21.03.2012

Beruf oder Hobby?

21.03.2012 6
Im Januar hatte ich für eine Speedübersetzung ein traumhaft schönes Gartenbuch vor mir liegen. Eine wunderbare Arbeit in jenem langen Winter, zumal ich ja selbst solche Bücher geradezu sammle. Wenn sich Arbeit und Hobby jedoch derart annähern, kann es auch verdammt gefährlich werden! Ich habe nämlich gestern etwas vom Übersetzungshonorar in die Gärtnerei geschafft ...

Erst mal mit den robusten Frühblühern anfangen: Blaukissen, Stiefmütterchen, Bellis (c) PvC


Die Ranunkeln möchten in Vogesennächten derzeit noch drinnen übernachten (c) PvC


Der erste selbstgepflückte Strauß als Belohnung fürs Graben (c) PvC

16.03.2012

Ja, was denn nun?

16.03.2012 2
Veränderungen in der Verlagslandschaft sind Thema bei der Leipziger Buchmesse. Der Stoff eignet sich hervorragend zum Streiten - was immer ein Zeichen dafür ist, dass sich lebendige Umbrüche abzeichnen.

Eine Befragung von 80 Autoren und 30 Verlagen will herausgefunden haben, dass Autoren weiter ohne jedes Wenn und Aber auf Verlage setzen. Leider wird nicht verraten, wie man die Befragten aufschlüsselte. So viel Idyll um beste persönliche Betreuung und rührige Pressestellen wie bei diesem Ergebnis dürfte so manche gestandene Autoren ein wenig wundern. Zumal sich das Deutschlandradio unlängst nicht umsonst über die Schlamperei vieler Verlage beim Korrektorat aufgeregt hat.

Genau umgekehrt sieht es im Buchreport aus mit seinem Bericht zu einer Diskussionsrunde in Sachen Self Publishing und Verlagsveränderungen. Da fielen solche Worte:
"Einige Verleger geben offen zu, ihre Autoren bisher schlecht behandelt zu haben, berichtet Heinold: „Verlage haben Autoren jahrelang aus ihrer Monopolsituation als Gatekeeper heraus ausgenutzt.“ Besonders gefährlich ist es aus seiner Sicht, dass viele Verlage ihr Lektorat outsourcen und damit einräumen, dass die qualitative Bearbeitung für sie keine Kernaktivität darstellt."
Bleibt zu hoffen, dass die größere Freiheit der Autoren und eine größere Bandbreite an Alternativangeboten tatsächlich die Situation von AutorInnen in denjenigen Verlagen verbessert, die inzwischen mit den traditionellen Kernkompetenzen eher geizen. Als da wären: Autorenentwicklung, echtes Lektorat, mehrfaches Korrektorat, Werbung und Pressearbeit für alle.

Das zumindest lässt die Diskussion vermuten: Autoren haben es heute leichter, Nein zu sagen. Zu verlieren haben sie ohnehin nichts mehr, denn sie werden immer ärmer. Aus der Position neuer Möglichkeiten heraus stehen sie in besserer Verhandlungsposition und können vom Bittsteller zum gleichberechtigten Partner werden. Das führt vielleicht zur Rückbesinnung auf die alten Werte, als Autoren und Verlage noch ein Tandem bildeten, dem ein Buch wichtiger war als die Tageslosung von McKinsey.

12.03.2012

Versuch am lebendigen Leib

12.03.2012 0
Der Lesetipp der Woche! Was passiert eigentlich, wenn Schriftsteller twittern?
Die Schriftstellerin Margaret Atwood hat es getestet und berichtet über ihre Abenteuer im Twungle. Vor dem Lesen Getränke abstellen und Mund leeren. Bildschirm oder Tastatur könnten sonst leiden.

11.03.2012

Feeds abonnieren!

11.03.2012 0
Hinweis in eigener Sache: Ich habe mehrere Blogs, die ich reihum bestücke, so dass in diesem Hauptblog auch mal nichts läuft. Wer nicht ständig überall einzeln nachschauen möchte, hat zwei Möglichkeiten:
  • Hier im Menu rechts erscheinen die neuesten Beiträge aus den anderen Blogs zum Anklicken, der jeweils aktuellste rückt nach oben.
  • Man kann alle Blogs noch viel bequemer per Feed abonnieren. Dann muss man sie nicht ständig absurfen, sondern kann bequem auswählen, wann man welchen Beitrag lesen möchte.
Zum Beispiel "Das Du im Ich" im Blog "Buchgeburt". Informationen gibt es natürlich auch auf meiner Fanseite bei Facebook und bei Twitter.

06.03.2012

Under Cover

06.03.2012 11
Pünktlich zum Erscheinen meiner alten "Jugendsünde", des Romans "Lavendelblues", möchte ich meine Hexenküche öffnen und einmal zeigen, wie Cover entstehen können. Der Roman erschien zuerst bei BLT, einem Imprint von Lübbe, als Taschenbuch. Heiße Diskussionen gab es damals um die Positionierung. Ich war der Meinung, es handele sich ganz eindeutig um das Untergenre "Frankreichroman" und nicht um einen Frauenroman, aber ich konnte mich leider nicht durchsetzen. Dieses erste Cover wurde - ohne mein Wissen - so sogar in der Buchhandelsvorschau abgedruckt:
Ich tat einen Entsetzensschrei, mein damaliger Agent desgleichen. Die Blonde mit den geöffneten Beinen ging gar nicht, nicht für mein Publikum! Dank Agentur ließ es sich in buchstäblich letzter Sekunde kippen und noch in der gleichen Nacht sandte ich 45 Fotos in den Verlag, die mir seriöser schienen. Das erste auf der Liste, nicht mein Favorit, aber das, von dem ich vermutete, der Verlag würde es lieben, kam dann auch aufs Cover. Mein persönlicher Favorit zeigte einen lustigen genießerischen Haufen von Menschen in einem südfranzösischen Bistro. "Lavendelblues" erhielt also das endgültige Cover, mit dem ich gut leben konnte. Schade nur, dass es die Buchhändler nicht mit der Blondine in ihrem Katalog identifizieren konnten, dafür war es zu spät ... es war auch ein elender Kampf, das falsche Cover aus den Onlinekatalogen zu nehmen! Mein eigentliches Publikum traute sich erst beim zweiten Cover richtig ans Buch. Ich bekam einige graue Haare mehr. Damit konnte ich mich dann sehen lassen:


