Ansteckend, diese Jugend!

Seit Wochen steht die sechzehnjährige Greta Thunberg im Kreuzfeuer einer nicht mehr sachlichen Kritik, muss übelste Hassreden und Drohungen vor allem von Seiten populistischer Gruppen und Klimawandel-Leugner aushalten. Selbst der Generalsekretär der größten deutschen Partei ist sich nicht zu blöde, Häme mit Affen-Emoticons über sie heraus zu twittern. Ähnlich müssen es viele SchülerInnen aushalten, die für mehr Klimaschutz auf die Straße gehen. Mir geht es hier nicht um deren Themen, sondern um ein Phänomen, für das Greta Thunberg langsam zum Symbol wird: Gesellschaftsgruppen, die (leider altersunabhängig) ein typisches Denken sogenannter "angry old men" praktizieren, denunzieren gezielt die Jugend engagierter Menschen; erklären Jugendliche zu Menschen, die keine eigene Meinung haben könnten, die fremdgesteuert sein müssten, manipuliert. Ich möchte schreien: Wacht auf, ihr innerlich alten, verknöcherten, unbeweglichen Geister - das ist die Generation, die euer Versagen mal ausbaden muss (und euch eines Tages die Rente zahlt). Die Jugend ist anders!

Als Kind wollte ich "Wissenschaftlerin für Marien- und Pyjamakäfer" werden. Meine Eltern haben mich damals ausgelacht, nicht unterstützt. Nach einem halben Jahrhundert arbeite ich endlich wieder an diesem Fach.

So naiv und doof, wie manche Erwachsene das gern hätten, ist die Jugend nämlich nicht. Ich erinnere mich noch gut, wie ich mit sechzehn, siebzehn Jahren Nachhilfe gab - also vor 1980. Da erschreckte mich ein knapp Zwölfjähriger, der mich fragte, wieso die Erwachsenen die Umwelt einfach so kaputt machen würden, wieso sie so viel Müll produzierten - ob denn keiner daran denken würde, wie die Welt mal aussehen würde, wenn er groß sei? Das war vor 1980! Erschreckt hatte mich sein tiefes Einblicken in diesem Alter. Der Junge, das Kind, war absolut nicht fremdgesteuert oder manipuliert, der schaute nur mit wachen Augen Fernsehen und hörte Nachrichten, passte im Biologieunterricht auf. Was er sah, machte ihm existenziell Angst. So sehr, dass er mir gestand, er habe noch nie mit Erwachsenen darüber reden können, auch nicht mit seinen Eltern. Er suchte nach einer Möglichkeit, sich aktiv für seine Vorstellung von Zukunft engagieren zu können.

Im Schnitt wissen Zehnjährige, was los ist. Und Jugend hat dieses wunderbare Privileg, voller Energie und Mut zu sein und neben Angst und anderen Emotionen eben auch idealistisch sein zu dürfen. Wenn wir sie lassen und ihnen die Möglichkeiten geben. Wann waren wir selbst das letzte Mal idealistisch und schmiedeten Pläne?

Ich erinnere mich noch gut (und ich habe mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel), wie ich mit 14 dafür kämpfen wollte, dass diese Welt eine bessere wird. Wir hatten weder Internet noch Smartphone, aber Sitzstreiks aus den 1960ern gelernt. Wir schrieben uns später auf alten Schreibmaschinen für Schülerzeitungen die Finger heiß und kassierten dafür Verweise, sogar Drohungen mit Schulausschluss. Niemals wären wir auf die Ideee gekommen, unsere Eltern zu fragen, ob wir das dürften, es brannte uns auf dem Herzen, zerriss uns fast. Wohl denen, die keinen Gegendruck oder Strafen von den Eltern bekamen, sondern unterstützt wurden und GesprächspartnerInnen fanden.

Wohl denen, die dank eines aufgeschlossenen, aufgeklärten Elternhauses Menschenbildung mitbekamen und darin bestärkt wurden, eine eigene Sicht auf die Welt haben zu dürfen. Natürlich prägt uns unsere Umwelt. Natürlich fördern Erwachsene auch junge Leute, fahren Eltern ihre Kinder zu Veranstaltungen. Aber wer so intelligent ist wie die Jugendlichen, die derzeit im Rampenlicht stehen, ist auch renitent genug, sich nicht vereinnahmen zu lassen. Und jung genug, in dieser Perfektionistenwelt Fehler machen zu dürfen.

Mir fehlen in meiner eigenen Altersklasse oft sehr diese Frischheit, der Forscherdrang, die Neugier, das Herzblut, die herrliche Sturheit und das Engagement; der Mut, auch mal wortreich über die Stränge zu schlagen und sich nicht so zu verhalten, wie es alle erwarten. Ich lasse mich darum gern von jungen Leuten mitreißen und lerne gern von ihnen.

