Knallhart und wenig einträglich

Ich lese immer wieder gern Berichte über den Beruf "AutorIn" in der ganz normalen Tagespresse, weil man dort erleben kann, was sich JournalistInnen unter dem Berufsalltag so vorstellen. Man freut sich dann jedes Mal, wenn Druckkostenzuschussverlage ihre "künftigen Bestsellerautoren" im lokalen Aufmacher hochjubeln dürfen oder - wie kürzlich eine Zeitung schrieb, das ganze dumme Bewerbungsgedöns bei Verlagen und Agenturen wirklich überflüssig sei, wo man doch heutzutage alles selbst machen könne - was selbstverständlich überhaupt keine Arbeit mache.

Etwas ernsthafter geht es im "fnweb" zu: "Ein knallhartes Geschäft" heißt der Artikel über eine Diskussionsrunde von Autorinnen in Würzburg.
Wer hätte das gedacht, der gute alte Karl Valentin hat immer noch recht, der sagte: "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit." Dass es bei dieser Arbeit außerdem zur knallharten Auslese kommt und dass dieser Prozess bei steigenden Zahlen von sogenannten Möchtegernschriftstellern eben noch ein wenig härter als knallhart werden kann, sollte doch nicht verwundern? Wer klagt eigentlich darüber, was Opernsängerinnen oder Pianisten auf sich nehmen müssen, Maler und Bildhauerinnen und all die anderen KünstlerInnen? Die setzen sich nicht mal so eben ans Klavier und klimpern los, weil doch jeder Mensch mit zwei Händen zum Klimpern geboren sein könnte. Jahrelange Entbehrungen in Kindheit und Jugend, eine umfassende und harte Ausbildung im Beruf - und dann geht der Zirkus mit den Wettbewerben und Preisen erst so richtig los! Wer Karriere machen will und womöglich an die Weltspitze gelangen, der muss sich eindeutig für eben diese Karriere entscheiden. Man zahlt einen hohen Preis, aber man zahlt ihn gern.

Warum glaubt eigentlich alle Welt, man müsse sich nur an den Schreibtisch setzen und losschreiben? Man tippt ja schließlich schon ein halbes Leben lang am Tagebuch oder sammelt Omas Knödelrezepte in Schreibschrift. Wenn schon das Schreiben kein richtiger Beruf ist, dann wird der Bewerbungsvorgang zum lustigen Lotteriespiel. Die blutigen Anfängerinnen schicken ihre unbearbeiteten Manuskripte mit der Gießkanne an die größten Verlage oder gleich an die Top 100 (obwohl zahlreiche Autorenforen heutzutage wirklich wunderbar aufklären und beraten). Kommen dann nur Absagen, sind die bösen bösen Verlage schuld, die nur böse böse Profit machen wollen und sich einfach nicht zum Sozialinstitut wandeln möchten. Warum aber kommt niemand von diesen Bewerbern auf die Idee, dass in einem Beruf auch das Bewerben gelernt sein will? Dass es bestimmte Vorgaben und Prozesse gibt, bis die eigene Leseprobe samt Exposée überhaupt verkaufsfein ist?

Die Autorinnenrunde von Würzburg hat sich mit diesen Schwierigkeiten beschäftigt. Erstaunlichstes Ergebnis: Freie Autorinnen verdienen rund 3000 Euro im Jahr weniger als Autoren - angeblich, weil sie es seltener ins Hardcover schafften. Und freie Autorinnen seien häufig gezwungen, Schulden zu machen, um schreiben zu können.

So sehr ich selbst für gleiche Löhne unabhängig vom Geschlecht einstehe, so kritisch gehe ich mit Behauptungen um, die statistisch überhaupt nicht abgesichert sind. Da kommen Fragen auf, Fragen, die leider weder die Autorinnen noch der Artikel beantworten. Warum sollen freie AutorInnen gezwungen sein, Schulden zu machen? Wissen wir nicht alle, dass wir diesen Beruf durch einen "ordentlichen" Beruf nebenfinanzieren müssen? Liegt es wirklich am Geschlecht, wenn ein paar besonders Blauäugige ihren Brotberuf hinwerfen, weil sie das erste Buch veröffentlicht haben? Diesen Fehler begehen auch Männer.

Nehmen wir an, das mit den Hardcovers stimmt. Liegt das aber am Geschlecht? Oder liegt es vielmehr daran, dass das Heer der Schriftstellerinnen Trendgenres bedient, die hauptsächlich im Taschenbuch erscheinen - und in denen es aufgrund der hohen Zahl von Konkurrentinnen nicht mehr die Vorschüsse gibt wie einst? Wie viele Männer schreiben Frauenromane, historische Romane - wie viele Frauen? Hardcover: Wie viele Männer schreiben gesellschaftspolitische Sachbücher, Sachbücher überhaupt, die im Schnitt mehr einbringen als Belletristik? Könnte es sein, dass wir Frauen vielleicht einfach auch eher die nicht ganz so einträglichen Themen wählen?

