Geplaudert: was fehlt und was zuviel ist

Frei, einfach so richtig frei. Ich kann es kaum glauben, weil ich eigentlich den Abgabetermin für ein Eilprojekt zum Jahresanfang hatte und mich nun selbst überholen konnte. Zu dem Preis, dass ich komplett urlaubsreif bin und mich endlich um die zum Glück langsam wiedererwachenden Nerven meines Zeigefingers kümmern darf, den ich mir vor lauter Erschöpfung in der Autotür gequetscht habe. Dafür habe ich mich selbst beschenkt: Ich stehe dieses Weihnachten nicht in der Küche, es kocht der wunderbare Traiteur, während ich mit dem kaputten Finger dirigiere. Und weil ich beim Traiteur in fünf Minuten fertig war, habe ich jetzt Lust, zum Kaffee etwas zu quasseln.

Die schönsten und tragfähigsten Mauern sind nicht diejenigen mit den genormten, absolut perfekt geformten Baumaterialien. Die krummen, unzureichenden bieten sogar vielen Arten von Lebewesen Wohnraum und zeigen eine eigene Schönheit..


Man macht sich ja oft grundsätzlichere Gedanken bei Einschnitten (Zeigefinger) und Zeitabschnitten (Jahreswende). Und wahrscheinlich geht es mir wie vielen Mitmenschen: Je nach Tagesform und Nachrichtenlage schwanke ich zwischen sarkastischem Pessimismus und hoffnungsvollem Utopienhunger, bin mal vollkommene Misanthropin (nach Überfütterung in Social Media) oder liebe die Menschen, weil sie nicht perfekt sind, sondern einfach menscheln (nach Kontakt im sogenannten Kohlenstoffleben). Und weil ich die Journalistin und Buchautorin in mir nicht kleinkriege, mache ich mir dazu dann oft noch "Metagedanken" (= die hat nichts besseres zu tun?).

Man könnte es auch so formulieren: Bevor ich postulieren würde, dass wir uns für die Zukunft endlich über effektive, schmerzlose Selbstmordprogramme austauschen sollten (Achtung, Sarkasmusalarm!), bin ich doch zu neugierig, wie es weitergehen könnte. Als eine im Großmutteralter sowieso, denn je älter man wird, desto mehr hängt man oft am Leben. Ja, das ist als Breitseite gedacht, nachdem eine von mir eigentlich hochgeschätzte Bewegung in ihrer Deutschlandabteilung gerade einen wohlverdienten Shitstorm erlebt hat, weil sie den unten gezeigten Tweet absonderte und das ach so lustig fand, dann zurückruderte mit "Was darf Satire?" und schließlich bei der FAZ tönte, wer das missverstehe, sei böswillig. Kann man machen, wenn man irgendein Schulkind in wildem Alter ist, geht aber ganz böse in die Hose, wenn man PR für eine politische Bewegung macht und verantwortlich für das offizielle Account ist. Das ist nicht nur daneben - hier hat man kurzsichtig den eigenen Feinden und Kritikern eine leider wohlfeile Steilvorlage geliefert.


Wohlgemerkt: Ich bin Fan von Fridays4Future und finde es absolut Mut machend und toll, dass es diese Bewegung gibt. Aber genau deshalb schaue ich genau hin. Ich habe in der letzten Zeit - und in meinem langen "Großelternleben" überhaupt - allzu viele gute Bewegungen als Rohrkrepierer enden sehen. Erinnert sich noch jemand an Nuit Debout? Die meisten bröselten von innen heraus - oft genug begleitet von dem Phänomen, dass die besonders lauten Mitglieder ein steigendes Maß an Selbstgerechtigkeit zu zeigen begannen. Da werde ich hellhörig und wünsche mir Einsichten.

Themenwechsel: unsere Umbruchzeiten. Es ist ein "Schaden" eines länger als ein halbes Jahrhundert währenden Lebens: Ich habe mich lange und tiefgehend mit Religionswissenschaften beschäftigt, aber auch mit Sektenmechanismen und Propaganda. Seither habe ich eine ganz schlimme Allergie gegen Selbstgerechtigkeit, ungesundes Sendungsbewusstsein bis hin zu missionarischem Eifer und all den anderen Mechanismen, aus denen sich fundamentalistische Ideologien speisen. Paart sich das Ganze noch mit faschistoidem Gedankengut oder Narzissmus, wird es fatal. Und da wäre ich bei einem Thema, über das ich ein Essay schreiben könnte, wenn ich es denn bezahlt bekäme - hier liegen an sehr vielen Stellen Krankheiten unserer Zeit (und gerade deshalb schreie ich lieber einmal zu viel "Achtung"). Zum Thema hätte ich für nächstes Jahr Lese- und Nachdenkstoff im Blog (auf Twitter verteile ich ihm meist gleich).

