Kultur? Hundifiziert euch!

Es gibt eine Menge Zweibeiner, die sich einbilden, zur Krone der Schöpfung zu gehören. Ihre Begründung: Nur sie, als einzige Lebewesen, hätten Kultur auf diesem Planeten entwickelt. Das definieren sie bei Wikipedia so einfach:
Kultur (von lateinisch cultura „Bearbeitung, Pflege, Ackerbau“) bezeichnet im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt, im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen und nicht veränderten Natur.
"Schweinehintern à l'orange" - Installation des französischen Food-Por.n-Stars Bilbo
Weil der Mensch aber oft ein Mistvieh ist, gebraucht er seinen Kulturbegriff gern als Waffe. Er schließt damit nicht nur andere Lebewesen aus, die viel mehr Beine haben, sondern selbst Menschengruppen - je nachdem, welche Sorte Leitwolf gerade an die fetten Futternäpfe möchte. Da keift die Hochkultur gegen die Trashkultur und der Popkulturpinscher pinkelt dem konservativen Kampfhund ans Bein. Manche machen kulturell einen auf hipp und treiben damit den Preis der plötzlich angesagten Pferdesteaks unnötig in die Höhe. Viele Kulturschaffende unter uns werden dagegen nur noch mit einem fauligen Apfel abgespeist, nach dem Ei müssen wir uns schon gehörig strecken. Ja, Menschenkultur hat fürchterlich viel mit Geld zu tun, obwohl keiner mehr etwas dafür locker machen will. Ist Geld eigentlich auch Kultur? Also entsteht neuerdings auch so etwas wie "Sharing-Kultur", was die Zweibeiner natürlich nur unserer sozialen Art von Rudelorganisation abgeschaut haben.

Mit diesem Selfie wurde Bilbo Butterblum auch jenseits des Großen Teichs berühmt: Man sperrte wegen des Aktfotos sein FB-Account. Wann werden Algorithmen bestimmen, was Kunst und Kultur ist?
Vergessen wir einen Moment lang diese mit Hybris geschlagene Spezies!
Lesen Sie hier das Exklusivinterview, das ich mit dem französischen Food-Por.n-Star Bilbo Butterblum geführt habe. Meinereiner, Ismo of Kenosha, Reporter bei den Ewigen Jagdgründen, hat sich früh auf Kultur und Kunst spezialisiert: Fan der Beatles, mit Abneigung gegen Geigen- und Sopransoli, volle Vorliebe für Picasso, pinkfarbene Bilder und Blumen, selbst ab und zu kunstschaffend - ein Husky, wie er im Buche steht.

Rettung für Kulturbanausen: Hundifiziert euch!

Ismo: Monsieur Bilbo, Sie kommen gerade vom Feinschmeckerkongress "Slow Bones versus Molekularküche" - gibt es denn so etwas wie Kochkultur bei unserer Spezies?

Bilbo: Aber natürlich! Dass wir gern Aas etwas abhängen lassen und eine wahre Meisterschaft entwickelt haben, welches Fleisch wie lange auf der Straße garen muss, haben uns die alten Römer abgeschaut. Weltberühmt ihr Garum, für das sie Fische monatelang in der Sonne müffeln ließen und den Patentklau von uns Hunden damit verschleiern wollten, dass sie behaupteten, es sei ein Heilmittel bei Hundebissen! Oder nehmen wir den Camembert, den ein normannischer Hirtenhund entwickelt hat: Er hatte einen Käse im Keller vergessen und fand heraus, dass er nach dem Verschimmeln erst so richtig schmeckte.

Ismo: Aber Menschen - das deuten Sie ja an, können das doch auch? Wären also zumindest in der Kochkultur ebenbürtig?

Bilbo: Ach was, alles Stümper! Schauen Sie sich Damien Hirst an, den sie als Künstler völlig überschätzen. Der glaubte, den Delikatessenprozess umzukehren, indem er tote Tiere in Formaldehyd einlegte. Wie sinnfrei ist das denn! Inzwischen gammelt sein Tigerhai vor sich hin, weil er dabei Mist gebaut hat. Hätte er mal auf einen von uns gehört. Wenn Sie meine Kunstinstallation "Schweinehintern à l'orange" betrachten, werden Sie bemerken, dass wir Hunde Food Por.n nur für den Augenblick erschaffen, durchaus mit haltbaren Lebensmitteln und doch vergänglich. Indem wir diese Kunstwerke nur für den Augenblick des Teilens zwischen Instagram und Facebook vorhalten, machen wir deutlich, dass Kunst - und damit auch die Kultur - vergänglich ist, neu verhandelbar und sich dem Zeitgeschmack anpassend.

