines lavendelblaues Licht den Himmel erhellen. Zu dem neuen Stern namens "Lavendelblues" werden noch viele kleine andere neue Sterne kommen und der Entdeckung durch die Erdlinge harren.

Kommentare:

  1. das ist so schön geschrieben... Ich hab das gerade hinter mir. Mich würde interessieren, welche tools Sie einsetzen zum mobi-lisieren und ePublizieren...

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  2. Danke!
    Das kann ich ganz einfach auf den Punkt bringen: Sigil, Mobipocket und Calibre habe ich nach nervigen Tests weggeworfen (bei Calibre nur Fehlermeldungen, kein Validieren möglich). Wobei Calibre aber gute Dienste als Managementsystem bietet oder wenn man mal schnell einen Internettext deutlicher auf den Reader ziehen will - privat also.

    Fürs professionelle Konvertieren habe ich mir Jutoh gekauft und das ist jeden Cent wert. Das Tolle an dem Programm: Innerhalb seiner Oberfläche arbeiten KindleGen und epubCheck, so dass man sofort austesten kann, wo mögliche Fehler liegen.
    Und womit haben Sie gearbeitet? Ist ja immer subjektiv, was man an Software mag ...

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  3. Ich hab den Vorgang hier beschrieben http://mikelbower.de/blog/index.php/freeBooks/2011/12/22/ebooks-machen

    OpenOffice, Sigil, Kindlegen.

    Ich bin aber gerade dabei mich intensiv mit LaTex als SatzMaschine unter Linux zu befassen

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  4. Heinrich5/3/12 02:16

    Liebe Petra,
    das ist so wunderschön geschrieben, dass ich sofort Lust verspüre, mal mit der Enterprise zu reisen.

    Ich frage mich nur, ob mein Gehirn noch equilibrieren würde, wenn das Raumschiff eine Kurve fliegt, oder ob es in der Schwerelosigkeit sowieso ab und zu an die Schädeldecke klopft. ;)

    Einerseits haben wir in den letzten 50 Jahren mehr technische Erfindungen und Weiterentwicklungen miterlebt, als in 500 Jahren davor, andererseits sieht unsere Welt im Jahre 2012 lange nicht so futuristisch aus, wie wir sie uns vor 50 Jahren vorgestellt haben.
    (Es gibt noch immer kein Rollband von meiner Wohnung zum Supermarkt) :(

    Wie man sich 1954 wohl einen E-Bookreader vorgestellt hätte, wenn ein PC schon so ausgesehen hat
    ( http://s11server.de/11ers/images/HomeComputer.jpg )

    Ich bin gespannt, welche Überraschungen, Errungenschaften und Enttäuschungen die nächsten Jahre / Jahrzehnte für uns bereithalten.

    Gruß Heinrich

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  5. Danke, Michael Bauer!
    Tja, die Zeitreisen, lieber Heinrich, ich geh gern mal zurück und überlege, wie war das eigentlich, was habe ich damals gedacht? Hilft einem, die unnützen Kleinigkeitspaniken der Jetztzeit zu relativieren ;-)
    Schöne Grüße, Petra

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  6. Dazu passt ein Text von Stanislaw Lem über Buchläden der Zukunft:
    http://ebookfriendly.com/2011/04/29/electronic-bookstore-according-to-stanislaw-lem-in-1961/
    Sonnige Grüße!

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  7. Oh ja! Ganz toller Text.

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