Und ich möchte es positiv formulieren: Mir fällt immer häufiger auf, was es sein könnte, woran es in unserer Zeit heute fehlt. Es fällt mir auf, weil manche Leute völlig befreit davon große Töne spucken und das halt in die Hose gehen muss.  Es fällt mir auf, weil es schmerzlich fehlt. Es fällt mir aber auch auf, weil es manche wunderbar integrieren und vorleben.

Ich möchte in der nächsten Zeit öfter über Miteinander statt Gegeneinander sprechen. Über Heilen statt Spalten. Mich interessieren Themen wie Sinnstiftung, Selbstverortung, Lösungsdenken. Und ich glaube, wir müssen in einer völlig neuen Weise über Emotionen reden und das, was man im weitesten Sinn als Spiritualität bezeichnen könnte - und zwar nicht im esoterisch abgegriffenen Sinn. Es gibt Menschen, die können das bahnbrechend mit Wissenschaft zusammendenken - davon werde ich euch im nächsten Jahr gern erzählen.

Dass ich schon wieder Essays schreiben könnte, müsste mich verraten: Ich habe meine Schreibe wieder!

Gründe für eine Bücherpause gab es ja mehrere. Ein eher innerer, den man mit sich selbst ausmacht, war die Tatsache, dass ich keine adäquaten Worte mehr für eine immer durchgeknalltere Zeit fand. Ich bin ja in keinem Genre unterwegs, das zeitlos ist und nicht so einfach von Realitäten umgeblasen werden kann. Und wenn ich glaubte, endlich einen völlig absurden Gedanken ausdrücken zu können, wurde er eine Stunde später völlig von der Realität getoppt.

Mir war theoretisch klar, dass es in einer solchen Zeit der Umwandlungen mit all ihren Extremen einer neuen Form bedurfte, einer neuen Sprache. Aber man kann ja das Rad nicht dreimal neu erfinden! Was tun? Vorbilder oder Vorlagen zum Lernen fand ich auch keine. Ich wusste nur: So wie ich es gewohnt war, Themen anzupacken; so, wie es Verlage gewohnt sind, Themen einzukaufen, kann und will ich nicht mehr arbeiten.

Zum Glück haben die ganz großen Könnerinnen und Könner diesen Weg nun geebnet, wenigstens im englischsprachigen Raum. Oft zwar als deutschsprachige Übersetzung vorhanden, aber in Deutschland eher absolute Nische bis Outsiderliteratur. Selbst die Nobelpreisträgerin unter ihnen wird in Deutschland von einem eher kleinen Verlag verlegt.

Auch davon will ich erzählen, wenn ich über die Feiertage genüsslich gelesen habe. Die Vorbilder jedenfalls machen mich wieder absolut heiß aufs Schreiben: Alles ist möglich, alles ist frei. Romane und Sachbücher können sogar völlig miteinander verschmelzen, im besten Sinn bestimmt der Inhalt die Form.

Ich hatte bereits "Underland" (Im Unterland) von Robert Macfarlane genannt, ein Buch, das ins Gebein geht, mich immer noch nicht loslässt. Ein erzählendes Sachbuch, dass haarscharf mit nichtlinearen Erzählformen und anderen Medien spielt: Hier findet sich der Ich-Sprecher einer Reisedoku aus dem Fernsehen ebenso wie das Patchworkhafte von Internetformen, stets im rechten Moment abgefedert durch einen durchgängigen eigenen Stil, eine vertiefende Sicht.

Noch extremer macht es Richard Powers mit "The Overstory" ("Die Wurzeln des Lebens"), der für diesen Roman den Pulitzerpreis bekam und für den Man Booker Prize nominiert war. Nachdem so viele Menschen ("Kundenmeinungen") gar nicht verstanden, was das alles soll, war ich skeptisch: Würde er diese künstlerisch und damit künstlich aufgestülpte Form wirklich glaubhaft durchhalten können? Die besten Autorinnen und Autoren versagen nämlich bei so etwas.

