cronenburg

feuilles et ton - lose Blätter und Sprache - Kritiken, Kritisches und Kultur -

Name: PvC
Standort: France

Nicht Kronenbourg wie das Bier. Nicht Cronenbourg wie der Stadtteil von Strasbourg. Auch nicht Kronborg / Kroneburg wie Hamlet's Schloss. Einfach nur CRONENBURG wie PETRA VAN CRONENBURG auf http://www.cronenburg.net

7.8.08

Fröhliche Urständ

Als ich in meinem "Das Buch der Rose" über die Umwertung des Rosensymbols im viktorianischen Zeitalter nachdachte, fand ich jede Menge Erschreckendes. Das fing bei der Verkitschung und vorsätzlichen Verblödung von Frauen an und hörte bei der Ächtung gleichgeschlechtlicher Liebe auf, die das bürgerliche Rollenspiel und seine Ordnung zu bedrohen schien. Alles längst Vergangenheit, dachte ich und atmete auf.

In England feiert diese Attitüde nun wieder fröhliche Urständ, könnte man auch nach hiesigen Presseberichten meinen. Jetzt müssen nicht mehr die Rosen und die Frauen dran glauben, jetzt ist Kafka dran. Kafka, der Mann mit der angeblichen Pornosammlung. Ulrich Weinzierl zeigt es den Banausen und doppelmoralischen Puritanern in der Welt aber so richtig, sein Artikel ist ein einziges Vergnügen.

Wenn man erfährt, dass der Autor, der an allem schuld ist, sonst als humoristischer Belletrist gilt, könnte man auf die verwegene Idee kommen, sein Sachbuch sei Satire. Dass er aber lesbischen Sex in der Kunst öffentlich als finster und unschön beurteilt, pfui Mr Hawes, das lässt tief blicken, sehr tief. Ich gebe zu, das sagt eine, die öffentlich in ihrem Salon "lesbische Pornografie" von Gustav Klimt an der Wand hängen hat. Ganz zu schweigen von den seltsamen Menschtieren eines Kufko... Ob sich Mr Hawes der englischen Pferdemalerei widmet?

Und noch etwas Altmodisches feiert fröhliche Urständ: Der vollidiotische Blurb!
Ob die Times noch auf der Höhe von Hirn ist, wenn sie über Hawes neues Buch blurbt: "„Franz Kafka’s porn brought out of the closet” - "Franz Kafkas Porno aus dem Klo geholt"?

Sommerloch in England. Aber wetten, dass der Porno von Goethe und Beardsley trotzdem ein Bestseller wird? Man kann auch so Bücher aus dem Klo heraus berühmt machen.

Und jetzt gehen Sie mal ganz schnell und misten ihre Pornobibliothek aus, unter obigem Link kann man die verbotenen Bücher nachlesen. Falls Sie jemals neoviktorianische Gäste empfangen, sollten Sie außerdem Aktmalereien und antike Statuen wegschließen. Und die echt viktorianischen Gemälde von halbnackten, aufreizenden Damen - die hängen wir künftig auf die Toilette.

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6.8.08

Badewanne, die Zweite

Es ist schon lustig, kaum nennt man das Wort "Arabien" (s. Badewannen-Effekt), da wird der Blog auch schon von Continental Airlines in Houston, Texas, angeflogen. Mr Pender würde sich jetzt richtig fürchten und nachts in dunkle Ecken schauen. Die Autorin dagegen jammert sich eins, dass sie kein mittelalterliches Arabisch kann und vor lauter Quellenübersetzungen in allerhand Sprachen nicht mehr weiß, welche sie selbst spricht.

Aber so einen ganz klitzekleinen Mr Pender hat sie nun auch im Ohr. Der fragt sich, ob die wissen können, dass mein Probetext zu diesem Projekt unter anderem auch in Houston, Texas spielt. Ob jemand geheime Keilschriften ausgetauscht hat? Ob Gedanken Flugzeuge nehmen?

Da fällt mir ein... in jenem Probetext kommt auch eine Badewanne vor! Eine aus Kupfer, in der die Weltgeschichte geschrieben wird, über die ich schreibe. Ob Wasser Geschichten trägt? Ob Amerikaner in Kupfer baden? Ob reale Krimis auf der Straße liegen? Oder fliegen?

Ich sag euch: Nehmt euch in Acht. Die Badewannen sind überall. Und Mr Pender war noch nie so sauber.

Die Autorin verschwindet von der Bühne, spuckt dreimal hinter ihre Schulter, wirft Salz aus dem Toten Meer hintennach und klopft sich zur Sicherheit noch dreimal an den Holzkopf. Wenn das nicht alles ein Omen für das Projekt ist, das derzeit in den Verlagen harrt...

PS: Der Mann im Zug verschmäht Mr Penders Krimi weiterhin und flüstert der Autorin ein, sie solle sich doch mal um ein gewisses Stipendium aus Texas bemühen. Wenn schon Weltverschwörung, dann richtig! Yeah. Salaam. Oder so ähnlich.

