23.08.2014

Langsames Wiedereintauchen

23.08.2014 6
So langsam taucht das Spaceshuttle PvC wieder in die Bloggosphäre ein. Es ist schon verrückt, wie lange man braucht, um nach Wochen ohne Wochenenden und Pausen im Malocher-All überhaupt wieder zu landen. Da sind zunächst nicht einmal das schnöde Nichtstun oder echte Entspannung möglich, die Raumkapsel würde im süßen Nichtstun verglühen. Irgendwann hat einen dann das ganz normale Erdenleben wieder, die Erdung erfolgt durch sonst so unliebsame Arbeiten wie Osterputz im Raumschiff oder Rasenmähen in Cap Canaveral. Man streift die verschwitzten Raumanzüge ab, sammelt die müden Knochen ein und atmet endlich wieder Atmosphäre.

Die Erde hat mich wieder: Nichts ist erholsamer als Natur ...und Kühe!

Und dann gibt es plötzlich einen Knall, einen Rückstoß und Besinnung funktioniert wieder. Drei Parteien zerren gleichzeitig an einem, aber jetzt reicht's! Ras-le-bol: Was wollte eigentlich ich? Der Moment der Ideen, der Inspirationen - und weil es so viele sind, will ein Plan erstellt werden.

Ja, ich erhole mich derzeit noch vom letzten Projekt. Nicht, weil es etwa keinen Spaß gemacht hätte - ich liebe diesen Beruf! Aber man kann auch mit professioneller Leidenschaft bis an die Grenzen der Erschöpfung arbeiten und dann braucht es Tage des Herumdödelns, stundenlange Wanderungen oder so "irdische" Tätigkeiten wie Fensterputzen. Drei Kreuze schlage ich, weil ich gleichzeitig fristlos bei einem Charity-Projekt gekündigt habe, das ich mit Herzblut so gut wie ehrenamtlich gemacht hatte und dann trotz einstimmiger Beschlüsse nur Undank erntete. Abschuss: Dass ich beim bösen amerikanischen Facebook auch noch "kommunizierte" ... das ginge ja gar nicht (Meine Arbeit bestand in Social Media PR!). Merke: Schlechte Kunden entpuppen sich meist tatsächlich als schlechte Kunden, denn wer gute Arbeit zu schätzen weiß, zeigt das auf finanzieller und Motivationsebene. Was für eine Befreiung auch im Kopf: Ich kann doch eigentlich das gleiche Thema selbst beackern, nun aber in völliger Freiheit, ohne Schwere im Kopf!

Tatsächlich werden die nächsten Projekte jetzt erst einmal nach Liste abgearbeitet. Einige Backlisttitel müssen endlich als E-Book erscheinen, in der Schublade nutzen sie niemandem etwas. "Das Buch der Rose" ist dabei, aber auch meine uralten damaligen Bestseller "Geheimnis Odilienberg" und "Schwarze Madonnen" möchte ich wieder auflegen. Das Buch über den Odilienberg muss leider grundlegend neu bearbeitet, stellenweise neu geschrieben werden, seit 1998 hat sich nicht nur die Faktenlage stark verändert, sondern auch mein Schreibstil. Und das ist auch gut so, denn so lässt sich einiges versachlichen, was damals vom Verlag einem Trend zuliebe für meinen Geschmack doch zu verrückte Esoteriker anzog. Und mein E-Book "Alptraum mit Plüschbär" muss dringend ein neues Cover bekommen und wohl wieder den alten Verlagstitel "Stechapfel und Belladonna", denn mit dem schröcklichen Aussehen derzeit verkauft es sich so gut wie nicht, während der "Lavendelblues" brummt und brummt.  Und das kann nur am Aussehen liegen, beide Romane sind schließlich von der gleichen Autorin! Beim Lavendelblues ließe sich endlich auch eine Printversion andenken, der antiquarische Markt scheint sich etwas erschöpft zu haben.

Die Debatte vom Preisverfall bei E-Books und einer Zukunft in Streamingdiensten sehe ich relativ gelassen. Für mich ist das E-Book als 1:1-Abklatsch sowieso nur ein Übergangsmedium, das ich in meiner Edition Tetebrec nutzen möchte wie einst Bücher um 1900 bis 1920 gestaltet wurden: Das E-Book als preiswerte Volksausgabe, ohne Schnickschnack ... und für die Liebhaber die eher limitierte Luxusausgabe im Print, die sich dann aber grundlegend vom E-Book unterscheiden wird. So wird es "Das Buch der Rose" elektronisch als reine Leseausgabe geben, die dann eben nicht wie ein aufwändig illustriertes Printbuch 20 Euro kosten muss.

Auf der To-Do-Liste steht außerdem die Wahl eines Distributors, um all meine E-Books auch in andere Shops als Amazon zu katapultieren. Und wenn wir schon mal dabei sind, dass einige Konzerne nicht mehr unterstützen möchten, so denke ich auch an einen eigenen Webshop - das macht Kunden vielleicht etwas mehr Mühe,. belässt aber die Tantiemen bei derjenigen, die die Bücher nun wirklich erschafft. Nicht, dass ich mir nennenswerte Einkünfte davon verspreche, dazu haben all die anderen E-Book-Shops einfach zu wenig Power. Aber ich mache mir in der Tat Sorgen: Die Debatte um Amazon wird vom Börsenverein und einigen Branchenplayern derart überemotionalisiert und verzerrt (scheinheilig noch dazu) geführt, dass es langsam geschäftsschädigend werden könnte für all diejenigen Autoren und Verlage, die auf Amazon angewiesen sind, weil sie bei den mächtigen Buchhandelsketten gar keine Chancen haben. Die übrigens mit dem unabhängigen Buchhandel nicht minder übel umgehen zum Teil, aber das darf man nicht laut sagen. Selten war eine Debatte so verlogen. Einer von Deutschlands Edelverlegern hat es letztens erst wieder privat und hinter vorgehaltener Hand gesagt: Ohne Amazon gäbe es seinen Verlag längst nicht mehr, denn die Ketten legen seine Bücher ungern aus und bei Amazon sind sie jederzeit sichtbar und bestellbar - er habe da Chancen wie selten vorher. Selbst Suhrkamp betreibt - verschämt verschwiegen - einen eigenen Amazonshop! Ich persönlich rechne mit der Evolution, die all das richten wird - die eigentliche Debatte müsste nämlich um Zukunftsvisionen geführt werden, um Chancen und Kooperationen anstatt um wegfallende Privilegien und Konkurrenz.

In Baden-Baden entdeckt: Eine Autorin, die nach New York und Peking führt.

 Gleichzeitig liegt mir ein anderes Buchprojekt am Herzen, um das ich öffentlich noch keinen Bohei machen möchte. Es wird eine Gegenüberstellung werden von einem Roman und Tagebuchaufzeichnungen, verbunden durch ein Essay von mir ... Tagebuch und Roman von einer anderen Autorin, die nicht nur grandios schreiben konnte, sondern ein unwahrscheinlich aufregendes Leben hatte und in einen politischen Konflikt geriet, der heutige bewaffnete Konflikte erschreckend spiegelt. Das wird ein richtig fetter Wälzer werden ... ideal fürs Medium E-Book! Insgeheim nenne ich es den Auftakt einer "pinken Reihe". Nein, die wird nicht pink werden, aber die Idee kam mir beim Anblick von grausigen rosa Mädchensachen für erwachsene Frauen. Es gibt so unwahrscheinlich starke Frauengeschichten, Autorinnen, Frauengeschichte!