In Litauen wurden meine beiden Romane als Hardcover herausgegeben und es fiel ein Mensch am Fallschirm in den "Lavendelblues". Ich fand das sehr liebevoll und aufmerksam, denn im Roman spielt ein sehr besonderes Stück Fallschirmseide eine Rolle. Da hatten die Macher also tatsächlich auch das Buch gelesen. Faszinierend sind für mich immer wieder die kulturellen Unterschiede in Covervorlieben. Was in Litauen an der Gestaltung gelobt wurde, hätte auf dem deutschen Buchmarkt wahrscheinlich wenig Chancen:


Damit stand ich nun da vor der Herausgabe als E-Book. Ich konnte mir - da aufgrund des noch zu kleinen E-Book-Marktes unwirtschaftlich - keine professionelle Grafikerin leisten. Ich konnte mir auch kein teures Bild von Getty Images kaufen (davon stammen die Fotos der Lübbe-Cover). Was tun? Ich sichtete bestimmt tausende Fotos, die zuerst mit Lavendel und dann mit Südfrankreich zu tun hatten, in Billigdatenbanken. Selten habe ich so viele schlechte Fotos anschauen müssen. Und dann fiel mir spontan ein außergewöhnliches Motiv von Tim Caspary bei pixelio.de auf (das machte schließlich auch das Rennen).

Absolut schrottig war jedoch die Möchtegerngrafikerin! Ich beging den Fehler aller betriebsblinden Autoren, die keinen blassen Schimmer haben. Im Buch schrieb eine Freundin ständig Postkarten. Also müsste doch eine Postkarte aufs Cover? Das Bastelergebnis ist so schauderhaft, dass ich es als abschreckendes Beispiel vorführen möchte. Dieses Cover sagt potentiellen Käufern: "Achtung. Wenn das Cover schon aussieht, wie auf eine Serviette gerotzt, dann kann das Buch auch nicht viel taugen."


Neuer Anlauf. Vielleicht wäre es ganz praktisch, in die Richtung des Print-Covers zu arbeiten? Von wegen Wiedererkennungseffekt? Mir selbst kam mein Entwurf vor wie ein französisches Schulheft. So sehen typische Self Publishing Cover aus oder Cover von Dienstleistern, die mit drei Templates arbeiten. Zum Glück habe ich das Ding zum Verriss ins Blog gestellt und bin von sämtlichen Fachleuten und Laien auch richtig verrissen worden. Drum merke: Auch wenn die Autorin selbstverliebt Lavendelblau zum Lavendelblues für unumgänglich hält, ein gutes Cover muss keine Titel illustrieren oder Geschichten nacherzählen! Ein gutes Cover muss ein Hingreifer sein, eine Stimmung und den Stil des Buchs emotional vermitteln. Und natürlich auch irgendwie auf dem Buchmarkt "gehen" und sich innerhalb von Konkurrenztiteln behaupten können.


Ich probierte es weiter mit vielen unterschiedlichen Fotos. Und merkte schnell: Die ewigen Lavendelfelder waren schrecklich konventionell, langweilig, leblos. Vor allem aber handelt es sich bei Lavendelfelder-Büchern recht häufig um Chick Lit (deutsch: "Freche-Frauen-Bücher"). In der Schublade wollte ich natürlich keinesfalls landen! Hier einer der Versuche der Marke "Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich ein Reiseführer oder ein Selbsthilfebuch sein will". Wäre das nicht schön als das typische BoD-Buch? ;-)


Das Motiv vom Anfang ließ mich einfach nicht los, weil es genau ausstrahlt, was ich brauchte. Aber wie zum Teufel klatscht man auf ein derart unruhiges und buntes Bild auch noch Namen und Titel, wenn man ein Möchtegern ist? Dieser Versuch ist aus zwei Gründen grausig: Die Gesamtkomposition ist so gelungen wie Erbsbrei, der am Kochtopf hängt. Und weiße Hintergründe sind für die Darstellung in den Shops einfach tödlich, wenn man keinen Rahmen bastelt. Ach ja, die Farbstimmung verursachte mir dann selbst fast Migräne ...

Viele Versuche später kam dann das endgültige Cover heraus. Ich sehe zwar auch dort, was verbesserungsfähig wäre, aber ich kann damit sehr gut leben, weil es mich nur sehr viele Arbeitsstunden in fröhlicher Selbstausbeutung gekostet hat. Ich würde sagen: Belebt den E-Book-Markt, ladet, was das Zeug hält, damit die Verkäufe eines Tages so fett fließen, dass ich vom Honorar meine Wunschgrafikerin beschäftigen kann. Oder mir wenigstens einen professionellen Schriftschnitt leiste ...

Von der Profigrafik eines Verlags und edlen Fotos von Getty-Images bin ich also tief gesunken. Aber von der leicht bekleideten breitbeinigen Blondine bis zum südfranzösischen Restaurant (das auch noch im Buch vorkommt) war's doch irgendwie ein Aufwind, der mich Jahre nach dem unseligen Kampf ums Cover sehr befriedigt. Noch mehr befriedigt mich, dass mein eigenes Gefühl für mein Zielpublikum mich nicht getrogen hat und ich mich nach sechs Jahren endlich aus einer Romanschublade befreien kann, in die ich nie hineingehörte.

Damit ist vielleicht eine meiner schlimmsten Schreibblockaden überwunden. Ich gebe es ungern zu, aber die damalige Vermarktungsschiene hatte mich belletristisch völlig gelähmt. Bis vor einem Jahr bin ich nicht bereit gewesen, meine alten Romane neu aufzulegen. Nun soll der Roman "Stechapfel und Belladonna" bald als Kindle folgen. Denn jetzt habe ich endlich auch die Freiheit, dem Buch einen passenderen Titel zu geben. Und falls ich doch mal wieder belletristisch unterwegs sein sollte, werde ich meine Schubladen von vornherein selbst bestimmen. So lustig-lächerlich die Eigenbastelei sein mag, sie stärkt doch den Blick für das Werk, das man da eigentlich verbrochen hat. Und das gibt in Sachen Pitching Selbstsicherheit bei der nächsten Bewerbung.