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black isn't beautiful

...jedenfalls nicht unbedingt als Klamotte...
Gestern habe ich mir mal ein Bonbon geleistet und für meine harte Arbeit geschenkt. Mein elsässischer Nobelfriseur, zu dem in den USA angeblich auch Hollywoodstars gehen (merke: da ist ein großer Teich dazwischen), hatte mich nämlich verunstaltet. Von wegen Kurzhaarmode. Mutti vom Lande! Als ich einwarf, ich würde gern ein wenig frecher aussehen, nicht so langweilig, entfuhr meiner Friseuse ein Entsetzensschrei. "Was, Sie wollen frech aussehen? In IHREM Alter?"

Wwwwwommmmm. Solche Tiefschläge bin ich von Arbeitsvermittlungen gewöhnt oder von irgendwelchen durchgeknallten Werbetypen, die mir vorgaukeln wollen, ich müsse wie eine zwölfjährige, magersüchtige, dauergeliftete Barbiepuppe aussehen. Aber jetzt auch noch meine Friseuse? Ich bin noch kein halbes Jahrhundert alt und Johannes Heesters läuft auch noch herum. Jeder Mensch ist auf seine Weise schön und ich will endlich aussehen, wie ich mich fühle - jedenfalls nicht nach ländlichem Scheintod! Also habe ich mir eine Farb- und Typberatung gegönnt, natürlich mit dem Hintergedanken: Wie präsentiert man sich eigentlich wirkungsvoller bei Lesungen oder auf der Bühne? Was ist da anders als beim Nahkontakt? Kann man sich tatsächlich aufwerten oder verunstalten, ohne sich groß zu verändern? Kann man noch mehr man selbst werden - ohne all diese Schönheitsklischees und die Diktatur der Retortenjugend? Ohne auszusehen wie der Klon von nebenan?

Es war hochspannend. Zum Glück ertrage ich an mir den intellektuellen schwarzen Rolli zur Lesung überhaupt nicht. Wieder was gelernt: Schwarz steht nur den wenigsten Leuten wirklich. Die meisten macht es älter, müde, es verdirbt den Teint oder wirkt sogar billig. Wie sehr aber allein Farben von einer glatten Fläche wirken, hätte ich nicht geglaubt. Da gibt es z.B. Farben (bei jedem andere), die zaubern einem ein Doppelkinn, obwohl man keines hat! Andere geben einem den perfekten Säuferteint oder ungesunde Augenringe. Und genauso hat jeder Mensch seine Farben, die ihn regelrecht aufblühen lassen. Findet man die instinktiv? Leider nein. Obwohl ich mit meiner Lieblingsfarbe richtig liege und viel mit Farben umgehe, habe ich die schönsten Farben für mich wie als Überraschung kennengelernt - einfach deshalb, weil sie so selten Modefarbe sind und darum kaum in Läden zu finden, wenn man nicht danach sucht.

Erstaunlich, wie wenig man tun muss, um natürlich schön zu sein. Und wie durchschlagend kleine professionelle Tricks wirken. Natürlich kann man sich einfach hinsetzen und vorlesen. Man kann aber auch mit Farben und Formen wirken, bevor man den Mund aufmacht - und das ist unterschiedlich, ob ich in Augenkontakt zu jemandem stehe, in der winzigen Buchhandlung lese oder auf einer Bühne in die Weite wirken muss. Ich selbst bestimme, wie ich wirken will, was ich vermitteln will - nicht die Friseuse vom Land.

Eine Sache fand ich besonders spannend. Kann jeder nachmachen. Nennen Sie beliebte Fernsehserien, die nicht mehr laufen. Wer waren die Hauptfiguren und wie sahen die aus? Es gibt diese Leute, die man sofort vergisst, selbst im Alltag. Man weiß vielleicht noch den Namen, was sie gemacht haben - aber sie werden schnell unsichtbar. Und dann gibt es Figuren wie Krystle und Alexis aus dem Denver Clan. Auch nach zwanzig Jahren wissen selbst Verächter der Serie, wie die Gute und die Böse aussahen. Was ich nicht wusste: Diese Serie wurde von Anfang an mit Hilfe von Stilberatern für jede einzelne Figur "durchgestylt". Wie sieht ein richtig hinterhältiges Biest im Kopf der meisten Menschen aus? Welche Haarfarbe und welcher Typus verkörpern das Sanfte? Danach wurden die Schauspieler besetzt und zurechtgemacht. Wenn wir Schriftsteller es doch mit Farben und Bildern auch so einfach hätten!

Aber ist es im Roman nicht so ähnlich? Würden wir unsere Geschichten mit lauter geklonten Schönheitsidealen und Barbiepuppen besetzen, könnte sich niemand mehr an unsere Figuren erinnern. Ach, da war doch dieser Roman mit der jungen schönen X, die Figur hab ich vergessen...
Wie sehen die großen Figuren der Literatur eigentlich aus? Die beliebten, unvergesslichen Romanfiguren?

Wer hat sie nicht gleich vor Augen: Miss Marple oder Hercule Poirot, Phil Marlowe, Faust, die Tony in Buddenbrooks, Effi Briest, Pippi Langstrumpf, Kurt Wallander, Orlando, Madame Bovary oder Sherlock Holmes, Don Quijote oder Dr. Jekyll und Mr Hyde...

Es sind durchweg Figuren, die nicht nur als Charakter einzigartig daherkommen, sondern auch im Aussehen sich selbst und diesem Charakter treu bleiben. Diese Figuren, die so viele Herzen eroberten, fragten sich nie, ob sie ein paar Falten zuviel haben oder ein paar Kilos abnehmen sollen! Aber weil sie eben künstlich geschaffen sind, hat der jeweilige Autor ihren unverwechselbaren Typus ganz genau durchdacht erschaffen, nicht zufällig gekleidet und aus Versehen modelliert.

