Big Data und der Glibbertest

"Das Netz" erregt sich gerade über das Thema Big Data, ohne leider der Bedeutung des Themas gerecht zu werden. Auslöser ist ein massenhaft geteilter Artikel über den Psychologen und Fachmenschen für Psychometrie Michal Kosinski: "Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt". Leider muss sich der Artikel vorwerfen lassen, den PR-Angaben und der Selbstdarstellung von Cambridge Analytica zu sehr auf den Leim gegangen zu sein und die Bombe doch zu vollmundig aufgebauscht zu haben: Angeblich habe allein diese Firma Trump an die Macht gebracht mit ihrer Datensammelei, den Datenanalysen und dem, was man damit anstellen kann.

Bild 1: Ich wollte es genau wissen und gab auf Kosinskis Testplattform einen Text ein.


Kann man mit Big Data Wahlen manipulieren?

Angeblich reichen Kosinsky 70 Likes bei FB, um einen Menschen besser beurteilen zu können als dessen Freunde. Facebook ist ein einzigartiges Labor für Big Data und am schönsten gelingt das Datensammeln bei den Spieltypen, die wissen wollen, welchen Fantasienamen sie tragen oder welches Fabelwesen sie seien. Psychotests mit menschlichen Ratten. Alles seit langem bekannt. In welch großem Stil Trump und Konsorten solche Kenntnisse nutzen, mag überraschen, ist aber so neu nun auch nicht. Von einem gewissen Haus in Sankt Petersburg weiß man, dass hier Big Data sogar mit Social Bots zur Propaganda verbunden werden. Social Bots, die man als Nichtmenschen bei FB kaum noch erkennt, raffinert gepaart mit der Arbeit echter Menschen. Und doch fliegen sie regelmäßig auf.

Wir alle ahnen: Big Data kann uns ganz schön gefährlich werden und Facebook ist längst diesbezüglich zum Labor geworden. Aber ist es wirklich so, wie Cambridge Analytica vorgibt? Immerhin geht es da um viele Millionen Dollar. Kann so eine Firma wirklich allein einen Trump an die Macht bringen und den Brexit verursachen?
Eines kommt in diesem Artikel überhaupt nicht vor: Das Versagen der Politiker vorher, die Wirtschaftskrise samt der Antworten wie Austeritätspolitik, die demografischen Entwicklungen und die Schere zwischen Arm und Reich, die Lustlosigkeit vieler an der Politik, die Passivität und und und. Liegen nicht eher hier die Ursachen für Wahlentscheidungen? Sind die Analysen von Big Data wirklich so mächtig oder erfassen sie nicht auch nur den Status Quo danach? Kann man Menschen, die Politiker A wählen wollen, wirklich manipulieren, Politiker B zuzujubeln?

Kritische Artikel dazu im Überblick:

Joel Winston sagt, es sei umgekehrt: Man manipuliere Wähler, eben nicht zur Wahl zu gehen, weil das viel einfacher sei. Die NYT sieht das genauso und schreibt über die Vorfälle und die Verknüpfungen mit FB einen sehr viel kompetenteren Artikel, in dem gefordert wird, dass Zuckerberg als Verantwortlicher für mehr Transparenz sorge. Genau hier liegt ein Schlüssel für die Big-Data-Debatte: Es liegt an den Staaten dieser Welt, ob sie Zuckerberg in der Zukunft alle Narrenfreiheit gewähren wollen - oder ob es nicht auch endlich an der Zeit wäre, sich Gedanken über neue Gesetze zum Schutz der Bürger zu machen. Gesetze, die den neuen Technologien nicht ständig hinterherhinken.

Kate Kaye von Advertizing Age nimmt Cambrige Analytica und ihre Versprechungen unter die Lupe. The Wired macht das auch. Einen kritischen Artikel gibt es im Blog des WDR, aber leider krankt dieser im Gegensatz zu den englischsprachigen Quellen an einer süffisanten Gleichstellung der Story um Kosinski mit Fakenews. Trotzdem stimmt die Hauptaussage: Warum schaut niemand aufs Ganze und nimmt die Eigenaussagen dieser Firma kritisch unter die Lupe? Warum ordnet man den Budenzauber von Big Data nicht ein in politische Zusammenhänge und Entwicklungen?

All das habe ich hier zusammengefasst, damit man sich ein eigenes, runderes Bild machen kann. Damit die Debatte in Zukunft an einigen Stellen vielleicht weniger hysterisch und emotional verläuft, aber sachlich auf die Möglichkeiten schaut, die Notwendigkeiten, wie wir alle darauf reagieren müssen. Denn die große Datensammelei ist Fakt, ist Teil unseres Lebens.

Der Glibbertest

Weil ich keine Wissenschaftlerin bin und zum Thema nicht als Journalistin groß recherchieren kann, habe ich spaßhalber einen anderen Test gemacht. Ich habe mich als ganz normale Bürgerin auf Michal Kosinskis Analyseplattform begeben. Meine FB-Daten dort gezielt abgreifen zu lassen, war mir doch etwas zu gruslig. Ich mache mir wahrscheinlich etwas vor, aber vielleicht wurden sie ja zufällig noch nicht dort genutzt. (Woanders sicher). Kurzum: Ich entschied mich für den psycholinguistischen Test an einem Text. Berufskrankheit. Und wenn ich schon mal texte, dann für die Psychos doch echt im wildesten Stream of Consciousness und absichtlich ein bißchen penetrant, was das Jasagen betrifft. Die restlichen inneren Vorgaben verrate ich nicht. Den Text kann man oben auf Bild 1 lesen (zum Vergrößern anklicken).