Das reicht fürs Erste nach der Urlaubszeit ... irgendwie müsste ich zwischendurch auch mal wieder "richtig" Geld verdienen, denn ein paar Backlisttitel füllen noch keinen Heizöltank. Trotzdem: Jetzt werden erst einmal die Beine hochgelegt. Ach ja, die Website will noch fertig gestaltet werden. Damit einher geht die Frage, ob ich meine Blogs bei Google belasse, wie sie sind oder alles zusammenfasse auf Wordpress auf der Website. Wie sehen das meine Leserinnen und Leser? Was wäre bequemer, schöner? Lest ihr euch gern durch ein einziges Blog mit kunterbunten Themen oder habt ihr es lieber fein säuberlich getrennt?

09.08.2014

Ich liebe schöne Bücher

09.08.2014 2
... und inzwischen liebe ich es, mit richtig erfahrenen Buchgestaltern schöne Bücher zu machen. Es war ein Mammutprojekt und jetzt am Wochenende ist Endkorrektur angesagt vor der druckfertigen Datei. Die Druckerei steht schon bei Fuß. Viele Felsblöcke purzeln von meiner Brust. Denn das Projekt für mich als frischgebackene Verlegerin war ziemlich ambitioniert, ich hatte nämlich den Ehrgeiz, mich nicht hinter etablierten Kunst- und Gartenbuchverlagen verstecken zu müssen.
Garten und Kunst - die Idee, Gemälde und Fotos in Dialog treten zu lassen ... (PvC)
Schade ist nur, dass es das schöne Stückchen erst mal nicht im Handel geben wird. Es war ein Auftragswerk. Ich verdinge mich in so einem Fall als Dienstleisterin für andere für eine Komplettproduktion. Da gibt es alles aus einer Hand: Die verlegerische Betreuung, in diesem Fall auch den Text, den professionellen Buchgestalter und Grafiker, den erfahrenen Lektor etc. - bis hin zur passenden Druckerei. Und das nicht zu Mondpreisen mit womöglich falschen Versprechungen, sondern reell zu den marktüblichen Honoraren. Und das Besondere: Ich produziere nur Bücher, die ich auch selbst produzieren würde, die mir persönlich als Projekt gefallen.

Der Buchgestalter hat nicht nur ein geübtes Auge, er musste Tonnen von Material durchsuchen.
 Hier geht es um den Garten einer Malerin, der in seiner Anlage mit Skulpturen von Künstlern an sich schon ein Erlebnis ist - um ein Lebenswerk, das für Freunde und auch Ausstellungen festgehalten werden sollte. Fotos kamen von vier Fotografen, darunter ein preisgekrönter Gartenfotograf. Allein das war eine Herausforderung: Die so unterschiedlichen Stile harmonisch zu verbinden und keine Diskrepanz aufkommen zu lassen zwischen den Laien und dem bekannten Profi. Außerdem wird dem Buch eine Musik-CD beiliegen, was schon einmal die Auswahl der Druckereien reduzierte. Ich war überrascht, wie viel Schund und Schluderei einem auf diesem Sektor überhaupt angeboten wird.

Der Gestalter hat sichtlich mit Gespür für den Text gearbeitet: meditative Momente des Gartens
Auch wenn wir noch nicht fertig sind, will ich mich bei den wunderbaren Mitarbeitern bedanken: Ihr habt eure Arbeit nicht nur großartig, fleißig und in einem wirklich irren Zeitrahmen geschafft - es hat auch richtig Spaß gemacht mit euch! Meine dicken Empfehlungen deshalb öffentlich: Für die Buchgestaltung Hanspeter Ludwig (der übrigens auch ein hervorragender Illustrator und Comiczeichner ist), fürs Lektorat Jan Schuld (Kontakt über mich). Wie der Auflagendruck im Offset und die Buchbindearbeit (mit Fadenheftung und CD-Einlage) aussehen werden, wissen wir natürlich jetzt noch nicht, haben uns aber im Angebotsvergleich für Monsenstein & Vannerdat entschieden, nicht zuletzt deshalb, weil die Bildbände "können". Und die Musik der Harfenistin Nadia Birkenstock - die gibt es tatsächlich öffentlich im Handel und live an wunderschönen Locations weltweit ... da bin ich selbst seit Jahren Fan.

Die Arbeit war hart, aber ich möchte das Projekt nie mehr missen. Ich habe daran "learning by doing" noch einmal eine ganz andere Stufe des Verlegens gelernt: Vier Fotografen und mehrere Mitarbeiter. Habe gelernt, was für eine Logistik und Moderation, was für ein Timing und wie viel Betreuung hinter so einem Buch stecken, von der ersten Idee bis zu dem Zeitpunkt, wo es verpackt und versandt wird. Ich weiß zu schätzen, was Verlage hier leisten, aber ich möchte mir diese Arbeit ab jetzt nicht mehr von jedem Verlag aus der Hand nehmen lassen. Ich weiß jetzt nämlich auch, was alles möglich ist, wenn man sich mit anderen professionellen Buchschaffenden zusammentut, ohne an Verlagsprogramme und Trendjagden gebunden zu sein. Und ich habe gelernt, dass es sehr befriedigen kann, in gleichberechtigtem Teamwork ein Buch zu schaffen statt monomanisch auf sich selbst fixiert zu sein.

Man hört es vielleicht schon heraus: Ja, ich habe Blut geleckt. Ich könnte mir vorstellen, mit den jetzigen Mitarbeitern irgendwann für ein schon lange gärendes Lieblingsprojekt ins Crowdfunding zu gehen. Mal sehen ...

02.08.2014

Buchhaltährlisch!

02.08.2014 4
Und wieder einmal ist es Zeit für ein kleines Dramolett mit Tante Erna. Tante Erna hat nämlich einen solchen Erfolg mit ihrem Fußpilztagebuch gehabt, dass sie von einer einschlägigen Firma kontaktiert wurde:
"Wir machen in Füßen. Also eher so ekliges Zeug mit Füßen. Sie wissen schon, Pilze, Ekzeme, Hornhaut, eben alles, was Füße so zusammenhält. Könnten Sie nicht hin und wieder unsere Statistik pflegen? Sie bekommen einen Obolus und wir können mit ihrem Namen angeben: Hier wird jeder Pilz von Tante Erna persönlich gezählt. Sie mit Ihrem einmalig myzelhaften Charisma!"
Tante Erna hat sich breitschlagen lassen. Sie hat nun mal ein Faible fürs Thema. Sie ist außerdem - neben all ihren Tücken - ein großzügiger Mensch. Und wer schlägt schon Dauerauträge aus ... Aber plötzlich fand sie sich auf dem Hühnerhof einer Dorfposse wieder.

... oder war es der Hühnerhof der Dorfeitelkeiten?
Jedenfalls fuchste sich Tante Erna schon vor Monaten ins Thema ein und fand ein recht gutes System, all diesen Fußkram auf neckische Art zu zählen. Und sie zählte und zählte, ganze drei Monate lang, musste dann Mahnung auf Mahnung zählen, denn wenn eines in diesen Monaten nicht geschah, dann war es das Ereignis, dass jemand zahlte. Ich habe es bereits mehrfach erwähnt: Meine Tante Erna ist ein bißchen doof. Sie guckt Verkaufsshows im Fernsehen und verwechselt die Schauspieler von Seifenopern mit ihren Freundinnen. Aber sie hat ein goldenes Herz. Und deshalb zählte sie treudoof weiter und stellte fest: Ihr Geld war wieder nicht überwiesen worden! Von einem Dauerauftrag weit und breit keine Spur. Da werden selbst Tantchen die Hühner zu bunt und sie ließ sich auf einen Dialog mit der Buchhaltung ein. Sie behauptet, er habe sich genau so zugetragen. Aber solchen Fußschweiß glaubt ihr doch keiner!