Aber Helene Hegemann ist eine Frau, Rosamunde Pilcher ist eine Frau, J. K. Rowling ist eine Frau, Charlotte Roche ist eine Frau, Elfriede Jelinek, Doris Lessing und Herta Müller sind Frauen und Literaturnobelpreisträgerinnen. Was machen diese Frauen anders? Warum haben sie es geschafft? Was können wir Autorinnen von diesen Frauen lernen?

Das interessiert mich persönlich sehr viel mehr als vereinfachende Geschlechterstereotypen. In unserem Beruf sind Honorare und Tantiemen absolut frei verhandelbar, Normverträge setzen inzwischen Limits nach unten. Die Höhe der Garantiesumme wird nicht aus dem Geschlecht errechnet, sondern aus der projektierten Vermarktbarkeit des Titels. Wenn wir uns selbst schlecht verkaufen können oder kleinreden lassen, stehen uns Literaturagenturen zur Verfügung, in denen Frauen und Männer knallhart und tough verhandeln und das Bestmögliche fürs Buch herausholen. Theoretisch müssen wir nicht einmal mit unserer wahren Person erscheinen. Beste Vorausetzungen für echte Profis also.

Warum bleiben den Frauen dann trotzdem 3000 Euro weniger im Jahr (es gibt keine verlässlichen Studien zum Einkommen von freien AutorInnen)? Und warum fällt mir dazu ein Zitat von Asta Scheib ein:
"Welch großes Werk hätte ich schreiben können, wenn nicht Söhne, Schwiegertöchter, Ehemänner, Stiefkinder, Patenkinder und große wollige Hunde mich lebenslang gehindert hätten."
Lesetipps: 
Stefan Bollmann und Elke Heidenreich: Frauen, die schreiben, leben gefährlich. Elisabeth Sandmann Verlag
Ruth Klüger: Was Frauen schreiben. Zsolnay
Ruth Klüger: Frauen lesen anders. dtv

Kommentare:

  1. Vor einem halben Jahr hätte ich dem Beitrag noch hundertprozentig zugestimmt. Aber nun schreiben wir August 2011. Es gibt seit einiger Zeit diverse E-Book-Reader, allerdings haben E-Books in Deutschland noch nicht richtig durchgestartet. Seit gut vier Monaten verkauft Amazon aber nun den Kindle auch in Deutschland. Ich bin davon überzeugt, dass wir hier bald eine Entwicklung wie in den USA haben werden. Dort verkauft Amazon mehr E-Books als gedruckte Bücher. Es gibt eine sehr lebendige Szene von indie authors - Autoren, die also selbst veröffentlichen, ohne die Hilfe von Verlagen. Und das Stigma, das damit bisher verbunden war (und das es in Deutschland immer noch gibt - und das ja auch in diesem Beitrag hier vertreten wird), verschwindet. Die unabhängigen Autoren, die diesen Weg ernsthaft gehen wollen, achten sehr wohl auf Qualität. Sie produzieren gute Bücher. Sie engagieren professionelle Lektoren. Sie engagieren professionelle Cover-Designer. Heraus kommen Produkte, die sich hinter denen der Verlage nicht zu verstecken brauchen. Sogar Bestsellerautoren mit extrem lukrativen Angeboten seitens der Verlage winken dankend ab und wählen die "indie route". Weil sie damit ihr eigener Herr sind, selbst über Cover und Verbreitungswege bestimmen können, einen Preis wählen können, den Leser für E-Books zu zahlen bereit sind. Und trotz der niedrigeren Verkaufspreise immer noch wesentlich mehr pro verkauftem Buch verdienen, einfach weil sie viel höhere Prozente bekommen. Die Bücher sind nicht nach 3 Monaten aus den Regalen verschwunden, sondern noch in Jahren erhältlich. So können die Autoren eine respektable Backlist aufbauen, die ihnen weiterhin Geld einbringt.

    Ich war früher auch sehr skeptisch, was die Qualität anbelangt. Aber nachdem ich inzwischen ein paar E-Books von unabhängigen Autoren (und das ist einfach der richtige Terminus für sie) gekauft und gelesen habe, bin ich überzeugt, dass nicht zwingend das Logo eines großen (oder seriösen kleinen) Verlags auf einem Buchcover prangen muss, damit es einen Lesegenuss geben kann. Wenn die Autoren ihr Handwerk verstehen und ihr Autorendasein als professionelles Business angehen.

    Mit diesen ganzen Entwicklungen (und darüber könnte man noch viel mehr schreiben, die Imprints von Amazon sind noch gar nicht erwähnt u. v. m.) empfinde ich diesen Blogbeitrag als sehr einseitig und sehr konservativ. Die Zeit ist vorangeschritten - und mit etwas Verzögerung wird sie das auch in Deutschland tun. Autoren haben nun wesentlich mehr Möglichkeiten, als bei einem traditionellen Verlag zu veröffentlichen. Und manche Wege können wesentlich lukrativer sein als der althergebrachte Weg.

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  2. The Time tells no Lies. Wir werden sehen ob das Verlagswesen Titanic spielt. Der Bucmarkt nicht wirds jedenfalls nicht.

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