20.11.2009

Schreiben kann jeder

20.11.2009 2
Ich glaube, ich habe schon einmal die Anekdote über den PR-Kunden erzählt, der in letzter Sekunde absprang mit den Worten: "Ich glaube, ich lasse das meine Sekretärin schreiben. Die kann auch tippen und bezieht sowieso ihr Gehalt. Sie muss ich extra zahlen und Sie schreiben ja auch bloß."

Treffen mit Leuten, die in Sachen PR, Kommunikation und Texten unterwegs sind... Die Anekdoten, die wir uns zu erzählen haben, sind haarsträubend bis lustig, haben aber alle drei "Erkenntnisse" gemeinsam:
  1. Schreiben kann jeder. So viele Analphabeten gibt es schließlich nicht.
  2. Fotografieren kann jeder. Heutzutage macht das sowieso der Apparat.
  3. Ergo: Muss ich für Text oder Foto keine Profis beauftragen und es wäre die Arbeit auch nicht wert.
Zur fröhlichen Mitbelustigung ein paar Geschichten aus dem wahren Leben, die ich so anonymisiert und abgeändert habe, dass sich niemand peinlich wiedererkennen kann.

Die wertvolle Broschüre
Da ist die Organisation X, die bei einer heimischen Druckerei nicht ganz billig Broschüren herstellen ließ, die sie ebenfalls nicht ganz billig an ganz normale Menschen verkaufen will. Um Geld zu sparen, hat man den Dorfchronisten texten lassen und der hat das gründlichst besorgt. Bis zum Holzpreis von 1622 und der Aussage des Schultheiß von 1758 alles drin, was Außenstehende nicht interessiert; endlose Bandwurmsätze engstens gedruckt, die Bilder schlampig eingescannt. Fazit: Heulen und Zähneklappern über die bösen Leute, die dafür keine 5 Euro (!) hinblättern wollen.

Facebooking
Kunde Y hat an billigsten Dumpingautor einen Textauftrag vergeben, der gekonnte Fachrecherche und besonders sinnenansprechende Aufbereitung verlangte. Willige Autoren dieser Art finde man ja zuhauf bei Facebook, sagt er, aber jetzt stimme das da nicht und dort und klinge vollkommen hölzern und austauschbar. Jemand nennt ihm einen Spezialisten für genau diese Art Text, der wohnt sogar um die Ecke. Aber der nimmt doch viel mehr Geld als der bei Facebook!

Klatschbase vom Dienst
Kannst du nicht für uns twittern? Du machst das doch eh täglich für dich. Was, welche Strategie? Was wir erreichen wollen? Welche Themen wir haben? Was wir den Menschen bieten möchten? Wozu solche Fragen, du schwätzt doch auch einfach drauflos und das klingt ganz lebendig. Ach, du denkst dabei nach??? Und das kostet was für Firmen? Wieso Zeitaufwand? Wieso Werbestrategie, Twitter ist doch für Jedermann?

Soziale Wesen von Natur aus
Ich habe Ihre Internetarbeit begutachtet. Sie machen das ganz ordentlich, da kann man sich einiges abschauen. Wissen Sie was, ich mache das jetzt auch alles, Blog, Facebook, Twitter, Texten, Kontakten, das volle Programm. Man sieht ja, Sie machen das auch mal so locker nebenbei. Ich könnte das dann nicht nur für mich machen, sondern auch Firma Z anbieten, also noch PR für die machen. Erzählen Sie mir doch nicht, dass man da was gelernt haben muss! Zeitaufwand, pah! Wieso sitzen Sie denn neben Ihrer Arbeit ständig im Internet? Was, Lernen und Üben für Kunden? Was lernen Sie denn da, Sie schreiben doch nur! Das kann doch jeder.

Automatikmodus
Vereinigung V hat sich jahrelang in Sachen Fotos für PR und Werbemittel an einem vor 20 Jahren aufgebauten Uraltarchiv aus Laienfotos bedient. Vor zehn Jahren hat noch keiner gemeckert. Inzwischen kommen von Kunden auch schon mal spitze Bemerkungen über die Mode von annodunnemals auf den Bildern, die längst verschwundenen Landschaftsmerkmale und die eigenartige technische Qualität. Aber ein Fotograf ist doch so teuer, der will ja auch noch Geld für das, was jede Digitalkamera automatisch macht!

Qualität ist im Endeffekt billiger!
All diese Geschichten haben eigentlich ein Happy End. Gut, da gibt es die absolut Unbelehrbaren , die sich in Zeiten von Bedienermentalität und Internet wundersam vermehren - aber für die arbeitet auch keiner gern. Bleiben die Doppelinvestoren: alle oben Genannten suchen nämlich jetzt krampfhaft endlich nach Profis, die das Kind retten sollen, das längst in den Brunnen gefallen ist. Sie wollen nicht wieder hereinfallen, diesmal soll alles stimmen. Und na ja, dann zahlt man eben.

Diese Menschen hätten eine Menge Geld sparen können, wenn sie gleich richtig in professionelle Arbeit investiert hätten. Denn Qualität, die ihren Preis hat, funktioniert auch. Menschen, die ihr Metier gelernt haben, liefern in der Tat andere Ergebnisse als Hobbyisten. Und das macht sich im Endeffekt bezahlt, weil es beim Endverbraucher ankommt.