Eine Pippi Langstrumpf ist nicht nur eine Pippi Langstrumpf - sie sieht auch so aus wie sie ist. Blondgefärbt und im Businesskostüm wäre sie ein Nichts. Miss Marple wäre nach einem Aufenthalt in der Wellness-Farm unerträglich. Ob Dr. Jekyll Anti-Aging-Produkte getrunken hat? Und nicht auszudenken, wenn Lord Peter Wimsey sein leicht blödes Aussehen nicht noch selbst unterstrichen hätte! So eine Stil- und Typberatung ist gar nicht so übel für Romanfiguren...

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4.8.08

Der Badewanneneffekt

Ein Mann namens Pender fährt im Zug und ärgert sich über einen schlechten Krimi. Kein Wunder, dass er sich von einem Mitreisenden ablenken lässt, den Krimis anöden. Es entspinnt sich ein Gespräch über schlecht gemachte Kriminalromane - und über den perfekten Mord. Mr Pender ist natürlich ganz der Skeptiker seiner Zeit und steigt irgendwann unbeeindruckt aus. Das wäre es, wenn die Kurzgeschichte "Der Mann, der Bescheid wusste" nicht von Dorothy L. Sayers stammen würde. Meiner Meinung nach einer der besten Lehrstoffe für Suspense.

Sie ist deshalb so unvergesslich, weil Sayers nicht mit Gift und Gewalt arbeitet, sondern mit einem Phänomen des menschlichen Bewusstseins, das Kreativität ebenso hervorbringt wie irrsinnige Verschwörungstheorien. Und den perfekten Mord natürlich auch. Nur so viel darf verraten werden: Der findet in der Badewanne statt, immer in der Badewanne. Achten Sie einmal darauf, wie viele Menschen angeblich auf natürlich Weise in der Badewanne sterben!

Bewusstseinsforscher nennen das, was dem armen Mr Pender zustößt, einen "Flow" mit verschärftem Fokussieren (s. Badewanne). Und der hat mich jetzt ebenfalls mordsmäßig erwischt. Nachdem sich der Roman gestern beim Frühstück wie von selbst schrieb, habe ich mich mit einer Ausstellung zum Thema meines neuen Sachbuchprojekts belohnt. So wie "Das Buch der Rose" eine der ganz großen menschlichen Leidenschaften über 5000 Jahre begleitet, wird es auch im nächsten Projekt um eine große Leidenschaft gehen. Diesmal stehen zwar das 18. bis 21. Jahrhundert im Mittelpunkt, aber vor der großen "Lücke" geht es bis ins Paläolithikum zurück, erstaunlicherweise auf vielen Straßen, denen ich schon in meiner Kulturgeschichte der Rose gefolgt bin.

Natürlich kann ich dann nicht mehr unvoreingenommen durch Ausstellungen laufen. Ähnlich wie Mr Pender bin ich hellhörig für meine Themen. Meine Ausbeute an Stichworten und Namen für weitere Recherchen war nicht übel. Und wie Mr Pender einfach nur ein entspannendes Bad nehmen wollte, gab ich ein paar Stichworte im Computer ein ... nur mal so abschätzen, was an Arbeit auf mich zukommt, wie zugänglich die Quellen sind.

Plötzlich eine neue Ausgrabung mit einem archäologischen Experiment, die das Museum noch nicht hatte. Grabungsstolz bei der Autorin, weitere Recherchen. Zwei, drei Assoziationen von der Ausstellung verknüpfen sich mit dem Gelesenen, weitere Ideen führen zu weiteren Quellen. Abends zappe ich zufällig etwas durchs Fernsehen und stoße auf eine ältere Wiederholung. Es geht um den Fund, und das Experiment, das ich recherchieren wollte.

Heute stehe ich schon unter Strom, es zeichnen sich langsam Linien im Thema ab. Die Recherche nähert sich den wirklich guten Texten und Tiefen. Das erkennt man immer daran, dass man Gugel längst verlassen hat und auf irgendwelchen Universitäts- oder Regierungsservern um Geld für das Einlesen der Fachzeitschriften gebeten wird. Endlich habe ich einen Fachmann, die Ausbeute ist riesig, ein anderer Fachmann wird empfohlen. Mein detektivischer Spürsinn läuft heiß. Ich verfolge seine Spuren. Noch kann ich nicht genau sagen, ob er in Syrien oder Arabien, den USA oder England weilt.

Ich fange an zu träumen: Hach, diesen Menschen interviewen zu können, das wäre irre. Dann habe ich ihn. Bei der Royal Society. Anderthalb Stunden wilde Recherche um den Globus und ein Kilo Ausdrucke später habe ich nicht nur fast den ersten Teil meines Buches an Material zusammen, sondern auch diesen Menschen gefunden. Und wie sollte es anders sein - es ist wie mit der Badewanne. Der Fachmann arbeitet beim CNRS in Strasbourg. Vierzig Minuten von meiner Haustür entfernt. Ausfahrt Cronenbourg...