Ismo: Das klingt nach Vanitas!?

Bilbo: Ach, bleiben sie mir mit dem ollen Gryphius weg! Menschliche Fehlinterpretation von hundlicher Religion, dieses Barock. Das war alles nur ein Vorwand, ordentlich fressen und saufen zu können, ohne die Kalorien zu zählen. Vanitas ... ist ja alles vergänglich.

Vanitas-Skulptur, unbekannter Meister, Windhundepoche
Ismo: Aber man sieht auf vielen Bildern menschlicher Barockmaler Totenschädel?

Bilbo: Haben sie uns geklaut. Wir beten doch seit jeher die Dauerhafte Knochin an, wobei die Rituale bis heute geheim gehalten werden. Ich darf nur so viel sagen: Hunde legen Ritualschächte mit Knochengaben an. Manche Menschen wundern sich, wenn sie widerrechtlich Knochen ausgraben, die wir nie wieder angerührt hatten. Sie glauben, wir hätten das betreffende Loch nicht wiedergefunden. Ausgerechnet unsere Spezies, die ohne Google Maps eine dreidimensionale exakte Geruchskarte der Welt erschnüffeln kann! Ich frage Sie: Warum haben die Kelten ihre Ritualschächte angelegt? Warum haben die bronzezeitlichen Menschen ihre Moorleichen nicht aufgefressen? Alles von uns abgekupfert!

Ismo: Heißt das, dass der Mensch bei seiner Sinnsuche gar keine eigene Kultur oder Religion entwickelt hat?

Bilbo: So weit würde ich nicht gehen. Schauen Sie sich die Rudimente unsere Kultes um die Dauerhafte Knochin in Indien an. Ich würde nicht so weit gehen und hier von Kulturraub sprechen. Ein Volk, das Kühe als heilig ansieht, könnte durchaus enge Beziehungen zur Spezies der Hunde gepflegt haben. Ähnliche Beinhaltungen kennen wir von Rüden, um die Hüften zu entspannen. Womöglich wirkten diese Riten kulturverbindend zwischen den Arten, ein Kulturaustausch in gegenseitigem Respekt - auch uns sind Kühe heilig, ihre Milch ist uns tabu. Hier wird die Nähe von Religion oder im weitesten Sinn Spiritualität zu Kultur deutlich: Sinnsuche. Wer einen Knochen vergräbt, versichert sich seiner selbst, verbindet sich mit der Erde und den schöpferischen Kräften. Das christliche Gotteswesen entnimmt nicht umsonst Adam ein Kotelett, um Eva zu schaffen. Typisch für späte Menschenreligionen ... die haben da offenbar etwas falsch verstanden.

Ismo: Das meinen Sie jetzt nicht ernst? Ich fürchte, einige Menschen werden uns das sehr übelnehmen, wenn wir so despektierlich ...

Bilbo: Was anderes ist denn eine Rippe! Wir vergessen gern, dass die Menschheit vorher ganz schön einen draufmachte.

Ismo: Können Sie eine solche Behauptung differenzieren?

Bilbo: Natürlich: Lust und Leidenschaft wie im Rudel herrschten an den ersten Lagerfeuern. Fressen und Saufen in der Art, wie es Beagles heute noch tun: Ist mühsam das Mammut erlegt, wird gefeiert, dass die Schwarte kracht, und geschlungen. Denn es würden schlechtere Tage kommen, ohne Jagderfolg. Von den Wölfen hatte der Mensch gelernt, sich dann wenigstens von Mäusen, fetten Käfern und Beeren zu ernähren. Und wie sie herrlich herumsudelten! Lascaux, einer der ältesten Tempel der Kultur überhaupt, strotzt von sinnlichen Farben, von Bewegungen, dem Tanz der Jäger und den Gesängen der Schamanen. Da entstand etwas, was wir beim Rudelliegen schon immer pflegten: Erzählkultur! Überlieferung. Und damit Erinnerung, Datenspeicherung der Steinzeit.

Künstler Bilbo scheut sich nicht, auch Unbequemes in den Mund zu nehmen.
Ismo: Ich stelle mir das vor, wie wenn ein Wolfsrudel sein erworbenes Wissen an die Welpen weitergibt.