04.03.2012

Meilensteine im All

04.03.2012 7
Gestern war wieder so ein Tag. Immer wieder einmal im Leben passieren diese kleinen Wunder, an denen man merkt, dass die Geschichte sich entwickelt und Zukunft kurz hereinlugt ins Leben. Ich weiß nicht, wann ich das Gefühl zum ersten Mal hatte. Vielleicht an dem Tag, an dem ich im Schaukelstuhl saß und mich wunderte, dass das Gehirn nicht einfach lose wie verrückt in der Hirnschale herumschwappt. Wenn es sich so gut equilibrieren konnte, wäre es womöglich fähig, noch ganz andere Dinge ohne mein bewusstes Zutun zu bewältigen? Ich war damals ein sehr kleines Kind und fühlte mich wie der größte Schaukelstuhlforscher aller Zeiten.

Foto: anavanz / pixelio.de
  Noch während meiner Kindheit wurde sogar die kühnste Science Fiction plötzlich Gegenwart. Wir starrten in den Himmel, um Sputniks zu finden und auf den Fernsehbildschirm, als der erste Mensch den Mond betrat. Unser Weltbild explodierte mit den Feuerstößen unter den Raketen. Wenn die Eltern nicht zuschauten, unterhielten wir uns mit imaginären Marsmännchen und träumten von Reisen ins All im Stil von "Raumschiff Enterprise". Da war so viel Aufbruch, so viel Hoffnung. Als Teenie schrieb ich mir selbst einen Brief ins Jahr 2000. Ich würde dann eine "uralte" Frau sein, in einer unvorstellbaren Science-Fiction-Zeit, in der wahrscheinlich die Autos fliegen konnten, die Gehsteige durch Rollbänder ersetzt wären und Menschen durch kleine umgehängte Geräte in allen Sprachen auf der ganzen Welt sprechen konnten.

Und dann kam eine Weile nichts. "Null Bock" und das Gefühl, diese Gegenwart sei irgendwie nicht das Erträumte. Schließlich Bedrohungsgejammere, Krisengejammere. Bis es wieder einschlug. Ich hatte mich vor dem deutschen Krisengejammere in den ehemaligen Ostblock abgesetzt und saß in Polen, bestückt mit einem uralten, analogen feuerwehrroten Plastiktelefon, das aussah wie aus dem Fundus von James Bond, aber nur funktionierte, wenn das Wetter schön oder die Kupferleitung nicht gerade geklaut war. Wilde Zeiten im Umbruch, 1993. Plötzlich ist es wieder passiert. Aus dem fernen Nachbarland drang durch den Hörer das Wort "Faxweiche". Als ich weggefahren war, hatte es dieses Wort noch nicht gegeben. Ich suchte es vergeblich in den Wörterbüchern. Ich fand nur ein Wunder. Da gab es ein Gerät, das Texte und Bilder fraß ... plötzlich geschah irgendeine geheimnisvolle Magie in der Telefonleitung - und schon spuckte ein ähnliches Gerät am anderen Ende die Texte und Bilder wieder aus. Die Faxweiche sorgte offensichtlich dafür, dass man von Stimme auf Papier umschalten konnte. Ein Beam-Regulator!

Das Wunder war für mich insofern ein noch größeres, als das gekaufte ausländische Gerät auch mit der alten Kupferleitung funktionierte, falls schönes Wetter herrschte und falls sie nicht wieder von irgendwem zu Geld gemacht worden war. Das fühlte sich an wie im Raumschiff Enterprise, das war Beamen! Kurze Zeit später hatten wir wegen der Kupfermisere ein riesiges, ultraschweres Telefon mit Antenne, das eigentlich für Autos erfunden worden war, aber transportabel in die Wohnung mitgenommen werden konnte. Wir bekamen Angst um unsere Hirnströme, wenn wir den affig großen Hörer an den Kopf legten, während wir das Gerät sogar in die Küche mitschleppen konnten. Wenn es dann in einem Funkloch britzelte, sah ich wieder Scottie vor mir, wie er panisch an Knöpfen dreht, während ihm Kirk zuruft: "Alle Energie zuschalten, Warp5!" Wir lachten uns kaputt über die Idee, wann sie wohl Telefone entwickeln würden, die einem nicht mehr den Arm schwer machen würden. Womöglich würde man eines Tages sogar das eigene Bild beamen können. Hinein in den Hyperraum und am anderen Ende wieder heraus.

Gestern war nun wieder so ein Tag. Ich habe mein Buch gebeamt! Wer mich sehen kann, erkennt, dass ich stolz wie Scottie im Maschinenraum herumstolziere und kurz in die Sprechtröte sage. "Alles in Ordnung Captain. Sind wieder voll auf Stoff." Spock macht noch einmal den großen Maschinencheck: "Keine besonderen Vorkommnisse, Sir, es validiert!" Kirk schmunzelt Uhura an und murmelt sein: "na dann kann's losgehen" - und das Raumschiff fliegt eine Kurve in die unendlichen Weiten des Weltalls.

Meine Bibliothek strahlt Magie aus. Aber was ich jetzt getan habe, ist auch magisch. Ich habe die Datei eines Papierbuchs gehäckselt und geschreddert, in die Waschanlage gefahren und neu zusammengesetzt, bis nichts mehr an ein "Buch" erinnerte. Und dann habe ich den großen roten Knopf gedrückt.
"Beam me up, Scottie!"
Und wuuuuusch. Blaue Balken in zwei Reihen laufen über Spocks Bildschirm, zucken ein wenig, laufen weiter. "Sir, die Mannschaft ist auf dem Planeten Mobi erfolgreich gelandet!"
Und wuuuuusch. Blaue Balken in zwei Reihen laufen über Spocks Bildschirm, zucken ein wenig, laufen weiter. "Sir, die zweite Mannschaft ist auf dem Planeten Epub gelandet!"
Natürlich musste ich gegenchecken. Ich habe meinen Reader angeschlossen und die Mannschaft von Mobi herübergebeamt. Und bin hin und weg. Ein richtiges, echtes, feines E-Book, das kein bißchen weniger perfekt aussieht wie das von "echten Verlagen" - im Gegenteil, es sieht meiner Meinung nach sogar besser aus als die Konvertierung von einigen.

