Schräge Titel und eine Leidenschaft

Mein neuestes E-Book ist seit gestern im Handel: Wassili Schukowski. Romantiker zwischen den Welten. Würde sich überhaupt jemand für einen Dichter und Übersetzer interessieren, der in Deutschland komplett in Vergessenheit geraten ist, obwohl er mit Leuten wie Justinus Kerner, Caspar David-Friedrich oder Johann Wolfgang von Goethe bekannt war? Auch die Form birgt Risiken: Wer liest heutzutage noch Essays? Sowas riecht nach Bildung und Intellektualität - und beides ist ja leider in vielen Kreisen zum Schimpfwort verkommen. Dabei habe ich noch viel Schlimmeres vor: Wie das rote Band auf dem Cover andeutet, ist dieses Buch der Auftakt für eine Reihe von Essays!


Wie kommt man auf "Nischentitel"?

Alles fängt mit Neugier, Interesse, einer Leidenschaft und einem Querkopf an. Der Querkopf ist unabdingbar. Ich erinnere mich noch gut, wie ich im Zuge meiner Recherchen über die Ballets Russes anfing, mehr über russische Kultur und Kunst zu bloggen. Damals verließen mich urplötzlich treue StammleserInnen und eine Kollegin mahnte sogar: "Weißt du denn nicht, mit den Russen wirst du dir deine Karriere kaputtmachen!" Die Arme hatte doch tatsächlich Angst, das Interesse an russischer Kultur würde mich automatisch in irgendwelche "mafiösen Kreise" katapultieren. Als ob es denen um Kunst und Kultur ginge - aber die Vorurteile sitzen selbst bei halbwegs aufgeklärten Menschen tief.

Bald darauf kam ich auf die verrückte Idee, es müssten sich doch auch in einer Stadt wie Baden-Baden, die so sehr der russischen Kultur verbunden ist, "echte Russen" kennenlernen lassen. Darauf habe ich es dann gezielt angelegt, es geschafft - und es war wie "Heimkommen". Ich muss gestehen, dass ich beim Klang von feinem Russisch wegschmelze, was ich mir mit irgendeiner frühkindlichen Prägung erkläre. Ich hätte mir allerdings nicht träumen lassen, dass ich so schnell auf Gleichgesinnte traf, ratzfatz Mitglied in der Deutsch-Russischen Kulturgesellschaft Baden-Baden wurde, und mich heute auf dieser Basis nicht nur für die Völkerverständigung engagiere, sondern nun noch sehr viel besser an meinen Lieblingsthemen recherchieren kann. Zu obigem Essay meinte der russische Konsul, er sei erfreut und erstaunt, auf welch hohem Niveau und wie lebendig da über Wassili Schukowski erzählt werde. Den "Blurb" werde ich mir natürlich nachträglich noch sichern ...

Es ist unwahrscheinlich, was für spannende Leute in dieser Stadt leben oder regelmäßig Station machen. Künstler, Musiker, Schriftsteller, Kulturinteressierte. Sie leben recht im Verborgenen, über sie liest man in den Zeitungen nichts, sie passen nicht ins Klischee. Und irgendwer kennt sich garantiert mit irgendeinem Spezialthema besonders aus, wenn nicht, werden die Freunde und Bekannten in Russland "angeskypt". Ich saß also im Schlaraffenland und als Liebhaberin der russisch-europäischen Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts würden mir die Themen so schnell nicht ausgehen.

Es fiel mir leicht, der Entschluss: Nicht zu schreiben, was der Massenmarkt verlangt, sondern was mich mit Leidenschaft erfüllt. Das würde dann so sein, wie mit dem Blog: Viele LeserInnen würden zunächst aus Desinteresse enttäuscht abspringen, aber die passenden würden sich irgendwann immer häufiger einfinden.

Rote Fäden sind manchmal wie Lassos

Natürlich muss auch "Nische" geplant werden, mit reinem Spaßvergnügen läuft das nicht. Ein roter Faden muss erkennbar sein, eine übergeordnete Thematik. Die verfolgt mich sozusagen als "Lebensthema" in meinem Schreiben ja schon länger. In einer Projektbeschreibung meines Blogs "Grenzgängereien" erzähle ich, warum ich Grenzgängereien im geografischen wie im übertragenen Sinn zum Beruf und zum Schreibthema gemacht habe. Und wie das so ist mit "Lebensthemen" - nicht selten grapschen sie auch von außen nach einem, ohne dass man sich wehren möchte. So ein roter Faden kann schnell zum Lasso werden!

Ich recherchiere schon seit einiger Zeit an der gemeinsamen Geschichte und Kultur von Deutschen und Russen in Baden-Baden. So wurde ich im vergangenen Jahr gefragt, ob ich nicht zum 160. Todestag einen Vortrag über Wassili Schukowski halten könne, anlässlich einer Feierstunde zur Einrichtung der Schukowski-Gedenkstätte. In Deutschland ist der Dichter und Übersetzer weitgehend vergessen, in Russland gilt er als einer der ganz großen nationalen Literaten. Es gab ein überwältigendes Echo, ich stand sogar irgendwo in Moskau in der Presse ... und dieser Vortrag wird andere nach sich ziehen.