Tante Erna (TE) mahnt ungeduldig ihr ausstehendes Fußpilzhonorar an.
Buchhalter Dädschmer (BD): Des kannich ned bezahle.
TE: Warum können Sie das nicht bezahlen?
BD: Weilich kai Beleg habbe tu.
TE: Was brauchen Sie für einen vereinbarten Dauerauftrag einen Beleg? Sie bekommen halbjährlich Rechnungen von mir.
BD: Ja weil desderhalb habbich jetzt kai Beleg und kanned bezahle.
TE: Sie haben den Bescheid vom Oberboss.
BD: Abber der schdehd innem Protokoll, wasich ned uffem Schreibtisch hab.
TE: Dann legen Sie es sich da hin und zahlen jetzt schön ordentlich mein Honorar. Sie haben schon die letzten drei Monate nicht bezahlt!
BD: Aber weil desderweil ich kai Beleg gehabt hab!
TE fällt in den Sprachduktus ihres Gegenüber, so wütend ist sie: Sie hatten meine Rechnung uffem Tisch gehabt, laut und deutlich! Da steht alles drin, Fälligkeiten und Verzugszinsen, alles.
BD: Aber die lag jetzt au ned ganz genau uff meinem Tisch, weil ich da annem andere Tisch gesesse bin, ich muss ja schließlich aumal was drinke gehe und kann ned immer nur an dem eine Tisch sitze. Und jetzertganzgenau an dem Tisch hab ich kai Beleg.
TE sichtlich genervt: An welchem Tisch sitzen Sie denn jetzt? Schreibtisch oder Trinktisch?
BD: Ja also, wennse mich jetzt so genau festnageln wollen, muss ich erschd nachgucke.
TE: Prost!
BD: Ich verbitte mir den Ton, ich bin hier buch-hal-tährisch tätig!
TE trocken: Das heißt buchhálterisch.
BD: Saggich doch! Buch-haltährisch.
TE: Buchhaltährlisch nohmol, wo bleibt mein Geld?
BD: Ich hab doch kein Beleg.
TE: Ihre Ohren sind ekzemfrei? Wissen Sie, das kann nämlich von den Füßen heraufwandern, wenn man so lange am Tisch ...
BD: Un außerdem hat der Oberboss mir noch kai Beleg vonderdervon ...
TE: Aber der Oberboss hat sie schon oberbosspersönlich mehrfach zum Zahlen aufgefordert!
BD: Aber der hat nur g'mailt, des isch derderfür kai Beleg.
TE röchelnd, von unterm Schreibtisch: Sie bekommen doch halbjährlich meine Rech...
BD Die kann ich dann jetz ned bezahle, weil wenn Sie mal gege mich prozessiere däde, hab ich nur die Mails vom Oberboss und die Rechnunge und derderweil müsse mer des oberkorrekt mache des Desderweil mit dem Demdervon!
TE flippt unterm Schreibtisch aus: Sie Derderdipfelesschisser Sie! Ich perperprozessier gleich für mei Desderhonorar, dass Ihne demdes Höre und sehrso Sehe vergeht! Sie Drinktischakteverleger, Sie Brotokollignorant, Sie Mailberbärbanause, wie viele Zurufe brauchen Sie denn noch, Sie DÄTSCHMER?!?
BD wie aus Büroschlaf auftauchend: Oh, haddo mich wer g'rufe?

Tante Erna ist nach diesem Erlebnis erst mal in Wellnessurlaub auf die Cayman Islands verreist. Sie meinte, sie könne mindestens sechs Wochen lang nicht mehr das Wort "Beleg" ertragen, sonst müsse sie ihren berühmten Fluch bis ins siebte Glied aussprechen. Auf was sie denn dann verfluchen würde, wollte ich wissen. Auf Fußpilz natürlich, mein Kind", meinte sie zwinkernd. Sie hat gut Zwinkern, bis jetzt hat jeder ihrer Flüche schon im ersten Glied gewirkt.

19.07.2014

Der Georges im Glaskasten

19.07.2014 2
Für Bucherfolge, so scheint es, muss man nicht unbedingt überdurchschnittlich begabt sein in diesen Zeiten: Man muss nur eine ganze Menge Kohle haben. Richtig extrem viel Kohle. So sieht's jedenfalls um Skandalautor James Frey aus, der die Welt nun mit einem Multimediaspektakel beglücken will. Die Idee ist alles andere als neu: Einer schreibt ein Buch und verkauft gleich im Bundle Lizenzen in andere Medien hinein: Film, App, Spiel, weltweite Übersetzungen sowieso. Das machen andere auch schon, "blubbern" aber nicht so laut über "crossmediale Ereignisse". Meine Anna Orlando beispielsweise ist auch Teil eines Transmedia-Projekts, an dessen Ende mal ein Buch stehen soll. Nur ist sie gerade am Fernsehen gescheitert: Die ARD hat sich kürzlich für eine Kutschfahrt mit Promi-Model entschieden statt für einen Fußmarsch mit einer Unbekannten. Es muss also schon viele Nummern größer sein!


James Frey, der nicht identisch ist mit dem James N. Frey, welcher immer besser weiß, wie man gute Romane schreibt, hat dagegen gleich 20th Century Fox hinter sich. Und andere Großkopfete, die fett und aggressiv in die PR einsteigen können, eigene Angestellte hat er auch. Denn so ein einzelner Autor allein reißt so ein Multimediaspektakel nicht auf einer Backe sitzend herunter. Nun hatte sich's aber gerade dieser Autor mit seiner Lesergemeinde aufgrund einer erstunkenen und erlogenen Autobiografie verscherzt. Seine Angestellten und Lohnschreiber soll er jämmerlich bezahlen, konnte man im New York Magazin lesen. Kein Problem ... damit die Leute so richtig heiß anspringen auf seinen Stoff, sind diesmal reale Millionen zu gewinnen. Diese Idee ist durchaus neu: Versprechen wir künftig unseren Lesern eine Art Schmerzensgeld fürs Lesen ... und damit wir nicht an alle ausschütten müssen, machen wir einen Hauptgewinn daraus. Schlau. Kreatives Zocken statt Schriftstellerei.

Dieser Hauptgewinn nun soll mit Riesentrara in einem gläsernen Schrank präsentiert werden. Hoppla. Moment mal. Das war doch alles schon mal da! Genau so, wie er mit seinem Büro von Billigschreibern Alexandre Dumas nachmacht, gab's auch schon mal diesen gläsernen Schrank. Es sollte die größte Betrugsgeschichte der Literatur werden!

Es war einmal ein weitscheifiger Schreiber bei einer Pariser Klatschzeitung, dem Merle blanc. Der dachte sich einen "Scherz" aus und setzte mit dem Zeitungsmacher und einem Kerl namens Desnos einen Scheinvertrag auf: Der junge Schriftsteller würde sich verpflichten, in einem eigens gebauten Glasschrank - vor dem Moulin Rouge - mitten im Publikum einen Roman zu schreiben. Damit das Ganze nicht zu einfach würde, in Echtzeit, in nur drei Tagen und Nächten. Paris Matin war bereits dafür gewonnen, die Fortsetzungsgeschichten abzudrucken. Und damit das Ganze noch schwieriger wurde, gab's so eine Art Crowdsourcing: Das Publikum würde dem Schriftsteller im Glaskasten Figuren und Plot zurufen können - der musste reagieren und alles verarbeiten.

