24.01.2015

Trüffel, Sterne, Drogen und die ganze Merde

24.01.2015 0
Aufgrund der Ereignisse in Frankreich musste ich mich erst sortieren. Mit der Wuchtbrumme Houellebecq (ich bin noch mittendrin im Buch) doppelt. Und nach der Euphorie jenes Sonntagsmarsches, der wirkte wie "I have a dream", ist ein grauer Alltag eingekehrt mit Polizisten in kugelsicheren Westen an der Grenze und einem dreistelligen Millionenetat für Sicherheitskräfte und Geheimdienst. Die Hoffnungsvollen vom Sonntag möchten mit dem Kopf gegen die Wand schlagen - ein Staat, der sich die drohende Pleite regelmäßig schön rechnet, dessen Sozialsystem irgendwann implodiert, macht mal schnell über 400 Millionen Euro locker für mehr Überwachung. Derweil reise ich im Kopf mit Houellebecqs Protagonisten ins Quercy, in jenen abgelegenen Landstrich, in dem auch mein völlig anderer Roman "Lavendelblues" spielt ... und bekomme Angst: Sein bedrohliches Quercy liegt plötzlich sehr viel näher im Bereich des Möglichen als das meine.

Wer Zen sucht, backt Baguette in fünf Tagen.
Eine befreundete Geschäftsfrau formulierte das heute so: "Ich weiß nicht, was in Frankreich kaputt ist. Aber 2014 war auch bei meinen Kunden das schlimmste Jahr. Du glaubst gar nicht, was für Schicksale ich mir im Büro anhören musste. So viele Menschen, die an den Rand der Verzweiflung getrieben wurden oder sich sogar das Leben nehmen wollten, weil nirgends mehr etwas funktioniert!" Die Geschichten von Behördengängen, wo man nur noch auf Ignoranz, Unwissenheit und Abscheu der "Fonctionnaires" trifft, kamen mir bekannt vor. Mir haben Menschen, die an verantwortlichen Stellen arbeiten, offen gestanden, dass Schikanen "von oben" erwünscht seien. Geld, das der Staat nicht gleich zahlen müsse, weil der Bürger die falschen Formulare habe oder seine Rechte nicht kenne, ist Geld, mit dem man ein paar Monate arbeiten kann. Oder es eben in die Geheimdienste investieren. Dann fragte sie mich: "Sag mal, standen 2014 vielleicht die Sterne irgendwie schlecht?" Und ich konnte nur antworten, dass ich mich eher fragte, welche falsche Droge man weltweit ins Trinkwasser schütte. Es gibt ja Wissenschaftler, die den Weltuntergang ausrechnen.

Keine Verschwörungstheoretiker: Wissenschaftler und Fachautoren des Bulletin of Atomic Scientists rechnen ganz ordentlich die Zustände auf der Welt und die Atomwaffen und Atombedrohung hoch. Die Doomsday Clock oder Atomkriegsuhr zeigt dann anschaulich, wie viel Zeit wir noch haben, bis die Uhr Zwölf schlägt. So mies wie 2015 sah es schon lange nicht mehr aus - 1984, 1953, 1949 standen wir ähnlich kurz vor der Katastrophe. Drei Minuten vor Zwölf.

Wir versinken im eigenen Dreck. Irgendwie sind so viele externe Probleme hausgemacht und wir basteln weiter, als würde uns schon nichts geschehen. An manchen Tagen ist der Overflow der Informationen und der menschliche Dreck in Kommentarspalten nicht mehr zu ertragen, da hilft oft nur noch der Rückzug, das eigenen Erden ... oder auch mal der wilde Tanz auf dem Vulkan. Immerhin habe ich nun ein Baguetterezept aus den Vogesen gefunden, für das man fünf Tage braucht. So viel Zen und Bergwanderungen mit dem Hund müssen einfach erden.

Wer mich kennt, der ahnt, dass ich nicht der Typ bin, wie in Houellebecqs "Unterwerfung" tatenlos am Herd zu stehen. Ich finde, es wird Zeit, die ganz anderen Geschichten zu erzählen, die immer zu kurz kommen: Wie in einer Welt des Umbruchs mit all ihren schmerzvollen Entwicklungen auch Visionen für eine menschlichere Zukunft entwickelt werden. Wie Menschen weltweit längst damit experimentieren, was man anders machen könnte. Texte über eine denkbare Zukunft müssen keine Verdrängungsmechanismen beinhalten. Sie sind durchaus wichtig, damit nicht noch die letzten Unentschlossenen umkippen nach ultrarechts oder populistisch. Ich lese derzeit so viele Trüffel im Netz, meist im englischsprachigen - Trüffel, die einfach zu kurz kommen. Meine Interessen, über die ich gern bloggen würde, haben sich erweitert.

Und da sind wir bei des Pudels Kern: Schon lange überlege ich, wie ich die sehr unterschiedlichen Blogs unter einen Hut bekomme. Und habe mich entschlossen, doch alles zusammen in einem einzigen neuen Blog unter Wordpress zusammenzufassen. Das Ganze zu professionalisieren in Richtung "Zeitschrift". Dann lassen sich auch Kommentare unterschiedlicher Medien einbinden. Im Moment erarbeite ich mir ein tragfähiges Konzept dafür, bis dahin laufen die Blogs hier weiter. Kreativphase. Ich bin gespannt ...

20.01.2015

Medial überrollt - Houellebecq (3)

20.01.2015 0
Eine Idee zerplatzt. Zugegeben, es war ein wenig riskant, Leserinnen und Leser eine Ein-Frau-"Leserunde" aushalten zu lassen, die nicht wirklich eine Leserunde im herkömmlichen Sinne ist. Ich fand das Experiment ganz reizvoll, mir einmal beim Vorbereiten einer Rezension über die Schulter schauen zu lassen. Vielleicht auch einmal anschaulich zu zeigen, wie mehrschichtig Literatur sein kann, wie faszinierend die Querverbindungen zu entdecken sind. Aber ich habe meine Rechnung ohne die immense PR-Maschinerie und den Erscheinungstermin in Deutschland gemacht. Ich bin schlicht zu spät dran.

Meine Beiträge zu Houellebecqs Buch gehören zu denen, die in diesem Blog am wenigsten gelesen werden. Dazu machen sie aber zu viel Arbeit. Ich kann es niemandem verdenken: Im Moment schreibt JEDER über das Buch, die Feuilletons sind vollgepflastert. Nach der 101sten Meinung ist man müde, will lieber selbst lesen oder es hat sich bereits das Lebensgefühl des Protagonisten bei uns eingeschlichen: Ennui bis hin zum Ekel. Überdruss.

Den will ich nicht verstärken und entscheide mich für den radikalen Schnitt: Ich beende die Serie und lese fortan im Stillen. Ob ich dann nachher noch Lust habe, die 1001ste Rezension zu schreiben - ich weiß es nicht. Da ist dieser Ennui angesichts der Medienmaschinerie ... So schnell kann es gehen in den schnellen Medien, aber man kann ja zum Glück genauso fix reagieren.

Eines noch: Ich hörte gestern, Houellebecq habe nach seiner Lesung in Köln vor allem zwei Dinge beklagt: Dass man ihm Islamophobie vorwerfe und dass er sich ständig erklären müsse auf die Frage hin: "Darf man so ein Buch schreiben?"

Islamophobie kann man diesem Buch eigentlich nur vorwerfen, wenn man es nicht richtig gelesen hat oder auf die PR-Maschinerie hereingefallen ist. "Unterwerfung" hat recht wenig mit den Werbetexten zu tun. Wenn in diesem Buch jemand etwas abkriegt, dann sind es die Franzosen in der beschriebenen Dekadenz und inneren Leere, die Anpasser und Hinternkriecher, die gedankenlosen Mitläufer jedweder extremeren Gruppe. Dann sind es diejenigen, die von Religionen längst keine Ahnung mehr haben und sich in ihrer Sinnentlehrtheit nur noch von Privilegien statt Inhalten ködern lassen. Das hat Heike Rost in einer Rezension gut auf den Punkt gebracht.

