Öfter mal herunterbrechen!

Herunterbrechen - das ist ein Ausdruck aus dem Journalismus. Man "bricht eine Story herunter". Würden wir manche Ereignisse oder Sachverhalte nur allgemein oder umfassend schildern, entstünden nämlich oft zwei Gefahren: Die Schreibenden werden der zu komplexen Sache nicht mehr gerecht - oder der Text berührt niemanden mehr. Also setzt man sozusagen die Lupe an, sucht nach einem persönlichen Bezug zu den LeserInnen oder nach jenem magischen mikroskopischen Etwas, das uns die große wilde Welt erklären könnte.

Lascaux. Mischtechnik (Aquarell, Ölkreide, Bronze). Wird die Welt immer komplexer?

Ein herausragendes Beispiel für die Technik des Herunterbrechens ist der Artikel "Learning to Speak Lingerie" im New Yorker. Peter Hessler spricht darin vordergründig einfach nur von Reizwäsche. Damit kann jede und jeder von uns etwas anfangen und es reizt uns, genau hinzulesen. Er erzählt aber nicht einfach nur so von Unterwäsche, sondern sucht sie auf den Chinesenmärkten Ägyptens. Was er dabei erlebt und sieht, sagt mehr über das Miteinander oder die Unterschiede von Kulturen aus als so manche wissenschaftliche Abhandlung. Und weil er etwas beobachtet, das so ungeheuer privat ist in einem Land, in dem sich Frauen verhüllen, gibt er auch einen völlig ungewöhnlichen Blick auf die Kultur einer Religion frei. Das ist Herunterbrechen: Wir werden nicht belehrt, wie das so läuft in der Welt und wie groß die Probleme sind, wir sehen hautnah Menschen und wie sie ihre Lösungen finden.

Herunterbrechen kann jeder von uns, man muss dafür keine Journalistenausbildung haben. Im Alltag nennt man ähnliche Vorgänge vielleicht "einen Schritt zurücktreten", aufs eigene Umfeld schauen, Distanz und innere Ruhe entwickeln, um die kleinsten Teilchen erkennen zu können, die das Uhrwerk des Lebens zum Ticken bringen. Statt blindem Aktivismus eher wieder das Hinspüren lernen: Was macht das mit mir? Oder was macht das mit meinen Mitmenschen, was ich tue, denke, sage? Und sich dann langsam neugierig und wissensdurstig ins Größere vorarbeiten.

Wer einen Fels kennenlernen will, der mache sich mit einem Stein vertraut.
Die große Welt im Kleinen erkennen, erklären oder begreifen - das fehlt mir derzeit massiv in Social Media. Ich erlebe sie - als Synästhesistin leider mit echtem Gedöns - zunehmend als Kakophonie. Verstärkend wirkt, dass nahezu ständig irgendwer auffordert, doch jetzt gefälligst etwas zu tun: eine Petition zu unterschreiben, eine Sache zu verteilen, gegen jemanden anzubrüllen, vielleicht sogar an einem Shitstorm teilzunehmen, Zettelchen für etwas hochzuhalten, noch mehr Selfies zu knispen, mir diesen Anstrich zu geben: Ich bin dabei!

Immer öfter trete ich tief atmend einen Schritt zurück: Will ich denn dabei sein? Will ich Teil einer homogen erscheinenden Gruppe sein, deren Anliegen vielleicht schon durch meine Mitgliedschaft in einer anderen wichtigen Gruppe ad absurdum geführt wird? Will ich mich wirklich unterordnen in das Spiel aus Gut und Böse, das keine Zwischentöne zulässt? Querdenken ist nicht einfach im Internet. Wenn ich z.B. sage, dass ich wissentlich die Petition für Netzpolitik nicht unterschreibe, die eine Einstellung des Verfahrens wegen Landesverrat verlangt. Natürlich ist dieser Vorgang gegen die Pressefreiheit für mich, zumal als Journalistin, einer der schlimmsten politischen Skandale der letzten Zeit. Es ist wohlfeil, da alles zu unterschreiben. Weiterdenken macht Mühe. Was aber hat jemand, gegen den ein Verfahren läuft, von dessen Einstellung? Zunächst einmal Ruhe, mehr finanzielle Sicherheit und vielleicht irgendwann Frieden. Ein eingestelltes Verfahren ist jedoch kein Freispruch! Und ich denke, dass nur ein deutlicher Freispruch den Beteiligten die Zukunft sichert und eine Stärkung der Pressefreiheit bedeutete. Für einen Freispruch braucht es allerdings ein Verfahren.

Inzwischen bringen mich selbst tolle Aktionen in einen Zwiespalt. Etwa "1000 Mal Willkommen", das für mehr Akzeptanz Flüchtlingen gegenüber werben soll, indem man ein Selfie mit Willkommensgruß postet. Vielleicht bin ich schon zum ekligen Misanthropen verkommen, zur Dauernörglerin? Aber ich frage mich manchmal, ob Flüchtlinge wirklich nichts anderes zu tun haben, als solche Seiten anzusurfen. Einwanderungsgegner werden es nicht tun. Braune Säcke werden es nicht tun. Sind das also nicht nur ganz viele Streicheleinheiten für mich selbst, wenn ich mich so präsentiere? Ich stelle mich und mein Gesicht auf die "richtige" Seite und die "richtigen" Leute finden das dann teilenswert und schön. Ist mir zu einfach. Denn während dort so ein Selfie hängt, kann ich im wahren Leben doch ganz anders sein? Wer garantiert denn, dass Gesicht Nr. 894 auch dann noch Flüchtlinge offen umarmt, wenn man ihm einen Container vors repräsentative Eigenheim setzen würde? Und kommt Gesicht 255 wirklich so fein mit dem ausländischen Nachbarn zurecht, der schon seit 30 Jahren im Land lebt - wann hat sie ihn das letzte Mal zum Essen eingeladen?