Irgendwie ist das immer noch die pure Magie. Ich staune wie der Eingeborene, der sich zum ersten Mal auf einem Foto sieht. Das ist Beamen pur, das ist gigantischer Hyperraum im Buch. Nicht auszudenken, welche fernen Planeten noch denkbar sind! Und wenn das Ding die gleiche schnelle Entwicklung durchlaufen würde wie einst das ultraschwere Tragetelefon?

Mein Raumschiff muss natürlich jetzt erst einmal landen und dann muss Spock noch einmal alle Daten durchchecken, ob auch wirklich kein Fehler übersehen wurde. Uhura brütet an der Kommunikation, denn der Prototyp darf sich erst dann E-Book nennen, wenn Klappentext und all der Kram gedichtet sind. Erst dann darf Scottie noch mal ran. Er muss das Wunder in die Galaxie von Amazonien bringen. Schon sehr bald wird dort ein kleines lavendelblaues Licht den Himmel erhellen. Zu dem neuen Stern namens "Lavendelblues" werden noch viele kleine andere neue Sterne kommen und der Entdeckung durch die Erdlinge harren.

29.02.2012

Köln: Bunt Buchhandlung

29.02.2012 6
Weil ich in Frankreich lebe, entgeht mir meist eines der größten Vergnügen, die es für Autorinnen und Autoren gibt: das eigene Buch in einer Buchhandlung zu entdecken. Das ist immer der Moment, in dem einem bewusst wird, dass aus einem Text im Kopf, einem virtuellen Text im Computer, tatsächlich ein echtes Buch geworden ist, welches Menschen kaufen können. Dank Internet sind die Entfernungen geschrumpft und so bekam ich von Burkhard Schirdewahn von der Kölner Bunt Buchhandlung Ehrenfeld ein Foto geschickt, das mir das Herz aufgehen ließ!

Die Buchhandlung macht ihrem Namen alle Ehre, so farbenfroh, licht und weit wirkt sie, dass sich darin sicher nicht nur Schreibblockaden, sondern auch alle Leserlaunen kurieren lassen. Was soll ich sagen - ich habe nur über beide Backen gegrinst und mich wie verrückt gefreut, mein Buch "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" so passend und geschmackvoll eingeordnet zu sehen. Umgeben von Ballets-Russes-Blau und die "Gay Lives" gleich daneben - wenn das kein Plätzchen für Vaslav Nijinsky und Sergej Diaghilew ist!

"Faszination Nijinsky" in der Kölner Bunt Buchhandlung Ehrenfeld

Ich schlage vor, die Fans stürmen jetzt gleich mal die Buchhandlung:
BUNT Buchhandlung Ehrenfeld
Venloer Strasse 338
50823 Köln
Denn wer mir eine Adresse zukommen lässt, der bekommt das Buch "fernsigniert". Das heißt, ich signiere auf einem eigens angefertigten Nijinsky-Aufkleber, den man sich ins Buch kleben kann. Damit sparen sich meine Leserinnen und Leser die enormen Portokosten zwischen Frankreich und anderen Ländern.
Andere Buchhändler, die mir ein Foto vom Buch im Laden senden (bitte unter 2 MB), werden ebenfalls in diesem und im Blog über Vaslav Nijinsky erwähnt.

27.02.2012

E-Book zwischen Zaudern und Zukunft (2)

27.02.2012 11
Auf der Suche nach dem Verhältnis zwischen E-Book-Markt und Printmarkt sei noch eine völlig subjektive, absolut nicht repräsentative Sicht gestattet. Ich bin im Moment dabei, mich nach vielen nervigen und zeitraubenden Tests mit völlig unzureichender Software in ein Programm (Jutoh) einzuarbeiten, mit dem ich selbst E-Books in sämtlichen gängigen Formaten herstellen kann. Warum ich mir das antue? Viele Dienstleister verlangen happig viel Geld und nicht jeder bietet dann als Ergebnis das, was ich erwarten würde. In der Zeit, in der ich den passenden suche, habe ich es selbst gelernt. Außerdem fasziniert es mich, den gesamten Produktionsprozess eines Buchs von der Idee bis zur fertigen Ware in der eigenen Hand zu halten und einmal vollkommen unabhängig zu sein - soweit man innerhalb der Marktstrukturen von Unabhängigkeit reden kann.

Ich habe mehrfach davon gesprochen, das ich vor allem für ältere, bereits vergriffene Bücher das E-Book als große Chance sehe, Lesestoff nicht nur lebendig zu halten, sondern womöglich völlig neue und andere Leserschichten aufzutun. Da ich aber natürlich nur meine eigenen Rechte halte, nicht aber diejenigen am Layout oder Cover, muss beides neu geschaffen (und womöglich bezahlt) werden. Mein Buch "Faszination Nijinsky" ist da bei weitem verführerischer - ich halte alle Rechte selbst. Leider ist es aufgrund der Struktur (Satz, Layout, Fotos, Endnoten) nicht ganz so einfach in ein E-Book-Format zu überführen - jedenfalls nicht so, dass es auf allen Readern auch gut aussieht. Was auf Papier Wirkungen erzielt, kann im Reader auch vollkommen hinfällig sein. Vor allem ein Sachbuchapparat ist ziemliche Handarbeit, weil alles sauber innerhalb des Buches verlinkt werden muss.