Bilbo: Ganz genau! Und jetzt schließt sich der Kreis. Im 21. Jahrhundert des Windhunds bellen die Zweibeiner ständig was von Storytelling und verschicken Selfies in Social Media. Viele sind sich gar nicht bewusst, was für eine uralte Kultur sie damit zelebrieren! Transmediales Storytelling entstand in dem Moment, als der erste Mensch seine Geschichten einem zahmen Wolf erzählte, der mit ihm lebte. Das ist locker 40.000 Jahre her. Selfies in den typischen Instagramfarben finden wir in vielen paläolitischen Höhlen: Damals hielten die Menschen die Hand gespreizt vor den Untergrund und pusteten Farbe dagegen ... zurück blieb der biometrische Handabdruck. Nur den Geheimdienst gab es damals noch nicht. Aber das würde jetzt zu weit führen ...

Ismo: Warum erwähnen Sie es dann?

Bilbo: Weil ich mit meinem Nacktselfie genau dagegen protestieren wollte. Wenn schon Niederlegung aller biometrischen Daten und das totale Ausspionieren, dann müssen wir uns endlich nackt und gläsern zeigen, das Internet damit überschwemmen. Kultureller Protest gegen die Vereinnahmung der Kultur durch kulturzerstörerische Nichtwerte!

Es ist mir aber auch wichtig zu sagen, dass dort, wo es menschliche Kultur gibt, immer auch der Missbrauch von kulturellen Errungenschaften existiert. Wir haben den Zweibeinern viel voraus: Hunde wissen, Kultur ist die Feier des Lebens, des Lebendigseins. Schon dieses Interview war allzu menschlich! Halten wir lieber einen inspirierenden Tranceschlaf in der Sonne ... damit wir auch morgen noch voller Lust schöpferisch sein können.

Ismo: Ich danke für dieses Gespräch und vor allem für das Überlassen Ihrer Kunstwerke. Ich bin mir sicher, von Ihnen werden die Menschen noch hören!

Petra van Cronenburg hat auch als Buchautorin einen Faible für Kulturgeschichte. Nach ihrem Buch "Schwarze Madonnen" (vergriffen) hat sie beratend an einer BBC-Produktion zum Thema mitgewirkt. Es folgten: "Das Buch der Rose" (Parthas Verlag), das nächste Woche in aktualisierter Neuauflage als E-Book erscheint (Edition Tetebrec). Und das Portrait eines Weltstars, der Kulturgeschichte schrieb: "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos".


Dieser Beitrag entstand für die Blogparade "Kultur ist für mich ..." #KultDef von Tanja Praske, an der man sich in Blogs und auf allen Social Media Kanälen bis zum 30.06.15 beteiligen kann. Wie es funktioniert, worum es geht und all die spannenden Beiträge bisher gibt's hier.

Kommentare:

  1. Iiiiieeks (vor Freude kieksend),
    ich werfe mich auf den Boden und verneige mich vor der unbändigen Lebenslust des genialen Bilbo. Die Kulturgeschichte mal so richtig auf links gedreht und gebürstet. Ich liebe es!
    Und schön diese kleinen feinen Ans-Bein-Pinkeleien was die etablierte Kulturszene angeht.
    Wunderbarer Text. Danke Petra.

    Herzlichst
    Anke

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    1. Ich kichere mir selbst immer noch eins, Anke - danke für das tolle Kompliment! Ich werde es in Form eines Kauknochens weitergeben.
      Mir kam das gestern gerade recht, denn ich habe mir die Synapsen abgeschliffen bei der Endkontrolle von "Das Buch der Rose" - einer ganz ernsthaften Kulturgeschichte, die nächste Woche als E-Book erscheinen soll. Und weil ich nach all den Codes und Fußnotenkontrollen und Gedöns nicht mehr konnte, hab ich mich einfach mal an mir selbst gerächt ;-) Befreiungsschlag sozusagen ...
      Herzlichst, Petra

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  2. Ein kleiner Bug bei Google derzeit beim Kommentieren:
    Das System frisst den Kommentar erst, wenn es sich bei "Kommentar schreiben als" etwas gemerkt hat. Text zur Sicherheit in Zwischenspeicher nehmen und notfalls einfach nochmal ins Kästchen geben und abschicken. Man muss sofort danach sehen, ob der Kommentar erscheint. Sorry!

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    1. Bei mir funktioniert's wieder, sollte also niemanden vom Kommentieren abhalten!

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  3. Jawoll. Ja, ja, und nochmals ja. Genial!!!!!!

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