Schmetterlinge im Bauch

Sie flattern wieder. Ich träume nachts von ihm und wache morgens mit ihm auf. Ich stürze geradezu in die Küche, um so schnell wie möglich Frühstück zu machen; hellwach, in einem intimen Zwiegespräch mit ihm. Kann es kaum erwarten, mich im Arbeitszimmer hinzusetzen, ihn zu streicheln, bis mir die Finger schmerzen. Ich bin frisch verliebt. Leicht war es diesmal nicht. Wir kennen uns schon fast zehn Jahre lang und gingen uns bisher eher auf die Nerven. Wie oft habe ich ihn schon zur Tür hinaus geworfen! Mich danach gesehnt, er könne ein anderer sein. Es wieder mit ihm versucht und endgültig Schluss gemacht. Er war mir nie entgegengekommen. Es hätte eine dieser modernen oberflächlichen Beziehungen werden können, mit glatter Fassade, äußerlich funktionierend und innerlich einen unendlichen Hunger hinterlassend, vielleicht sogar eine Leere ...


 Je älter ich werde, je länger ich Pausen erlebe, desto kurioser wird das mit dieser Liebe. Nach so langen Jahren hätte ich sie nicht mehr für möglich gehalten. Ich suchte die Schuld bei mir. Wenn es mit uns beiden nicht funktionieren wollte, dann war womöglich ich einfach nicht die richtige für ihn? Aber warum redete er nicht offen und ehrlich mit mir? Er schwieg mich zunehmend beim Frühstück an und verschanzte sich hinter meinen Manuskripten. Die las er immerhin.

Und ausgerechnet jetzt, wo ich ihn längst und ganz offiziell zum Teufel gejagt hatte, kam er durch die Hintertür wieder herein. Ich war nicht bereit. Ich hatte mein Leben längst völlig anders eingerichtet und war glücklich damit. Er packte mich in einer schwachen Stunde. Als ich wieder all meinen Verstand zusammen hatte, konnte ich ihn nicht vergessen. Ich wehrte mich dagegen, dass er immer breiteren Raum in meinen Gedanken einnahm. Und wollte ihm trotzdem noch einmal eine Chance geben, eine klitzekleine, nicht länger als zwei Tage. Das war der Wendepunkt. Jetzt hat es mich komplett gepackt! Ich kann an nichts anderes mehr denken, organisiere mein Leben um ihn herum, vergesse Dinge, die mir wichtig waren, schinde Zeit heraus für ihn, wo eigentlich unmöglich noch welche zu finden sein kann.

Nur das mit dem Streicheln ist anstrengend wie in Zeiten, als ich noch jünger war. Mit vier, maximal sechs Fingern geht es an die Sehnen, die Muskeln. Lockerungsübungen. Ölmassagen. Und er schaut nur passiv zu, unterhält sich vielleicht mit mir ... alles muss ich selbst machen. Ich könnte ihn auf den Mond schießen dafür! Aber ich kann nicht mehr zurück, je suis mordue, ich bin schon fast besessen. Die alte Leidenschaft. Mein Alter spielt keine Rolle dabei, sie füllt mich mit Glück und Schmerz, als sei ich siebzehn. Eine amour fou?

Wohin soll das noch führen mit mir und meinem Roman?! Ich sitze beim Frühstück und rede mit meinem Protagonisten. In den vergangenen zehn Jahren habe ich ihm schon zig Berufe verpasst, sein Alter und sein Aussehen bis zur Unkenntlichkeit verändert. Es wollte einfach nicht funktionieren mit uns. Ich habe gekämpft, gestritten. Dann diese Nacht, in der das ewige Wunder wieder passiert ist: Die Schriftstellerin schafft es endlich, sich dem Ungewissen auszuliefern, sich einer Idee hinzugeben. Ich bin zur Kaffeemaschine heute nur so geflogen. Mein Protagonist hat zum ersten Mal wirklich mit mir gesprochen. Er lebt, sitzt mit am Tisch. Und diktiert mir in die Tasten, wie er sein möchte. Wie er wirklich ist. Nicht so, wie ich ihn zurechtbiegen oder erdenken wollte. Gefährlich, denn er kennt mich und meine Marotten viel zu gut. Und ich lasse mir den Stift aus der Hand nehmen und lächle.

Denn in diesem Moment kann ich auch sie sehen: die zweite Hauptfigur. Noch wabert sie etwas durchsichtig wie ein Geist durch die Luft, lässt nur hier und da eine Geste aufblitzen, ein Lächeln, ein wütendes Gesicht ... und immer wieder diese Augen. Sie setzt sich vorsichtig zu uns, weil sie weiß, dass Autorinnen in diesem Zustand ungefährlich sind. Sie tun brav ihre Arbeit. Tippen sich die Finger wund, nur um mit diesem Film vor Augen mitzuhalten. Im Moment spult er sich rasant ab, ich komme kaum nach. Aber es werden auch die harten Zeiten kommen, die Zeiten der Selbstzweifel, das gegenseitige Quälen, die Tage, an denen kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen ist und nichts funktionieren will. Vielleicht muss es deshalb Liebe sein. Ich muss es sehr lange mit diesen beiden Menschen aushalten. Sie werden mich Tag und Nacht begleiten. Und irgendwann werde ich sie loslassen müssen und unendlich traurig darüber sein. Aber das spielt keine Rolle. Nicht jetzt. Jetzt will ich mich ganz und gar dieser neuen Liebe hingeben. Nicht ans Morgen denken. Aber ich habe das Gefühl, dass aus uns etwas werden könnte ...

