Lesestöffchen

Keiner freut sich über das schlechte Wetter mehr als ich: Ideal, um nicht vom Romanschreiben abgelenkt zu werden! Und auf dem Nachttisch liegt wieder neue gute Lektüre. Dabei stelle ich an mir ein neues, altes Kaufverhalten fest: Bücher, die ich länger besitzen will und vielleicht auch mehr als nur einmal lesen, kaufe ich trotz Reader wieder lieber auf Papier. Und dass es keine wirklich guten Bücher mehr gibt, sollte man nicht behaupten - es wird nur immer schwieriger, die Perlen überhaupt zu entdecken.

Ganz besonders freue ich mich, wenn ich eine neue Schriftstellerin entdecken kann, einen neuen Schriftsteller. Denn das bedeutet in der Regel mehr als nur ein gutes Buch. So ging es mir unlängst mit Anna Enquist, wo ich mich inzwischen wundere, wie ich diese preisgekrönte Schriftstellerin überhaupt habe übersehen können. Wie entdeckt man so jemanden?

In meinem Fall hat irgendwer in meinen Kreisen bei Facebook ihr Buch "Die Betäubung" empfohlen, allerdings so interessant formuliert, dass ich mir die Sache genauer ansah. Mich faszinierte sofort die Berufskombination der Frau: ausgebildete Konzertpianistin und Psychoanalytikerin. Solche ungewöhnlichen Vereinigungen zwischen Kunst und scheinbar völlig anderen Berufen verraten oft besonders interessante Persönlichkeiten und Weltsichten. Die Leseprobe auf dem Kindle hat mich gleich so gepackt, dass ich mit ein paar Klicks nicht das E-Book heruntergeladen habe, sondern online das gedruckte Buch bei meinem Buchhändler bestellte. Gut so, denn dieses Buch werde ich nicht nur einmal lesen! Wie begeistert ich war, verrät meine Rezension.

Gestern begann ich mit ihrem Roman "Die Erbschaft des Herrn Leon" (alle ihre Bücher auf einen Blick) und bin schon wieder bezaubert: Was für eine Sprachkraft, was für ungewöhnliche Bilder! Und diese Sensibilität. Die Geschichte berührt mich besonders: Wegen der eigenen Affinität zur Musik und weil es offenbar um die Essenz des Künstlerdaseins geht, all diese "komischen Dinge", mit denen wir in diesen eigenartigen Berufen ringen ... von der Schriftstellerei über die Malerei, die Musik, den Tanz, das Theater ....

Übrigens ist mir auch ihr deutscher Verlag zufällig wieder positiv aufgefallen. Eine Zeitlang hatte Luchterhand meiner Meinung nach sehr stark nachgelassen, inzwischen gräbt der Luchterhand Literaturverlag wieder richtige Trüffel aus. Lange habe ich hin und her überlegt, aber mir dann doch Viktor Pelewins Roman "Tolstois Albtraum" geschnappt. Wie war das nochmal: Bücher sollten immer billiger werden? Nein, man kauft auch ein Buch für über 20 Euro, ohne auf eine Taschenbuchausgabe zu warten ... einfach wenn das Begehren die Übermacht gewinnt. Begehren und Bücher ... das ist nicht immer trennbar. Und nein, keine Angst, es geht nicht um hehre Literaten in dem Buch, sondern um recht irdischen Irrwitz, wie es der Standard schön beschreibt.

Für solche Bücher liebe ich die osteuropäische und vor allem russische Literatur. Ich träume davon, mit einer solchen Leichtigkeit und Finesse Realität und Fiktion, Normalität und Absurdität zu verschmelzen ... Wie öde und dröge wirken mir dagegen die "Handwerksbücher", bei denen nach Einkaufszettel Plotkonstruktionen und Cliffhangers genau platziert sind, vorhersagbar wie die Pappkameraden, die als Figuren agieren. Und wie viel Angst habe ich selbst, im eigenen Schreiben genau auf diese vorhersagbare Seite zu geraten.



Da war übrigens noch ein sehr besonderes Buch, an das ich durch die berüchtigte "Kunden, die X kauften, kauften auch Y"-Maschine geriet. Via Anna Enquist ... Es ist der Erstling des Amerikaners Austin Ratner: The Jump Artist. Von der Story her könnte es ein Krimi sein: Ein junger Mann wird des Vatermordes angeklagt, doch der Absturz des Vaters in den österreichischen Bergen kann nie wirklich geklärt werden. Der Sohn ist Ausländer - und Jude, Europa steht vor der Machtergreifung Hitlers. Unsäglich, wie der junge Mann unschuldig zwei Prozesse verliert, wie man an ihm Exempel zu statuieren versucht, die eine Persönlichkeit brechen könnten. Das gelingt den Schergen auch fast, bis der Protagonist seine Freude am Fotografieren entdeckt.