Meine Tipps:
  • Überlegen Sie sich gründlich und in Ruhe, welche Ziele Sie mit welchen Medien erreichen wollen, wie groß Ihr Budget ist und ob Sie das Projekt womöglich subventionieren / fremdfinanzieren lassen können.
  • Rechnen Sie viel Zeit für die Vorbereitung. Sponsoren und Mäzene findet man genau dann nicht, wenn man sie erst in der heißen Projektphase sucht.
  • Vergleichen Sie weniger reine Preise, sondern Menschen und ihre Arbeit. Suchen Sie in Ruhe die passenden Profis aus. Sie würden einen Beerdigungsredner nicht als Clown für einen Kindergeburtstag engagieren und Texte für einen gastronomischen Prospekt nicht von einem Mathematikprofessor schreiben lassen. Warum also unprofessionelle Texte drucken und dann einstampfen müssen, wenn Sie gleich das verkäufliche Projekt kaufen könnten?
Noch eine Anekdote: Ich ernte manchmal erstaunte Mienen, wenn ich ein Projekt sofort ablehne. Aber Text ist doch Text, höre ich dann. Nein. Um gute Texte schreiben zu können, muss man sich in die Thematik einarbeiten wollen und können. Um ganze Projekte zusammenstellen zu können oder gar Strategien zu entwerfen, sollte man sich mit dem speziellen Markt auskennen. Und da gibt es einfach hochspezialisierte Fachgebiete, bei denen ein ehrlicher Texter zugibt, wenn er nicht der richtige ist. Natürlich geht man gern mit jedem Wehwehchen zum Allgemeinmediziner! Aber den Blinddarm lässt man sich lieber nicht vom Zahnarzt herausnehmen, oder?

Lesetipp zum Thema: Die Protextbewegung

18.11.2009

Autorennetzwerke

18.11.2009 5
Nur wer präsent ist, wird gelesen

Wer sich von bezahlten Riesenstapeln der Massenware in Buchhandelsketten schon einmal erschlagen fühlte und ein eher rares Buch vergeblich dort gesucht hat, der weiß, Indie-Verlage haben es schwer gegen die Giganten im Buchmarkt. Noch schwerer hat es eine Gruppe von Menschen, über die kaum einer spricht: die Indie-Autoren (Indie kommt wie in der Musik von "independent"). International betrachtet, reicht die Definition weit: vom Autor, der bei etablierten Indie-Verlagen veröffentlicht, bis zum Selbstverleger. Im deutschsprachigen Raum macht man dagegen Unterschiede zwischen seriös verlegt und selbst bezahlt verlegt.

Die Probleme beider Gruppen sind jedoch die gleichen: Bücher, die im Buchhandel nicht präsent sind, werden nicht gekauft. Bücher, die im Buchhandel nicht präsent sind, werden meist nicht rezensiert und wieder nicht gekauft. Bücher, die nicht rezensiert werden, werden im Buchhandel weniger bestellt. Man kann diesen Teufelskreis nach allen Seiten tanzen, konkret bleibt die Katastrophe für den Autor übrig. Die Marktkonzentration im Buchhandel und ein nach althergebrachten Mechanismen funktionierendes Feuilleton sorgen dafür, dass immer mehr wunderbare, lesenswerte Bücher einfach nicht mehr sichtbar sind - ergo trotz aller Arbeit, Liebe und Sorgfalt kaum gelesen werden. Der Effekt greift ja selbst bei Konzernen - wer keinen Spitzentitel erwischt, hat Pech gehabt.

Autorennetzwerke für Werbung?

Autoren im Ausland denken längst darüber nach, wie man aus dieser Misere herauskommen könnte. Denn wo die herkömmlichen Werbemittel und Informationskanäle, vielleicht sogar Verlage versagen, böte sich doch das kostenlose bis preiswerte Internet an, in dem auch Einzelstimmen gehört werden. So sie denn etwas zu sagen haben. Im Indie Author Blog (via namenick) macht sich April Hamilton Gedanken, wie sich Autorennetzwerke bilden könnten, um das für KollegInnen zu tun, was sich bei einem selbst im großen Stil nicht schickt: Werbung machen, Bücher verkaufen.

April Hamilton bringt es auf den Punkt: Die Zeit der hoffnungsvollen Warterei auf andere sei vorbei. Wenn jedem Indie-Buch die gleiche Chance gegeben würde wie einem Mainstream-Buch, hätten wir im Nu wieder Vielfalt und Originalität, schreibt sie in "An Indie Call To Action" und listet acht Tipps für Autorennetzwerke auf.

Die Buchpatenschaft

Die Idee dahinter klingt einfach: Jeder Autor ist auch Leser. Und übernimmt so eine Art Werbepatenschaft für ein Indie-Buch seiner Wahl, das er besonders liebt. Und dann macht er das, was große Werbeabteilungen in Verlagskonzernen für kleine Bücher nicht leisten wollen und kleine Verlage mangels großer Werbeabteilung nicht leisten können. Dieser Autor rezensiert also das ausgesuchte Buch an allen nur erreichbaren Stellen im Internet, stellt es in Social Media vor (und zwar gekonnt gemacht), verschenkt es, empfiehlt es allüberall, nämlich im Internet wie im Leben. Alles schon mal dagewesen? Nein, denn jetzt kommt der Clou: die Vernetzung. Mit dem empfohlenen Autor oder Verlag, durch gegenseitige Links. Immer und überall verlinkt.

Die Vorteile

Die Idee hat meiner Meinung nach zwei Vorteile: Es hat ja immer ein "Geschmäckle", wenn ein Autor seine eigenen Bücher allzu tüchtig anpreist. Und es wäre reichlich pervers, sich selbst zu rezensieren, auch wenn das bei einigen Autoren auch schon gang und gäbe ist. Kommt nicht gut: Der hat es aber nötig, sagt man dann. Wer KollegInnen rezensiert und bewirbt, kommt in diesen Verdacht nicht. Finden sich so fünf Autoren, verpufft das ganze jedoch, wenn sie vereinzelt bleiben. Sind sie intensiv verlinkt, dreht sich auch die Werbung im Kreis und fällt die gute Tat für andere auf einen selbst zurück. Lesen sie zufällig auch noch gegenseitig ihre Bücher, intensiviert sich der Effekt.