Mich entsetzt die Frage: "Darf man so ein Buch schreiben?"
Man darf nicht nur, man muss! Wer, wenn nicht KünstlerInnen und LiteratInnen, kann der Gesellschaft frei und querdenkend einen Spiegel vorhalten, Zustände sezieren, provozieren, aufschrecken, nachdenken, umdenken und so vieles mehr?
Ganz sicher hat der Autor nie geahnt, dass sich ein - übrigens recht unglaubhaft geschilderter - Anschlag in seinem Buch zum Erscheinen in einen Anschlag ganz anderen Ausmaßes in der Realität fortsetzen würde. Er hat selbst einen seiner Freunde dadurch verloren. Aber genau das ist der Fluch oder das Geschenk guter Literatur: Manchmal hat jemand die feinfühligen Antennen und schafft eine Fiktion, eine Utopie oder einen Zukunftsplot, der plötzlich Wirklichkeit wird. Wie vieles von "1984" leben wir bereits 2015 - und doch ist es so ganz anders. Wie vieles in Houellebecqs Buch trifft die französische (und europäische) Gesellschaft in Mark und Bein - und trotzdem ist in diesem Plot und in seinen Beschreibungen so vieles absurd unmöglich oder überzeichnet. Das ist Literatur.

Zum Glück beschäftigt sich der Autor nicht mit der eigenen Nabelschau wie so viele. Ich will nicht zu viel verraten, aber für mich ist das Buch jetzt schon, noch nicht einmal zur Hälfte gelesen, ein großer, ein wichtiger Gesellschaftsroman. Ja, man darf! Man sollte noch viel öfter literarisch über die Welt nachdenken.

zu Teil 1
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19.01.2015

Houellebecq lesen (2)

19.01.2015 2
Statt einer Rezension in einem Guss ein Experiment: Ich lese den Roman Soumission (dt. Unterwerfung) "live" in Etappen und lasse hier an meinen Notizen zum Buch teilhaben. Ein kleiner Einblick in die Arbeit einer Feuilletonistin, wie sie vor dem Schreiben einer Rezension steht. Verweise beziehen sich auf die Originalfassung, deutsche Entsprechungen habe ich selbst übersetzt.

Ein Motto zum Buch ist nicht nur Zierde. Das Huysmans-Zitat umreißt das Lebensgefühl des Protagonisten, irgendwann beiläufig Francois genannt: "Je suis bon a rien" - ich bin zu nichts nütze. Es verweist aber auch auf den Subtext: Man sollte sich wenigstens etwas mit Joris-Karl Huysmans beschäftigen, jenem Autor der vorletzten Jahrhundertwende, den Houellebecq nicht zum ersten Mal benutzt und der ihm wie dem Protagonisten so nahe steht. Die zwei großen H. - schreiben sie beide über die Dekadenz?

Francois ist ein Antiheld, der zunächst langweilig bis abstoßend wirken kann, aber dann doch schnell gefangen nimmt, weil man seine Gedanken irgendwoher zu kennen scheint. Traurige Jugend in einer Welt, in der Geld mit Großbuchstaben geschrieben wird und für Ärmere immerhin Konsum und Sucht nach Produkten bleiben, schreibt er eine Doktorarbeit über Huysmans mit dem vielsagenden Titel "Das Ende des Tunnels." Er identifiziert sich völlig mit dem Schriftsteller und glaubt, in den Büchern dessen Seele in allen Höhen und Tiefen zu erkennen, in einem intensiven Dialog mit einem bereits Verstorbenen zu stehen. Jene literarische Welt ist ihm aufregender als die Realität, arm aber frei ist er. Doch auch das kann Francois erst erkennen, als die Zeit der Freiheit vorbei ist und die akademische Laufbahn winkt.

Dieses Leben kennen wir aus anderen Büchern von H. und wir kennen es aus unserer Umwelt: Die jungen Leute ohne Orientierung und Lust auf einen bestimmten Beruf, die eigentlich nur noch passiv funktionieren, um sich von Schablone zu Schablone zu leben, die ihnen die Eltern und die Gesellschaft vormachen. Hier meißelt H. seine Stichworte zur Befindlichkeit modernen Lebens geradezu in Stein: Gleichförmigkeit, vorhersehbare Plattituden, unwahrscheinlich tiefe Einsamkeit und ein Ekel vor allem und jedem. Liebesabenteuer werden förmlich "abgesessen" wie Praktika, ohne Gefühl, ohne Empathie, wie ein Automatismus, weil "man" das so macht. Dieser Mann lebt nicht nur beziehungsunfähig in Einsamkeit, sondern "dans le vide" - in einer Leere, die im Französischen philosophische Konnotationen hat.

Aber keine Angst: Langweilig ist dieses öde Leben für die LeserInnen nicht! Wenn es am schlimmsten scheint, sprüht H. mit Ironie und literarischem Spott. Das ekelhafte Essen der Mensa beschreibt er in Begriffen von Huysmans, den universitären Literaturwissenschaftsbetrieb als Müllgewerbe. Und wenn Francois die verschlissenen Geliebten, ausnahmslos die eigenen Studentinnen, beschreibt, dann nur um seine berufliche Karriere daran zu spiegeln. Das gipfelt in einer Beschreibung der Völker Europas anhand eines typischen Männerorgasmus und Frankreich bekommt es dann voll ab: das "peuple régicide", das Volk, das seinen König guillotiniert hat - Francois kann immer öfter nicht kommen.

Es sind oft einzelne Wörter, die die Desillusion und Gefühlsarmut dieser Welt auf den Punkt bringen. Etwa wenn er eine Frau als "völlig verschlissen" beschreibt, als "ölverschmutzten Vogel" - das ist sein purer Ekel und Überdruss ... dieses berühmte "Ennui" der Dekadenz. Immer wieder wirft man H. wegen solcher Szenen Misogynie vor, aber er spiegelt darin nur den Mann, den er genauso wenig zu mögen scheint: Dieser Kerl ist längst verschlissener als seine Frauen. Die Liebe eines Mannes ist für ihn nur Gegenleistung für erhaltene erotische Freuden - zu mehr ist er nicht fähig.

Derweil schleicht sich im eintönigen Unileben und draußen fast unbemerkt ein "Störfaktor" des ewigen Trotts ein: Ausländische StudentInnen arbeiten im Gegensatz zu den einheimischen auffallend ernsthaft, saugen auf, was sie bekommen können - Chinesen, Maghrebiner. Mädchen in Burka, überprüft von ihren Brüdern, sitzen in einer Vorlesung über Jean Lorrain. Und bei den Kollegen ist es hipp, in der Großen Moschee von Paris Tee zu trinken, beim Marokkaner zu essen. Francois bemerkt seine Automatismen: Arabisches Aussehen = Gefahr, andere Sitten = Zurückschrecken. Doch man wünscht ihm ein "Friede sei mit euch!"

Es sind die kleinen Brüche: Musliminnen in Burka interessieren sich für einen der großen Skandalautoren der Dekadenz, diesen Dandy, der offen homosexuell lebte, Drogen konsumierte und sich schminkte? Nicht nur der Protagonist fragt sich, was sich in der Welt plötzlich verändert hat. Der Front National, geführt von einer Frau (!) redet von der Liebe zu Frankreich, während Francois auf sein erlöschendes Liebesleben blickt - das ist der typisch doppelbödige Witz Houellebecqs. Ausgerechnet die militanten Politiker versprechen echte Gefühle ...

Francois, der Macho, der sich insgeheim das Patriarchat zurückwünscht, leidet wie kaum ein anderer an der Malaise, der Krankheit unserer Zeit. Nichts und niemand rechtfertigt sein Leben in einem System, in dem Scheitern nicht vorkommen darf und alles auf Konkurrenz gebürstet ist. Man vermeidet, um nicht verletzt zu werden, man wagt nicht mehr, um nicht enttäuscht zu werden. "Man langweilt sich ein wenig, aber man liest weiter." Das Wort ennui selbst kommt nicht vor, H. vermeidet auch dies, aber da taucht er immer wieder auf, dieser Schlüsselroman von Husmans, der den Subtext zum Buch bildet: "Gegen den Strich / Gegen alle". Er war die Bibel der Dekadenz, inspirierte Oscar Wilde zu seinem "Bildnis des Dorian Gray" und veranlasste einen Kritiker damals zu schreiben: ""Nach einem solchen Buch bleibt dem Verfasser nur noch die Wahl zwischen der Mündung einer Pistole und den Füßen des Kreuzes."

Houellebecq verschwimmt mit Huysmans, dessen Protagonist Durtal mit Francois und alle zusammen werden zur Schlüsselfigur für unsere Zeit, die neue Dekadenz eines müden, ausgelutschten Abendlandes, in dem keiner mehr an irgendetwas glaubt und jeder sich nur nach einem echten, tiefen Gefühl sehnt.
Dass Frankreich auch politisch abwirtschaftet, ist nur eine Frage der Zeit gewesen und die Gründung der Partei "Muslimische Bruderschaft" durch den gemäßigten Mohammed Ben Abbes eine schleichende, logische Konsequenz.