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1.8.08

Hundstage

Wir radieren jetzt diese Woche aus. Am Mittwoch kam ich überraschend und plötzlich unters Messer (Weisheitszahn gezogen) und heute musste Rocco genauso ungeplant und fix gleich in Narkose (Widerhakensamen von geum urbanum ans Trommelfell gewandert.). Jetzt trinken wir zusammen Sekt, das heißt, Rocco schläft seinen Narkoserausch aus und ich trinke. Und dann lassen wir diesen Blog eine Weile einen Blog sein und genießen das Leben, den Vogesenwald, das Leben und überhaupt.

Dieser Eintrag in memoriam einer deutschen Freundin, die mich einmal entsetzt fragte: "Was, du gehst in Frankreich zum Arzt!?!" Tja, meine Liebe, sogar auf dem Dorf!
La vie est belle. Tout va bien. Santé à tous!

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31.7.08

Die Romanin der Autorin

Analog zu den Hundstagen geht es weiter mit einem skurrilen Fundstück. Heute haben wir es mit Buchtiteln. So langsam übertreffen sich die Titel-Erfinder sogenannter "-in Romane" gegenseitig. Da erscheint doch Ende des Jahres ernsthaft ein Titel wie "Die Ritterin des Königs". Na, wenn das keinin Hosenrollin ist! Kartenspielerinnen wünschen sich gleich "Die Bubin der Königin" hintennach.

Hündinnentaginnen, verd-amme-te Hitzin, kann frau da nur noch stöhnen. Ob Frau Trömel-Plötz sich das je hätte träumen lassen?

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Bayernkrimi

Vor allem in der Sommerzeit, wo man Unterhaltung etwas leichter liebt, sind bayrische Krimis beliebt. Die zugehörigen Fernsehermittler vermitteln in ihrer Dickleibigkeit und einem Leben zwischen kühlem Bier und warmen Kuhaugen denn auch das richtige Quentchen Trägheit, das man sich in diesen Hundstagen wünscht. Man darf sich schmunzelnd zurücklehnen und abwarten, ob die Renzi oder der Alois den Hintergruber im Odelloch ertränkt haben.

Zu Recht beschwert sich die Polizei des Öfteren, dass ihre Arbeit im Fernsehen und in Büchern nicht realistisch dargestellt wird. Krimifiktionen sind nun einmal Erfindungen, die eher dramaturgischen Notwendigkeiten gehorchen als deutschen Beamtenvorschriften. Wie aber sind nun die Ermittlungsbehörden in Wirklichkeit?

Die Bayern - diesmal die realen - haben jetzt das Sommerloch genutzt, um endlich einmal zu beweisen, was ein fescher Ermittler ist. Und weil sie sonst anscheinend in diesen Tagen nichts Wichtigeres zu tun hatten, begaben sie sich direkt in die Welt, von der auch Ermittler nicht unbedingt Ahnung zu haben scheinen. Die Welt der Menschen, die mit Fiktionen arbeiten. Strafrecht oder Urheberrecht, welch eine Frage!

Tatort: Random House. Hauptpersonen: ein anordnender Generalstaatsanwalt, eine gruppenleitende Staatsanwältin, zwei Kriminalhauptkommissare. Das Verbrechen: ein Hirngespinst aus feinen Elfenfäden. Genre: bayrische Realkrimisatire. Untergenre: Beamtenschwank. Die ganze unglaubliche Geschichte gibt's hier!

Hätte sich ein Krimiautor ähnliches ausgedacht, wären die Ermittlungsbeamten der Nation wieder einmal entsetzt gewesen. Nein, so wie in Ihrem erfundenen Krimi sind wir doch nicht! So fesch und forsch kann doch nicht einmal die bayrische Staatsanwaltschaft sein! Gehen Sie noch einmal an Szene drei, wir haben doch keinen Polizeistaat, lieber Autor! Wir bitten Sie, lieber Krimiautor, wir würden doch nie mit solch unverhältnismäßigen Mitteln wie in Ihrem Krimi, mit solchen Wissenslücken, und in den Hundstagen schon gar nicht! Als ob es nichts Wichtigeres zu tun gäbe.

Nein, lieber Krimiautor, das müssen Sie noch einmal umschreiben, Dramaturgie hin oder her. Und überhaupt, wer liest denn heutzutage derart skurrile und überzeichnete Kriminalromane! Bitte, lieber Krimiautor, bleiben Sie auf dem Boden, Hitze hin oder her, bleiben Sie realistisch!

Meine Meinung: Wunderbar, dass dieser Plot zum Abschuss freigegeben... äh veröffentlicht wurde. Daraus lassen sich die herrlichsten Krimis und Thriller stricken. Jedem Krimiautor wird es ein höllisches Vergnügen bereiten, zu mutmaßen, wie es zur Ausgangskonstellation kommen konnte... Perfekte Dramaturgie! Und diese Figuren! Aber vorher unbedingt abklären, ob nicht schon einer der Beteiligten das Manuskript für eine Comedy-Show vorgelegt hat...