Verbesserungsvorschläge

Trotzdem glaube ich, dass dieser allgemeine Ansatz bei der Struktur des deutschsprachigen Buchmarkts verpuffen würde. Und der Spruch "die haben es aber nötig" kann auch auf eine Gruppe fallen, die allzu platt versucht, sich gegenseitig in irgendwelche Verkaufscharts zu hieven. Ich hätte dazu ein paar persönliche Anregungen:
  • Man vernetze sich in passenden Gruppen, für die sich ein gemeinsames Konzept erstellen lässt. Fünf Krimiautoren finden leichter eine Strategie als eine Gruppe aus Vampirromanautorin, Hochliterat und Sachbuchautorin.
  • Man nehme nur Bücher, die man wirklich liebt. Werbung und PR im ehrenamtlichen Engagement füreinander verpufft unglaubwürdig, wenn man nur aus Sympathie für die Kollegen handelt oder gar aus Gruppenzwang.
  • Qualität statt Quantität gilt auch in der erfolgreichen Buch-PR.
  • Man tausche nicht nur Rezensionen, sondern auch Know-how und Kontakte aus. Beispiel: Zwei Kollegen mit  zwei und drei Pressekontakten machen fünf Pressekontakte für beide. Solche Gruppen funktionieren natürlich nur, wenn alle geben und nicht einer nur nimmt.
  • Warum sollten sich nur Autoren mit Autoren vernetzen? Bereits jetzt funktionieren Communities, in denen sich Leser und Autoren treffen, wo Leser über Bücher debattieren und Autoren an Leserrunden teilnehmen. Das Konzept ließe sich für jeden Indie-Bereich übernehmen.
  • Oder man vernetzt sich thematisch, buchübergreifend? Via Social Media ließen sich unterschiedlichste Menschen zusammenbringen, die das gleiche Thema interessiert. Beispiel Petersilienbücher. Ansprechen könnte man Gärtnereien ebenso wie Botaniker, Veranstalter mit Parks oder von Petersilienfesten, Gastronomen und Hobbygärtner, Kochfreaks und Küchengerätehersteller. Und warum dann nicht gemeinsam mit anderen Petersilienautoren ein Petersilienfestival oder eine kleine Tournee auf die Beine stellen?
  • Man kann sich auch mit Tauscharbeit vernetzen. Nicht jeder Autor hat PR gelernt. Warum nicht Grüppchen bilden aus Menschen, die unterschiedliche Bereiche beherrschen? Der eine dreht you-tube-Videos, der nächste kennt Pressearbeit... und was kann der Autor für diese Gruppenmitglieder tun? Womit kann er sich revanchieren? Kann er vielleicht Bücher eintauschen, Texte für andere schreiben, lektorieren?
  • Wenn es mit der Tauscharbeit nicht klappt: Eine Gruppe Menschen bringt gemeinsam eher finanzielle Mittel auf als ein einzelner. Eine Gruppe könnte sogar an gemeinsames Fundraising denken. Warum sich nicht gemeinsam eine PR-Agentur oder ähnliches gönnen?
Zukunftsmusik?

Ich halte das, was im angelsächsischen Raum längst praktiziert wird, hierzulande leider noch für Zukunftsmusik. Ich muss nur schauen, wie viele bekannte Autoren in meiner Twitter-Timeline als Karteileichen verschimmeln. Sie sind nicht übers Experimentierstadium hinausgekommen, viele haben nur über sich und ihre dritte Tasse Kaffee erzählt und sich dann gewundert. Die Möglichkeiten echter Kommunikation und Vernetzung lagen brach, also kam auch nichts zurück.

Vernetzung unter Autoren gegen die Marktmacht der Giganten kann nur funktionieren, wenn Schriftsteller es schaffen, ihren Hintern aus dem einsamen, ach so bequemen Kämmerlein zu heben. Wenn sie es schaffen, KollegInnen nicht mehr als Konkurrenten eifersüchtig zu beäugen, sondern ihre Kräfte gemeinsam zu bündeln. In Kleinstgruppen, in denen man sich grün ist und gern gegenseitig beflügelt, kann das funktionieren. An solche Aktionen im richtig großen Stil glaube ich nicht, dazu habe ich schon viel zu viele eifersüchtige Keilereien und Intrigen in sogenannten Autorennetzwerken erlebt. Aber wer weiß, vielleicht genügt auch in Zukunft die pure Hoffnung, Qualität werde sich schon irgendwann durchsetzen? Vielleicht glauben wir weiter ans Gutenachtmärchen, mit einem langen Atem sei heutzutage alles, wirklich alles zu schaffen?

Was meinen die KollegInnen zu solchen Ansätzen, was die Leserinnen und Leser?

17.11.2009

Grenzgängerei

17.11.2009 0
Dann will ich mal das Geheimnis lüften, was es ständig im Wald zu tun gibt und woran ich arbeite, wenn ich nicht gerade Bücher schreibe oder eines übersetze.

Stichwort Grenzwald: Genauer gesagt handelt es sich um die Orte Nothweiler (Pfalz) und Wingen (Elsass), also den Naturpark Pfälzer Wald und den Parc régional des Vosges du Nord, die beide Biosphärenreservat der UNESCO sind (gemeinsame Webseite, dt / fr.). Die Zollgrenzen und Schlagbäume im Wald sind seit Schengen zwar verschwunden, das Gebiet liegt aber auf französischem und deutschem Boden.

Das Projekt: Zwischen beiden Gemeinden soll in deren Auftrag ein Rundwanderweg entstehen, der den Einheimischen wie den Touristen zweisprachig das Phänomen der Grenzüberschreitungen näherbringen soll - in Themen wie Geschichte, Kultur, Natur etc. Ein Handbuch in Broschürengröße wird die Installationen vor Ort ergänzen und vertiefen. Dabei legen wir viel Wert auf Erlebnischarakter statt pädagogischem Zeigefinger. Gefördert wird das Projekt durch Pamina 21.