Schmerzensgeld, pardon, Honorar, sollte dem jungen Mann im Glaskasten dafür gezahlt werden. Bei so viel PR und Öffentlichkeit nicht wenig. Und hey, das war immerhin vor dem Moulin Rouge, Freys Las Vegas von damals! Ein Vorschuss von 25.000 Francs war sofort fällig, der Rest der 100.000 Francs sollte nach Beendigung des Romans ausgezahlt werden. Das war 1927 eine Menge Geld! Der junge Mann kassierte schon mal seinen Vorschuss von den hoffnungsvollen Geldgebern.

Und prompt kam die Maschinerie in Gang: Was wenig kostet, ist bekanntlich nichts wert; was so viel kostet, musste das Hammer-Event werden! Berühmte Leute ließen sich öffentlich jubelnd für die PR einspannen: Youki und Robert Desnos, André Warnod und andere. Der Schriftsteller und seine Spießgesellen jubelten noch lauter: Sie hatten nie vorgehabt, je dieses Buch zu schreiben, je dieses Spiel zu spielen! Das einzige, was an diesem "Spaßbetrug" echt war, der die Literaturwelt vorführen sollte, war der Erfinder desselben: Georges Simenon.

Der 24jährige Redakteur Simenon bekam vor der Durchführung kalte Füße. Man brach das betrügerische Experiment kurz vor der Inszenierung ab. Ob Simenon seine 25.000 Francs je zurückgezahlt hat, ist nicht überliefert. Er ist nie in einen Glaskasten gestiegen und war doch fortan in Paris bekannt. Die PR hat seiner späteren Karriere nicht geschadet und Publikum wollte schon immer beeindruckt werden ... und sei die Blubberblase noch so leer.

Nun will uns also ein Schriftsteller Geld in einen Glasschrank legen. Mögen sie ihn auch weltweit so feiern, wie damals alle auf Simenon angesprungen sind: Diese Ideen sind alles andere als neu. Nur hat der Erfinder der Bombast-PR in der Buchbranche sich damals rechtzeitig auf das besonnen, was Bücher wirklich ausmacht.

20.06.2014

Das Geheimnis des Bezauberns

20.06.2014 0
"Storytelling" ist in aller Munde. Auch der kleinste Werber glaubt heutzutage, dass er unwiderstehliche "stories" in die Welt setzt, wenn das hochpolierte Auto nur durch die richtigen Landschaften düst. Und in der Folge glauben dann alle, die Social Media nutzen, dass man nur genügend Geschichtchen erzählen muss, damit einem die Leute atemlos folgen. Da ist natürlich etwas dran: Man folgt lieber witzigen Twitterern als denen, die täglich in grauer Routine erklären, wann sie Toilette und Dusche benutzen. Und man hat diese ewigen Fressbilder bei FB am schnellsten satt, wenn sie aussehen, wie schon mal gegessen, und sich nicht wirklich von anderen unterscheiden ... wenn also keine "story" dahinter steckt. Und so pappt man einfach ein Foto mit Botschaft in den virtuellen Raum ... im realen Raum abfotografiert, aufgepeppt mit "story" - mit welchem Effekt?

Twitter: "Gogol, die olle Nase, hat der Papier geschnieft?"
Gogol hätte womöglich die Nase gerümpft. Der schaffte nämlich eine ganz andere Magie: Er hat "einfach nur" Text verfasst, nämlich die Geschichte von einem Mann, der seine Nase verliert, und einem anderen, der zur Nase wird. Und diese verrückte Erzählung ist so eng mit dem realen Sankt Petersburg seiner Zeit verknüpft, dass man sie ihm einfach abnehmen muss und hineinschlüpft in diese Stadt, die Nase förmlich eine Kutsche besteigen sieht. Wer diese Erzählung liebt, wird die Bilder im Kopf nie mehr los, und seien sie noch so surreal. Sie würden sich bei einem Besuch im Handlungsort womöglich sofort wieder melden!

Nun haben ganze Generationen von Literaturwissenschaftlern versucht, das Rätsel zu lösen, das uns so rückhaltslos in Geschichten fallen lässt, so dass wir die Welten von Büchern fast real erleben. Ich werde den Teufel tun, dieses Geheimnis ebenfalls lösen zu wollen. Die einen Schriftsteller können es einfach und manche Autoren werden es nie richtig lernen. Weil man es nicht komplett lernen kann, niht künstlich erzeugen. Es hat viel mit der eigenen Haltung und Authentizität, den eigenen Leidenschaften und Begeisterungen zu tun.

Mich interessiert dabei ein anderer Aspekt - denn eine ähnliche Bezauberung erlebe ich im Theater. Ich wollte wissen: Was würde passieren, wenn man Geschichten nicht mehr in Büchern erzählt, auch nicht in Social Media, sondern im realen, dreidimensionalen Raum? Sozusagen "back to the roots", wie der Urmensch am Lagerfeuer? Wie würde hier "Bezauberung" funktionieren? Wollen die überkommunikativen Menschen von heute überhaupt noch Geschichten hören? Was macht es mit den Geschichten, wenn sie aus Buchdeckeln und Readern befreit werden ... in die frische Luft, den Straßenlärm, die Hetze einer Stadt?

Kann man Menschen zum Sehen von Nasen bringen?
Nichts ist öder als die herkömmlichen Stadt- und Museumsführungen, wo irgend wer wie eine Wikipedia auf zwei Beinen unaufhörlich schlauschwätzt und mit möglichst vielen Jahreszahlen um sich wirft. Ich konnte und wollte solchen Leuten schon als Kind nicht folgen: Da stand dieser magisch wirkende Gegenstand in einer Vitrine und schrie förmlich nach einer lustvollen Beschreibung und interessanten Geschichten ... und dann musste ich mir im Leierton anhören, dass der Soundso II. das Ding am 24. September Siebzehnhunderttobak gekauft hatte, um es am 25. seiner Frau zu schenken. Warum nicht erzählen, was der Soundso für ein Mensch war, wie seine Ehe lief, warum er seiner Frau ausgerechnet das Ding schenkte und warum er es so spät einkaufte? Und vielleicht steckte hinter dem Ding auch noch eine Geschichte? Oder noch besser: Vielleicht gab es eine Verbindung zu den Zuhörern, die auch manchmal Dinge verschenken oder spät einkaufen?

Ich musste dieses abstoßende Verfahren brechen. Vollkommen in die jeweilige Zeit schlüpfen. Was liegt da näher als eine Kunstfigur, die auch durch entsprechende Kostümierung optisch aus der Zeit fallen könnte? Und wenn es darum geht, sämtliche Jahreszahlen à la Schulunterricht aus einer Veranstaltung zu tilgen, so bin ich als Autorin radikal: Ich erfand Anna Orlando, die den gleichen Tick hat wie einst der Graf von Saint Germain: Sie lebt ewig. Sie könnte sogar, als Hommage an Virginia Woolfs "Orlando" bei Bedarf das Geschlecht wechseln. Hundert Jahre - kein Problem für diese Frau!