Was jetzt folgt zum Wahlkampf ist eine bitterböse Satire auf das heutige Frankreich, raffiniert in die Zukunft versetzt. Aber wer die genannten Zeitungen und Sender, Journalisten und Anspielungen kennt, der weiß: Da liest man Hollande und Marine Le Pen mit, dieses Frankreich des totalen Ennui und der Verzweiflung, der ungelösten Probleme und Anschläge in den Banlieues, das ist Frankreich, wie es heute leibt und lebt. Es gibt Unruhen zwischen Rechtsradikalen wie zwischen Afrikanern, Anschläge auf Moscheen und Angst vor einem drohenden Bürgerkrieg zwischen Muslimen und "westeuropäischen Eingeborenen". Immer mehr Menschen im Land haben keinen Zugang mehr zum sozialen System - und genau die haben kein Problem damit, es zu zerstören oder bei dessen Zerstörung zuzuschauen.

Aber das Land macht es nicht anders als Francois: Man schaut weg, banalisiert die alltäglichen Katastrophen - in den Medien kommen sie nicht mehr vor. Nährboden für diejenigen, die noch das totale Fühlen versprechen: FN und extreme Kräfte. Wenn da nicht jener gemäßigte Muslim wäre. Spätestens jetzt müssen wir Huysmans Suche nach Glauben in einer entleerten Welt als Subtext mitlesen ...

zu Teil 1

17.01.2015

Houellebecq lesen (1)

17.01.2015 2
Nein, nein, nein, ich lese die Gattung dieser Hype-Bücher nicht, diese von gut bezahlten PR-Agenturen künstlich hochgepuschten Bestseller, die sich doch nur so gut verkaufen, weil da mal wieder einer oder eine (meist ist es einer) auf Randale macht, Skandal verspricht. Es ist doch ein offenes Geheimnis in der Buchbranche, dass zum Erfolg eines Buchs gern eines verhilft: Polarisierung. Je mehr Menschen sich über ein Buch streiten, desto lauter und öfter werden sein Titel, sein Autor genannt. Irgendwann ist der Punkt erreicht, wo auch die letzten es einfach nur haben wollen, um "in" zu sein und mitreden zu können. Da stehen sie dann im Regal, die ungelesenen Bestseller, die auch so gutes Geld einbringen - und werden irgendwann verschämt entsorgt, wenn der nächste Provokateur ein paar hundert Seiten gefüllt hat.

So oder so ähnlich konnte man mich schon oft sprechen hören. Sollte ich dieses Buch wirklich kaufen, nur weil ganz Frankreich davon zu sprechen schien? Houellebecqs Bücher polarisieren auch mich: Einige finde ich schlicht brillant, wie sie die heutige Gesellschaft in gewissen Zuständen entlarven - auch sprachlich wunderbar. Mit anderen kann ich gar nichts anfangen und bin gelangweilt, weil Monsieur H., wie ihn manche nennen, sich nur allzu gern am eigenen Versatzstückkasten bedient, sprich, seine Marotten hat. Marotten bergen die Gefahr, zu Manierismen zu werden. Seine Sexszenen sind außerdem nicht jedermanns Sache, für sein Frauenbild wird er von manchen regelrecht angefeindet. Aber das Chamäleon der perfekten Selbstinszenierung hält vielleicht auch hier nur einen Spiegel vor. Ist es H., der Autor, der so denkt? Oder tut H. einfach nur wie seine frauenfeindlichen Protagonisten, um die marode Männerwelt zu entlarven? Man darf sich nie allzu sicher sein bei seinen Büchern. Bei seinen Aussagen gar nicht, denn Schriftstellerei und Selbstinszenierung verschmelzen in seinem Leben.

Gesehen habe ich ihn dann in den Nachrichten von FR2. Da saß er still und verschlossen wie eine alternde Sphinx, der Entertainer, der sonst so gesprächig sein kann. Keine Lust gehabt? Wurden die falschen Fragen gestellt? H. wirkte ein wenig zickig, aber er sprach sozusagen in Subtexten. Interessant war, wozu er nichts sagte und wo er die unerwarteten Antworten gab. Zugegeben, das reizte meine Neugier.

Inzwischen ist Houellebecq aufgrund der Terroranschläge von Paris abgetaucht. Einer seiner engen persönlichen Freunde wurde dabei ermordet, sein Verlag Flammarion steht unter besonderem Polizeischutz. Man wird heutzutage nicht nur für Karikaturen bedroht. Und das macht es unmöglich, das Buch so unbefangen zu lesen wie vor dem Anschlag. Es erhitzt viele Gemüter, die es nicht einmal gelesen haben. Ich bin neugierig von Beruf, als Feuilletonistin und ehemalige Literaturkriterin sowieso. Ich will es wissen.

Sehr misstrauisch und sehr kritisch habe ich mir zuerst die Kindle-Leseprobe heruntergeladen. Und war erstaunt: Das liest sich sprachlich wie inhaltlich fast zu brillant, um wahr zu sein. Wird er dieses Niveau für den Rest des Buchs durchhalten können? Oder sackt er ab in Wiederholungen seines bekannten Baukastens, wie manche Kritiker finden? Zwei Dinge werden auf den ersten Seiten schnell klar:
1. Es lohnt sich eine Beschäftigung mit Joris-Karl Huysmans, jenem Schriftsteller der Dekadenz des 19. Jahrhunderts (Wikipedia), der sich als Freigeist mit kontroversen Themen bis hin zum Satanismus beschäftigte und sich dann fromm zum Katholizismus bekehrte. Houellebecqs Protagonist beschäftigt sich mit ihm und es wird da sicher Anspielungen und Querverweise geben. Denn H. und H. - die gehören nicht nur bei diesem Roman zusammen.
2. Der Roman überrascht vor allem deshalb, weil er nichts von dem zu bringen scheint, was die PR-Maschinerie in den Mittelpunkt geschrieben hat. Noch ist es zu früh, etwas darüber zu sagen, ob das wirklich das ach so böse Buch gegen den Islam sei, wie manche behaupten. Es könnte auch ganz anders kommen.

Ich "befürchte" nur eines = würde mich freuen: Dass es ein typischer Houellebecq geworden ist, ein Roman, der all diejenigen Lügen straft, die etwas zu ihren Gunsten hineingeheimnissen wollen. Weil er sie alle - scharfe Kritiker wie Jubler - an der Nase herumführt. Der Roman hat den Autor durch die Ereignisse der letzten Woche tragisch überrollt, weil er ein Gespür für unsere Befindlichkeit entwickelt hat, für das Thema unserer Zeit, bevor es ganz reif ist. Mehr ist noch nicht zu sagen ... außer, dass er sich recht trocken-lakonisch im Stil anlässt, so gar nicht satirisch. Die Satire mag eher im völlig unmöglichen Plot liegen.
Ich will diesmal keine Rezension *nach* dem Lesen schreiben, sondern kurze Zwischenberichte aus dem Lesekämmerchen geben, wenn mir danach ist, falls mir danach ist, in loser Folge. Demnächst, hier in diesem Theater ...

zu Teil 2

12.01.2015

Glotze gucken

12.01.2015 1
Ich habe noch nie mit Freunden zusammen Glotze geguckt. Denn wenn Freunde kommen, bleibt der Kasten aus. Gestern war das anders in Frankreich: Es war auf einmal zum Heulen, dass Paris, die Stadt, auf die wir Provinzler sonst schimpfen, so weit weg liegt. Und einige waren zu krank, um in Straßburg beim "Republikanischen Marsch" mitzulaufen. So setzten wir uns gemeinsam vor die Glotze, schauten die Direktübertragung von TF1 aus Paris und tranken viel zu viel viel zu starken Kaffee. Aber auch das nicht gleich. Zuerst tratschten wir ein bißchen über das Leben, den Horror und unsere Ängste.