Ich will damit die Aktion nicht schlechtreden - das liegt mir fern. Wenn Stimmen für eine Sache in Massen und gesammelt laut werden, so hat das durchaus eine Wirkung. Man hat das bei einer ähnlichen weltweiten Aktion sehen können, als alle plötzlich Charlie waren: Je suis Charlie. Aber genau deshalb empfinde ich ein Unbehagen an Aktionen, bei denen ich mich zu leicht und zu schnell gut fühlen kann. Kein Schwein interessiert sich mehr für Charlie Hebdo und dessen lebenslang traumatisierte Redaktion - und was im Land in Sachen Schutz der Freiheit stattfindet, spricht Bände. Erloschen das Feuer der Brüderlichkeit ...

Deshalb glaube ich persönlich - neben all den wichtigen großen Würfen - an die Nahsicht, den Blick auf einzelne Menschen, auf die kleinen Dinge, die uns das Große besser erklären als jede Politagitation. Aktionen wie "1000 Mal Willkommen" gewinnen erst dann an Wert, wenn ich tätiger bin, als nur ein Selfie zu basteln. In allen Distanzweiten ist das möglich: Von der Spende bis hin zum ehrenamtlichen Engagement, was man natürlich auch über Plattformen organisieren kann: "Wie kann ich helfen?"

Dazu muss ich nicht laut werden. Um mitmenschlich zu handeln, braucht man weder Religionen noch Internet. Im Gegenteil, die engagiertesten Menschen sind oft die stillen, die nie im Leben auf die Idee kommen würden, sich selbst im Vordergrund zu zeigen. Denn sie brauchen all ihre Energie fürs Engagement.

Wir Schreibende, ob JournalistInnen oder AutorInnen, können der Kakophonie etwas entgegensetzen. Wir können den Stillen und den leisen Geschichten, den Sprachlosen und den Zwischentönen eine Stimme geben. Wir dürfen unsere Leserinnen aber auch nicht überfordern, indem wir ihnen ständig nur globale Strukturen und Krisenherde am laufenden Meter ohne jede Erklärung an den Kopf werfen. Ja, selbst ausführliche Erklärungen greifen manchmal nicht mehr in der Überforderung durchs Informationsbombardement.

Herunterbrechen ist darum - so denke ich - eine der wichtigen Techniken unserer Zeit: Lasst uns wieder mit der Lupe auf Menschen schauen, um zu begreifen, warum Menschen so sind wie sie sind, warum sie so unverständlich handeln oder so schwach und so stark sein können, so mies und liebenswert zugleich. Wir brauchen viel mehr Menschengeschichten wie z.B. "Auch ich bin ein Flüchtling". Wir brauchen statt Schweigen und Wegsehen persönliche Bekenntnisse, wie Frau Meike das in ihrem Blogpost "Die Sonne der eigenen Anständigkeit" so treffend formuliert: "Es reicht nicht mehr, sich innerlich von der Hetze zu distanzieren und dann nichts zu sagen, weil das alles Idioten sind. Es reicht nicht, sich in der eigenen Anständigkeit zu sonnen."

Eine Sommerschule von TheaterautorInnen zum Thema Flucht hat gezeigt, dass wir uns auch eine Sprache für das Thema, erarbeiten müssen, viel achtsamer mit Wörtern umgehen sollten. Maxi Obexer bringt es in der taz auf den Punkt: "An das Veränderungspotenzial von Literatur glauben, das sei eigentlich das Wichtigste ... Jeder wie er könne, nicht mehr, aber auch nicht weniger."
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Lesetipp:
Mit dem Herunterbrechen hat auch die Kulturgeschichte eines einzigen "Dings" zu tun. Wenn ich etwa die gemeinsame Geschichte der Menschheit und ihrer Lieblingsblume, der Rose, untersuche, gerate ich unversehens in die großen Zusammenhänge von Orient und Okzident, von unterschiedlichen Kulturen und Religionen, erlebe die Beziehungen zwischen Kunst und Leben und den Menschen dort, wo er am empfindlichsten ist: In seiner Gier und in seiner Liebe.
Petra van Cronenburg: Das Buch der Rose. Eine Kulturgeschichte.

update:
  • Vorhin (10.08.15) hat AFP gemeldet, dass der Generalbundesanwalt das Verfahren gegen Netzpolitik.org eingestellt hat. Einzelheiten sind noch nicht bekannt gewesen.
  • Bei Twitter gibt es ein Account, das Menschengeschichten von Flüchtlingen sammelt und verteilt: @Gefluechtet
 

Kommentare:

  1. Sehr schöner Eintrag, wieder was gelernt. Grüssle!

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    1. Danke fürs Feedback, Schreibman!

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