Das Team: Wir - das ist ein nicht nur perfekt zweisprachiges, sondern auch bikulturelles Grüppchen. Die aufwändige Koordination auf Europaebene und bei den Kommunen erledigt Josiane Podsiadlo. Andreas Mischke von Amides entwickelt alles, was mit Kommunikation, Design, Layout, Fotografie etc. zu tun hat. Dazu gehört, dass bei diesem Konzept nicht die üblichen gewohnten viereckigen Tafeln in der Landschaft stehen werden, sondern künstlerisch gestaltete Objekte. Mato Suss ist die Künstlerin, die sie entwirft und sich von Landschaft und Inhalten inspirieren lässt. Und Petra van Cronenburg (D) arbeitet zusammen mit Josiane Podsiadlo (F) an allem, was Dokumentationsrecherche, Texten und Übersetzen betrifft.

Der grenzüberschreitende Weg: Im nächsten Frühjahr bereits zu erwandern, komplett ... wir arbeiten auf Hochtouren.

So klingt das also, wenn man das Projekt knapp und knöchern darstellt. Die eigentliche Arbeit ist unwahrscheinlich komplex und (be)reich(ernd), weil sie im ständigen - mehrsprachigen - Dialog mit Landschaft und Menschen stattfindet. Dazu gehört auch, dass man sich intensiv mit der Geschichte und Kultur der Region beschäftigt, aber auch mit Themen wie Natur- und Landschaftsschutz und nachhaltigem Tourismus, mit kommunalen und politischen Strukturen ebenso wie mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Mentalitäten. Kommen die beruflichen Orientierungen im Team dazu, die sich fabelhaft ergänzen - und das Arbeiten mit verschiedenen Medien der Kommunikation.

Kurzum, das ideale Kontrastprogramm zum Schriftstellern im einsamen Kämmerchen - perfekte Erdung nach Buchfiktionen. Und zwischen meiner Arbeit als Buchautorin und Übersetzerin bildet das eine passende Brücke, von den Inspirationen ganz zu schweigen. Ich witzle schon jetzt: Bücher verramschen Verlage heutzutage oft schon nach wenigen Monaten und Ebooks werden auch einmal ganz schnell vom Händler gelöscht. Die Texte, die ich jetzt schreibe, sollen dagegen Unwetter und Winter überstehen ... das ist doch mal was. Und dass mich das Thema Grenzgängerei nicht nur hier im Blog ständig zwickt, sondern auch im Hinterkopf unter dem Stichwort Literatur, braucht nun nicht mehr zu verwundern.

Den Wasgau, wie man das Burgenland zwischen Elsass und Pfalz auch nennt, kann man übrigens nebst Rezept mit Kastanien und einem für Kougelhopf in meinem Elsassbuch erleben - siehe die hemmungslose Werbung rechts im Menu.

Notiz: Das Foto im letzten Beitrag zeigt die Aussicht von der Straße, die auf Pfälzer Seite nach Nothweiler hinaufführt (zum Vergrößern anklicken)

16.11.2009

Brotjobben

16.11.2009 0
Was macht eine Autorin, wenn sie nicht gerade Bücher schreibt? Gute Frage, denn die Autorin hat schon seit Wochen keine Zeit gehabt, an einem eigenen Buchprojekt zu arbeiten. Als Freiberufler füllt man den Kühlschrank besser mit sogenannten "Brotjobs", will heißen, Bücher bringen einem heutzutage nicht mehr nur keine Butter aufs Brot.

Den heutigen "Brotjob" liebe ich ganz besonders, wenn dafür auch die Buchübersetzung liegenbleiben muss. Aber es ist ein Kontrastprogramm, das einem herrlich den Kopf vom Computer wegrückt und zeigt, wo das wahre Leben spielt - und wie.

Draußen ist es grau, düster, nass. Tief hängen die Wolken am Berg und abends wird das in den Tälern und Waldstreifen wieder wabernde Nebel bringen. Ich prüfe meine Klamotten auf Regenfestigkeit, warm ist es ja. Dann werden die Wanderstiefel abgekratzt, ein ganzes Möhrenbeet könnte man in der schweren Tonerde anpflanzen. Da muss Platz her für rote Vogesensandsteinerde. Ist die Landkarte im Rucksack? Habe ich das Notizbuch dabei? Schnell noch einen Einkauf tätigen und auf dem Weg darüber nachdenken, welche Fragen gestellt werden müssen.

Unser Team trifft sich in einem winzigen, völlig abgelegenen französischen Dorf, um über winzige Pisten in ein ebenso winziges deutsches Dorf zu fahren, wo wir uns mit Menschen treffen, die etwas über die Geschichte, Natur und Kultur erzählen können. Am Gründungstag der UNESCO geht es ins deutsch-französische Biosphärenreservat. Was wir uns ausgedacht haben und woran wir arbeiten, wer "wir" ist und welche Dörfer wir besuchen, das werde ich verraten, wenn ich wieder zurück bin aus der Idylle. Nun ist es ja offiziell und im nächsten Jahr werden es die Bewohner und Besucher dieser Region nutzen können.

Raum für Indies?

Lesenswert: Das Spiegel-Interview mit John Cusack, dem Star aus "2012" - in dem es erfreulich wenig um den Film geht. Cusack spricht über die Veränderungen der Filmbranche durch den direkten Publikumseinfluss via Internet und das Versagen der Kritiker in den Medien. Er glaubt, die Chancen für Qualität und Indie-Produkte würden dadurch steigen. Und findet:
"Wenn du sehr erfolgreich bist, wollen sie eine Marke aus dir machen. Aber du bist ja nur so erfolgreich geworden, weil du ein sehr starkes Individuum bist."
Er bringt einige Gedanken, die man durchaus auf die Buchbranche und das Schreiben von Büchern übertragen darf.

Anmerkung: Dieser Werbebeitrag für den Spiegel wäre mit dem neuen Leistungsschutzrecht für Verlage nicht mehr möglich oder kostenpflichtig.