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30.7.08

Kopfgeschichten

An manchen Tagen verachte ich eine gewisse Schriftstellerfähigkeit. Mein Kopf ist 24 Stunden am Tag damit beschäftigt, aus dem kleinsten Anblick, der kleinsten Assoziation, Geschichten zu erfinden. Die Kassiererin im Supermarkt ist fahrig - ich überlege, was sie am Morgen erlebt haben mag. Ein Mensch kommt mir entgegen - ich erfinde ihm einen Beruf und einen Kurzlebenslauf. Aus dem Asphalt ragt ein einsamer Löwenzahn - ich stelle mir eine futuristische Welt vor, in der Riesenlöwenzahnpflanzen die Herrschaft übernommen haben und sich Menschen als Gärtner halten. Und nachts im Traum kämpft dann vielleicht die Kassiererin mit dem Löwenzahn um eine Kröte, in die sich beide verliebt haben.

Und wenn ich Zahnschmerzen habe, tickt diese Erzählmanie weiter. Dann kommen zuerst die Erinnerungen, an die ich mich nicht mehr erinnern möchte. An eine zweifelhafte Zahnklinik in Warschau, wo ich so verpfuscht wurde, dass mich nur noch der nächste 2000-km-Flug zum Spezialisten rettete. Vorher witzelten wir noch, dass die angebliche Luxusklinik von einem amerikanischen Friseur gegründet worden war. Ich habe die Rechnung dort bis heute nicht bezahlt und kann nur raten: Mit Zähnen nie zum amerikanischen "Bader" gehen!

Tja, und dann fällt im völlig schief gewachsenen Weisheitszahn die Plombe heraus, unzugängliches Riesenloch, Schmerz. Die haben sie damals mit speziellen Geräten für Kinder eingesetzt. Und wie immer in solchen Panikfällen muss ich zur Urlaubsvertretung meines Zahnarztes. Schriftstellerei ist eine Krankheit. Allein wie ich mir diesen unbekannten Zahnarzt vorgestellt habe, würde drei Horrorromane mit Personal füllen. Natürlich konnte ich dann in meinen übelsten Alpträumen Französisch nur noch stammeln und man sagte mir, dass so ein Zahn eine Sache für den Chirurgen sei. Zwei Tage lang wurde ich des Nachts in zwielichtigen Operationssälen aufgeschnitten. Und gestern erzählt mir ausgerechnet noch eine Freundin am Telefon, wie sie eine Wurzelresektion von außen bekam, chirurgisch. "Mit sooooo'nem Loch". Weitere schauderhafte Geschichten erfinde ich natürlich bis ins Wartezimmer... Wer mich hirnerweicht und dämlich kennenlernen will, begleite mich zum Zahnarzt!

Und dann das Wunder. Das Wunder der Fiktion. Realität ist zum Glück immer anders als jeder Schauerroman im Kopf. Der Zahnarzt freundlich und sympathisch wie der Weihnachtsmann persönlich, absolut beruhigend - und babbelt schönstes Elsässisch. Und wie er mir sagt, dass da nichts zu retten sei, wollen die Kopfgeschichten fast wieder hochkommen. Zahn ziehen? Heute? Gleich? Jetzt sofort?

Aber dann sagt er "bi mine Mame macht ich's a". Sine Mame... plötzlich ist eine andere Kopfgeschichte da. Sine Mame hat einen Kuchen gebacken, Blumen stehen auf dem gedeckten Tisch. Und die Frau mit den Kopfgeschichten atmet tief durch, lehnt sich zurück - und zehn Sekunden später ist sie erlöst und kann sich auf den Kaffee daheim freuen.

Schriftsteller sind komische Rapunzel. Die sind nicht nur wunderlich, sondern müssen auch noch ellenlang drüber reden... tztztz... Aber für Kopfgeschichtenerfinder gibt's halt nichts Schlimmeres, als es am Kopf zu haben!

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28.7.08

Sex & Sülze sells

Prolog: Es soll SchriftstellerInnen und sogar LeserInnen geben, denen gehen die ewigen Damen auf dem Buchcover auf die Nerven. Ob nackert oder faltenbeworfen, ob kopflos oder busenvoll. Und es soll ebenfalls reichlich AutorInnen geben, die um die Sülzsprüche wichtiger Rezensenten zittern, die Verlage gierig für die Rückseite eben jener Bücher sammeln. Aber immer nur Frauen auf dem Cover? Die meisten nervt diese Sinnesüberreizung als moderne Unart von Marketingstrategen, die angeblich hip und trendy mit der Zeit gehen.
Alles falsch. Diese Marketingstrategen haben sooooo einen Bart. Den längsten Bart der Welt. Sie arbeiten nämlich immer noch im Amerika des Jahres 1909!

Blurb: Wissen Sie, was ein "blurb" ist? Macht nichts, ich wusste das bis heute auch nicht. Und jetzt erkläre ich es mir so: Ein blurb ist, wenn ich einen bekannteren Autor in meinem Bekanntenkreis (Bekanntenkreis kommt etymologisch vom Sammeln bekannter Kollegen) anbettele, mir zu meinem Möchtegernbuch einen sülzigen Salbader in zwei, drei Sätzen zu schreiben. Eben dieses Zeug, das nachher auf dem Buchdeckel steht. Meister des blurb sind Monty Python, die zu ihrem Film mit dem Gral sich selbst lobhudelten: "Makes Ben Hur look like an epic."

Der erste blurb dieser Welt - Sie raten richtig - wurde 1909 in den USA erfunden. Das sinnreiche Wort stammt von der fiktiven Miss Belinda Blurb, die damals auf diesem Buch nicht mit ihren Reizen geizte, soweit das damals eben möglich war. In dieser Zeit bürgerte es sich ein, dass Bücher einen Schutzumschlag bekamen, der im Gegensatz zum Originalcover hemmungslos für Werbezwecke benutzt wurde.