Ich hatte vor der Abfahrt zuhause ein wenig in die ARD-Berichterstattung geschaut und mich gewundert, dass die sich anhörte wie zu einem Karnevalsumzug in Köln. Man zeigte nur "Je suis Charlie"-Bilder und nicht die anderen, die fast in der Überzahl waren, sprach trocken über Gemeinplätze. Während der Fahrt sprudelten die französischen Journalisten im Radio bereits, dass sich unvorstellbar viele Menschen zur Place de la Republique begäben, mehr als gedacht. Wir hatten keine Erwartungen, wir machten uns Sorgen - und waren - durchweg Künstler - kämpferisch gestimmt. Niemand würde uns unsere über Jahrhunderte erkämpften Werte nehmen. Vor der Glotze saßen wir verteilt, vereinzelt, tranken Kaffee, diskutierten, es wurden Zigaretten gedreht. Es war irgendein Philosoph, der uns im Chor verstummen ließ, selten hat jemand so viel Kluges gesagt. Hände flogen immer wieder vor staunende Münder - die meisten von uns kennen diesen Platz im Alltag ... und jetzt diese Menschen, wie Ameisen, aus allen Richtungen kamen sie zusammen. Friedlich, ohne Panik, traurig und freundlich, so unwahrscheinlich ruhig und unerschrocken. Es war die schiere Masse, die uns den Atem nahm. Und immer wieder in der Trauer auch der Applaus, das gemeinsame Skandieren und Singen, trotzig und stark.

Die Kameras versuchten, Schilder und Objekte herauszuholen aus der Menge. "Je suis Charlie" war längst nicht mehr das Hauptzeichen, es war der Taktgeber geworden, die große Inspiration. Überall hatten die Menschen etwas Neues daraus gemacht, hielten eigene Zeichnungen hoch wie "Je suis Juif" (Ich bin Jude), "Je suis Ahmed" (der Name des getöteten muslimischen Personenschützers bei Charlie Hebdo) ... der Spruch multiplizierte sich, die Schilder wurden immer größer. "Ich bin Christ, Muslim, Jude, Atheist, Mensch, Republikaner, Polizist, frei ..." Da standen sie Stunden, bis sich der Marsch überhaupt erst in Bewegung setzen konnte - alle Religionen, Hautfarben, Kulturen, Berufe, Altersstufen, soziale Klassen - das ganze bunte, aufregende, faszinierende Frankreich, wie es leibt und lebt. Irgendwo wurde eine immense Marianne als Stabpuppe mitgeführt und Spanier hatten einen bösen Spruch von Franco umgemünzt in einen Ausruf für die Freiheit - es war ihr Beitrag, um zu zeigen, wie wichtig ihnen die Werte der Republik seien.

Die Mischung der Emotionen nahm uns gefangen, unsere Gespräche verstummten. Da war die Trauer um die Opfer - wirklich verarbeitet haben wir den Horror der letzten Tage immer noch nicht. Aber da war auch der Trotz zu spüren, der den Trauermarsch zum Marche Républicaine machte - und die Interviews mit Passanten und Leuten aus allen wichtigen Bereichen des Lebens machten das deutlich. Da war etwas geschehen, was unsere Welt verändert hatte: Die Menschen schienen zu begreifen, worauf es ankommt.

Während man sich in der ARD darüber ergangen hatte, wie viele Minuten die Menschen wo genau herumstanden und wann es endlich losgehen würde, transportierte das französische Fernsehen die Bilder der großen Emotionen, der Inhalte. Zu dicht, um es wirklich begreifen zu können, aber einige werden wir nie mehr vergessen können. Der Jude mit dem großen Schild "Ich bin Jude und ich liebe die Muslime!" Hand in Hand mit ihm der Muslim mit dem gleichen Schild: "Ich bin Muslim und ich liebe die Juden!" Wie sie kurz vom friedlichen Zusammenleben in eben jenem attackierten Viertel redeten und dass sich für sie die Welt verändert habe - sie würden künftig in die Schulen gehen, sie planten Veranstaltungen miteinander in Synagoge und Moschee. Weil wir nur hassen können, was wir nicht kennen, was uns Angst macht.

Der Zug der Polizisten und Spezialeinheiten in tiefer Trauer durch die Menge und dann passierte etwas, was in Frankreich so kaum vorher vorstellbar war. Applaus, donnernder Applaus der nun stehenden Menge. Und dann lösen sich Einzelne aus den Reihen, schütteln den Sicherheitskräften die Hände, küssen sie ... In einem Land, in dem man auf die Flics schimpft und die Polizei nicht den besten Ruf hat, lässt uns ein Bild den Atem stocken: Ein Schwarzer in innigster Umarmung mit einem Polizisten, sie drücken die Wangen aneinander, der Mann aus der Menge küsst den Polizisten. Bilder, die irgendwann als Foto um die Welt gehen könnten, weil sie mehr erzählen als Worte - wie sich eine Welt verändert hat, wie ein anderer Umgang miteinander aussehen könnte.

Allein die erste Reihe der Politiker lässt staunen. Sie haben Feingefühl bewiesen und laufen hinter den Angehörigen der Opfer - Feingefühl zeigen auch die Journalisten, die diese nicht mit der Kamera belästigen. In der ersten Reihe der Politiker Hollande Arm in Arm mit Bundeskanzlerin Merkel und dem Schwarzen, den die ARD so schamhaft und dauerhaft verschwiegen hat (wussten sie es nicht?), es ist Präsident Keita von Mali. Wir zählen etwas anderes: Waren es drei oder vier Personen zwischen Netanjahu und Abbas - fast würden sie Arm in Arm laufen, würden sich beide Mühe geben. Wir hören, dass Lavrov und Poroschenko miteinander gesprochen hätten, der Russe und der Ukrainer. Und der Witz aus unserer Runde sitzt: Sollte man verfeindete Politiker vielleicht öfter einmal in solche Menschenmengen stecken?

Das ist das große Ereignis: Hier marschieren die Bürgerinnen und Bürger selbst, Demokratie von unten, die den Politikern und Religionsführern auf Schildern vorhalten, was sie sich am meisten wünschen: Friede, Miteinander, Freiheit, Brüderlichkeit. Die Marseillaise, die an diesem Tag immer wieder von Menschen aller Rassen gesungen wird, löst sich ab mit "All you need is love" von den Beatles. Wir sehen die Bilder und können es immer noch nicht fassen. Etwas ist aufgebrochen in den Menschen und hat eine immense Kreativität freigesetzt. Von den Kindern, die bei den Eltern auf den Schultern sitzen, bis zu den Ältesten, die noch den Zug der "Libération" 1944 erlebt haben, sind diesmal sogar Menschen auf die Straße gegangen, die noch nie in ihrem Leben auf einer Demonstration waren. Und sie alle haben etwas gebastelt, drücken ihre Gefühle in geschriebenen Tafeln und Gegenständen aus. Wenn wir hochrechnen, wie viele wie wir nur vor dem Fernseher sitzen oder in ländlichen Gebieten keine Märsche fanden - wie viele Franzosen müssen sich da im Herzen mobilisiert haben?

Am Rande in einer Zugangsstraße sitzt ein Theatermensch mit einem großen Gestell, an dem Zeichnungen und Sprüche flattern. Er lässt die Menschen zeichnen, sich ausdrücken. Erzählt, wie es ihnen hilft, zu verarbeiten. Wie sich die Emotionen freisetzen. Wie sie aber auch unwahrscheinlich kreativ werden, um auszudrücken, im was für einer Welt sie künftig leben wollen. Da ist es wieder: Er will das nicht auf den Tag beschränken. Sie wollten mit der Theatertruppe nun ganz eng mit dem Publikum etwas entwickeln. Sie dächten darüber nach, welche Möglichkeiten das Theater noch habe. Es sind nicht nur die Zeichner, Frankreichs Kulturschaffende und Künstler scheinen losgezogen zu sein, um sich enger mit den Menschen zu verbinden. Jeder, den sie vor die Kamera bekommen, sagt, dass da noch die Überwältigung zu groß sei, dass aber dieser Tag nachwirken werde. Dieser Tag verändert alle.

Als die Einspieler aus anderen Ländern der Erde kommen, haben wir Tränen in den Augen. "Je suis Charlie" in Marokko, in Jordanien oder Mexiko, Australien und selbst in Moskau kriegen sie die Leute nicht klein. Und dann Ramallah und Jerusalem. Wir machen uns nichts vor, wir kennen die Weltlage und die verhärteten Herzen. Aber hier sprechen Bilder etwas aus, was zig Konferenzen nicht schaffen und so viele Friedensprojekte auch nicht: die Bilder aus Jerusalem und Ramallah ähneln sich so sehr! Da wird ein Hauch von einer Welt sichtbar, wie sie sein könnte. Jemand in der Runde sagt: "I have dream". Martin Luther King - auch er hatte zuerst nur einen Traum, eine Vision.