Die Originalfahnen des Buchs "Faszination Nijinsky" (PvC) - zum Vergrößern anklicken
Es stellte sich für mich also eine ganz andere Frage: Würde sich diese Arbeit inklusive Einlernen überhaupt lohnen? Wie sieht es mit der Akzeptanz von E-Books aus? Und wie sind die Erwartungen des Publikums beim Preis? Schließlich muss ich entweder jemanden bezahlen, der mir die Dateien bastelt - oder ich muss meine eigene Arbeitszeit rechnen, die ja nicht als Hobby abgesetzt werden kann. Was verkaufe ich also - und zu welchem Preis?

Ich habe bei Facebook das äußerst praktische Umfragetool benutzt (Direktlink zur Umfrage):
Faszination Nijinsky" wird zum E-Book. Die bibliophile Aufmachung und Strukturierung des gedruckten Buchs, das 15,50 E kostet, läuft auf Readern nicht, es muss umstrukturiert werden. Welches E-Book würdet ihr am ehesten kaufen:
Die Gesamtausgabe mit Fotos zu 10-13 Euro (*) - 30 Stimmen
Die Gesamtausgabe mit Fotos zu 7,99 Euro - 6 Stimmen
Die Gesamtausgabe ohne Fotos zu 9-10 Euro (*) - 2 Stimmen
Die "Auskopplung" ohne Fotos und Interviews zu 5-7 Euro (*) - 3 Stimmen
Keins - 3 Stimmen
Keins. Ich lese keine E-Books - 11 Stimmen
(Die mit (*) versehenen Angaben stammen von mir, die anderen wurden von Teilnehmern vorgeschlagen. Abgestimmt haben zum jetzigen Zeitpunkt 55 Personen von 221 Freunden, das ist für FB-Verhältnisse ein sehr guter Rücklauf).

Interessant wird diese Umfrage jedoch erst, wenn ich mir genauer anschaue, was für Menschen wie abgestimmt haben. Aufgrund der Struktur meiner Freunde handelt es sich durchweg um "buchaffine" Menschen und es haben sehr viele mitgemacht, die selbst in der Buchbranche tätig sind, sei es als Verleger oder Buchhändler oder andersweitig Beschäftigte.
Oberflächlich betrachtet würde mir die Umfrage sagen: Hau das Buch raus, mach es komplett und richtig teuer, wir würden das dann sofort kaufen. Aber ist das wirklich so? Ist nicht der Wunsch Vater des Gedanken, weil die Buchbranche gerne Preise erzielen würde, die an die des Hardcovers heranreichen? Hat man bedacht, welcher Aufwand im kompletten Buch stecken würde? Wie hätten durchschnittliche Leserinnen und Leser geantwortet?

Eines ist klar: Die Leser wollen keine "Auskopplungen" - ein Buch muss komplett leisten, was auch das gedruckte bringt. Man kauft nicht doppelt ein. Absolut erschreckend waren für mich die letzten beiden Posten. Nicht etwa, weil es sich eigentlich um eine Minderheit in dieser Gruppe handelt, die mir entweder rät, kein E-Book zu machen (aus unterschiedlichen Gründen) oder keines zu machen, weil sie selbst keine E-Books läsen. Ich persönlich bin der Meinung, wenn es Milchtrinker gibt, die Tetrapacks kaufen und welche, die eine Flasche bevorzugen, dann erreiche ich beide, wenn ich beides anbiete - und sonst eben nur einen Teil der Käuferschaft. Natürlich muss ich das nicht. Ich muss auch als ganz normaler Leser keine E-Books mögen. Bei der völlig ablehnenden Option (keins. Ich lese keine E-Books) kamen jedoch vier Stimmen aus maßgeblichen Stellungen in der Branche. Das hat mich, gelinde gesagt, erstaunt. Es ist keineswegs repräsentativ, nur eine Art Momentaufnahme einer Stimmung! Was aber wäre, wenn diese Stimmung noch an anderen Stellen in der Branche vorkäme? Es gibt ja immer noch sogar Verlagskonzerne, die mit E-Books extrem geizen. Wie ernst nehmen wir eigentlich die Wünsche unserer Leserinnen und Leser? Wie lange können wir es uns noch leisten, einen auf Haptik und Hochkultur zu machen? Wie nah sind wir am Kunden?

Ich will es kurz machen: Meine Analyse mit Blick auf die Einzelstimmen und mit Blick auf die Stimmen von echten E-Book-Lesern außerhalb der Umfrage zeigen mir, dass die Mehrheit der Antwortenden hier für reinen Wunschstatus plädiert, der leider nicht den Erwartungen der Käufer entspricht. Ein Verleger hat wohl den Nagel auf den Kopf getroffen, wenn er schreibt, 9,95 Euro sei ein guter E-Book-Preis. Das trägt der Hemmschwelle der Käufer Rechnung. Es trägt aber auch der Tatsache Rechnung, dass ich als Autorin nur bis 9,99 Euro 70% Tantiemen bekomme. Darüber sind es nur noch 35% - dafür müsste ich doppelt so viele Bücher verkaufen!
Wie lange sind E-Book-Preise noch zu halten, die nur geringfügig unter Hardcover-Preisen liegen? Schleppt sich der E-Book-Markt im deutschsprachigen Raum vielleicht deshalb so müde dahin, weil Verlage und Buchhändler völlig andere Preisvorstellungen haben als Leser? Bei all diesen Fragen rege ich dazu an, die Hamburger Studie im Hinterkopf mitzulesen.