Vorne lockten die Damen mit Sex und aufreizenden Parolen, auf der Rückseite schämten sich die Verleger kein bißchen, ihren LeserInnen das Blaue vom Himmel zu versprechen. Wer so ein Buch freiwillig im Laden ließ, war selbst schuld und bekam wahrscheinlich Fegefeuer extra.

Die heutigen Verlagsgrafiker sind regelrecht zahm gegen das, was damals geblurbt wurde. Man stelle sich vor, heute würde einer werben mit "dieses Buch hat das gewisse Etwas, das dich wünschen lässt, du könntest 30 Meilen durch den Dschungel robben und jemanden in den Nacken beißen!" (Hier wäre zu verifizieren, ob es damals schon Nackenbeißer gab).

Und der geblurbte Autor ist natürlich Hans-Dampf-in-allen-Gassen, er kennt die Frauenherzen seit Hunderten von Jahren und weiß alles über weibliche Psychologie. Frauen werden über seinem Verrat zu Feinden werden und Männer um so lieber lesen, heißt es. (Denn Frauen lesen ja bekanntlich nicht.)

Hoppla, da sind wir aber wahrhaftig in einem anderen Jahrhundert! Umso faszinierender, dass diese männerfreundliche Strategie heute genau diejenigen umgarnen soll, die damals vorsätzlich vergrault wurden oder nur unter der Bettdecke lesen konnten: die Frauen! Frauenkörper und Sülze, das volle blurb-Programm von 1909, pardon, 2009!

Wer es nicht glauben kann: Hier ist die legendäre Miss Belinda Blurb mit ihren irren Versprechungen zu sehen - und hier kann man die Werbesprüche des gesamten Schutzumschlags nachlesen. Fröhliche Gezeiten! blurb...

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23.7.08

Mein Hund und ich

Jeder kennt den bereits abgegriffenen, aber immer wieder wahren Gag, dass mancher Hundebesitzer genauso aussieht wie sein Zweibeiner. Wissenschaftlich konnte noch nicht geklärt werden, ob man sich wie bei einer langjährigen Ehe langsam angleicht oder sich automatisch die passende Hunderasse sucht.

Kürzlich wurde dann im Fernsehen ein Bildband empfohlen, der beweist, dass Schriftsteller ein besonders inniges Verhältnis zu ihren Hunden hätten (Christen: Musen auf vier Pfoten, Autorenhaus), angeblich, so der Rezensent, weil die so brav dem einsamen Schreiber in der Kammer zuhörten. Ein Gerücht, sage ich nur, denn wenn meine Texte wirklich gut sind, schläft mein Hund augenblicklich beim Vorlesen ein. Er nickt auch nicht, wenn ich ihm Plots erkläre. Er zeigt mir lieber Leichen (unlängst ein Reh in starker Auflösung). Aber, so heißt es ja, der Hund ähnle erschreckend seinem Menschen!

Außerdem ist die Buchidee fürs Geschenkbuch-Genre famos. Man weiß ja bereits, dass es auch nur ganz speziell die Weibchen, pardon, die Schriftstellerinnen mit Hunden (und Katzen sowieso) haben (Jürgs: Schwarze Hunde. Bunte Hunde, Aviva). Und nach den Hunden der Maler, die bereits gedruckt sind, können wir in die Vollen greifen: Ich sehe Bücher vor mir über die Hunde der Metzger, der Förster, der Lehrerinnen, der Fotografen, der Malermeisterinnen, der Pfarrer...

Egal. Hund sieht angeblich aus wie Mensch. Und umgekehrt. Seither betrachte ich mich verschärft im Spiegel. Ich hätte gern diese vielsagenden bernsteinfarbenen Augen, bringe es aber leider nur zu Mausgrau. Zugegeben, seit ich keine Huskies mehr habe, fiel auch mein Pelz auf Kurzhaar. Ich hätte gern Roccos gesunde starke Zähne und seine Energie. Aber ich hasse angematschte Büffelhaut und finde seine Hundekekse fad. Wir haben nicht immer den gleichen Musikgeschmack und wenn er sich alte Grzimek-Filme oder Rosamunde Pilcher reinzieht, flüchte ich. Gestern küsste er doch tatsächlich ein Erdferkel auf der Mattscheibe ab, ein Erdferkel! Rocco riecht heimelig nach einer Mischung aus Teddybär und Fleischbrühe - ich bevorzuge derzeit eher vanillige Noten. Und dann diese leicht hängenden Lefzen... ich weiß nicht.

Trotzdem bin ich froh um diese Parallele zwischen Hund und Mensch: sie spart mir verdammt viel Geld für aktuelle Autorenfotos. Die hätte ich dann nämlich schon mal:
Demnach wäre das hier eine typische Schriftstellerinnenpose:

Und das soll mein Ebenbild sein:

Was bitte schließen wir daraus???

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22.7.08

Sinnesreisen: Rot sehen

Rot ist nicht gleich Rot. Jednfalls nicht, wenn man über eine Ländergrenze wechselt. Nun kann man sich erhebliche kulturelle Unterschiede in der Farbwahrnehmung in Richtung exotischerer Breiten noch eher vorstellen. Ich hatte jedoch heute mein eigenes rotes Heureka-Erlebnis zwischen Deutschland und Frankreich, in nur 30 km Entfernung.