Nun bin ich aber selbst ein Mensch, der bei 70% aller Vorträge, die gemeinhin angeboten werden, am liebsten einschlafen würde. Ich langweile mich tödlich beim Herunterbeten von Daten, bei schulmeisterlichem Zeigefinger. Ich und Vorträge? Das wäre noch vor kurzem undenkbar gewesen. Aber Not macht erfinderisch: Da stand ich deutsches, in Sachen Schukowski ungebildetes Hascherl und sollte Ehrengästen einen Mann nahebringen, dessen Leben in Russland wahrscheinlich bis in jede Minute längst erforscht ist. Was sollte ich den Leuten erzählen, die wahrscheinlich tausend Mal mehr wussten als ich? Da hilft nur eins: Auf die eigene unzulängliche und subjektive Sicht von außen bauen!

Plötzlich war ich in meinem Element: Mich interessierte nicht das Namedropping, das Glänzen mit Daten und Titeln. Mich interessierte der Mensch, der Künstler hinter den enzyklopädischen Artikeln. Warum schreibt ein junger Mensch düstere Gedichte von Kirchhöfen? Wie muss sich ein Junge fühlen, dessen leibliche Mutter nicht nur Leibeigene des väterlichen Gutsherren war, sondern auch noch eine Kriegsgefangene aus einem anderen Land - die Ehefrau mit den anderen Kindern ständig vor der Nase? Wie wird aus einem Schulversager der Mann, ohne den ein Puschkin nicht denkbar gewesen wäre? Welche Förderung, welche Hilfe hat in ihm das Talent geweckt? Wie kam er mit der deutschen Familie seiner Frau zurecht? Warum verließ er Russland? Warum zog er ausgerechnet im harten Jahr der Badischen Revolution nach Baden-Baden? Welche Dinge wurden über ihn noch nicht oder viel zu selten erzählt?

Eine ganze Reihe

Das ist die Essenz, die mich auch bei geplantenVorträgen und Büchern weitertreiben wird: Ich möchte die Menschen hinter der öffentlich bekannten Fassade sichtbar machen. Mich interessieren ihre Brüche, ihre Talente, die Kämpfe, die sie ausgefochten haben. Mit dem Leben, ihrer Umwelt, mit sich selbst. Vaslav Nijinsky war sozusagen der Grundstein. Ich möchte mehr lebendig machen von dieser reichen Kultur zwischen Paris und Sankt Petersburg, die bis vor dem Ersten Weltkrieg zu einer leider nie mehr wiederholten Explosion aller Künste geführt hat. Mich interessieren nicht die glatten Geschichten. Es sind die Menschen auf der Kante, die Gratwanderer; diejenigen, die sich um offizielle Grenzen in Ländern und Köpfen nicht scheren. Ich glaube fest daran, dass sie - egal wie lange sie schon tot sind, egal, wie bekannt oder unbekannt sie sind, uns heute immer noch etwas zu erzählen und zu sagen haben.

In lockerer Folge wird die Essayreihe erweitert werden. Vor dem Buch steht immer ein Vortrag, das Liveerlebnis, mit Bildern. Noch ist einiges in der Schwebe und wird erst noch geplant, denn dazu gehören immer auch Partner. Ein Thema steht jedoch schon in der zweiten Jahreshälfte an. Es ist eins dieser Themen, über die einfach schon viel zu viel gesagt wurde. Man muss dazu nicht noch das 1001ste Buch liefern. Aber 2013 sind Deutsche und Russen in Baden-Baden offiziell 400 Jahre lang verheiratet. Der Grundstein für eine Beziehung, die bis heute hält: Eine Ehe zwischen dem Haus Romanow und dem von Baden, nicht die einzige übrigens. Ganz ehrlich: Ich weiß im Moment nur, dass ich irgendetwas erzählen muss, das andere noch nicht so erzählt haben! Und weil "Transmedia" so ein Zauberwort ist, treibe ich das natürlich auf die Spitze. "Transmedia" heißt einfach, Geschichten in unterschiedlichen medialen Formen der Form entsprechend zu erzählen. Man kann das auch einfacher sagen: Zu Vorträgen und Buchform werden auch geführte Spaziergänge in Baden-Baden kommen, auf den Spuren meiner Texte. Auch wenn manches inzwischen anders aussieht und vieles verschwunden ist, es stehen noch genügend Häuser meiner Protagonisten.

Interessenten für schräge Themen scheint es obendrein zu geben. Gestern erst erschienen, überraschte mich das Essay über Schukowski heute morgen mit einem Platz 1 in "Romantik" (literarische Strömung) und einem Platz 2 in der Kategorie "Russland". Vielleicht mache ich doch irgendetwas richtig? Als nächstes wird dieser Text ins Russische übersetzt werden.

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Im Laufe des Jahres möchte ich meine E-Books auch als Epub in anderen Läden zur Verfügung stellen, im Moment ist aus technischen Gründen nur das Kindle möglich. Das lässt sich mit App aber auch auf anderen Geräten lesen und mit Calibre in ein Epub umwandeln.
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