Spannend waren für mich vor allem die persönlichen Anmerkungen, die ich in der Umfrage und privat hinter den Kulissen bekommen habe. Sie haben mich zu einer vielleicht unpopulären Entscheidung gebracht:
Ich werde "Faszination Nijinsky" vorerst NICHT als E-Book herausbringen, hauptsächlich aus folgenden Gründen:
  • Das Buch setzt derart auf Haptik und Layout, dass es als reiner Text - selbst mit Fotos - in meinen Augen verlieren würde. Und der Markt für Haptik ist - das hat die Studie gezeigt - doch der sehr viel größere. Da mein Hersteller weltweit verkauft und versendet, wäre auch ein internationales Klientel kein Grund für ein E-Book.
  • Der E-Book-Markt ist noch zu klein, als dass sich der große Aufwand mit der speziellen Konvertierung in diesem Fall lohnen würde. Ein Verlag kann sich das leisten, wenn er Sachbücher einfach in den Workflow gibt, der schon vorhanden ist - ich selbst muss alles allein mit der Hand pfriemeln, zum ersten Mal in meinem Leben.
  • Das ganz spezielle Zielpublikum für dieses Buch bewegt sich noch in Papiersphären. Ob man hier mit E-Books mehr junge Leute ansprechen kann, ist allzu fraglich. Darüberhinaus ist "Faszination Nijinsky" ein typisches Sammlerbuch: Ballettfans und Ballets-Russes-Gebissene werden jedes Buch zum Thema zu fast jedem Preis erwerben. Sie werden sich also die Mühe machen, das gedruckte Buch zu bestellen.
  • Ich würde einen Preis für 9,95 Euro ebenfalls für vernünftig halten, alles andere ist zu niedrig oder zu hoch für dieses Buch. Je nach Entwicklung des E-Book-Marktes ist eine solche Ausgabe später immer noch denkbar, etwa, wenn das Printbuch ausreichend gealtert ist. Im Moment will ich auch nicht das Risiko eingehen, es zu kannibalisieren.
Das heißt aber nicht, dass ich E-Books den Rücken kehre. All das gilt nur für dieses spezielle Buch. Sehr große Chancen, allerdings auch bei niedrigeren Preisen, sehe ich in der Belletristik. Sobald ich gute Cover habe, werde ich deshalb meine beiden Romane anbieten (als epub und mobi). Und mein Alter Ego, das einen üblen Hang zum Trash hat, mordet zur Zeit fleißig in der Frühstückspause, sein blutiges Cover ist schon fertig - auch da wird es ein E-Book geben, von dem ich mich natürlich völlig distanziere ;-)

Ich denke, bei den komplizierter aufgebauten Sachbüchern wird die Technik in vielleicht ein bis zwei Jahren so weit sein, dass sie mit wenig Handarbeit so gestaltet werden können, dass sie auf jedem Gerät und in jedem Format wirklich hochwertig und funktionstüchtig daherkommen. Hoffe ich jedenfalls.

Ich möchte allen, die sich die Mühe gemacht und die Zeit genommen haben, sich zu beteiligen, sehr herzlich danken - ohne sie wäre die Entscheidungsfindung um einiges kopfloser ausgefallen!
Mit der Preisstruktur bei E-Books schlagen sich übrigens auch andere herum, wie der Artikel bei Melville House Books zeigt.

E-Book zwischen Zaudern und Zukunft (1)

Dieser zweiteilige Artikel ist kein repräsentativer Beitrag über den Zustand des E-Book-Marktes. Verlässliche Vergleichszahlen gibt es nämlich kaum, zumal der Gigant Amazon mit harten Verkaufszahlen regelmäßig mauert. In den Medien überwiegt allzu oft die Meinungsmache, da sagt der eine den anderen tot, es werden gigantische Ausreißer nach oben von der winzigen Elite der Erfolgreichen zitiert - oder es wird etwas kleingeredet, weil es noch kein Mainstream ist. Dazu kommt, dass man jede Statistik und jede Studie im eigenen Zusammenhang immer wieder anders lesen kann.

Foto PvC
  Die Universität Hamburg hat im Januar am Institut für Marketing und Medien eine Studie vorgelegt: "E-Books und E-Reader. Kauf und Nutzung". Auch sie ist interpretierbar, schon in Sachen Zielgruppe der buchaffinen Menschen. Man kann da über vieles streiten. Etwa über die Tatsache, dass sehr viel mehr gedruckte Bücher als E-Books ausgeliehen werden. Kein Wunder, wenn das Ausleihen noch nicht überall klappt und auch so schwer, ja mit DRM unmöglich ist. Sagt das wirklich etwas über E-Books aus? Die Studie fand im Oktober 2011 statt, hat den großen Run auf Reader im Weihnachtsgeschäft also nicht berücksichtigt. Sie kommt zum Schluss:
"14% der Befragten haben in den letzten sechs Monaten E-Books gekauft, im Durchschnitt 6 Stück."
Das bedeutet: 86% haben keine gekauft. Haben sie drum aber auch keine gelesen? Leser (etwa von kostenlosen E-Books) gibt es weit mehr - da sind es dann insgesamt 22,9 % der Befragten! Übrigens haben nur 68% der Befragten fünf oder mehr gedruckte Bücher gekauft.
Wir haben also 23% der Befragten als E-Book-Leser gegen 77% der Befragten, die keine E-Books lesen (aber auch nicht zwingend gedruckte).

Von denen, die E-Books kauften, wurden im Schnitt knapp 57 Euro in sechs Monaten ausgegeben. Das ist bei durchschnittlich sechs eingekauften Büchern nicht viel und die Kurve in der Studie zeigt, dass die Ausgaben sogar kontinuierlich sinken. Der große Renner sind kostenlose Bücher. Wenn die Studie dann aber die Vorliebe für freie Formate betont und an erster Stelle pdf zeigt, dürfte klar werden, dass vielleicht gar nicht nur "richtige E-Books" gezählt wurden. Kostenlose pdfs lesen wir doch seit Jahren schon auf dem Computer - sind das aber immer auch richtige Bücher? Ist der E-Book-Markt also womöglich noch kleiner als vermutet? Rechnet man pdfs heraus, liegen mobi, epub und apps zumindest bei den zahlenden Käufern gleich auf, der Kindle verliert nur bei denen, die nichts für ihre Lektüre bezahlen. Wie ernst zu nehmen ist dieser Markt, wo man nur Bücher lesen, aber nicht bezahlen will? 34% der nicht zahlenden Leser beziehen ihre Leküre außerdem über sogenannte "Freunde", ob legal oder nicht ...