Viel stärker als "Je suis Charlie" blinkt immer wieder eine grellfarbige Karikatur ins Bild, die keine Karikatur ist, sondern ein Wunschbild, ein gezeichnetes Sehnen: Ein Muslim küsst einen Andersgläubigen, innig miteinander vereint. Kurze Statements von Marschierenden zeigen, dass diese Welt längst jenseits des Hasses existiert: Die jüdische Frau, mit einem Muslim verheiratet, die Muslime mit christlichen Freunden - und sie rufen alle nach fraternité und liberté, nach Brüderlichkeit und Freiheit. Sie stehen mit Taten und Worten dafür ein, dass Islamismus im Islam nichts zu suchen hat, dass die Terroranschläge ein Verbrechen gegen die Menschheit waren und auch eins gegen Gott, Allah, Jhwh ... wie auch immer wir unsere Götter nennen mögen. Einer von uns meint, das sei besser als Woodstock, Liebe gegen den Hass - und das wird zum heimlichen Slogan.

Wir können es nicht glauben. Was wir sehen, ist nach dem noch unverdauten Terror zu schön. Es wäre aber auch ohne den Terror fast zu schön, um wahr zu sein. Bewegen sich da wirklich die Bürger des Landes, die vor kurzem noch ein offizielles Identitätsproblem hatten? Die mit ihrem Staat nicht mehr zurechtkamen und wo sich eine Jeder-gegen-Jeden-Stimmung breitgemacht hatte? Wo die Krise die Mitmenschlichkeit zu fressen drohte und Zukunftsangst sich mit zynischem Fatalismus abwechselte?

Frankreich ist nicht mehr das gleiche Land wie letzte Woche. Die Menge der Marschierenden allein mag den historischen Wendepunkt markiert haben, aber das eigentliche Wunder dieses Sonntags in Paris ist ein mit dem Verstand allein nicht zu fassendes spirituelles ... Wir saßen nicht lange einzeln um den Fernseher und hielten uns an den wärmenden Kaffeetassen fest. Wir rückten zusammen, unwillkürlich. Eine wischte sich verstohlen die Augen und sagte. "Ich habe Tränen in den Augen." Die andere nickt und schnieft. "Ich auch!" Und dann liegen wir uns immer wieder in den Armen und heulen hemmungslos gemeinsam. Gar nicht mehr so sehr aus Trauer. Es ist eine immense Rührung vor dem Augenblick. Weil wir wissen, dieses Rad ist nicht mehr zurückzudrehen. Wer das gespürt hat, was diese Menschen verkörpern, dem werden die Besserwisser und Kaputtreder, die Negativen und die Hassenden nicht mehr so viel anhaben können. Wir heulen vor Freude und Glück, weil wir endlich wieder sehen und spüren, wie eine Zukunft ausehen kann. Wie eine menschliche Zukunft aussehen kann. Partager des émotions - Emotionen miteinander teilen - so wichtig. Aber da bricht sich noch anderes Teilen Bahn, eines das Hoffnung macht in der kalten Gesellschaft vereinzelter Individuen.

Immer wieder die Beatles und die Marseillaise und da sprudelt auf den Plätzen von Paris und in den Straßen etwas hervor, was von Politikern viel zu gering geschätzt wurde: eine immense, unglaubliche Kreativität der Menschen aller Bevölkerungsschichten. Je suis Charlie - heute kann jeder Künstler sein. Kunst und Kultur als Bewältigungshilfe, als Heilung, aber auch politische Waffe. Keiner der Interviewten wird diesen Tag am Montag vergessen haben. Sie alle sagen, dass sie sich auf einmal ganz persönlich gefordert fühlen, in ihrem privaten Umfeld. Dass sie darüber nachdenken müssten, wie sie sich privat verhielten und wie mitmenschlich oder auch nicht. Kein Prediger dieser Welt, keine Religion, keine Predigt hat geschafft, was dieses gemeinsame Ritual freibrechen ließ: Wenn ich Charlie bin und du Charlie bist, dann sind wir gleich, dann sind wir beide Menschen, die in Freiheit leben wollen.

Marine Le Pen, die woanders marschierte, hat einen Satz in die Kamera gesagt, den andere auch hätten sagen können. Und dann kreischt unsere Runde vor Lachen, weil man ihn regelrecht gehört und gesehen hat - den scharfen Schnitt. Heute will keiner die anderen Extremisten hören, die den Hass schüren und die so üble Unterschiede machen. Ob Frankreich das durchhalten wird? Ob das, was sich fast wie eine spirituelle Veränderung anfühlte, im Alltag bewahrt bleiben wird? Ob die Politik auch ab Montag besonnen und gelassen notwendige Schritte unternimmt, anstatt panisch die Demokratie auszuhöhlen? Wir haben erlebt, was der Abhörwahn der Amerikaner genutzt hat: nichts. Das Leben bleibt gefährlich.

Wir wissen es nicht, was die nächsten Tage und Wochen bringen werden. Wir lagen uns an diesem Tag lieber in den Armen und ließen uns mitreißen. Das Verabschieden zog sich hin ... die ersten überlegten schon krampfhaft, wie sie sich als Künstler und Kulturschaffende für diese Vision einer Zukunft einsetzen könnten. Aber wir waren zu voll der Emotionen. Das Land wird noch Trauerarbeit leisten müssen. L'amour contre la haine, die Liebe gegen den Hass, die Kraft und Macht der Einheit ... diese immer und immer wieder gehörten Worte - wir hoffen, dass die Reihen der Politiker nicht zu isoliert in der Menge waren, um diesen Geist zu spüren und zu verinnerlichen.

Aber egal. Jetzt ist jeder Einzelne von uns gefragt. Wir werden uns wieder treffen. Und dann darüber reden, wie das alles unsere Kunst und uns verändert. Wer einmal gesehen hat, wie eine Bewegung die ganze Welt ansteckt, der glaubt wieder daran, dass gegen Dummheit, Extremismus, Rassismus und Fremdenhass ein Kraut gewachsen ist. Seed Bombs säen auf Verkehrsinseln Blumen. Guerilla Gardening begrünt Städte. Auch das Gute lässt sich aussäen. Sie sei so angefüllt mit Kraft und Hoffnung, sagt eine Freundin. Das sind auch die Gefühle, die beim Aufwachen am Montagmorgen noch da sind: Kraft und Hoffnung. Und das Wissen: Jeder einzelne von uns hat es in der Hand, die Zukunft zu gestalten, denn wir sind wie Schneeflocken, die zu Lawinen werden können. Es wird eine harte Arbeit werden.

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Einkaufen gehen

09.01.2015 0
Ich habe es zu oft verschoben, jetzt hilft alles nichts - die Wocheneinkäufe sind fällig. Ich fahre in die Stadt mit meiner Liste, vielleicht kann ich dort einen Abstecher zum Wochenmarkt machen. Und dann würde ich die Fahrt am liebsten gleich wieder verschieben. Eine Stunde zuvor hat ein weiterer Terrorist bei Paris mehrere Geiseln in einem jüdischen Supermarkt genommen. Beide Geiselnahmen hängen zusammen, sämtliche Terroristen haben den gleichen dschihadistischen Hintergrund, kommen von einem selbsternannten Prediger, der schon mehrere Jahre im Gefängnis saß wegen seiner Umtriebe. Es gleichen sich die Kriegswaffen, die militärische Ausbildung, die eiskalte, fast entmenschlichte Brutalität. Einkaufen ...?

In einer muslimischen Firma an der Route arbeiten sie noch, bereiten sich aber auf das Freitagsgebet vor. Heute werden die Imame in ganz Frankreich der Opfer gedenken und die Gräueltat noch einmal verdammen - so wie es sämtliche Muslimverbände und leitenden Persönlichkeiten schon öffentlich getan haben. Sie werden heute abend die Muslime dazu aufrufen, am Sonntag bei den Märschen mitzugehen: für Freiheit und für die Republik. Denn das sagen sie immer wieder: Solche Taten sind Gotteslästerung, stehen gegen den Islam und ziehen eine Religion in den Dreck. Wer solchen Terror begeht, der will nicht nur das friedliche Miteinander von Religionen und Kulturen zerstören, der tritt auch den Islam in den Dreck. Und ähnelt dabei so erschreckend den Rechtsradikalen und Rechtspopulisten.

Leere auf dem Parkplatz der jüdischen Fabrik, als ich vorbeifahre - hier ist mittags Schluss wegen des Schabbat. Der überfallene Supermarkt bei Paris war voll - für den Schabbat haben die Leute die letzten Einkäufe getätigt.