14.11.2009

Die Rache des Autors

14.11.2009 4
Es hat ja so kommen müssen. Als hätte ich es geahnt. Wie bereits mehrfach berichtet, übersetze ich bis März einen etwa 600seitigen Ziegel von Buch aus dem Französischen ins Deutsche. "Richtige Literatur" würde ich nicht übersetzen wollen, das war von Anfang an klar, Sachbücher vorzugsweise. Und weil das jetzige schon von den Fachwörtern her meinem absoluten Steckenpferd entgegen kommt (Kunst), schien alles im Lot. Es ist zwar ein "erzählendes" Sachbuch, aber der Stil eher klar und schnörkellos.

Hätte ich nur nicht phasenweise derart über den Autor gelästert! Etwa wenn sein Stil vom Klaren und Deutlichen ins Phrasenhafte kippt und Ellipsen verwendet, die man so im Deutschen nicht schreiben kann. Ab und zu fluche ich auch schon einmal, wenn der Autor wieder eines seiner beliebten Witzlein reißt, die ich manchmal auf Anhieb nicht etwa deshalb missverstehe, weil mein Wörterbuch Lücken hätte, sondern weil der Witz an meinem Humor abprallt. Das tut er manchmal auch an dem meiner französischen Freunde und dann heißt es, mit viel Empathie zu überlegen, worüber man lachen soll und wie man das im Deutschen hervorkitzelt.

Noch benutze ich ein Papierband mit dem Konterfei des Autors, um die Zeilen schnell wiederzufinden. Aber ich habe wohl zu laut gelästert. Sein Konterfei zwinkerte mir heute frech zu, diebisch frech. Wart nur, schien es zu sagen, mit mir wirst du noch deine helle Freude haben, von wegen, du übersetzt keine Literatur! Ich zeig dir jetzt, was eine Harke ist...

Plötzlich dreht der Mann auf. Strickt selbst abenteuerliche Metaphern, zitiert aus uralten Briefen und Gesprächen - alles noch kein Problem. Aber ich blättere um und hole tief Luft. Passagenweise kursiv gesetzter Text. Die Passagen werden immer länger. Ich ahne Übles. Ich ahne richtig. Mein Autor macht es sich bequem, zitiert aus den Werken eines berühmten französischen Schriftstellers und Dichters, der sich auch auf Französisch reichlich surreal liest.

Im Normalfall erfindet man längere Zitate älterer Literatur als Übersetzer nicht neu, sondern orientiert sich an deutschsprachigen Ausgaben. Jener Literat ist so berühmt, dass ich sicher war, seine gesammelten Werke in deutscher Sprache in einem ganz bekannten Verlag zu finden. Fehlanzeige. Gähnendes Schweigen selbst in der deutschen Nationalbibliothek. Aus absolut unerfindlichen Gründen ist ausgerechnet dieser Literat bis auf ein paar Gedichte nie ins Deutsche übersetzt worden. Unglaublich.

So wird man ins eiskalte Wasser geworfen. Morgen werde ich mich vorsichtig, ein wenig ehrfurchtsvoll und hoffentlich mit dem richtigen Sprachgefühl an jene Kursivstellen wagen.
Aber das Papierband mit dem fies grinsenden Konterfei des Autors, das werfe ich jetzt weg. Und ersetze es durch ein Lesezeichen, das mich nicht auslachen kann.

PS: Der Autor steckt an. Wer die schräge Metapher findet, gewinnt eine goldene Waschmaschine.

13.11.2009

Es lebe das Schwein

13.11.2009 0
Nach trüber Kulturuntergangsstimmung und bei frühlingshaften Temperaturen heute einfach mal etwas zum Mitsingen:

12.11.2009

Faule Fische fliegen

12.11.2009 3
Endlich. Endlich haben wir in Frankreich mal wieder richtig etwas zum Lachen und Faule-Fische-Werfen! Sarkozys Glamourleben wurde aber auch gar zu langweilig. Gestern hat sich der französische Präsident noch mit der deutschen Bundeskanzlerin getroffen und beide haben einen auf Völkerfreundschaft und Freiheit gehoben. Zu dumm, dass gestern dann ausgerechnet in jenem Dorf, das nach wie vor den dummen Römern standhält, der kleine freche Idefix laut gebellt hat. Daraufhin jodelt Troubadix von seinem Baum ins Land: "Idefix hat dem Majestix ans Bein gepinkelt, das ist Majestixbeleidigung, pfui!" Woraufhin sämtliche Hunde in jenem Dorf und von Kleinbonum bis Roma laut kläffen: "Bellen ist die Natur der Hunde, weg mit den Maulkörben, wir leben in einem Land der Freiheit! Wollt ihr etwa alle zu dummen Römern mutieren?"

Es kocht in Frankreich. Weil Idefix nur laut gebellt hat, was alle Wildschweinesser heimlich denken. Und weil jetzt der Fischhändler mit seinen Freunden für den Majestix, der eigentlich auch Kaiser von Rom sein könnte, heftig mit faulen Fischen um sich schlägt. Das lassen sich die Wildschweinesser natürlich nicht bieten und schlagen zurück. Schon droht ein heiliger Hinkelsteinkrieg: "Was wird man zukünftig noch in Stein meißeln dürfen? Und sind zehn Euro Preisgeld bei der Hundeschau Schweigegeld genug?"

Die Literaturnation hat ihren Literaturskandal. Angefangen hat es mit einer bekannten, bereits preisgekrönten Literatin, Marie N'Daye. Die machte das, was Merkel und Sarkozy angeblich wünschen: Sie zog 2007 nach Berlin und schreibt dort in französischer Sprache feine Bücher. Und wie das bei Literaten so ist, die auch noch interviewt werden, ist sie nicht still umgezogen, sondern hat gesagt, sie ziehe unter anderem auch deshalb nach den Wahlen weg, weil sie das neue Frankreich mit seinen neuen Politikern als monströs empfinde. Hat keinen gestört damals. War ja nur irgendeine Schriftstellerin, eine Schwarze, eine Frau, ad acta damit.