Ich wollte halbfette H-Milch in Deutschland kaufen, griff zur vertrauten Packungsfarbe - und griff damit voll daneben. Nämlich zur Vollmilch. Wie kommt's?

In Frankreich sind viele Packungsfarben so gestaltet, dass sich die richtigen Assoziationen bilden und man bei Gewohntem nicht ständig aufs Kleingedruckte schauen muss. Fett ist nun etwas, das sich vor allem in der Milch anreichert, wenn die Kuh auf besonders fetten Wiesen weidet. Also greift man zu Grün, wenn man Vollmilch will. Grüner Aufdruck oder grüne Deckel. Und dann gibt es in Frankreich noch die blaue Milch. Blau ist eine kalte Farbe, fühlt sich dünn an. Und so fühlt sich auch die Milch an: dünn. Milch, wie sie eine Kuh im kalten Winter gibt, wenn das fette grüne Gras fehlt. Halbfette Milch ist blau. Farbassoziationen, wie sie ein Agrarland hat.

Und siehe da: Im deutschen Supermarkt war das heute genau andersherum. Die blaue Milch hatte Vollfett. Die Halbfettmilch war rot. Warum das so ist, kann ich mir nicht erklären, dazu bin ich der eigenen Kultur schon zu fern. Weiß es jemand? Rot wie ein Achtungschild, weil alle so auf die schlanke Linie achten? (Das könnte man meinen - nicht wenn man die Menschen sieht, sondern die Regale).

Und dann ist da noch etwas Lustiges, worauf ich früher nie geachtet habe. Das Rosa. Typische Toilettenpapierfarbe in Frankreich. Denn Rosa ist Weichheit, Haut, Babypopo, Anschmiegsames - und wenn sich Frauen im französischen Bad breit machen, gibt's Rosa überall. Mandelgrünes parfümiertes Papier gibt es auch, analog zu den Babyfarben. Denn die französische Toilette ist in der Regel gemütlich eingerichtet und dekoriert. Weißes Papier gab es früher gar nicht, heute muss man es oft noch suchen (auch Recyclingpapier ist rosa), obwohl es doch - mal die medizinische Kontrolle der Hinterlassenschaften betrachtet - als Hintergrund neutral wäre.

Wechselt man über die Grenze, ist mit dem rosa Verwöhnweich Schluss. Der ordentliche Deutsche greift offensichtlich - wenn man die Regale analysiert - zu schmirgelpapierähnlich aufgerauhtem, grauen Recyclingpapier in extrastarker Qualität. Medizinische Gründe? Deutsche Gründlichkeit? Oder soll das Örtchen eine Zelle der effektiven und kurzen Pflichterfüllung bleiben? Lesen auf der Toilette gilt ja in Deutschland immer noch als schlechte Angewohnheit! (Bräunlein: Lexikon der schlechten Angewohnheiten). Manche behaupten sogar, Menschen, die auf der Toilette Bücher hätten, seien Bohème ... und da wären wir wieder bei der französischen Kultur.

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21.7.08

Milch und Honig?

Ein Autor, der Tag und Nacht Bücher schreibt und nicht gerade Bestseller produziert, kann in Deutschland in der Regel allenfalls schlecht von seinem Beruf leben. Schreiben macht nicht satt.

Nehmen wir mal ein durchschnittliches Anfängerhonorar fürs Hardcover, wie es schon größere Verlage zahlen (Honorare schwanken natürlich sehr je nach Erfahrung, Verlag, Buchart, Name, Auflage etc.), dann bekommt unser Autor X einen Vorschuss von 4000 Euro, brutto natürlich. Diese Summe wird nicht auf einmal ausgezahlt, sondern bei Vertragsabschluss und, je nachdem, bei Abgabe oder Erscheinen. Autor X zahlt von diesen 4000 E seine Versicherungen, Krankenkasse, Rente und natürlich Steuern, die manchmal recht hoch ausfallen können, weil pro Vertrag große Summen auf einmal fließen.

Von dem, was übrig bleibt, kann er "leben". Bedenken wir ein ebenfalls willkürlich herausgegriffenes Beispiel: Autor X recherchiert und arbeitet vier Monate vor, bis er überhaupt den Vertrag bekommt. Zu diesen vier Monaten, die irgendwie finanziert werden wollen, kommen acht Monate Schreibzeit. Die 4000 E sind also für 12 Monate - ein Jahresgehalt!
Natürlich bekommt der Autor von seinen Büchern außerdem Tantiemen. Also Buchpreis minus Mehrwertsteuer - und davon einen Prozentsatz. Seien wir großzügig und geben wir ihm 8% (Taschenbücher bringen erheblich weniger). Sein Hardcover wird im Laden 20 E plus MwSt. kosten. Autor X streicht also pro verkauftem Buch fette 1,60 E brutto ein - wovon er wieder obige Abgaben abziehen darf.