Einkaufen gehen ... mir kommt diese notwendige und alltägliche Handlung auf einmal völlig pervers vor. Wie kann ich einfach so in einen Supermarkt marschieren, wo andere gerade in einem solchen Todesangst ausstehen? Nach Markt und Schwätzchen ist mir schon einmal gar nicht - und beim Passieren des Marktplatzes sehe ich, dass ich nicht die einzige bin, die so denkt. Gähnende Leere zwischen den Ständen. Die Menschen auf den Straßen halten die Köpfe in Schals geduckt, ziehen die Mützen ins Gesicht. Es ist nicht allein der Sturm. Sie hetzen, schauen zu Boden, mit betretenen und traurigen Mienen.

Mütter holen ihre Kinder von der Schule ab. Ich lebe in friedlicher Idylle. Der Schulbus fährt von der Stadt aus durch den Naturpark, in den Dörfern gackern Hühner und Enten. Und doch sind selbst die Kleinsten hier, am anderen Ende Frankreichs, aus der Idylle gerissen. Sie haben Fragen und die Größeren verstehen die Welt nicht mehr. Warum tun Menschen anderen Menschen das an? Kann ein Gott so etwas wollen? Ist Gott so böse wie die "Gotteskämpfer"? Wie gehen wir mit Hass um?

Sie zeichnen heute in ganz Frankreich, zeichnen Kinderbildchen in der Maternelle, auf denen keine Prinzessinnen mehr zu sehen sind, sondern Menschen mit Stiften und Böse mit Gewehren. Karikaturen zeichnen die Älteren, in Gedenken und in Solidarität mit den ermordeten Künstlern, die ihren Eltern und Großeltern ein Stück Frankreich waren, ein Stück Kultur ihres Lebens. Die Schulen werden mit den Zeichnungen geschmückt und spontan gab es gestern Märsche von Schülern durch die Stadt, wo sie ihre Bilder hochhoben. Ein paar hundert Kilometer weiter haben Spezialeinheiten gerade eine Maternelle und eine Schule evakuiert - sie lagen nur 200 Meter vom Supermarkt entfernt. Eine Lehrerin erzählt im Radio, wie man das bei den ganz Kleinen macht, damit sie nicht traumatisiert werden: "Wir haben Schulschluss gespielt. Die Panik hatten nur die Eltern."

Ich stehe im Abholstau an der Schule - friedlich und frei können sich die Kinder hier bewegen. Und trotzdem wird es Spuren hinterlassen. Einkaufen fahren ... nein, da ist keine Angst. Wir hatten sie schon einmal, die Panik, an Tankstellen, in Läden. Als in Frankreich die Vorstädte brannten und man trotz besseren Wissens bei jedem Jugendlichen zusammenzuckte, der einen Kanister mit Benzin füllte anstatt einen Autotank. Bis auch das verboten war, aus Sicherheitsgründen.

Angst ist es nicht, als ich den Einkaufswagen losmache und mit anderen Leuten zum Eingang laufe, nur dieses seltsame Gefühl, am falschen Ort im falschen Film zu sein. Es klingt komisch, aber es fühlt sich an wie eine kleine Perversion. In einem Supermarkt in diesem Land die Todesangst - und wir denken zur gleichen Zeit ans Sonderangebot fürs Wochenende, darf das sein? Anderen scheint es ähnlich zu gehen. Ich blicke zufällig einer alten Frau in die Augen und lese darin, dass sie die Welt nicht mehr versteht. Dabei hat sie einen Krieg hinter sich und den Algerienkrieg dazu. Viele, die man vom Sehen kennt und sonst grüßt, schauen sofort zu Boden oder in die Ferne ... mir geht es ähnlich. Ein kurzes Nicken nur, flüchtig ... wir müssen es uns nicht laut sagen: Wir haben keine Worte mehr. Müssten wir jetzt miteinandern sprechen, wie Worte finden für diesen Horror? Die letzten haben wir gestern in stundenlangen Gesprächen verbraucht, mit der Familie, mit Freunden. Waren morgens gerädert aufgewacht und hatten gehofft, alles sei nur ein böser Traum. Einmal noch umdrehen, die Augen aufschlagen und die Welt wäre wieder die alte. Und nach dem Frühstück eine neue Eskalation.

Gespenstisch ist die Atmosphäre im Laden. Als würden Geister huschen. Wir beeilen uns alle, holen die Ware, hetzen zur Kasse. Hinter uns, neben uns scheinen wie Gespenster jene Menschen zu stehen, die seit einer Stunde das schlimmste Trauma ihres Lebens durchmachen, in einem Supermarkt. Es hat Tote gegeben, heißt es. Selbst die Familien an der Fleischtheke schweigen sich gegenseitig an. Der Metzger bleibt knapp und hat nur Worte fürs Fleisch, fürs Bedienen ... sonst kokettiert und schwatzt er fürs Leben gern. Einkaufen gehen ... das haben die jüdischen Mitbürger vor einer Stunde auch wollen, sich auf den Schabbat freuen ...

Schweigen und Hetzen und gesenkte Blicke, Trauermienen auch an der Kasse. Kein Schwätzchen heute. Stille. Höflichkeit. Und als die Kassiererin mir einen guten Tag wünscht und ich im alten Reflex auch ihr, da stehe ich neben mir und frage mich, was wir beide eigentlich damit meinen. Ihr geht es wohl ähnlich, sie lächelt schief. Alles andere als schön ist dieser Tag, scheint ihr Blick zu sagen, aber wir müssen doch zivilisiert bleiben! Wir dürfen uns doch unsere Zivilisation und unser Miteinander nicht kaputt machen lassen.

Dieser Text ist Bestandteil einer losen Folge von Texten, mit denen ich mir einfach spontan einiges von der Seele schreiben muss. Über Grenzsituationen ähnlicher Art habe ich einen Band literarischer "Etüden" verfasst: Blaue Fluchten.

Menschenjagd

Da wachst du morgens völlig gerädert auf und hast diesen verführerischen Gedanken: Es war alles nur ein schlechter Traum. Einfach noch einmal die Augen schließen, aufmachen - und die Welt ist wieder die alte. Beim Kaffeemachen der Griff zum Radio, plötzlich wird der schlechte Traum von einem weiteren Alptraum überlagert.

Unbestätigten Quellen zufolge eine Geiselnahme durch die Täter. Spezialeinheiten auf Menschenjagd gegen schwerstbewaffnete, offensichtlich militärisch ausgebildete Täter. Dein Radio ist dabei. Mittendrin. Jounalisten fahren nicht mehr an den Tatort, sie rufen an. So viele Handys. So viele Betroffene. Und während sich dein Magen zusammenkrampft, denkst du nur: Irre, wie gut geschult Laien heutzutage ins Telefon reden können. Als seien es Reporter. Interviews. France Info seit der Tat auf Dauerschleife - andere Nachrichten finden nicht mehr statt.

Die coole Schullehrerin, der du schon gar nicht mehr zuhören kannst, wie sie ihre Kinder in Sicherheit bringen will. Der PDG einer Firma nebenan oder sogar DER Firma im absolut unaufgeregten Konferenzton, er erzählt von Bewegungen der Sicherheitskräfte und Helikopter, zählt durch, zählt bedrohte Leben durch und schwankt kein bißchen, es ist einer, der immer Bescheid weiß. Wie lange er sich wohl noch so im Griff hat?

Alle haben sie heute offenbar ihr Handy gut aufgeladen, immerhin noch nichts bei youtube, denkst du und vergisst deinen Kaffee. Menschenjagd. Die Journalistin umkreist die Täter, hangelt sich von Handy zu Handy näher heran. Da ist ein Arbeiter, dessen Stimme pure Angst ist. Ein Querschläger könnte ihn treffen, hat er womöglich vor dem Anruf noch gedacht. Er gibt sich tapfer, das Radio ruft ihn immerhin an, beim Radio muss man antworten und dann bricht ihm doch die Stimme langsam weg. Immerhin feinfühlig entlässt ihn die Reporterin, brechende Stimmen machen sich nur in kleinen Prisen gut, der Emotionen wegen. Zu viele dürfen es nicht werden, dann heißt es wieder die "aufdringlichen Medien".

