Wie dumm sind wir eigentlich?

Ich war nie wirklich weg, auch wenn ich gegen Ende der Buchübersetzung nur noch pausenlos geschuftet habe. Wer mein Blog mit wachen Augen beobachtet, wird gesehen haben, dass ich in meinen anderen Blogs geschrieben habe (Menu oben rechts). Mir ist ohnehin danach gewesen, ein wenig mehr für meine Leserinnen und Leser zu schreiben anstatt für KollegInnen, die selbst schreiben können ...

In den Kaffeepausen habe ich viel gelesen. Ja, es gibt unwahrscheinlich viel Müll in den Medien, aber auch jede Menge wirklich guten Journalismus. Den lasse ich mir täglich via Twitter und FB liefern, weltweit. Kein Zufall, dass der Guardian öfter dabei ist, die strengen sich im Gegensatz zu anderen Blättern richtig an. Am liebsten würde ich ihnen dafür ja was bezahlen.

Wer mich bei FB abonniert hat, wird gemerkt haben, dass mich die NSA-Affäre alles andere als kalt lässt. Als Schriftstellerin kann ich extrapolieren, welche gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Folgen so etwas haben könnte ... und wie gefährlich ein unkontrollierbarer "Staat im Staate" ist. Was mir jedoch immer noch nicht eingeht, ist die Gleichgültigkeit unter den Bürgern. Dieses allgemeine Schlucken und Schweigen, obwohl wir doch aus einer Geschichte mit Gestapo und Stasi gelernt haben sollten. Nie wieder? Oder nur den Überblick verloren?

Neben der Washington Post, die nah am Geschehen ist (etwa mit der Aufdeckung des Dateneinbruchs bei Yahoo, Google etc.), bietet der Guardian mit seinen NSA-Files absolut gut gemachte Einführungen, Geschichtsverläufe und Hintergründe, die jeder versteht (sofern er Englisch kann). Vergleichbares in deutschen Medien habe ich nicht gefunden. Wer glaubt, das alles betreffe ihn doch nicht, er habe ja nichts zu verbergen, der sollte zumindest hier einmal reinschauen! Vor allem aber auch für diejenigen ideal, die einen schnellen Überblick über das schier Unfassbare finden wollen.

Ranga Yogeshwar glaubt ja, die Gesellschaft würde dumm gehalten ... von den Medien, die eigentlich den Auftrag hätten, aufzuklären. Das Interview mit ihm ist absolut lesenswert und man kann auch tüchtig darüber diskutieren, ob er überhaupt recht hat. Es sei auch all denen ans Herz gelegt, die an steigender Informationsflut verzweifeln und eben nicht mehr wissen, was sie sich noch herauspicken können und wann sie besser abschalten sollten, weil das Leben zu kurz kommt.

Schon schlimm, Wachstum allüberall, alles muss größer, dichter und noch  profitträchtiger werden. Zum Glück denken immer mehr Menschen um und hinterfragen die These vom ewigen Mehr. Vandana Shiva definiert das Streben nach ökonomischem Dauerwachstum im Guardian sogar als lebensfeindlich und fordert neue Konzepte. Ein Artikel zum Innehalten und Nachdenken auch über das eigene Konsumverhalten.

Womit wir bei dem Projekt wären, das sozusagen das totale ökonomische Wachstum einläuten soll: Die geplante Freihandelszone zwischen den USA und Europa. Nicht nur, dass man jetzt spätestens der Totalüberwachung und "präventiven Kriminalisierung" von Bürgern einen Riegel vorschieben müsste. Die SZ erklärt, was das Mammutprojekt für die ganz normalen Verbraucher bedeuten könnte. Wollen wir das alles wirklich?

Und ausgerechnet jetzt kommt so ein Zukunftsdenker daher, der eine völlig neue Profitrechnung aufmacht, mit etwas, das wir absolut nicht in Zahlen ausrechnen können und auch nicht wirklich vermarkten: Unserer Fantasie! Neil Gaiman sagt in seiner Rede "Why our future depends on libraries, reading and daydreaming" etwas, das sich fast wie ein Programm liest, um all unsere globalen Schwierigkeiten vielleicht einmal mit neuen Augen zu betrachten:
"Fiction can show you a different world. ...Once you've visited other worlds, like those who ate fairy fruit, you can never be entirely content with the world that you grew up in. Discontent is a good thing: discontented people can modify and improve their worlds, leave them better, leave them different."
Die Welt ist nur so schlecht, wie wir sie machen ... sie kann jederzeit umgedacht, umgebaut werden. Fangen wir vielleicht doch mal mit dem Lesen an?

update: Link repariert!

Kommentare:

  1. Liebe Petra

    Mit dem Lesen anfangen ... das wär was!

    Im Moment jedoch verliere ich mich in der Eamilieninitiative unserer CH SVP und staune darüber, dass man zwar ALLES nachlesen kann, die Ideologen (Nur Kinder, die in "richtigen" Familien - wo die Frau zuhause bleibt - werden gute Kinder und besuchen ihre Eltern dann auch im Altersheim) das jedoch schlicht nicht wollen, denn wer WIRKLICH lesen kann, merkt, dass diese Familieninitiative genau den Leuten, die da auf das Perfekte-Familie-Ethikschild gehoben werden, praktisch nichts bringt, ausser Herr Ehemann und Vater verdient mehr als 100'000 Franken pro Jahr.

    Weil ich mich gerade durch Kommentarfluten lese, bei denen viele Leute das Hirn an der Garderrobe abgegeben haben oder nicht lesen können resp. wollen bin ich grad ziemlich skeptisch, was das Lesen betrifft. Denn Lesen und das Gelesene verstehen sind scheinbar zwei total verschieden paar Schuhe.

    Seufzende Grüsse

    Alice

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  2. Ojojoj klingt das gruslig, liebe Alice! (Vor allem das Familienkonzept).
    Ich habe zufällig gerade bei FB zu meinem Artikel kommentiert: "Ich lese Kommentare (in Zeitungen / Medien) gern, wenn sie auf Niveau sind und den Artikel oft noch verbessern oder mehr Hintergründe bringen. Oder sich die Kommentatoren wenigstens benehmen. Allerdings werde ich bei manchen Kommentarspalten zur Misanthropin. Ich will einfach nicht glauben, dass Leser so fies, ungehobelt, dreckig, hemmungslos und extremistisch sind."

    Allerdings weiß ich leider auch, dass das weder ein Phänomen des Internets noch des Lesens ist (das Fernsehen leidet auch drunter). Wir kriegen dieses Unvermögen durchs neue Medium nur eher mit.

    Früher war ich angewiesen, solche Leserbriefe gleich in den Mülleimer zu werfen - die Öffentlichkeit hat nie davon erfahren, dass man oft regelrecht von Unflat bombardiert wurde.

    Von daher habe ich auch eine gewisse Hornhaut entwickelt und gelernt, mich nicht um die Unflätigen zu kümmern, sondern um diejenigen, die ihr Hirn noch benutzen mögen ;-)

    Und dann wäre da noch das Stichwort Medienkompetenz. Leider immer noch nicht Pflichtfach.

    Wünsche dir starke Nerven, Petra

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