Bild 2: Meine Persönlichkeit wird eingeordnet ins Schema zwischen den Extremen.
Keine Sekunde später war meine Persönlichkeit ausgewertet. Dass man mich in die kreativ-künstlerische Ecke steckte, verwunderte mich nicht - ich hätte vielleicht doch besser den Packungstext einer Sardinenbüchse verfassen sollen. Dass eher Frauen kreative Texte posten, ist so neu auch nicht als Erkenntnis. Und ein Alter zwischen 20 und 25 schmeichelt mir sehr, ich werde mir natürlich beim nächsten Buch noch einmal grundlegend Gedanken über mein Zielpublikum machen ... Und der Rest? Wo es ans Eingemachte geht?

Bild 3: Jetzt wollen sie es aber genau wissen! So bekomme ich nie einen Chefposten in meiner Firma.
Liest sich wie ein Horoskop aus der Hörzu. Man ist verführt, gewisse Dinge abzunicken, weil sie wahrscheinlich auf mich wie auf Tante Erna passen. Aber die sind nun doch zu platt aus dem Künstlerischen abgeleitet, Klischee pur, würde meine Lektorin an den Rand schreiben. Kurzum: Ich habe mich köstlich amüsiert. Das bin nicht ich. Das bin ich vielleicht an manchen Tagen oder beim passenden Mondstand - und danach bin ich wieder anders.

Bild 4: Jetzt bekomme ich auch noch ein Etikett von Jung verpasst. Freud lässt grüßen.
Und dann passiert es: Die Maschine geht mir auf den Leim! So viel weiß ich von Linguistik, dass man durch Sprache Emotionen hervorrufen, aber auch spiegeln kann. Unsereins nutzt das im fiktionalen Text jederzeit: Will ich meine Leser atemlos machen, gerate ich einfach schriftlich selbst ins Schnaufen. Satzrhythmen und -längen, Satzzeichen, Tonalitäten, Wortwahl ... all der Handwerkskram von Schriftstellern eben. Der Big Data Psychiater bescheinigt mir aufgrund meiner Yes-Quatscherei im Stakkato: Ich sei sehr leicht zu stressen und würde überwiegend emotional reagieren. Damit habe ich mich zum idealen Target für populistische Propaganda gemacht. Wäre ich nicht ein ideales Wütbürgerchen? Bring mich auf die Palme, Manipulations-Anzeige, stress mich und gib's dann meinen Gefühlen! Dumm gelaufen - denn genau das verfängt bei mir nun so überhaupt nicht. Das und so einiges andere führt wahrscheinlich dazu, dass Werbung bei FB auf mich nie passt? Oder kommt die wiederum daher, dass ich die süßeste und netteste Werbung gern als anstößig melde? Können die Psychometriker eigentlich Subversivität entdecken?

Eigentlich schaffen diese angeblich so treffsicheren Voraussagen von Kosinski nicht mehr als die blöden FB-Spielchen nach dem Motto: Bist du eher ein Einhorn oder ein Sarg?

Doch wäre es fahrlässig, sich nun entspannt zurückzulehnen im Bewusstsein: Ätsch Maschine, ätsch, doofer Algorithmus, ich als Mensch bin euch überlegen! Und natürlich braucht man beide nicht, um zu wissen, wie ich über Trump oder Brexit denke - dazu müsste man wirklich nur meine Texte lesen. Das kann jeder Depp. Dazu braucht's kein High Tech.

Der Grusel liegt woanders. Jene Plattform ist ja eigentlich gar nicht dazu da, meinen Wissensdurst zu befriedigen oder mich zu amüsieren. Die will einfach nur gefüttert werden. Mit möglichst vielen Daten. Sollte künstliche Intelligenz dahinterstecken (was man bezweifeln darf), würde das Ding mit der steigenden Anzahl der Eingaben in gleicher Weise lernen wie Google Translate. Verführt hat es mich schon. Wie viele lassen sich täglich bei FB verführen, Laborratte zu spielen? Auch ich gebe längst nicht mehr Acht, was ich poste, like, teile.

Ich glaube nicht, dass man Menschen wie mich rein maschinell so manipulieren könnte, dass ich jemand anderen wähle, als es mir meine Überzeugung gebietet. Viel gefährlicher ist in meinen Augen, dass all der Datenschleim, den ich wie alle anderen täglich absondere, in privater Unternehmerhand liegt, über dubiose, nicht transparente und dunkle Kanäle weiter verkauft wird. Dass man damit Dinge anstellen kann, von denen ich nichts weiß - die aber enger auf meine Person zurückzuführen sind, als mir lieb sein kann.

Das Grusligste von allem aber ist die Frage: Inwiefern könnten Ergebnisse wie das aus dem Glibbertest vom System als bare Münze genommen werden und sich selbstständig machen? Mein Text macht mich angeblich überemotional und aufbrausend. Was, wenn mich das eines Tages höhere Krankenkassenbeiträge kosten würde, mich kreditunwürdig machte, mir eine Jobbewerbung vermasseln könnte? Auch, wenn es eindeutig Unsinn ist, Blödsinn aus einer Maschine? Hier liegt eine der Gefahren von Big Data. Und die ist schon lange da, das ist nichts Neues. Überaltert sind leider auch unsere Datenschutzgesetze.

Update: Die ZEIT hat sich mit dem Schweizer Artikel nun auch kritisch auseinandergesetzt und findet: "Big Data allein entscheidet keine Wahl."

Weil ich das neuerdings auch bei FB immer dazuschreiben muss: Achtung! Ich bin Laiin auf dem Gebiet, erlaube mir aber trotzdem eine - vorläufige - Meinung. Doppelt Achtung! Ich schreibe oft ironisch, launig oder selbstironisch, meine aber trotzdem ziemlich viel ziemlich ernst.

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