Hochinteressant ist die Shopnutzung der kaufenden Leserschicht. Amazon liegt mit 57% weit vorn, gefolgt von iTunes mit nur 27% und Thalia mit 18%. Die Online-Shops der Buchhandlungen schaffen immerhin mehr als Libreka, nämlich 6% gegen lächerliche 2%. Wer wirklich Geld mit E-Books machen möchte, ist auf die Giganten Amazon und Apple angewiesen.

Spannend ist die Verweigerungshaltung: Die meisten lesen keine E-Books, weil diese kein Produkt ersetzen, mit dem man unzufrieden wäre. Warum sollte man also zu einem anderen Produkt wechseln? Es ist also noch nicht gelungen, Vorteile von E-Books zu transportieren. An zweiter Stelle steht tatsächlich das Argument, dass man seine Bücher im Regal vorzeigen möchte, also das Buch als Statussymbol, das der Reader als Statussymbol nicht bei der gleichen Klientel ersetzen kann. Hier sind die Werte einfach zu unterschiedlich. Die meisten der Käufer stört aber der Preis - er ist ihnen schlichtweg zu hoch und der größte empfundene Nachteil am E-Book.

Und noch eine Nachricht ist schlimm: Leute, die heute keine E-Books lesen, planen auch in Zukunft so gut wie keine E-Book-Käufe. Für 77% der Befragten besteht für E-Books auch in naher Zukunft keine Kaufoption. "Haptik" und "Regalstellen" sind wesentliche Motive, so die Hamburger Studie. Allerdings gaben 11% der reinen Leser an, sich einen E-Reader kaufen zu wollen. Aber von denen, die kostenlose E-Books konsumieren, sind offensichtlich nur wenige bereit, dann auch Kaufware herunterzuladen. Es bleibt also zweifelhaft, ob man mit Verramschungspreisen und Verschenkangeboten wirklich Leser anfixt, die auch zu Käufern werden. Aber immerhin ein Trost: E-Book-Käufer lesen mehr und länger als Papierbuchkäufer!

Die Zusammenfassung der Hamburger Studie kann man hier bestellen. (Ich habe nur einen Ausschnitt daraus beleuchtet)

20.02.2012

Um den Pfosten herum

20.02.2012 0
Ich halte mich eigentlich für einen recht kosmopolitischen, offenen Menschen, der es gewohnt ist, in binationalen Beziehungen weit über den eigenen Tellerrand zu schauen. Umso schöner ist es, wenn ich mir der Balken im eigenen Auge wieder bewusst werde und lerne, dass man gar nicht neugierig und offen genug sein kann. Vielleicht erinnern sich manche Blogleser noch daran, wie ich über die alte Achse der Avantgarde zu Beginn des 20. Jhdts. geschwärmt habe, die einmal von Paris bis Petersburg reichte und durch den ungeheuer großen kulturellen Reichtum aller Beteiligten für solche Umwälzungen in der Kunst sorgen konnte.

Henrik G. Vogel bei pixelio.de
Am Wochenende ging ein kleiner persönlicher Traum in Erfüllung - vier Nationen versammelten sich an einem Tisch, die westlichste davon Frankreich, die östlichste Russland.
Würden derart unterschiedliche Menschen, die sich zuvor noch nie gesehen hatten, miteinander zurechtkommen? Würden irgendwelche Hürden zu bewältigen seien, zumal wir ja auch nicht unbedingt kreuz und quer durch alle Sprachen wechseln konnten? Wie viel wissen wir eigentlich voneinander?

Um dem Ganzen zwischenmenschliches Schmieröl zu verleihen, war die Vorspeise russisch, die zweite Vorspeise badisch, der Käse französisch und das Dessert englisch, während sich der Hauptgang nicht so ganz zwischen nördlichen Meeren und Tropen entscheiden konnte. Bekanntlich geht nicht nur die Liebe durch den Magen, ersten Annäherungsversuchen hilft der Magen auch - so weit würde ich sogar in rein geschäftlichen Beziehungen gehen. Und es lernt sich leichter, wenn man keinen Hunger schiebt. Das war - neben allen privaten Freuden - der größte Aspekt bei mir: Ich habe eine Menge gelernt. Und zwar nicht nur darüber, was für Arten von Butter man wo kennt und wie man wo Pfannkuchen oder Rote Beete zubereitet - diese wahrhaft globalen Genüsse. Ich habe gelernt, dass vor mir ein Grenzpfosten steht und dass ich zwei Möglichkeiten habe. Ich kann ihn ignorieren, drauflos schwätzen und mir den Kopf daran anschlagen. Ich kann mir das Hindernis aber auch anschauen, damit leben, dass es im Weg steht - und um das Hindernis herumlaufen.

Dann stehe ich auf der Seite des anderen und schaue aus dessen Perspektive auf den Grenzpfosten. Ich kann mich sogar an der Hand nehmen lassen, kann neugierige Fragen stellen. So ermögliche ich meinem Gegenüber, genauer zu beschreiben, was er sieht - er schärft mir den Blick. Wenn ich es schaffe, diesen störenden Grenzpfosten nicht nur von einer einzigen "Gegenseite" aus zu sehen, sondern womöglich mehrere unterschiedliche Positionen einzunehmen, geschieht etwas, was wir aus der Kindheit kennen: Je mehr wir uns im Kreise drehen, desto schwindliger wird uns. Der Pfosten scheint sich aufzulösen. Bleiben wir plötzlich stehen, wissen wir nicht mehr, wer sich da um wen dreht. Die ganze Welt scheint um uns als klitzekleinen Fixpunkt zu rotieren, Hindernisse gibt es nicht mehr. Grenzen lösen sich auf, wir drehen und tanzen mit - und die Welt ist nur bunt, weil es so viele winzige Fixpunkte gibt, weil sie zum Glück alle eine andere Farbe und Form haben als wir.