Jetzt hat die Frau nach dem Prix Femina aber auch noch den begehrtesten und berühmtesten französischen Literaturpreis verliehen bekommen: den Prix Goncourt. Der ist zwar nur mit symbolischen zehn Euro dotiert, aber mit jeder Menge Ehre. Zu wenig Schweigegeld eigentlich, oder? Das neue Frankreich unter Sarkozy empfindet sie nämlich immer noch als monströs.

Jetzt schreit der UMP-Abgeordnete Eric Raoult auf und fordert ein "devoir de réserve" für Schriftsteller, insbesondere für preisgekrönte. Das bedeutet "Pflicht zur Zurückhaltung" und meint nichts anderes als einen öffentlichen Maulkorb, was politische Meinung und Kritik am System Sarkozy betrifft. Dass diese Forderung kommt, wundert zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Denn eben hat der Präsident eine Werbekampagne lanciert, die den Franzosen die Grande Nation wieder in einer Größe schmackhaft machen soll, die sie längst nicht mehr hat. Die Schlagworte von der nationalen Identität und den Verpflichtungen dem Land gegenüber sollen von der derzeitigen Krise und Malaise bei den Bürgern ablenken. Und irgendwie geht die Kampagne neuerdings ständig in die Hose...

Raoult ist kein Unbekannter mit seiner Meinung. Mit Schwarzen hat er seine Probleme, mit Sozialhilfeempfängern sowieso, mit Leuten, die ihre Meinung sagen, noch mehr. Er verteidigt auch schon mal lautstark den tunesischen Präsidenten, weil der einen kritischen Le-Monde-Journalisten ausweisen lässt. Geht ja nicht an, dass dann eine Schriftstellerin Kritik übt in einer freiheitlichen Demokratie. Da müssen Mittel und Wege dagegen her.

Marie N'Diaye hat Kulturminister Mitterand aufgerufen, Stellung gegen Raoult zu beziehen. Mitterand war bisher nicht dazu bereit, weil er der Meinung ist, in einem freien Land dürften beide Seiten frei ihre Meinung sagen. Und plötzlich sagen alle ihre Meinung. Die Politik mischt sich ein. Segolène Royal überspringt mit einem Interview das Schweigen des Kulturministers. Bernard Pivot aus der Jury des Prix Goncourt spricht Eric Raoult jede Kenntnis des Kulturlebens ab und hält einen Maulkorberlass für Schriftsteller für "sinnlos". Wer die Zeitungsberichte verfolgt, fällt von der Groteske ins Absurde: großes Theater.

Und die Intellektuellen, die Raoult abfällig als "intellos" bezeichnet, die gehen natürlich auf die Barrikaden. 1789 hat Frankreich der Welt vorgemacht, was Freiheit bedeutet, zu der auch das Recht auf freie Meinungsäußerung gehört, die Pressefreiheit, die Freiheit der Kunst. Hart erkämpft wurden diese Rechte gegen die absolutistischen Herrscher - und solche Errungenschaften machten einst die Größe der Grande Nation aus. Auch das gehört zur nationalen Identität Frankreichs: Stolz sein zu können auf all diese demokratischen Werte und Menschenrechte und Freiheiten, sie darum mit allem Nachdruck zu verteidigen. Denn die Demokratie von heute wird nicht, wie so gern vorgegeben, von außen bedroht, sie wird Schrittchen für Schrittchen von innen ausgehöhlt. Von Menschen, die sich auch noch als Demokrativertreter wählen lassen und gewählt werden.

In solchen Zeiten wird es immer wichtiger, dass überhaupt noch jemand den Mund aufmacht. Wir Deutschen haben schmerzhaft gelernt, wohin Schweigen und Mitläufertum führen können. In Frankreichs eisigem Kulturklima wachen derzeit reihenweise Intellektuelle auf: Es ist wieder an der Zeit, nachzudenken, öffentlich Stellung zu beziehen, Rückgrat zu beweisen. Wo Literaten von Politikern mit Maulkorb bedroht werden, lohnt es sich wieder, auf den gesellschaftspolitischen Aspekt von Literatur zu schauen. Zumal dieser Maulkorb bis nach Berlin reichen soll.

update:
Immer wieder spannend, Medien verschiedener Länder zu vergleichen. In Deutschland gestern schien man den Vorfall eher amüsiert als nette nebensächliche Anekdote zu betrachten. Für die Kreativen in Frankreich ist es dagegen mal wieder ein Einblick in den Abgrund - Künstler und Kulturschaffende haben seit etwa zwei Jahren immer weniger zu lachen unter der neuen Politik...

Journalismus statt Content

Es raschelt, nein, es brennt im Zeitungswald. Gehetzt wird ausgehungertes Freiwild, Journalisten genannt. Manche werden von vermögenden Jagdpächtern gehalten, mit vermeintlichen Ruhmleckerchen geködert, während sie schon die Generation Praktikum als Treiber für die fröhliche Sonntagsjagd anlernen. Manche vom Freiwild fristen ihr Dasein schon längst im Dickicht von Buy-out-Verträgen und radikal gekürzten Honoraren. Und neuerdings trampeln auch noch Blogger im Wald herum und schrecken das Wild auf, weil sie nicht auf den ausgewiesenen Gehwegen bleiben wollen. Schon erwägen die Besitzer der lukrativen Jagdpachten ein Leistungsschutzrecht. Es knallt im Blätterwald.

Hier schreibt eine, die es besser hat. Nach einem Volontariat und der Ausbildung zur Redakteurin Mitte der Achtziger bin ich endlich so alt, dass ich schon mindestens zwei Medienkrisen und jede Menge technischer Umwälzungen überlebt habe. Schlimmer noch: Ich bin jetzt seit rund einem Vierteljahrhundert Freiwild, also freie Journalistin - und beanspruche diese Berufsbezeichnung immer noch, weil für mich Journalismus kein "Job" ist, sondern eine Lebenshaltung. Überlebt habe ich, weil ich schon im zweiten Jahr meines Berufs meinen eigenen Querkopf lebte, so viel wie möglich an Neuem dazulernte, ausprobierte - mit einem Praktikum beim Radio fing das an und dem Kopfschütteln von Kollegen: Wie kannst du als gelernte Printjournalistin zum Radio gehen, bist du meschugge?