Und dann der Härtetest in der Stadt. Wo Glockenläuten einem die Stimme erschlägt, wo der Verkehr brandet und Busse im falschen Moment brummen, da schreien welche beim Fußballgucken und andere tapern einem entgegen, ohne vom Smartphone aufzusehen.

Der Bruch wird mit einem Hut und einer magischen Geste gemacht: Ab jetzt sind wir im 19. Jahrhundert - und was da lärmt, das sind Kutschen und Kaleschen, schreiende Händler und Esel. Es ist nicht einfach, in beweglicher "falscher" Kulisse bei der Rolle zu bleiben! Die unbeteiligten Passanten werden missbraucht, ohne es zu bemerken: Schaut euch um, Leute, schaut euch die Touristen an, die Einheimischen! Könnt ihr die Ganoven erkennen, die Badgäste ums Ohr hauen wollen? Seht ihr diese seltsam bleichen, ultradürren Frauen, die vor der Choleraepidemie geflüchtet sind? Oder die Leute mit dem glasigen Blick, die sich von ihren Notizen fürs Casino gar nicht losreißen können?

So verschiebt sich Wirklichkeit. Und sie verschiebt sich intensiver, wenn aus einem Hauseingang eine streitbare Frauenrechtlerin stürzen könnte, wenn in einem düsteren Keller Carlsbader Wasser gefälscht wird, um Reibach mit dummen Kurgästen zu machen. Da lässt sich spontan alles einbauen: der Reiherbrunnen ohne Wasser? Komische Schläuchlein daran und ein amtlicher Zettel? Da hat doch die sonst so bequemliche badisch-großherzogliche Polizei endlich einmal geschaltet und die Betrüger der Stadt dingfest gemacht! Aus mit dem vermeintlichen Carlsbader Luxussud!

Das sind die Momente, wo der Zauber geschieht. Da hat man sie alle plötzlich am Haken, die Menschen, die von sich glauben, sie lebten im 21. Jahrhundert. Der Brunnen ist ja real, das Amtspapier mit Händen zu fassen! Dass es von Reinigung und irgendwelchen Arbeiten spricht, kann doch nur Fiktion sein!

Und der Mann, der mich immer wieder unterbricht, um sein Wissen von den Häusern aus den 1970ern kund zu tun? Ich fasse ihn plötzlich an der Schulter und quietsche vernehmlich: "Vorsicht, einen Schritt zurück, beinahe hätte Sie die Kutsche auf dem Boulevard erfasst! Nur nicht mit dem Kopf in einem falschen Jahrhundert hängen, hier spielt die Musik, im neunzehnten!" Zweimal muss ich das nicht sagen - die Gruppe verstärkt die Zeitmaschine durch ihre Energien.

Die Menschen kippen. Die unverrückbar erscheinende alltägliche Perspektive ist gebrochen. Wie durch Zauberhand haben sie ihren eigenen Standpunkt verändert. Und so würden sie sich kein bißchen wundern, wenn jetzt vor dem Kurhaus tatsächlich der böse raunzende Mark Twain um die Ecke käme. Seine Geschichte von der Trinkhalle, so erzählt, wie er sie mir, der Anna Orlando, zuerst erzählt hat, beißt sich in den Köpfen fest. Da ist dieser eine Ausdruck, über den er sich lustig macht ...

"Ich werde nie wieder die Trinkhalle anschauen können, ohne sofort an diesen Ausdruck zu denken", gesteht nachher eine Teilnehmerin. Sie haben ein neues Wort geschenkt bekommen, das sie sonst nie benutzen würden. Und dieses Wort hat sich an einem Gebäude festgehakt, ist Teil ihrer Stadt geworden. Es schlägt Wurzeln, bildet Samen. Wenn diese Leute demnächst mit Familie oder Freunden an der Trinkhalle vorbeikommen werden - können sie dann still sein, schweigen? Oder platzt es aus ihnen heraus, dieses neue alte Wort, diese Geschichte? Sie werden die Geschichte weitererzählen, mit eigenen Worten. Mark Twain wird dadurch wieder durch die Stadt geistern.

Und nachher haben sie alle Appetit auf mehr, weil ich sie "ihre" Stadt mit völlig neuen Augen habe erleben lassen. Und weil ich keinen malträtierte mit Jahreszahlen und Wikipediakram. Wann es endlich "dieses Buch" gäbe, wollen einige wissen, mit Stadtplan und tollen Geschichten? Da muss ich allerdings vertrösten. Diesmal schreiben sich die Geschichten nämlich andersherum. Ich will noch viele Spaziergänge machen, zu unterschiedlichen Themen, will umgekehrt hinspüren, welche Figuren und Ereignisse mein Publikum leben lässt und wen es einfach übergehen mag. Ich will diesem Zauber nachspüren und dann den Zauber in ein Buch bannen, aber anders, als eigenes Medium. Jetzt habe ich erst einmal Blut geleckt, noch konsequenter zu Anna Orlando zu werden, noch deutlicher die Zeitmaschine zu betätigen.

Tipps:
Wassili Schukowski - das große Essay über den russischen Dichter in Baden-Baden
Nikolaj Gogol: "Die Nase" bei zeno.org lesen
Stadtspaziergänge in Baden-Baden mit Anna Orlando

14.06.2014

Wenn der Alp auf den Reader drückt

14.06.2014 2
Normalerweise erzähle ich öffentlich keine Träume. Ich fürchte nicht so sehr fleißig mitschreibende Freudianer und Geheimdienstdeppen als vielmehr Langeweile beim Publikum. Aber der Traum von heute Nacht ist doch sehr bezeichnend.
Ich ging guter Dinge schlafen. Eigentlich sogar bester Dinge, denn eine Zuschauerin hatte mir eine überwältigende Mail zu meinem Theaterstück geschrieben, in der es u.a. hieß:
"Im Verlauf des Stückes wurden die so gegensätzlichen Gefühle, Träume und Visionen in eindrücklicher Brillanz erfahrbar und ließen beide Persönlichkeiten zur gelebten Wirklichkeit werden."
 Und dann stand ich im Traum plötzlich auf der Bühne, auf einer richtigen Theaterbühne ... und der Vorhang sollte aufgehen. Da ist passiert, was man wohl in solchen Momenten am meisten fürchtet: Mein Text war weg. Mein Kopf leer, fühlte sich an wie Watte. Keine Erinnerung an nichts mehr.

Die Schauspieler aufgeregt, versuchten, mir zu helfen. Ob ich wenigstens die Texte dabei hätte, sie zur Not ablesen könne. "Ich habe meinen Reader immer dabei", verkündete ich stolz und zückte meinen Kindle. Durchflog die Themengruppen, fand "Theater" ... und nichts! George Bernard Shaw, Anton Tschechow ... aber den Text von der komischen Trulla sah ich nicht. Aber der war doch bei den Proben noch da gewesen! Neuer Suchanlauf ... ich wollte in jedes Eck meines Readers spähen. Plötzlich ein Grinsekatzengesicht und die Meldung: "Dieses Stück ist bei Amazon nicht verfügbar, wofür halten Sie uns!" Hä?!? War das die Höhe!

"Bei Amazon gibt's das nicht", heulte ich den Schauspielern was vor, "was mach ich jetzt, es ist verschwunden!"

Drohend dräute der Dramaturg über mir und intonierte wie ein hohler Geist: "Ja, hast du denn deinen Text nicht auf PAPIER!? Bist du des Wahnsinns fette Beute?!?"

Ich wühlte verzweifelt in einer Handtasche, deren Inneres mindestens so groß und dunkel wie die Arktis wurde ... und fand die urkomischsten Dinge, aber kein Papier. Derweil dräute auch der Vorhang gefährlich ...