Kommentare:

  1. Liebe Petra,

    es ist wundervoll, wieder von Deiner Leidenschaft zu lesen! Diese aufkeimende Liebe, das Herantasten, dieses Aufglühen ist es, was das Schreiben ausmacht, nicht wahr? Jenseits von Aufträgen und anderen erzwungenen Präsenzen.
    Bade darin, suhle Dich!
    Ich meine herauszuhören, wie Deine Arbeitsweise ist: personen- und nicht handlungsorientiert, und das finde ich unglaublich spannend.
    Mehr davon!

    Liebe Grüße
    Nikola

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  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  3. Liebe Nikola,

    das ist kurios ... jetzt, wo du fragst: Ich habe noch nie wirklich darüber nachgedacht. Aber du hast recht!
    Ganz am Anfang steht bei mir eine Idee, ein Thema, als würde ich Musik komponieren wollen. Das muss mich packen. Dann muss ich dessen Grundstimmung erspüren, erkennen, was ich komponieren will ... eine durchgeistigte Fuge, eine wilde Tarantella oder eine Symphonie - ich brauche die "Stimme" der Geschichte.
    In diesem Stadium könnte es noch ein Sachbuch werden ;-)

    Dann tauchen plötzlich Figuren auf. Das ist ein Thema für sich, denn das habe ich selbst absolut nicht im Griff. Manche gehen wieder, sind nicht tragfähig, manche landen in einem ganz anderen Buch, die hartnäckigen setzen sich durch. Aber schreiben kann ich erst, wenn der Dialog gelingt, wenn ich sie ganz klar vor mir sehe und sie mich sozusagen an die Hand nehmen und mir von ihrem Leben erzählen.

    Ich muss dir nicht viel erzählen, wie das weitergeht, du kennst es selbst: Ich benutze auch Techniken von Konstantin Stanislawski und tw. Method Acting. Das macht die Sache so anstrengend ...

    Aber im Grunde plotte ich tatsächlich nicht durch wie viele Kollegen. Ein Plot bis zum Ende - und ich würde mich tödlich beim Schreiben langweilen und aufgeben. Das war bei meinen ersten Romanen, weil da auch noch der Verlag drin herumfuhrwerken wollte, eine elende Quälerei.

    Ich benutze meine Synästhesie beim Schreiben. Ich muss die perfekten Klänge hören, die richtigen Farbwechsel sehen, die richtige Kameraführung, die Rhythmen spüren. Man müsste einem Verlag mal eine solche bunt gemalte "Partitur" schicken ;-)

    Aber natürlich arbeite ich nicht ins volle Chaos hinein. Im Moment bin ich in der Bredouille, weil ich zwei völlig verschiedene Zeiten verschränken muss und meine Jetztzeitfigur außerdem ständig in ihrer eigenen Zeit zurückschaut. Ich muss einen Punkt der Vergangenheit finden, von dem aus sich die zweite Figur entwickelt. Das sieht dann in meinem Heft aus wie Mengenlehre. Dreiecke, Vierecke, Kreise, verbunden mit Linien oder Pfeilen, aber keine Schrift. Das muss ich wieder wie Musik hören können, wie unterschiedliche Stimmen.

    Ich glaube, in meinem Buch über Nijinsky habe ich zum ersten Mal konsequent so gearbeitet. Nicht linear erzählt, sondern um Motive herum. Meine Aufzeichnungen sind voller Blubberblasen mit Stichworten und Linien und Symbolen.

    Aber wie jetzt mit deiner Frage - ich mache das nicht sehr bewusst. In Sachen Nijinsky hat mich ein Komponist verblüfft, der es gelesen hat und mir ganz genau sagen konnte, wie ich gearbeitet habe. Fand ich überaus faszinierend und aufschlussreich. Er hat Dinge erkannt, die ich nur unbewusst gemacht habe. Aber nur so fließt es ... sobald ich mich selbst analysieren kann, bin ich aus diesem "Flow" draußen.

    Tja, die Handlung ... Das ist dann wohl das Ding, dass sich auf der Bühne und vor der Kamera von selbst ergibt? ;-) Kurzum: Ja, bei mir stehen die Charaktere völlig im Vordergrund, von ihnen aus entwickelt sich alles. Deshalb muss ich sie auch lieben können, sonst wird es elend, so viel Zeit mit ihnen verbingen zu müssen. Das ginge nicht anders.

    Liebe Grüße,
    Petra

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  4. Ich bin da ganz bei Dir. Danke für Deine ausführliche Antwort!

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