Inzwischen muss ich mir noch ganz andere Sachen anhören. Auf Partys sagt man als Journalist besser nicht mehr laut, welchen Beruf man hat. Man könnte genauso gut durch die Menge brüllen: "Hey Leute, ich geh anschaffen und hab Spaß dabei!" Oder man wird, noch bevor man das Buffett erreicht, das unsereins zum Überleben oft nötig hat, von allen Seiten fast totgeprügelt, wird verantwortlich gemacht für Versäumnisse, Unmoral oder Gier der Verleger. Der Journalist ist für die Leserinnen und Leser heutzutage immer genau der Repräsentant eines Berufes, den die Allgemeinheit gerade verabscheut. Und während sie den Sündenbock durchs Dorf treibt, feiern die Verleger ganz woanders.

Unglaubwürdig? Dann schaue man, welche seriöse Diskussion sich beim Kulturmanager entsponnen hat, der schrieb: 
"Die Auseinandersetzung Journalisten – Blogger wird allmählich langweilig."
Weniger schön und seriös liest sich die Diskussion, auf die er sich bezieht, die zwar mit Urheberrecht zu tun hat, aber auf die ganze Misere der vollidiotischen These "Journalismus versus Blogs" hinweist.
Wer seine letzten Illusionen bezüglich des Journalismus verlieren will, der lese die brillante Rede, die der freie Journalist Tom Schimmeck beim Mainzer Mediendisput gehalten hat - das ist die nackte Wahrheit, die Lage, in der wir Journalisten versuchen, ordentliche Arbeit mit Überlebenszwang zu koppeln.

Ich habe gut reden. Denn ich habe mich längst ausgekoppelt. Mich hat das System schon bei der letzten Medienkrise nicht mehr richtig ernährt. Was heißen will: Stundenzahl und erwirtschaftete Honorare standen in keinem vernünftigen Verhältnis mehr zueinander, Buy-outs machten die bisher übliche Mehrfachverwertung, nach der sich ja die schlechten Honorare richteten, so gut wie unmöglich. Damals, in den Neunzigern, stiegen viele wunderbare Journalisten aus, einige wurden tatsächlich Weinhändler, viele landeten in der PR-Branche oder schulten komplett um. Ich lehnte derweil meinen ersten Buy-out-Vertrag ab, verlor damit den Auftragspartner und schrieb stattdessen ein Buch, das mir einen völlig neuen Textvermarktungskosmos eröffnete - von Hilfsarbeiten für Fernsehteams bis hin zu gut bezahlten Vorträgen. Ich lernte weiter.

Und lebe immer noch. Lebe nur deshalb, weil ich seit Jahren nicht mehr für Zeitungen geschrieben habe (pervers, aber wahr). Welchen vernünftigen Grund sollte ich auch haben, für lächerliche Zeilenhonorare von oft weit unter einem Euro brutto in Demutshaltung Klinken zu putzen und auch noch dafür auf die Knie zu fallen, dass ein Verleger meinen Text unendlich oft zum eigenen Profit verwerten kann, ohne mir davon etwas abgeben zu müssen? Dies ungefragt sogar so weit treiben kann, wie es Elke Heidenreich passiert ist, die sich plötzlich bei zweifelhaften Verlagen wiederfinden musste? Warum sollte ich mir einen abmalochen und meinen Geist anstrengen, wenn ich beim Spargelstechen als ungelernter Erntehelfer schneller mehr verdienen könnte? Wie ich haben viele gedacht. Sind abgewandert, haben der Generation Praktikum den Platz überlassen und denen, die heute um ihre Anstellung bangen müssen, weil sich die Ausmusterung von Qualität zugunsten von Profit rächt.

Wie macht man das, als Journalist ohne Verleger zu überleben? Es gibt keine Pauschaltipps, weil kein Journalist gleich ist. Aber es gibt Menschen, die noch für Texte bezahlen - in Nischen, die man beherrschen sollte, in die man sich einlernen muss - auch mit all ihren technischen Vorraussetzungen. Da ist der freie Journalist natürlich noch mehr Unternehmer als bisher. USP, Unique Selling Point, heißt das Zauberwort: Was kann ich besonders gut, was andere nicht können? Was mache ich anders, interessanter? Was interessiert mich persönlich ganz besonders? Und wenn ich einer von den eher Austauschbaren bin - wie kann ich eine mir gemäße Nische finden? Man muss diese Denke erst wieder lernen, weil sie einem durch mangelnde Wertschätzung im Medienbetrieb meist abtrainiert wurde: Die eigenen Stärken entdecken und ausbauen.

Solches Schreiben bedeutet nicht automatisch einen Abgang in die PR. Man darf durchaus Journalist bleiben und eine Ethik haben. Manchmal findet man seine Nische nur, wenn man die angelernte Brille einmal weglegt. Mir ging das so. Jahrelang haderte ich damit, Lebenszeit mit dem Erwerb der schrägsten Kenntnisse vertan zu haben, die doch mit Journalismus und deutschen Texten so gar nichts zu tun hätten. Immer wieder Fremdsprachen, Leben im "falschen" Land, Bücher, abseitige Interessen. Die Korrespondenten hockten in Paris und für französische Blätter reicht mein Stil nicht. Blind wie ein Huhn zerbrach ich mir den Kopf.