Ein letzter verzweifelter Griff zum E-Reader, vielleicht hatte ich ja aus Panik den Text nur übersehen. Passiert häufig, dass man kopflos und eilig etwas sucht, das ganze Haus auf den Kopf stellt und nachher findet es sich genau dort, wo es immer war. Ich also wieder auf den Anschaltknopf gedrückt. Kommt ein Bild mit einer leeren Batterie und den Worten: "Ich habe keinen Saft mehr. Glaubst du, ich lebe ewig?!?"

Das hat mir den Rest gegeben. Über der verzweifelten Suche nach einem Ausdruck meines Textes in den Requisiten bin ich dann panikartig aufgewacht.

So eine Aufregung, nur ja hoffentlich nicht zu versagen, wirkt ganz schön lange nach. Zuletzt hatte ich das mit Träumen, ich müsse nochmal das Abitur machen. Dabei ist der Erfolg schon bald einen Monat her. Dabei lese ich im Moment lauter begeisterte Zuschriften. Aber über all das kann man hinwegkommen. Viel erschütternder finde ich, dass die Branchendiskussion um Papierbuch oder E-Book solche bedrohlichen Formen annehmen kann und mein Reader nachts ein äußerst zweifelhaftes Eigenleben führt. Aber an diesem Traum ist ganz sicher wieder nur Amazon schuld, mein Buchhändler hätte solche Dialoge nie gesprochen ...

PS: Ja ja, ich weiß, Autorinnen inszenieren jeden Text. Aber ich schwöre hoch und heilig, die Dialoge sind echt. Ähm ... nur den verhunzten Shakespeare, den habe ich mir nicht verkneifen können, nachträglich einzusetzen.
PPS: Apropos Autoren und ihre seltsamen Träume: Christa S. Lotz hat da einen herrlichen Hamster zu bieten!

09.06.2014

Zuschauer-Feedback

09.06.2014 0
Weiter unten soll das nicht in den Kommentaren untergehen, denn es ist zu schön. Lydia hat die szenische Lesung meines Stücks "Jeux - russische Spiele in Baden-Baden" gesehen und mir folgende Zeilen geschickt:

"Was soll ich sagen: Es war ein toller Abend. Ein Stück wie ein Tanz, voll Begeisterung, Enttäuschung, Verzweiflung zugleich. Die authentische Atmosphäre entsteht schon bei der Einführung der Autorin, die in der Rolle des Hotel-Zimmermädchens mit markanten Kommentaren und pikanten Details aufwartet.

Das Stück selbst beginnt langsam. Die beiden Figuren umschleichen einander mit Vorsicht und Skepsis. Schicht um Schicht schält der Text die künstlerischen, ökonomischen und emotionalen Konflikte heraus, tastet sich an den Kern der Sache heran. Einfühlsame Monologe gewähren dem Zuschauer Einblicke ins Innere der beiden Akteure, in dynamischen Dialogen spitzt sich der Konflikt zu. Man kann beide Figuren verstehen, keiner ist zu verurteilen. Mit Daniel Arthur Fischer und Sebastian Mirow haben Nijinsky und Diaghilew eine ideale Besetzung gefunden.

Ich jedenfalls wünsche Deinen JEUX von Herzen, dass sie bald auf einer richtigen Theaterbühne zum Leben erweckt werden und bin schon sehr gespannt darauf."

01.06.2014

Vom Kaffee und vom Schreiben

01.06.2014 0
Ich erzähle sicher nichts Neues, wenn ich sage, dass ich wie viele AutorInnen ein Kaffee-Junkie bin. Vor meinem ersten Café au lait am Morgen spricht man mich besser nicht an. Auf Kaffee verzichten? Allenfalls bei ernsthaftem Krankheitsbefund oder wenn das Gebräu einfach zu schlecht wäre! In der Regel kaufe ich im Supermarkt, mehr oder weniger bewusst - und wenn möglich aus fairem Handel, nie als überteuerten Kapselmüll. Arabica-Bohnen müssen es sein, die Sorte aromatisch. Aber dies soll kein Artikel über Genüsse aus gerösteten Bohnen werden! Ich will darüber nachdenken, was unsere Texte und Bücher womöglich mit Kaffee gemeinsam haben könnten.


Irgendwann war Monatsende, mehrere Kunden hatten ihre Rechnungen nicht bezahlt, ich war fast pleite und freute mich: Mein Supermarkt hatte eine Großpackung italienischen Espresso mit fünf oder sechs Kaffeepäckchen zu einem sagenhaften Sonderangebotspreis. Den konnet ich mir gerade noch leisten und würde sehr lange an meinem Kaffee haben, also auch Benzin und Zeit sparen. Billigst, schnell, bequem, sofort im Haus. Nur dass ich vor lauter Sparsamkeit vergaß, genauer auf das schreiend rote Päckchen zu schauen. Nach dem ersten grausligen Schluck holte ich das nach: Kein Wort über die Bohnen oder die Röstung. Ich hatte schauderhafte Robusta-Bohnen eingekauft. Und sechs Päckchen miesen Geschmack vor mir ...

Unlängst, bei meinem Auftritt, bekam ich statt Blumen ein Geschenkpäckchen von der Veranstalterin. Man habe das schon lange statt Blumen eingeführt. Völlig übernächtigt öffne ich es am nächsten Morgen und zum Vorschein kommt ein Riesenpäckchen Kaffee aus dem Edelladen in der Innenstadt mit Rösterei, liebevoll mit Kaffeenougat verpackt und dem handschriftlichen Vermerk in Silberschrift, dass es sich um einen speziellen Monsooned Malabar handle - eine Bohnenspezialität, die vor dem Rösten dem Monsunregen ausgesetzt wird. Das erfahre ich, weil ich die Edelware im Internet suche. Denn meine Neugier ist geweckt! Nach meinem Monatsende-Grauen eine wahre Geschmacksexplosion, die ich zelebriere: sanft, aromatisch, schmiegeweich, mit einem Schokoladeton. Kostet genau das Doppelte vom normal guten Kaffee aus dem Supermarkt. Aber ich habe Blut, pardon, Aroma geleckt: Den würde ich wieder kaufen! Trotzdem.

Was hat das mit Büchern zu tun?
Es trifft so ziemlich mein Einkaufsverhalten bei Büchern. Manchmal habe ich schlicht kein Geld übrig und bin trotzdem lesehungrig und süchtig: Ich fahre zur Bibliothek oder lade mir ein billiges E-Book aus dem Großramschladen auf den Reader. Und manchmal darf es der Hochgenuss sein, dann will ich das Schleifchen aus dem Edelbuchladen ohne Stapelware - das goutiere ich dann. Ich kaufe fair ein, wenn mir danach ist - und nicht, wenn mir das die Moralkeulen von außen einhämmrn wollen. Manchmal zweifle ich an so manchem Bio-Label (zu Recht, wie man weiß) und dann ist der Hypermarché doch wieder der vernünftigere. Ich kannte mal einen kleinen Buchladen, der hat sein Personal übler behandelt als Amazon. Manchmal will oder muss ich auch einfach herumsauen, weil die Marke im Edelladen gar nicht herumliegt. Ich kaufe nach Gusto und nach Geldbeutel - und beides kann sehr schwanken.

