Dumm gelaufen ...

Manchmal fallen einem beim Aufräumen längst verdrängte Dinge entgegen. Manchmal rächen sich diese Dinge über Jahre hinweg an denen, die sie heimlich verschwinden ließen. Dies hier ist mein erster "veröffentlichter" Text, eine Hausaufgabe im Literaturkurs - wir sollten ein freies Gedicht zu einem Gemälde schreiben. Ich war damals süße 17 und starb fast mit hochrotem Streichholzkopf, weil ich das Ding vor der ganzen Klasse vortragen musste. Die Lehrerin sammelte die Blätter dann zum Benoten ein. Und weil mir der Vortrag so ultrapeinlich gewesen war, habe ich nicht bemerkt, dass nur die anderen ihre Gedichte zurückbekamen.

Schreibversuche mit süßen 17. Der Drang zum Signieren schon vorhanden.

Schlimm war dann eigentlich die Tatsache, wo ich das Manuskript sehr zufällig wiederfand - bei der Haushaltsauflösung meiner verstorbenen Eltern. Die Lehrerin hatte das Gedicht über lange Jahre behalten und erst in ihrer Rentenzeit meinen Eltern gegeben. Ich war ja längst von zuhause weg und Buchautorin geworden. Zu jener Zeit fand ich es überaus schade, dass einige meiner frühen Texte verloren schienen. Meine Eltern hatten dafür eine Art Giftfach angelegt! Völlig hinter alten Prospekten versteckt, Fundstücke einer Jugend, die nicht ordentlich oder brav waren. Meine Lehrerin hatte gesagt, ich solle unbedingt weiterschreiben. Das tat ich mehr oder weniger heimlich.

Aber dieses Manuskript, das ich so sehr vermisste, weil ich aus meinen Anfängen lernen wollte, landete im Giftschrank. Alles haben sie versucht, damit ich um Himmels Willen nie Künstlerin werden würde. Brotlos! Unehrenhaft! Hippiemäßig! Nur schwarze Schafe machen Kunst. So wie der Opa, von dem man nie erzählen wollte, dass er eine Weile seine Familie mit genialen Gemäldekopien alter Meister über Wasser gehalten hatte. Dann war da dieses ausgeflippte Paar, das neben dem Künstlergetue - echte Arbeit ist das ja nicht - auch noch fleißig hochstapelte, als Baron und Baronin nach 1945 mit den Russen Schwarzhandel betrieb ... und ebenfalls die Familie ernährte. Werde bloß nicht wie die! Suche dir einen anständigen Job!

Der allerschlimmste in der familiären Schreckensreihe war Vorfahr N. N. aus dem 19. Jahrhundert. Den malte man mir schon in der Kindheit als Monster und Antischablone an die Wand. Eigentlich wollte seinen Namen ja keiner mehr laut aussprechen. Aber wenn es dazu diente, ein Kind auf den rechten Bürgersweg zu bringen, nahm man auch dieses Opfer auf sich. Vielleicht war der Mann ja auch gar nicht so richtig verwandt, er war ausgewandert und schrieb sich seither etwas anders. Sicher nur ein Versehen im Stammbaum. Nichtsdestotrotz ein hervorragendes Beispiel, um jeden Wunsch nach Kunst zu töten. Kind, bedenke, dieser Mann wurde in so vielen Zeitungen angegriffen und beschimpft! Willst du dir so etwas antun? So viele wichtige Leute haben sich über ihn aufgeregt: Bürgermeister, Ärzte, Apotheker, Pastoren. Du könntest mit deinen Fähigkeiten eigentlich Ärztin werden, meinst du nicht? Dann kannst du dich immer noch zur Bürgermeisterin wählen lassen.

N. N. war ein rotes Tuch und natürlich war ich mir Ende der 1960er sicher: Er musste ein Hippie gewesen sein. Hippies waren auch so ein rotes Tuch. Und dann hat sich dieser missratene Sohn auch noch mit einem ganz berühmten Musiker angelegt. Vor einigen Jahren habe ich sein berühmtes Buch unter den Gratisklassikern entdeckt und heruntergeladen. Und einfach immer nur schmunzeln müssen. Ich selbst hatte nach einem Umweg an der Universität ausgerechnet seinen Beruf ergriffen. Und wir beide liebten den gleichen Musiker. Dass N. N. dem mal sehr geholfen hat, machte mich stolz und ich liebte N. N. dafür.. Als ich ihn auf einem historischen Filmschnipsel zufällig entdeckte, bin ich fast ausgerastet vor Erschauern. Was wäre passiert, wenn man mich nicht derart vor ihm gewarnt hätte? Wenn der Vorfahr ein Vorbild hätte sein dürfen?

