Um den Pfosten herum

Ich halte mich eigentlich für einen recht kosmopolitischen, offenen Menschen, der es gewohnt ist, in binationalen Beziehungen weit über den eigenen Tellerrand zu schauen. Umso schöner ist es, wenn ich mir der Balken im eigenen Auge wieder bewusst werde und lerne, dass man gar nicht neugierig und offen genug sein kann. Vielleicht erinnern sich manche Blogleser noch daran, wie ich über die alte Achse der Avantgarde zu Beginn des 20. Jhdts. geschwärmt habe, die einmal von Paris bis Petersburg reichte und durch den ungeheuer großen kulturellen Reichtum aller Beteiligten für solche Umwälzungen in der Kunst sorgen konnte.

Henrik G. Vogel bei pixelio.de
Am Wochenende ging ein kleiner persönlicher Traum in Erfüllung - vier Nationen versammelten sich an einem Tisch, die westlichste davon Frankreich, die östlichste Russland.
Würden derart unterschiedliche Menschen, die sich zuvor noch nie gesehen hatten, miteinander zurechtkommen? Würden irgendwelche Hürden zu bewältigen seien, zumal wir ja auch nicht unbedingt kreuz und quer durch alle Sprachen wechseln konnten? Wie viel wissen wir eigentlich voneinander?

Um dem Ganzen zwischenmenschliches Schmieröl zu verleihen, war die Vorspeise russisch, die zweite Vorspeise badisch, der Käse französisch und das Dessert englisch, während sich der Hauptgang nicht so ganz zwischen nördlichen Meeren und Tropen entscheiden konnte. Bekanntlich geht nicht nur die Liebe durch den Magen, ersten Annäherungsversuchen hilft der Magen auch - so weit würde ich sogar in rein geschäftlichen Beziehungen gehen. Und es lernt sich leichter, wenn man keinen Hunger schiebt. Das war - neben allen privaten Freuden - der größte Aspekt bei mir: Ich habe eine Menge gelernt. Und zwar nicht nur darüber, was für Arten von Butter man wo kennt und wie man wo Pfannkuchen oder Rote Beete zubereitet - diese wahrhaft globalen Genüsse. Ich habe gelernt, dass vor mir ein Grenzpfosten steht und dass ich zwei Möglichkeiten habe. Ich kann ihn ignorieren, drauflos schwätzen und mir den Kopf daran anschlagen. Ich kann mir das Hindernis aber auch anschauen, damit leben, dass es im Weg steht - und um das Hindernis herumlaufen.

Dann stehe ich auf der Seite des anderen und schaue aus dessen Perspektive auf den Grenzpfosten. Ich kann mich sogar an der Hand nehmen lassen, kann neugierige Fragen stellen. So ermögliche ich meinem Gegenüber, genauer zu beschreiben, was er sieht - er schärft mir den Blick. Wenn ich es schaffe, diesen störenden Grenzpfosten nicht nur von einer einzigen "Gegenseite" aus zu sehen, sondern womöglich mehrere unterschiedliche Positionen einzunehmen, geschieht etwas, was wir aus der Kindheit kennen: Je mehr wir uns im Kreise drehen, desto schwindliger wird uns. Der Pfosten scheint sich aufzulösen. Bleiben wir plötzlich stehen, wissen wir nicht mehr, wer sich da um wen dreht. Die ganze Welt scheint um uns als klitzekleinen Fixpunkt zu rotieren, Hindernisse gibt es nicht mehr. Grenzen lösen sich auf, wir drehen und tanzen mit - und die Welt ist nur bunt, weil es so viele winzige Fixpunkte gibt, weil sie zum Glück alle eine andere Farbe und Form haben als wir.

Das klingt nach Idyll. Aber es will hart erarbeitet werden. Es ist ja so viel einfacher, eine Gegenmeinung zur Meinung loszuwerden und in der eigenen Welt verhaftet zu bleiben. Du machst Pfannkuchen mit Hefe, ich mache Pfannkuchen ohne Triebmittel, Pfannkuchen ist doch Pfannkuchen und basta. Wir kennen Butter aus Sauerrahm und bei euch finde ich keine, basta. Du kennst nur das richtige Butterwort nicht, deshalb kannst du sie im Regal nicht finden, dir fehlt einfach nur ein Wort. Aha! Schon wird die Welt ein wenig reicher: Für den Hefepfannkuchen hat jede einen anderen Trick. Da gibt es die kleine runde Pfanne, in der er dicker und ebenmäßig geformt gebacken wird. Oder den Trick mit der spät eingerührten heißen Butter, die ihn zu filigranen Spitzen explodieren lässt. Pfannkuchen ist eben nicht gleich Pfannkuchen und manchmal fehlt uns nur einfach das richtige Wort.