Der Roman ist eine Meisterleistung im Genre der fiktionalisierten Biografie. Denn hinter dem jungen Mann steckt einer der berühmtesten Fotografen der Welt: Philippe Halsmann gelang rechtzeitig die Flucht in die USA, er lichtete alle Größen dieser Welt in unglaublicher Sensibilität ab und schließlich in ungewohnter Selbstentblößung. Er kam nämlich auf die Idee, dass Menschen, die in die Höhe springen, kurzzeitig ihre Fassade nicht aufrechterhalten können. Für ihn sprang sogar Marilyn Monroe in die Luft.

Aber Ratner erzählt nicht die Geschichte des Starfotografen - er fiktionalisiert dessen Jugend, die Versuche, seine Persönlichkeit zu brechen, seine innere Kraft und gleichzeitig Zerrissenheit. Dadurch entsteht fernab von der historischen Persönlichkeit ein großer Roman über die Kraft der Kunst und die Kraft von Menschen, sich aus den schlimmsten Katastrophen und Seelenqualen hochzuarbeiten zu einem selbstbestimmten Leben. Ratner erzählt auch die Geschichte der aufkommenden Faschisten ganz nah an der Einzelperson. In einem wahren Gerichtsdrama agieren sie alle: Die Mitläufer, die Schweigsamen, die Verblendeten, die aktiven Zerstörer - und diejenigen, die versuchen, auch in solchen Zeiten für das Gute im Menschen aufzustehen. Ein sprachlich starkes Buch obendrein, dessen Bilder und Atmosphären man nicht vergisst.

Update: Hochinteressant die Kommentare zu diesem Beitrag. Über genau das gleiche Sujet hat Martin Pollack sein Buch "Vatermord" geschrieben, das ich nicht kenne. Wie unterschiedlich beide Romane jedoch in Inhalt und Ansatz sein können, macht vielleicht ein Vergleich von Perlentaucher (Pollack) und Telegraph (Ratner) deutlich.

Langer Rede kurzer Sinn: Ich bin auf schlechtes Wetter gut vorbereitet. Übrigens auch in Sachen Duft!

Kommentare:

  1. Ich habe die Links sicherheitshalber nicht angeklickt. Es führt nur dazu , dass ich wieder kaufe.
    Ich freue mich auch sehr über diesees Wetter, denn auch ich habe eine Perle gefunden(durch eine Vorankündigung des hiesigen Literaturhauses)."Die Halbe Sonne" von Aris Firetos. Es ist eine wunderbare poetische Homage an seinen Vater.

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  2. Es sind keine Kauflinks im Laden, sondern Verlags- und Rezensionslinks ;-) Und der allerletzte Link führt auf mein Genussblog.

    Außerdem nutzt das Nichtanklicken doch auch nichts. Meine Neugier hält mich z.B. jetzt nicht davon ab, Aris Firetos zu googeln ...

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  3. Eva Jancak27/4/13 15:08

    Das klingt ein bißchen wie Martin Pollak"Vatermord"

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  4. @Eva Jancak

    Jetzt bin ich wirklich überrascht! Äußerlich ist das natürlich der gleiche historisch echte Mann, die gleiche Geschichte, wobei Austin Ratners Buch offensichtlich ein paar Jahre später erschien (2009 wurde er dafür gefeiert, 2010 preisgekrönt).

    Könnte sehr interessant sein, beide zu lesen. Wie ich den rezensionen entnehmen kann, beschäftigt sich Pollack als Spiegelredakteur eher mit den Fakten um den Prozess herum, mit dem Gerichtsdrama an sich, der Kriminalgeschichte.

    Für Austin Ratner ist das nur Teil des Romans, eine Art Auslöser, obwohl er die Prozesse recht ausführlich schildert. Ihm ist es an etwas völlig anderem gelegen: dem Menschen, seiner psychologischen Befindlichkeit, seinem Umgang mit den Brüchen. Deshalb spreche ich von "fiktionalisierter" Biografie. Er schreibt über Halsmann und doch nicht über Halsmann. Denn sein Entwurf ist eine Fiktion, eine Person, die Halsmann hat sein können. Vielleicht aber doch nicht war. Das ist die literarische Leistung: Dieser Roman spielt mit unserer "Realität" von Erinnerungen. Wie nah kann ein Autor der "Wahrheit" einer historischen Figur kommen? Gibt es überhaupt eine Wahrheit / Realität?
    Im Telegraph gab's eine Besprechung, die diesen möglichen Unterschied zwischen beiden Büchern sehr deutlich macht (ich selbst kenne Pollacks Buch nicht):
    http://www.telegraph.co.uk/culture/books/fictionreviews/9398362/The-Jump-Artist-by-Austin-Ratner-review.html

    Danke für den interessanten Hinweis!

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