Ich bin das, was vielleicht weder Amazon noch der unabhängige Buchhandel so wirklich mögen: Eine Multikanal-Einkäuferin; eine Verbraucherin, die nicht mehr nur einen Weg will, sondern alle. Und die das sehr spontan und nicht immer nach langem Nachdenken entscheiden möchte. Die oft auch bequem ist und es eilig hat - aber immerhin, mein Hypermarché hat einen Drive-in und die Edelrösterei versendet auch per Internet!

Die Diskussion, die derzeit wieder um die Rettung des Buchhandels aufflammt, kennen wir alle. Inzwischen hat mich auch schon eine Buchhändlerin angeherrscht, weil ich bei Facebook einen Amazonlink für die Kindle-Ausgabe eines meiner Bücher postete. Pfui aber auch. Finde ich aber nicht: Als Autorin muss ich an alle KundInnen denken. Und da sind halt auch mal solche dabei, die sich die Brühe im Massenladen holen wollen, warum auch immer. Würde diese Buchhändlerin denn mein Buch anbieten?

Aber auch diese Diskussion will ich jetzt gar nicht bedienen. Weil nämlich die Autorinnen und Autoren darin nur seltenst vorkommen. Die stehen ganz unten, wie die Leute, die die Kaffeebohnen pflücken. Nur, dass noch keiner einen Fair Trade angedacht hat: Wir legen dein Buch in den Edelladen, damit du es nicht mehr nötig hast, dich auf dem Weltmarkt verzocken zu lassen. Wir garantieren dir gute Mindesttantiemen. Was für ein Traum!

Was hat das mit dem Schreiben zu tun?
Es geht aber auch um den Text selbst. Mit dem all die Fragen um Wertigkeit und Genuss doch erst anfangen. Ich habe mich einmal gefragt, wie das in Zukunft mit dem Geldverdienen aussehen könnte, wenn unsere Bücher in immer weniger Buchläden überhaupt "vorkommen", wenn sie immer unsichtbarer im stationären Handel werden (das ist ja nicht erst seit Amazon der Fall). Ich frage mich, was aus unserem Einkommen würde, wenn "Geiz ist geil" sich durchsetzte, wenn die Preise für E-Books ins Bodenlose fielen oder Streamingdienste den Abruf ähnlich kläglich bezahlen würden wie Spotify unbekannte Musiker. Vielleicht sind wir eines Tages auch wirklich von einem einzelnen Moloch wie Amazon abhängig? Der dann die Tantiemen ganz ohne Verhandlungen diktieren könnte oder uns aussperrt. Könnte ich mir in einer solchen Welt überhaupt noch die miese Robusta-Bohne zum Frühstück leisten?

Ich habe eben mit der Premiere meines ersten Theaterstücks eine ganz besondere Erfahrung gemacht, die sich mit der Idee, Geschichten in den städtischen Raum zu bringen, fortsetzt. Die Kaffeebohne - das sind meine Texte. Die Kaffeerösterei - das bin ich! Da muss es im Regal eben die austauschbare Instantware geben, auch ich saufe sie manchmal im Stehen hinunter und habe den Geschmack dann gleich auch wieder vergessen. Vampirroman von Susi Rose, von Susi Veilchen und Susi Himbeer .... das ist so austauschbar geworden, so ununterscheidbar, dass es die Masse bringen muss, der Preis. Weil da sonst nicht viel Eigenes ist. Kein Wunder diskutiert man in solchen Kreisen das, was die Produzenten meiner schrill-roten Kaffee-Großpackung wohl auch diskutiert haben: Preisaktionen, Dumping, um Regalfläche im Großmarkt zu erobern, Etablieren über die Masse. So funktioniert das nun mal bei einer Käuferschicht, die entweder gerade geizig oder einfach nur arm ist.

Nun war ich für einen Tag jedoch die Kafeerarität. Höchstens 60 Menschen hatten Zugang zu meinem Text, der wie Kaffee veredelt war durch feinste Schauspieler. Nur wenige Menschen konnten mich erleben, noch weniger anfassen und noch weniger hinterher mit mir feiern. Aber was diese wenigen Menschen mir gaben und für mich taten, war ungleich mehr als ich das je bei einem Verlag erlebt habe. Und diese Leute waren berührt, tief berührt, erlebten Emotionen. Sie vergessen meinen Namen nicht und lesen meine Bücher freiwillig. Viele lesen nun alle der Reihe nach. Und natürlich habe ich an dem Abend auch Geld verdient - für das ich sonst viele Bücher verkaufen müsste.

Das ist etwas, was niemand heutzutage mehr für mich tut, wenn ich nicht den Spitzentitel bekomme, und was Amazon absolut nicht leisten kann: die Rarität, die besondere Marke erschaffen.
Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer schlimmer. Will heißen: Neben "Geiz ist geil" gibt es auch immer mehr Menschen, die in edle Ware investieren. Wenn selbst eine Arme wie ich bereit ist, das Doppelte für einen köstlichen Kaffee auszugeben, nur weil er köstlich schmeckt und für alle Sinne verpackt ist!

Ich glaube, dass wir vielleicht tatsächlich mit E-Books immer weniger verdienen werden - aus vielen, komplex gestalteten Gründen. Aber da draußen ist ein Hunger nach dem Mehrwert, nach Luxus, nach sinnlichem Erleben und Emotionen. Ich muss mich als Autorin anfassen lassen, Gefühle teilen, Emotionen wecken - das kann man geschützt sehr professionell tun. Wenn die Qualität stimmt, wenn der Geschmackssinn überwältigt wird, dann sind Kunden wieder bereit, zu zahlen. Sie wollen genießen. Sie wollen etwas, was nur Kleinstrukturen wirklich können, nicht Konzerne: Dieses Du-zu-Du.

Als Autorin bin ich die kleinste Kleinstruktur. Ich kann all die üblichen Wege gehen, solange es sich für mich lohnt. Aber wirklich lohnt sich für mich auch finanziell die Tuchfühlung mit meinen "Kunden" - der direkte Kontakt zu meinen Leserinnen und Lesern. Und darum entwickle ich künftig Bücher auch andersherum. Vom Storytelling her, vom Feedback her. Meine literarischen Spaziergänge sind Vorstufen, die irgendwann ins Buchprojekt münden sollen, vielleicht auch durch Crowd und Sponsoren mitfinanziert. E-Book als preiswerte Volksausgabe, den Luxus im Print, die Rarität gegen Eintritt live. Ich bin sogar so weit, dass ich mir vorstellen kann, auch den Verkauf zusätzlich auf mich selbst zu ziehen - mit einem White-Label-Autorinnenshop. Wo meine treuen Leser diejenige direkt unterstützen, die sie auch lesen wollen: mich.

Zukunftsmusik? Sicherlich. Aber man muss jetzt anfangen, sie zu erdenken. Ich glaube nicht an die Unkenrufe, die Amazons Weltherrschaft fürchten. Amazon macht in Robusta und Mischmasch und wird eines Tages so riesig sein, dass es bestimmte Dinge, die Kunden lieben, gar nicht mehr erfüllen kann. Konzerne können nicht alles. Kleinststrukturen können auch nicht alles. Was sie aber können: Sie sind die flexibelsten auf einem Markt, sind Risikofreude schon um des Überlebens willen gewohnt, sie können schneller und wendiger reagieren als jeder größere Apparat. Autorinnen und Autoren werden vielleicht in Zukunft die besten Guerillakämpfer fürs Buch sein. Wer eine Zukunft fürs Buch will, muss dessen SchöpferInnen hätscheln. Sie sollten wir pflegen, fair handeln ... sonst handeln sie eines Tages einfach alleine! Wie so manche Kaffeepflücker-Kooperative, die winzig und verlacht anfing und heute schon mal vom Hypermarché umbuhlt wird, weil sie etwas kann, was andere verlernt haben.