Wenn sich sehr unterschiedliche Kulturen annähern, dann geht das wie bei allen zwischenmenschlichen Beziehungen mit vorsichtigem Beschnuppern los. Um den anderen einschätzen zu können, muss ich mir ein Bild machen und eher zuhören und fragen, als jemandem die Ohren abreden. Ich muss mich zeigen, der andere muss sich zeigen. Plötzlich geschieht etwas Faszinierendes, was man in dieser Intensität bei Treffen unter Altvertrauten nicht derart stark wahrnimmt. Die Leute zeigen ihr Sein, nicht all das Angelernte. In dem Moment, in dem jeder am Tisch eine Minderheit ist, weil es keine Mehrheit gibt, kann sich jeder so geben, wie er ist. Der Anpassungsdruck fällt weg, dem man ausgeliefert ist, wenn man als Einzelner in einer konformen Menge nicht auffallen will. Es gibt plötzlich nur Exoten, wir alle sind Fremde - und das können wir teilen. Man tauscht sich aus, schaut an, lernt, lacht und wundert sich auch tüchtig.

Wenn nämlich jeder so einen Grenzpfosten vor dem eigenen Kopf wahrnimmt, ist man ja gezwungen, sich um den Balken im eigenen Auge herum zu bewegen. Vor allem bei politischen und tagesaktuellen Diskussionen, bei denen es nicht mehr nur um die Butter auf dem Brot geht, wird das deutlich. Irgendwer am Tisch mag eine für andere vollkommen drollige oder absurd klingende Sichtweise äußern. So manches Schlagwort mag uns aus Medienberichten sogar bekannt vorkommen. Wie kann man nur eine Sache derart sehen! Wo wir uns doch alle einig sind, dass sie ganz anders aussieht!

Stopp. Wer ist dieses "wir"? Wer ist "alle"? Wir haben uns so schön an den Konsens gewöhnt, weil Konsens so behaglich ist, weil wir uns darin sicher fühlen. Und plötzlich kommt da jemand, schüttelt den Kopf, lacht vielleicht und kommt auch mit einem "wir". Da sind andere "alle", die sehen das aber völlig anders!

In solch einem Moment könnte man zu streiten beginnen, auf dem eigenen Standpunkt beharren und vielleicht sogar Kriege erklären. Das Vertrackte dabei ist nur die Tatsache, dass diese dämlichen Grenzpfosten eigenlich immer nur und immer wieder der gleiche Dorn im Auge des Betrachters sind. Wir stehen lediglich an unterschiedlichen Positionen um diese Pfosten herum. Wir können bleiben und ballern. Wir könnten uns aber auch bewegen. Wie siehst du mich von deinem Blickwinkel aus? Warum siehst du die Sache so ganz anders? Was müsste bei mir geschehen sein oder sich verändern, dass ich deinen Blickwinkel zumindest nachvollziehen kann? Magst du einmal auf meine Seite kommen und anschauen, welchen Balken ich im Auge habe?

Schnell wird klar, dass wir nicht aus Butter gemacht sind, sondern einen ganzen Rattenschwanz an persönlicher Geschichte, aber auch an "ganz großer" Geschichte im Gepäck tragen. Die vier Nationen, die da an einem Tisch sitzen, sind das aufgrund oft zufälliger Passverteilungen. In Wirklichkeit jedoch - betrachtet man die Geschichte eines jeden einzelnen - sitzen da weit mehr Nationen an einem Tisch, abenteuerliche Kombinationen, Völkerwanderungen, Fluchten, freiwillige Grenzübertritte, Gebliebende und Emigranten, Weltenwechsler und Stabile. Unterm Tisch liegen viel zu viele Kriege, aber auch Versöhnungen und sogar grenzenlose Lieben. Der Tisch, der diese Menschen versammelt, biegt sich. Nicht nur wegen der internationalen Köstlichkeiten. Er biegt sich unter dem menschlichen Reichtum, unter wertvollen Erfahrungen, unter all den farbigen Sichtweisen.

Wenn man im Russischen Kaviar zur Genüge hat, dann sagt man, man löffle Kaviar mit dem Schöpflöffel. Ein Gerät, das auch der Franzose oder Engländer kennt. Im Deutschen "schöpft man aus dem Vollen". Wer jeden Tag Kaviar zur Verfügung hat und sich nur unter Menschen bewegt, die ausschließlich Kaviar essen, dem würden die begehrten Fischeier ganz schnell wieder "aus den Ohren herauskommen". So stelle ich es mir vor, wenn man sich nur immer unter Seinesgleichen bewegt. Es mag zuweilen nahrhaft sein, von allen Seiten bestätigt zu bekommen, dass man Meinungen teilt. Aber wie öde ist das auf Dauer? Lernen muss man da nicht mehr viel, allenfalls das Sodbrennen bekämpfen.

"Aus dem Vollen schöpfen" kann aber auch doppeldeutig sein: Wie schmackhaft ist erst die Kombination unterschiedlicher Geschmäcker, unbekannter Genüsse und ungewohnter Speisen! Kaviar und Kartoffeln? Warum eigentlich nicht? Dumme Verbote stellen wir uns doch nur selbst auf, oder? Ich wette: Wenn wir unseren eigenen Grenzpfahl mit beiden Händen halten und uns nur schnell genug um ihn drehen, dann wird er unsichtbar - und plötzlich tanzt die ganze Welt mit uns.

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