Was darf man berichten, wo zwingt die Informationspflicht, wie mache ich meinen Job gut und was tue ich da eigentlich? Schon wieder etwas passiert, eine Bewegung, dranbleiben, jetzt nur nicht weich werden, an die Schicksale und die Folgen kannst du nach Feierabend denken, wenn du dir den großen Whisky einschenkst. Dranbleiben, wegdrücken, bleib cool, denn du musst auch deine Interviewpartner beruhigen und cool halten. Du bist Psychiater und manchmal ein bißchen freundlicher Folterknecht, denn die Menschen da draußen wollen Informationen. Sie schimpfen vielleicht auf dich, auf deine Arbeit, deine Hartnäckigkeit, aber in Wirklichkeit können sie nicht genug kriegen und hätten am liebsten noch die Liveschaltung zu den mutmaßlichen Geiseln. Voyeure, Ecouteure, nichts ist ihnen genug und alles zu viel. Vielleicht wachst du morgen auf und alles war nur ein schlechter Traum und du hast wenigstens gute Arbeit geleistet.

Ich bewundere alle, die diese Arbeit derzeit machen müssen und dabei so sachlich und seriös bleiben.

Es kann sein, dass ich lose unzusammenhängende Texte hier einstelle - sie beschäftigen sich mit dem schrecklichen Attentat in Paris. Schreiben ist mein Verarbeiten ...

02.01.2015

Preisänderungen bei E-Books

02.01.2015 0
Viele Kundinnen und Kunden werden es vielleicht nicht bemerkt haben: Zum 1.1.2015 hat sich eine wichtige Mehrwertsteuerregelung in der EU geändert. Hat man bisher auf digitale Services die Mehrwertsteuer (VAT) des Anbieterlandes gezahlt, werden ab sofort die Steuern des Käuferlandes fällig.
Spürbar wird das vor allem dann, wenn sich am Kauf beteiligte Länder im Mehrwertsteuersatz sehr unterscheiden. Und darum trifft die Regelung vor allem E-Books, die via Amazon und Shops mit Sitz in Steueroasen verkauft werden. Denn E-Books gelten in vielen Ländern als digitaler Service, nicht als Buch.

Steuerrechtlich kein Buch!
Praktisch sah das so aus:
Deutsche Shops berechnen schon immer die deutsche Mehrwertsteuer von 19% bei E-Books. Amazon punktete bisher mit den Vorteilen des Luxemburger Firmensitzes, wo nur 3% fällig waren. Dadurch konnten Self Publisher, die bei Amazon, Google, Apple oder Kobo verkauften, diesen Vorteil an die KundInnen weitergeben und E-Books billiger halten. Das ist ab sofort vorbei. Kauft ein Deutscher ein E-Book, wird es jetzt einheitlich mit 19% besteuert: nach seinem Käuferland nämlich. Kauft ein Franzose ein E-Book, zahlt er die in Frankreich geltende VAT von 5,5%. Engländer trifft es mit 20% besonders hart.
Weil ab sofort aber auch jedes Land nun selbst die VAT für E-Books und digitale Dienste bestimmen darf, könnte Deutschland theoretisch endlich die Mehrwertsteuer auf E-Books auf die Höhe der von Büchern senken. Doch werden Politiker auf die Einnahmen verzichten?

Wen es trifft:
Es trifft vor allem Kleinst- und Kleinhändler, die bisher Mehrwertsteuervorteile an die KundInnen weitergeben konnten. Jetzt heißt die Alternative: Umsatzeinbußen bei gleichbleibenden Preisen - oder Weitergabe der Erhöhung an die KundInnen. Erschwerend kommt speziell bei E-Books hinzu, dass viele Shops keine "krummen" Preise akzeptieren, so dass man mehr aufschlagen muss, als rechnerisch nötig wäre.

Die Preise meiner E-Books:
Als Verlegerin, die Mitarbeiter bezahlen muss und unternehmerische Abgaben zahlt, muss ich wirtschaftlich arbeiten und kann Einbußen nicht verkraften. Ich muss also wie andere UnternehmerInnen die Mehrwertsteuererhöhung weitergeben. Trotzdem habe ich mich für eine Mischkalkulation entschieden:

- Bei den meisten meiner Bücher hat sich der Preis leicht erhöht und musste auf eine .99-Endung gerundet werden, das ist aber immer noch um vieles preiswerter als bei den E-Books großer Verlage.
- Der Preis für "kleine Geschichtensammlungen zum Reinschnuppern" bleibt gleich (hier trage ich also die Verluste): "Rouge & Revolver" / "Schreibkater".
- "Faszination Nijinsky" ist nun als E-Book billiger, weil hier ganz eindeutig die gebundene Ausgabe im Hardcover bei den LeserInnen und Lesern Vorrang hat. Dies ist also eine von der VAT unabhängige Entscheidung.

Ich danke für das Verständnis und die Wertschätzung meiner Arbeit bei all meinen Leserinnen und Lesern!

23.12.2014

Schöne Festtage!

23.12.2014 3
Was auch immer ihr feiert, ob ihr feiert oder arbeiten müsst - ich wünsche all meinen Leserinnen und Lesern angenehme Tage, ein wenig Ruhe und Gemütlichkeit bis zum Jahresende und einen Guten Rutsch in ein Jahr, das Gesundheit bringen möge, Empathie und Lebensfreude! Ein neues Jahr, in dem wir hoffentlich positiver unsere Zukunft gestalten werden.


Galliens Misteln im Superwetter

Ich werde vielleicht die ein oder andere Geschichte bloggen, ziehe mich aber ansonsten ins Schreibatelier zurück. Mein Buch "Schwarze Madonnen" soll endlich zum Jahresbeginn als E-Book erscheinen, mein "gemütlicher Krimi" lockt ... und dann wird es 2015 noch diese Änderungen geben. Ab 6.1. bin ich dann wieder mit Vollgas auf allen Kanälen.

21.12.2014

Wehret den Anfängen?

21.12.2014
Was für ein Jahr! Anfang 2014 begannen wir, des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs zu gedenken, dieses Wahnsinns, der ein fortschrittliches, künstlerisch äußerst fruchtbares Europa zu Dreck zermalmte. Ein Europa, dessen Avantgarde von Paris bis Petersburg reichte und dessen Künste von Emigranten, Immigranten, Migranten gemeinsam mit Einheimischen getragen wurden. Ein Jahr lang versuchten wir uns vorzustellen, warum 1914 trotzdem plötzlich alle jubelten. Der falsche Jubel gebar die erste "industrielle" Vernichtung von Millionen von Leben, von Zivilisation und Kultur - durch moderne Massenvernichtungswaffen und Giftgas. Wir versuchten in diesem Jahr, uns den Horror vorzustellen, wenn Bruder auf Bruder schoss, wenn Frauen ihre Väter, Brüder, Geliebten und Söhne verloren und brutal vergewaltigt oder hingemetzelt wurden. Nie wieder! Betroffen schüttelten wir uns kurz. Es ist alles schon so undenkbar weit weg. Die Augenzeugen sind fast schon ausgestorben. Unvorstellbar, dass der Mensch derart zur Bestie wurde, wie es fast nur noch die Literatur auf Gefühlsebene vermitteln kann (Buchtipp).


Friedenskirche Froeschwiller / Elsass (1876): Nie wieder Krieg? Fast 19.000 tote deutsche und französische Soldaten allein in der Schlacht um dieses Dorf 1870. Es folgten trotzdem die zwei schlimmsten Weltkriege der Menschheit.

Wir wollen das nie wieder, dachten viele in ihren warmen, behaglichen vier Wänden. Nie mehr Rassismus. Nie mehr ein Nationalismus, der andere nicht gelten lässt und auf Kosten anderer expandiert. Nie wieder Fanatismus, Extremismus und die gefährlichste Ausrede allen gefährlichen Handelns: dass man das doch fürs "Vaterland" tun müsse. "Wehret den Anfängen", sagte meine Großmutter nach dem Zweiten, noch entmenschlichteren Weltkrieg. Der endete - wir gedenken nächstes Jahr - dann vor genau 70 Jahren. Und er begann vor 75 Jahren. Alles zu lange her? Alles schon vergessen?

Plötzlich kam der Schock. Dass unsere Welt immer komplexer wird und sich vieles im Umbruch befindet, fühlen die meisten zumindest unterschwellig. Dass aber Zivilisation nur eine extrem dünne Schutzschicht über der Verrohung bildet, das machen sich viel zu wenige klar. Auf einmal schien unsere Welt umgekippt: Die Annektion der Krim, die Ukrainekrise, der unvorstellbare Wahnsinn der IS, der kein Wahnsinn ist, sondern eiskaltes Kalkül. Und unversehens scheint es, als wäre Deutschland verrückt geworden ... Dabei hätte man es kommen sehen können: Pegida und wie sich all die Ableger bis hin zum Stupida nennen. Ein Rechtsruck hat das Land erfasst, plötzlich hört man rassistische, populistische, einfach nur dumme, aber auch eindeutig faschistische, menschenverachtende Parolen ausgerechnet in dem Land, von dem der Horror einst ausging und wo man sich geschworen hatte: Nie wieder! Wehret den Anfängen!