Und dann hat jemand mich gefunden. Ausgerechnet im "falschen" Land, ausgerechnet mit den Sprachen, in denen ich nicht schrieb und ausgerechnet über eins meiner Bücher. Gesucht wurde jemand, der "es" journalistisch drauf hatte, der aber auch absolut bikulturell denken und arbeiten konnte, den Dialog mit den Lesern führen, für Leser arbeiten. Heute schreibe ich meine deutschen Texte - und Übersetzungen aus dem Französischen - zusammen mit einem fabelhaften deutsch-französischen Team in Frankreich. Ohne Verleger. Lange hat Journalismus nicht mehr solchen Spaß gemacht. Und vor allem einen Sinn gehabt: Wir arbeiten für die Verständigung beider Nachbarländer. Diese Arbeit ist auch so reichhaltig, dass irgendwann einmal ein neues Buch daraus entstehen könnte...

Mir gibt das die Freiheit, als Journalistin zusätzlich zu bloggen. Für umme. Aber wenn ich mir ausrechne, was ich von einer Zeitungsredaktion für eine Buchrezension bezahlt bekäme, wie unfrei ich obendrein wäre, dann lache ich einmal heftig und verschenke diesselbe lieber gleich direkt an die Leser. Zugegeben, Zeit und Geld reichen im Blog nicht für tiefere Recherchen - also muss ich mich auf weniger aufwändige Themen konzentrieren. Ich höhle damit ein System aus, das auf Einnahmen angewiesen ist, dessen bin ich mir bewusst. Ich würde die gleiche Buchrezension sofort einer Zeitung zur Verfügung stellen, wenn diese endlich Journalismus wieder angemessen bezahlen und wertschätzen würde und nicht hinter meinem Rücken Geld mit meinen Artikeln bei Dritten machen würde. Wenn Journalisten bloggen, geschieht das manchmal auch aus Protest gegen ein System, das Freie am langen Arm verhungern lässt. Und das längst am eigenen Gehabe, an seiner Haltung gegenüber den Menschen marode geworden ist, die Inhalte liefern und konsumieren.

Ich empfehle wärmstens zur Hintergrundlektüre die Links in diesem Beitrag.
Fortsetzung folgt...
Teil II berichtet von einem französischen Online-Projekt (kein Print), das in kürzester Zeit schwarze Zahlen schrieb, weil es gegen jeden Leistungsschutz mit seinen Journalisten völlig neue Wege geht.

10.11.2009

Der Ommm-Effekt

10.11.2009 2
Es soll ja Leute geben, die sich jahrelang in japanische ZEN-Klöster einsperren lassen, irre teure Wochenendselbsterfahrungskurse mit irre viel Ommm buchen oder für ihren irre reichen Guru kollektiven Selbstmord begehen, um einmal im Leben diesen wunderbaren Zustand zu erreichen: Ein LEERES Hirn.

Also das, was man hat, wenn man nicht ständig das Handy am Ohr hält, twittert und gleichzeitig die Schwiegermutter bei Facebook entfreundet. Nicht diese scheinbare Leere, sondern echtes Ommm, Nada, Totalwellness in den verkrampften engen Windungen der grauen Schwabbelmasse. Als Kinder haben wir das im Schaukelstuhl ausprobiert: Sich beim Schaukeln ganz fest auf den Schwabbel konzentrieren und prüfen, ob man es schwappen hört oder sieht oder fühlt oder was auch immer. Die größten Philosophen unter uns waren der Meinung, ihr Hirn könne plötzlich wie auf hoher See glauben, einem überdimensionalen Wal zu gehören. Oder so ähnlich.

Jedenfalls weiß jetzt jeder, was ich meine. Völlige, NICHTige, leere Gedankenlosigkeit ist noch eine Stufe berauschender als handelnde Gedankenlosigkeit im billigen Alltag. Nichts mehr denken, nichts mehr müssen, nichts mehr wollen, einfach nur noch SEIN. Also, falls man noch IST, wenn sich das Hauptteil da oben verabschiedet hat und auf den Bahamas klönt. So eine Levitation in der Hirnschale ist schließlich nicht ganz ungefährlich - denn irgendwann kommt unser Denkzentrum mit Wucht zurück. Das hält nicht jeder aus, der nur drei Prozent davon fit hält.

Eben habe ich die billigste Variante entdeckt. Ohne Kurs, ohne Guru und lustig improvisiert. Madame hat brav übersetzt. Musste sich mit dem Tagespensum leider böse ranhalten. Hat also schneller als sonst übersetzt. Und noch mehr übersetzt. Der Schwabbel wollte schlapp machen. Nix da, Schwabbel, noch drei Seiten. Schwabbel schlappte hinterher. Schwabbel schlabberte. Denn plötzlich drehte der Autor auf. Zitierte älteres Französisch. Gefiel sich plötzlich in schrillsten Redewendungen und selbstgebastelten Metaphern. Ich kann das doch nicht, schrie die Übersetzerin. Du hast mich zum Schwabbeln gebracht, rief die Schwabbelmasse, sieh zu, wo du bleibst - und sie stürmte vorwärts, wie ein graues überfettetes Hängebauchschwein eben so stürmt. Und noch ein paar Seiten...

Und dann ist es passiert. Wenn man in einem muskellosen Gewebe einen Krampf bekommen kann, dann habe ich das eben geschafft. Riesige Alarmglocken droschen mich in Richtung Küche, wo ich wie ein hirnloser Roboter völlig automatisch einen großen Café au lait köchelte und Heißhunger auf ein Quark-Honig-Brot bekam. Reiner Pawlow'scher Effekt, ohne jede intellektuelle Leistung. Zucker und Eiweiß, das kleine Kerlchen da oben weiß genau, was ihm gut tut.

Plötzlich klingelte das Telefon. Jemand sprach in der Sprache des zu übersetzenden Autors. Ich stotterte hilflos etwas wie Ommm. - Verstehen Sie vielleicht besser Deutsch, fragte die freundliche Dame. - Äh, le Deutsch, non c'est pas meine Sprakke. Und dann habe ich einfach zugehört und in gehörigen Abständen Ommm gesagt. Es ging um die neue Klimawandelsteuer. Ommm. Bahamas, sag ich ja. ZEN im Tank. Hirnerwärmung.
 
◄Design by Pocket Distributed by Deluxe Templates