So stieß ich bei Twitter auf ein wunderbar eindrückliches Video von Lily MacFarlane, der Tochter des Nature Writing Schriftstellers Robert MacFarlane ("Die verlorenen Wörter" / "Karte der Wildnis"). Auch sie ist im Teenageralter. Und sie hat etwas, was man jedem jungen Menschen von Herzen wünschen möchte: ein inspirierendes und tragendes, unterstützendes Umfeld. Die Videotechnik stammt vom Großvater, aber Idee, Inhalt, Zeichnung - alles von dem Mädchen selbst. Sie engagiert sich in der Charity Gruppe Action for Conservation, die mit 12 bis 17jährigen arbeitet.

Nature's Vanishing Trick from Robert Macfarlane on Vimeo.

Ja, ihr Alten, Jugendliche können so etwas. Die von heute erleben unendlich viel direkter, was auf und mit diesem Planet geschieht und was wir Erwachsenen zwar labern, aber nicht tun. Sie erleben die Einschläge in Echtzeit durchs Internet und haben gelernt, die neuen Medien fürs eigene Engagement zu nutzen. Es kann gar nicht genug solcher junger Leute geben.

Ich lebe im Naturpark Nordvogesen in Ostfrankreich, wohin Touristen aus aller Welt pilgern, um die reichhaltige Natur zu genießen, sich an der Biodiversität der Arten zu erfreuen, die sie zuhause so vielleicht nicht mehr kennen. Viele sitzen einem Trugschluss auf: Auch dieser so wild wirkende Naturpark ist menschengemacht, kein Urwald mehr. Und er muss im täglichen Spannungsfeld mit seinen Bewohnern, mit der Industrie und der modernen Welt erhalten werden. Deshalb wird die Arbeit und Bildung mit der Natur im Parc Naturel régional de Vosges du Nord, der mit dem Pfälzerwald ein Biosphärenschutzgebiet bildet, groß geschrieben.

Sie fängt bei den Kleinsten in den Vorschulen an, ist eminent wichtig in den Schulen. Viele Freizeitgruppen gemischten Alters und von Jung bis Alt engagieren sich im Naturschutz und der Arbeit für den Naturpark. Niemand käme hier auf die Idee, solche jungen Leute als "fremdgesteuert" zu beschimpfen. Die Kinder haben eine Menge Spaß und machen alles, was kein Unterricht ist, vollkommen freiwillig. So ein deutscher Generalsekretär könnte hier gerade von den EU-Projekten für nachhaltige Entwicklung viel lernen: Die Menschen erleben am eigenen Leib, dass die intakte Natur nicht nur ihre eigene Lebensqualität verbessert, sondern völlig neue Arbeitsplätze schafft, wo früher Notstandsgebiet war. Wer hier lebt und gegen solches Engagement wettert, gehört zu den ewig Gestrigen.

Darum, liebe Jugend, wünsche ich mir, dass ihr die innerlich Alten gleich welchen Alters gehörig manipuliert: zu gewagten Zukunftsutopien und zum Mut für Veränderungen. Wenn wir weiter wider allen besseren Wissens so wirtschaften, ausbeuten und sehenden Auges zerstören, dann denkt euch bitte irgendetwas Heißes aus, um uns fremdzusteuern - hin zu mehr Vernunft, Solidarität, Teilen. Instrumentalisiert uns, diesen wunderbaren Planeten endlich tatkräftig zu bewahren. Und werdet bitte nie solche Erwachsenen wie diese komplett verknöcherten, dumpfen Populisten!

Update am 11.02.2019

Leider gibt es in Sachen Biodiversität eine traurige Aktualität: Die erste globale Studie zum Insektensterben wurde veröffentlicht und die Ergebnisse sind schockierend, vor allem, wenn man die ökologischen Zusammenhänge beachtet. Wir können nicht mehr wegsehen. Der Leiter der Studie im Guardian:
The 2.5% rate of annual loss over the last 25-30 years is “shocking”, Sánchez-Bayo told the Guardian: “It is very rapid. In 10 years you will have a quarter less, in 50 years only half left and in 100 years you will have none.”

1 Kommentar:

  1. Ich bin ein großer Fan von Greta und von allen Jugendlichen, die - endlich einmal unangepasst - auf die Straße gehen und für unser aller Umwelt kämpfen. Weiter so. Ich erinnere mich noch an den Idealismus in meiner Jugend, als ich mit 16 an Anti-Vietnam-Demonstrationen teilgenommen habe. So viel Hoffnung und Mut - und dann kam irgendwann das Leben dazwischen ...
    Ich wünsche weiterhin allen, die für unseren Planeten protestieren: weiter so. Ich bin stolz auf euch.

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