Er streicht aber nicht sofort ein, schön wär's. Die 4000 E waren ein garantierter "Vorschuss". Will sagen: Tantiemen gibt's erst dann, wenn der Vorschuss erwirtschaftet ist. Autor X muss also so viele Bücher verkaufen, wie 1,60 E in 4000 E passen. Macht nach Adam Riese 2500 Bücher. Tantiemen bekommt er also ab dem 2501. verkauften Buch. Das kann dauern. Das kann sehr lange dauern, denn über 20 E teure Bände gehen so oft nicht über den Ladentisch. Manchmal schafft man es sogar nie, bis an die Tantiemen zu kommen, weil das Buch einfach nicht besser läuft. Kurzum: Wer auf der sicheren Seite rechnen will, rechnet nur mit den Vorschüssen.

Wie aber kommt es, dass Autoren trotzdem überleben können? Ganz einfach: Ein Autor ist in der Regel ein selbstausbeutender Gemischtwarenladen. Sprich: Autor X muss in kürzeren Abständen mehr Verträge herbeischaffen. Autor X muss außerdem für Großprojekte Geld sichern (entweder Weg über Stipendien und Preise oder Fließbandschreiben an Einfachstbüchern). Vor allem aber muss Autor X sehr viel mehr tun als nur schreiben - denn man lebt als hauptberuflicher Autor vor allem auch von Auftritten und ähnlichen Zusatzverwertungen seiner Arbeit.

Autorenauftritte - das scheinen hierzulande fast nur Lesungen zu sein. Relativ neu ist es, die Lesung zum Event zu gestalten - Grenzen nach oben gibt es kaum, man hat zu seinem Thema ja so viel zu sagen! Als ich heute im Buchreport las, wie das in den USA läuft, bin ich richtig neidisch geworden. Von so viel Milch und Honig können wir nur träumen! US-Verlage bieten ihren Autoren Redneragenturen, die sie für ihr Thema vermitteln und dadurch vor allem die Leute aus der Midlist bekannter machen (Auch davon können deutschsprachige Autoren nur träumen, denn Werbung gibt's meist nur für Spitzentitel). Der Auftritts-Standardsatz - bitte festhalten - liege bei 5000-7500 Dollar Honorar. Ebenfalls geschäftstüchtiger sind die Verlage beim Buchverkauf, wo der Veranstalter sich zur Abnahme einer Mindestzahl verpflichten muss. 200-250 Bücher gingen so durchschnittlich pro Auftritt weg. Rechnet man dazu, dass ein amerikanischer Autor dank anderer Struktur nebenher Creative Writing an angesehenen Instituten lehren kann und auch ansonsten mehr Möglichkeiten zum seriösen Nebenjob hat - es klingt wie das gelobte Land.

In Deutschland herrscht dagegen Jammertal. Seit einigen Jahren sind Buchhändler - nicht zuletzt wegen der Konzentration durch die Ketten - lesungsmüde geworden, leisten sich allenfalls Promis. Möchtegernschriftsteller mit Eigendruck und Kollegen mit Dumpingpreisen haben teilweise den Markt bei Lesungen einbrechen lassen. Es kommt immer häufiger vor, dass man frech gefragt wird, warum man nicht umsonst auftrete, das sei doch Werbung. Der empfohlene Honorarmindestsatz (Anfänger, Einfachstlesung) des VS von netto 250 E ist seit über zehn Jahren nicht mehr angehoben worden, trotz Preisteigerung und Inflation. Man muss schon sehr genau wissen, was man bietet und was man wert ist!

Und weil ich meine Auftritte gern forcieren möchte und nicht nur reine Lesungen anbieten ... wird es schwer. Die Leseabteilungen der Verlage, die so etwas normalerweise organisieren, sind nämlich nur für das eigene Buch zuständig, nicht aber für Crossover und unabhängigen Schnickschnack. Tja, da dachte ich - vielleicht etwas zu ausländisch - ich könne das eine Agentur machen lassen und mir die Zeit der Aquise, des Taktierens und Verhandelns für das Bücherschreiben sparen. Nach der Recherche in der Wunschregion war ich desillusioniert. Es gab eine ganz edle Promi-Agentur für Leute "bekannt aus Funk und Fernsehen", eine Werbeagentur, die angeblich auch mit Kontakten handelte, und zwei, drei ... nennen wir es wohlwollend Möchtegernagenturen.

Eine Profimusikerin bestätigte mir, was ich befürchtete: Du musst alles selbst machen, nur so kannst du überleben und wirst nicht über den Tisch gezogen. Mach dich damit vertraut, dass du dein Werbematerial verschickst, Aquise betreibst, verhandelst, dich um Beleuchtung und Mikrophone kümmerst und die Thermoskanne füllst...
Ach, Amerika, welch schöner Traum, wo Milch und Honig für Autoren fließen!

Wer bitte hat das Gerücht in die Welt gesetzt, Schriftsteller müssten nur schreiben können?

Falls ich mal wieder Dinge und Menschen vernachlässige, um die sich normale Leute kümmern können, dann nur deshalb, weil ich zwei Bücher gleichzeitig schreibe und im "Nebenjob" unentgeltlich für mich selbst arbeite: Als Kleinkunstautorin, Dramaturgin, Regisseurin, PR-Frau, Vermittlungsagentur, Kostümbildnerin, Chauffeuse, Marketingberaterin, Buchhalterin, Kaffeeköchin ... jetzt hab ich doch tatsächlich den Überblick verloren... Wer sagt eigentlich, dass es in Deutschland schon so weit ist, dass man mit zwei Jobs arm ist? Nur zwei?

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