Man muss sich das so vorstellen: Powers versucht, in seinem Roman von den Bäumen aus zu erzählen, Bäume sind die eigentlichen Hauptfiguren. Aber sie sind fremde Wesen, "funktionieren" nicht menschlich. Und so bildet das Buch im Aufbau selbst einen Baum: Scheinbar plakativ erzählte Einzelschicksale, im Zeitraffer dargestellt, scheinen sich weit voneinander entfernt in der Luft zu bewegen wie Blätter im Wind. Zunächst tut man sich etwas schwer, weil die Figuren nicht wie üblich in Romanen eingeführt werden. Man fiebert nicht mit, ist aber gebannt. Kann den Flickenteppich zunächst nicht zusammensetzen. Bis das Buch zum Baumstamm wird. Menschen begegnen sich zufällig wie in einem Episodenfilm und es gibt auch einen meisterhaften Film, der mich an dieses Buch erinnert: "Cloud Atlas" nach dem Roman "Der Wolkenatlas" von David Mitchell.

Ich bin erst beim "Stamm" und staune Bauklötzchen, mit welchem Können Powers die Menschenleben über lange Epochen sich verzweigen lässt, sie zusammenführt, mit losen Enden operiert. Und ich bin sehr gespannt, wie das weitergeht. Gleichzeitig weiß man manchmal kaum, ob man ein gutes Sachbuch gelesen hat oder in einem Roman hängt, fragt sich, was ersponnen wurde und was echte Vorlage ist. Denn bei seiner Figur namens Patrica Westerford ist es sehr deutlich - dahinter steckt die Wissenschaftlerin Suzanne Simard.

Es sind Texte, die patchworkartig entstehen. Texte mit unglaublichen Lücken, die man sich früher nie hätte leisten dürfen. Sie spielen mit Geschwindigkeiten von der Zeitlupe bis zum Zeitraffer, bis ins Extrem, bedienen sich bei filmischen Methoden wie der Makroaufnahme. Sie haben den Mut zum internethaften Fragment, zum Kurztext - der Zusammenhang entsteht erst in Gehirn der LeserInnen. Sie verbinden spielerisch und faszinierend das scheinbar Unvereinbare. Und sind damit so sehr Texte unserer Zeit.

Nur kurz angetippt: Dieses fragmenthafte Schreiben begeisterte mich bereits, als "Unrast" von Olga Tokarczuk erschien. Damals, vor elf Jahren, blieben mir die Worte beim Versuch einer Rezension weg. Ich möchte noch in Ruhe ihre Rede zur Verleihung des Literaturnobelpreises lesen, wo auch sie sich mit einem notwendig gewordenen "neuen Schreiben" für diese Zeit auseinandersetzt. Sie nennt es "zärtliches Schreiben".

Und da sind wir jetzt bei einer Klammer um das Ganze, einem Buch, das ich derzeit nur als Leseprobe vor mir liegen habe, aber ganz lesen werde. Obwohl schon fünf Jahre alt, ist es bis heute nie ins Deutsche übersetzt worden. Die Autorin begeisterte mich in einem Podcast auf einer meiner Lieblingsplattformen, dem Emergency Magazine. Es geht um Robin Wall Kimmerer mit einem Multimediabeitrag: "Corn Tastes Better on the Honor System". Macfarlane zitiert sie auch öfter. Und ihr gelingt diese Zusammenschau, von der ich oben spreche: Wissenschaft und Spiritualität. Die Frau ist Umweltbiologin und gleichzeitig Native mit traditioneller Erziehung und sie sagt: Das ergänzt sich beides wunderbar. Ich bin gespannt, inwieweit mich ihr Buch "Braiding Sweetgrass: Indigenous Wisdom, Scientific Knowledge and the Teachings of Plants" inspirieren wird auf der Suche nach dem, was fehlt. Dass reiner Aktionismus und eine rein technologische Art von Wissenschaftlichkeit uns nicht aus dem Dilemma bringen, erlebe ich so oft draußen im Wald, im Naturpark .... mit der unglaublichen Naturferne von immer mehr Menschen. Und mit der sehr gefährlichen Spaltung im Kopf zwischen den "Polen" Mensch und Natur. Das hatten wir auch schon mal besser drauf.

Ich bin darum sehr neugierig auf das kommende Jahr und werde dann hoffentlich auch die Zeit haben, etwas ausführlicher als bei Twitter von neuen Forschungen und Entwicklungen zu berichten, die in gute Richtungen gehen. Es tut sich tatsächlich einiges und das gilt es zu verstärken.

Tipp: Die Links führen diesmal öfter zu anderen Beiträgen von mir zum Thema.
Antitipp: Falls ich mich gnadenlos ständig wiederhole, liegt's nicht an meinem Alter, sondern daran, dass ich eben 1700 Wildbienenfotos samt entomologischen Daten digitalisiert habe, das blockiert durchaus Synapsen. ;-) 

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