Egal, was sie sich abgerackert haben, um aus mir jemanden mit einem "anständigen" und einträglichen Beruf zu machen ... so etwas schlägt immer irgendwann zurück. Jetzt, wo ich ganz offiziell zu den schwarzen Schafen der Familie gehöre, habe ich das Buch von N. N. auf dem Reader. Ich besitze für Recherchen das "Handbuch für Kunstfälscher", weil eine Romanprotagonistin einmal eine werden sollte. Wie die falschen Barone umgebe ich mich mit Russen. Und das Manuskript aus dem Giftschrank ist auch wieder da. So gesehen, könnte das Gedicht auch einen anderen Titel tragen: "Trotzdem".

Kommentare:

  1. Dumm auch, dass jene "roten Tücher" die Zeiten überleben im Gegensatz zur blütenweißen Wäsche im Schrank der Vergessenheit.
    Beim Lesen hatte ich einige déjà vus ... und ich reibe mir gerade leise vor Vergnügen die Hände.

    Doch wer z.T. (zum Teufel *g*) ist N.N.?

    Liebe Grüße
    Elke

    PS: Im übrigen wünsche ich dir die richtige Entscheidung zu jenem ganz anderen Herzensthema neulich. Ich kann dich sehr gut verstehen, so und so ...

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  2. Ging mir ganz ähnlich - schön, wenn sich die Leidenschaft am Ende trotz aller Widerstände durchsetzt :-)

    Viele Grüße
    Anette

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  3. Freut mich, wenn ich das Gefühl vermitteln kann, dass man nicht allein ist. Auslöser für diesen Beitrag war eigentlich der Blick auf zwei Kinder im Dorf, wo der eine Junge feinsinnig begabt scheint und die Eltern alles nur Erdenkliche kaputt machen, indem sie ihn ganztätig vor dem Fernseher parken und alles verbieten, was mit Kunst zu tun hat. Weil das spinnert sei. Der hatte mit vier Jahren gelernt, dass er mal ordentlich Geld verdienen muss, um das Haus der Eltern fertig abzuzahlen. Und wenn er im Garten wunderschöne Pirouetten dreht, schreien sie ihn zusammen, er wolle doch wohl nicht schwul werden! ... Was könnte mit Ballettunterricht aus dem werden? Die Lehrer versuchen, ihn zu fördern, haben dann aber ständig die aggressiven Eltern auf dem Hals. Mir wird bei sowas weh ... aber vielleicht schafft er eines Tages seinen Weg.

    Den N.N. kann ich nicht verraten, weil ich solche Familienschimpfe wegen der noch lebenden Nachfahren ja nur völlig anonym schreiben kann. Und beide heißen gleich ;-)

    Liebe Elke ... das "Herzensprojekt", der Roman, - an dem schufte ich sogar während meines Infekts sehr fleißig. Das ist einfach immer wieder gescheitert, weil ich dafür noch nicht reif war und auch noch nicht genug dafür konnte, ohne Witz. Es macht mir immer noch Angst, weil es sich nicht "herunterschreibt", aber der Text, der übrig bleibt, ist es wert, noch 1000 Mal an ihm zu feilen.
    Schöne Grüße,
    Petra

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  4. Herzensprojekte machen immer Angst und das ist gut so für alle beteiligten Seelen, der deinen ebenso wie der des Herzensprojekts.
    Oh, was für ein Satz! Ich denke, du verstehst, was ich meine.
    Auch bei 1001. Überarbeitung wird sie bleiben, diese Angst. Und das ist gut so, denn das Buch wird der Leser lieben so wie du es jetzt schon liebst.

    Weiterhin gute Besserung und auch die Daumen sind weiter gedrückt für jene rassig dunkeläugige, quicklebendige und lebensfröhliche Herzenssache, die dich im Augenblick gerade wohl noch befasst ...

    Liebe Grüße
    Elke

    PS: Armes Kind! Viele arme Kinder. Es tut weh. Als ich damals Pirouetten drehte, wurde ich als ungraziös und dick und plump verlacht, als ich schrieb, war ich eine Dilettantin, als ich malte, ein hoffnungsloser Fall. Nur das Klavierspiel, das ließ man mir durchgehen. Das war wohl irgendwie nicht "schädlich" ...
    Du kennst das ja auch.

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