Zu viele Sonnenprotuberanzen? Sternbilder im Clinch? Böse Drogen im Trinkwasser? Es blühen die Verschwörungstheorien und es sind wieder die altbekannten von damals, nur aufgehübscht auf Social Media Pepp. Selbst die IS geriert sich wie eine Popgruppe, die Fans mit Musikvideos abfischt; Anhänger, die testosteronstrotzend morden und sengen - und selbst brutalst ermordet werden, wenn sie aufwachen aus dem Blutrausch und wieder Mensch sein wollen. Fassungslosigkeit allerorten. Wie hat das alles passieren können, so plötzlich? Könnte es sein, dass wir alle morgen aufwachen und alles war nur ein böser Traum und ist nicht mehr da?

Schön wäre es. Aber es verhält sich genau andersherum. Wir haben nämlich die vergangenen Jahre viel zu tief den Schlaf der Gerechten geschlafen. Haben nichts dazu gesagt, wenn der hochgelobte Manager beim Stehempfang sich rassistisch äußerte. Haben weggeklickt, wenn von brennenden Asylantenunterkünften berichtet wurde. Haben uns ins Kuschlige zurückgezogen, wenn sich Kunden beim Bäcker anhörten wie Uraltfaschisten. Und jetzt haben wir plötzlich diese Fernbedienung fürs Leben verlegt, können all das nicht mehr wegklicken, was eine logische Entwicklung der letzten Jahre war. Ach, nicht nur der letzten Jahre. Vieles fußt noch in Zeiten des Kolonialismus, tief in der nie wirklich aufgearbeiteten Vergangenheit.

Die ach so komplexe Welt drischt auf uns ein, medial verstärkt auf den Horror, weil sich der besser verkauft als gute Nachrichten. Wir wollen es so und machen alle mit: Quote und Profit. Die Grundsteine wurden nicht zuletzt von der Konsumhaltung gelegt, die alles, wirklich alles im Leben zu Geldwerten umdefiniert. Wir hätten es sehen können, viele haben es kommen sehen. Aber dann waren wir einfach oft nur zu bequem, uns damit zu befassen. Und jetzt kommen die ganz besonders Bequemen und die Ängstlichen aus ihren Löchern und wollen sich eine noch engere Welt erschaffen? Denn Enge, das meinen sie, sei Sicherheit. Wenn kein Fremder mehr stört - wie in einer Sekte. Und die anderen, die "Guten"? Die benennen die im Umfeld von Pegida gern mit Etiketten wie "Wahnsinnige", "Dumme", "Ungebildete".

Schon wieder reden wir uns die Gefahren gemütlich klein und übersichtlich. Mag sein, dass Rattenfänger immer einen ganzen Schwarm von Blöden und Ungebildeten hinter sich herziehen. Aber die Rattenfänger selbst sind nicht dumm. Sie stammen aus allen Gesellschafts- und Bildungsschichten, auch den höchsten. Sie kalkulieren eiskalt und wissen, wie man Menschen manipuliert, sind längst innerhalb von Europa eng vernetzt, manchmal noch weiter. Sie sind auch nicht "wahnsinnig", denn sie wissen genau, was sie tun, handeln vorsätzlich, treffen eine klare Entscheidung. Um bei einer Demonstration mitzulaufen, muss ich mich entscheiden, aufraffen, hingehen. Ich mache das nicht aus Versehen. Jetzt müssen sich die Anständigen entscheiden: Wollen wir das weiter klein und lächerlich reden, damit wir es nicht so ernst nehmen müssen? Oder entscheiden wir uns für Rückgrat gegen die Menschenverachtung, gegen Typen, die an unserer mühsam errungenen Zivilisation so lange kratzen, bis wieder die Verrohung zum Vorschein kommt? Zivilcourage: Heute hindert uns keiner daran. Wir sind nicht an Leib und Leben bedroht, wenn wir sie zeigen. Unsere Demokratie befähigt uns, für ihre Werte einzustehen. Sie fordert es geradezu.

Was für ein Jahr! An dieser Stelle steht sonst ein sehr persönlicher Jahresrückblick. Aber Politik ist auch eine sehr persönliche Angelegenheit. Ich kann mich dem Geschehen in der Welt nicht entziehen.

Im Mai habe ich die Premiere meines ersten Theaterstücks gefeiert: "Jeux. Russische Spiele in Baden-Baden". Das Kammerstück spielt am Vorabend von 1914 und spiegelt auf persönlicher Ebene des Paars Nijinsky und Diaghilew die brodelnde Weltlage. Zwei Emigranten voller Sehnsüchte. Anspielungen auf unsere Zeit waren nicht zufällig. Zwei Tage vor der Premiere fanden in der Ukraine kurz nach dem Verlust der Krim Präsidentschaftswahlen statt. Zur gleichen Zeit rutschte bei den Europawahlen ein erschreckender Anteil von Wählern nach extrem rechts.

Mein Stück bekam plötzlich Bedeutungen, die ich zu Anfang meines Schreibens nie hätte erahnen wollen. Mein berufliches und damit auch privates Jahr 2014 war plötzlich direkt betroffen von der Weltlage. Wer mich kennt, der weiß, dass ich oft an binationalen Projekten arbeite - zwischen Deutschland und Frankreich, Deutschland und Russland. Auch in meiner Kunst kann ich die Weltlage nie ausblenden, weil mir Nabelschau zu wenig wäre.
Intensiv war das. Ich erlebte in der schlimmsten Krise Russinnen und Ukrainerinnen friedlich an einem Tisch. Ich erlebte aber auch Menschen, die extremer wurden, die sich fanatisierten oder die Seiten wechselten. Mein Jahr ist geprägt von zwischenmenschlicher Schönheit und menschlichen Abgründen. Aber die Politik, diese Umtriebe - die waren in den meisten Fällen bei den Menschen, auf die ich traf, nur ein schnöder Vorwand. Hinter der Fassade die alten menschlichen Untugenden: Prätention, Geltungswahn. Gier nach Geld oder Pöstchen oder irgendeiner zweifelhaften Anerkennung. Manipulation statt Empathie und übersteigertes Ego statt Demut.

2014 war für mich ein Jahr, in dem die potemkin'schen Dörfer sichtbar wurden, weil so viele scheinbar schöne Fassaden einstürzten. Es fühlt sich nie schön an, wenn man sich Irrtum eingestehen muss oder von Menschen enttäuscht wird. Aber es ist auch eine Ent-Täuschung. Einmal in der Realität angelangt, weitet sich wieder der Blick für all das Schöne, Gute, Wertvolle, für das es sich zu leben lohnt.

Es waren in diesem Jahr eher die unbequemen und nicht so leicht zu nehmenden Menschen, die mich beflügelten. Die Menschen mit Rückgrat und ohne verborgene Gier oder offene Missgunst. Dabei steht mir wieder Vaslav Nijinsky vor Augen, der leider am Ersten Weltkrieg irre wurde und zerbrach. In meinem Theaterstück spricht er aus, was wir uns wohl alle wünschen. Was uns aber nicht ohne unser Zutun zufällt. Wir müssen es uns immer wieder von Neuem erringen, darum kämpfen, es beschützen, auch, wenn alles um uns herum andere Vorzeichen zu zeigen scheint.
"Ich will Menschenliebe. Ich liebe die Menschen. Ich will, dass das Publikum diese Liebe empfindet, dort unten, im Dunkeln. Dass dieser Funke überspringt, wenn die Musik beginnt. Alles ist still. Dann tönt eine andere Welt, in der alles zu Bewegung wird. In mir wird die Liebe zur Bewegung. Solche Erfüllung suche ich ..."
Nijinsky spricht im Theaterstück von etwas, das die Kunst erfüllt und die Kultur befeuert. Es ist der Zauber, den uns Extremisten und Populisten nehmen wollen, denn sie lieben Ideologien, nicht Menschen. Wehret den Anfängen! Und lasst uns noch mehr als bisher die Geschichten erzählen, die die Welt ein bißchen besser machen.

2014 bei Wikipedia

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