Das klingt nach Idyll. Aber es will hart erarbeitet werden. Es ist ja so viel einfacher, eine Gegenmeinung zur Meinung loszuwerden und in der eigenen Welt verhaftet zu bleiben. Du machst Pfannkuchen mit Hefe, ich mache Pfannkuchen ohne Triebmittel, Pfannkuchen ist doch Pfannkuchen und basta. Wir kennen Butter aus Sauerrahm und bei euch finde ich keine, basta. Du kennst nur das richtige Butterwort nicht, deshalb kannst du sie im Regal nicht finden, dir fehlt einfach nur ein Wort. Aha! Schon wird die Welt ein wenig reicher: Für den Hefepfannkuchen hat jede einen anderen Trick. Da gibt es die kleine runde Pfanne, in der er dicker und ebenmäßig geformt gebacken wird. Oder den Trick mit der spät eingerührten heißen Butter, die ihn zu filigranen Spitzen explodieren lässt. Pfannkuchen ist eben nicht gleich Pfannkuchen und manchmal fehlt uns nur einfach das richtige Wort.

Wenn sich sehr unterschiedliche Kulturen annähern, dann geht das wie bei allen zwischenmenschlichen Beziehungen mit vorsichtigem Beschnuppern los. Um den anderen einschätzen zu können, muss ich mir ein Bild machen und eher zuhören und fragen, als jemandem die Ohren abreden. Ich muss mich zeigen, der andere muss sich zeigen. Plötzlich geschieht etwas Faszinierendes, was man in dieser Intensität bei Treffen unter Altvertrauten nicht derart stark wahrnimmt. Die Leute zeigen ihr Sein, nicht all das Angelernte. In dem Moment, in dem jeder am Tisch eine Minderheit ist, weil es keine Mehrheit gibt, kann sich jeder so geben, wie er ist. Der Anpassungsdruck fällt weg, dem man ausgeliefert ist, wenn man als Einzelner in einer konformen Menge nicht auffallen will. Es gibt plötzlich nur Exoten, wir alle sind Fremde - und das können wir teilen. Man tauscht sich aus, schaut an, lernt, lacht und wundert sich auch tüchtig.

Wenn nämlich jeder so einen Grenzpfosten vor dem eigenen Kopf wahrnimmt, ist man ja gezwungen, sich um den Balken im eigenen Auge herum zu bewegen. Vor allem bei politischen und tagesaktuellen Diskussionen, bei denen es nicht mehr nur um die Butter auf dem Brot geht, wird das deutlich. Irgendwer am Tisch mag eine für andere vollkommen drollige oder absurd klingende Sichtweise äußern. So manches Schlagwort mag uns aus Medienberichten sogar bekannt vorkommen. Wie kann man nur eine Sache derart sehen! Wo wir uns doch alle einig sind, dass sie ganz anders aussieht!

Stopp. Wer ist dieses "wir"? Wer ist "alle"? Wir haben uns so schön an den Konsens gewöhnt, weil Konsens so behaglich ist, weil wir uns darin sicher fühlen. Und plötzlich kommt da jemand, schüttelt den Kopf, lacht vielleicht und kommt auch mit einem "wir". Da sind andere "alle", die sehen das aber völlig anders!

In solch einem Moment könnte man zu streiten beginnen, auf dem eigenen Standpunkt beharren und vielleicht sogar Kriege erklären. Das Vertrackte dabei ist nur die Tatsache, dass diese dämlichen Grenzpfosten eigenlich immer nur und immer wieder der gleiche Dorn im Auge des Betrachters sind. Wir stehen lediglich an unterschiedlichen Positionen um diese Pfosten herum. Wir können bleiben und ballern. Wir könnten uns aber auch bewegen. Wie siehst du mich von deinem Blickwinkel aus? Warum siehst du die Sache so ganz anders? Was müsste bei mir geschehen sein oder sich verändern, dass ich deinen Blickwinkel zumindest nachvollziehen kann? Magst du einmal auf meine Seite kommen und anschauen, welchen Balken ich im Auge habe?

Schnell wird klar, dass wir nicht aus Butter gemacht sind, sondern einen ganzen Rattenschwanz an persönlicher Geschichte, aber auch an "ganz großer" Geschichte im Gepäck tragen. Die vier Nationen, die da an einem Tisch sitzen, sind das aufgrund oft zufälliger Passverteilungen. In Wirklichkeit jedoch - betrachtet man die Geschichte eines jeden einzelnen - sitzen da weit mehr Nationen an einem Tisch, abenteuerliche Kombinationen, Völkerwanderungen, Fluchten, freiwillige Grenzübertritte, Gebliebende und Emigranten, Weltenwechsler und Stabile. Unterm Tisch liegen viel zu viele Kriege, aber auch Versöhnungen und sogar grenzenlose Lieben. Der Tisch, der diese Menschen versammelt, biegt sich. Nicht nur wegen der internationalen Köstlichkeiten. Er biegt sich unter dem menschlichen Reichtum, unter wertvollen Erfahrungen, unter all den farbigen Sichtweisen.

Wenn man im Russischen Kaviar zur Genüge hat, dann sagt man, man löffle Kaviar mit dem Schöpflöffel. Ein Gerät, das auch der Franzose oder Engländer kennt. Im Deutschen "schöpft man aus dem Vollen". Wer jeden Tag Kaviar zur Verfügung hat und sich nur unter Menschen bewegt, die ausschließlich Kaviar essen, dem würden die begehrten Fischeier ganz schnell wieder "aus den Ohren herauskommen". So stelle ich es mir vor, wenn man sich nur immer unter Seinesgleichen bewegt. Es mag zuweilen nahrhaft sein, von allen Seiten bestätigt zu bekommen, dass man Meinungen teilt. Aber wie öde ist das auf Dauer? Lernen muss man da nicht mehr viel, allenfalls das Sodbrennen bekämpfen.

"Aus dem Vollen schöpfen" kann aber auch doppeldeutig sein: Wie schmackhaft ist erst die Kombination unterschiedlicher Geschmäcker, unbekannter Genüsse und ungewohnter Speisen! Kaviar und Kartoffeln? Warum eigentlich nicht? Dumme Verbote stellen wir uns doch nur selbst auf, oder? Ich wette: Wenn wir unseren eigenen Grenzpfahl mit beiden Händen halten und uns nur schnell genug um ihn drehen, dann wird er unsichtbar - und plötzlich tanzt die ganze Welt mit uns.
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