PS: Praktisch gesprochen werden demnächst meine E-Books nach und nach via Distributor auch in die Epub-Shops kommen, wobei ich mir über deren Marktanteile absolut nichts vormache. Aber dann haben all die Amazongegner eine Alternative. Und wenn ich Luft und Zeit habe, wird meiner Website ein eigener Shop angeschlossen, mit dem ich dann auch zur Buchhändlerin meiner selbst werde. Print gibt es weiterhin überall im Buchhandel, im stationären, online und natürlich bei Amazon.

Ich werde mir übrigens den Spaß machen zu untersuchen, wie viele meiner E-Books sich tatsächlich außerhalb von Amazon verkaufen werden und das prozentuale Verhältnis dann veröffentlichen.

21.05.2014

Zwischenschweben

21.05.2014 8
Es ist so weit, fast so weit. Nächsten Dienstag hat mein allererstes Theaterstück Premiere als szenische Lesung mit zwei fantastischen Schauspielern. Ich habe die Welt des Romans und der Sachtexte verlassen und lasse die Puppen tanzen: Vaslav Nijinsky und Sergej Diaghilew werden sich ziemlich in die Haare kriegen. Alle fragen mich, ob ich Lampenfieber hätte.

"Du wirst keine Tänzerin, lern was Ordentliches!"
Woran ich im Moment leide, ist etwas ganz anderes: Ein Gefühl der Unwirklichkeit. Weil ich mit aller Macht den Gedanken an den Auftritt verdränge, um eben nicht jetzt schon Lampenfieber zu bekommen, frage ich mich: Passiert das wirklich? Passiert das alles mir? Bin ich womöglich in eine Parallelwelt geraten?

Wahrscheinlich muss das so sein. Ich laufe mir das Gefühl mit meinem Hund ab, indem ich bewusst Rückschau halte: Wie kam es dazu? Wahrscheinlich muss dieses Gefühl auch sein, wenn man sich selbst einen völlig verrückten Traum ermöglicht, wenn man Jahre um Jahre hart an einem Thema arbeitet, leidet und zwischendurch auch mal wirklich nicht mehr weiß, wie man die nächsten Rechnungen bezahlen soll. Weil man diesen Weg weiterverfolgt, obwohl die Vernunft andere, lukrativere Arbeiten verordnen würde. Aber irgendwann muss man die Vernunft auch einmal ausschalten, wenn man an ein künstlerisches Projekt glaubt. Sonst wird es nämlich nie das: "vernünftige" Realität.

Auf dem Foto oben ist Karneval. Ich durfte ein Goldbändchen im Haar tragen und unterm russenroten Mäntelchen ein Prinzessinnenkleid aus Tüll. Was man auf dem Foto nicht hört, sind die Stimmen der Erwachsenen: "Eier nicht so herum, du machst deine Absätze kaputt! Du wirst ja doch keine Tänzerin, schlag dir das aus dem Kopf, lern was Ordentliches!" Man hat versucht, mir mit aller Macht im Elternhaus die Kunst an sich abzudressieren. Wer in unserer Familie künstlerisch tätig wurde, machte sich damit zum Schwarzen Schaf und lebte ausgestoßen - in einer Parallelwelt der "Anderen". Die mich höllisch faszinierten!

Es kommen dann die Jahre, wo man es doch versucht mit der Bürgerlichkeit. Aber wenn es einen durch und durch positiven Fluch gibt, dann ist es die Kunst. Sie kommt immer wieder durch. Und ich hatte das Glück, Menschen zu begegnen, die mich stärkten - wie den Deutschlehrer, der mir einschärfte: "Du kannst allen Quatsch im Leben machen, alles, was du willst. Aber höre nie und nimmer auf zu schreiben." Irgendwann bricht die Kunst durch, fordert ihren Raum. Und irgendwann, viel zu spät eigentlich, war ich dann so weit, mutige und verrückte Ideen zu entwickeln. So kunstfeindlich meine Kindheit war, sie hat mich für das gestählt, was ich später aushalten musste: Für eine Idee, an die man selbst glaubt, von anderen für verrückt gehalten zu werden. Oder von Menschen umgeben zu sein, die alles schlechtreden: Das schaffst du nie! Damit ist doch kein Blumentopf zu gewinnen! Arbeite doch was Ordentliches!

Ich selbst habe es nie geschafft und werde es nie schaffen, quer über eine Bühne "fliegen" zu können - wie es sich dieses kleine Mädchen erträumte und in ihren Träumen auch tat. Das können andere viel besser. Deren Können kann ich umso intensiver genießen. Aber ich habe mich langsam auf meine eigenen Art der Bühne angenähert, mit eigenen Auftritten, nun mit diesem Stück. Und was mich derzeit so trunken und ein wenig verwirrt macht: Ich habe es gegen alle Widerstände geschafft, aus eigener Kraft. Nur, weil ich es wollte. Weil mir das Träumen nicht reichte, weil ich einfach machte. Und schließlich Verbündete dafür begeistern konnte. Der beste Türöffner: Leidenschaft!

In jedem Moment liegt die Möglichkeit eines kompletten Scheiterns. Aber dann habe ich es wenigstens versucht! Und was ist Scheitern? Falls das Stück schlecht wäre? Falls es das Publikum nicht mitreißt? Nein, darin läge für mich nur eine Chance des Lernens, der Verbesserungen. Scheitern, das wäre für mich: Sich selbst zu verraten. Mein Talent zu verraten. Den bequemeren Weg zu gehen, bis Sicherheitsstreben die Kunst tötet.

Als ich das Stück schrieb, hatte ich unwahrscheinliche Probleme mit einem Monolog Nijinskys. Fachlich gesehen weiß ich, dass man in solchen Momenten in die eigenen Abgründe steigen muss - und bei einem Stück ist das ungleich stärker als bei einem Roman. Ich muss Nijinskys Emotionen hervorbringen, muss ihn das leben lassen. Man muss als Schriftstellerin nicht das Gleiche erlebt haben wie die Figuren, aber man muss abstrahieren können auf die Emotionen. Hat eine Figur Angst, kann ich das nur glaubhaft beschreiben, wenn ich selbst schon einmal Angst gehabt habe und mich daran erinnere.

Ich habe beim Entwerfen nicht bemerkt, wie nah mir die Szene wirklich ging. Obwohl sie sich auf ein anderes reales Leben bezieht, obwohl Nijinsky komplett andere Dinge erlebt und gelebt hat als ich, habe ich mir in diesem Monolog einen Kindheitstraum erschrieben. Das geht mir jetzt erst auf. Falls der Monolog funktioniert, wird Nijinsky in diesem Moment für mich über die Bühne fliegen, auch wenn er währenddessen eher erstarrt ist. Die Gänsehaut beim Schreiben hatte ich, weil ich im Schreiben mit ihm geflogen bin.

Nein, das ist noch kein Lampenfieber, das ist Staunen, eher dankbares Staunen, was man aus einem Leben machen kann.Das Lampenfieber dann ist ein notwendiges Instrument, genau zum rechten Zeitpunkt ein Höchstmaß an Bewusstheit und Aufmerksamkeit zu erreichen. So deppert und tappsig ich vorher dadurch werde, so klar und absolut ruhig bin ich in dem Moment, in dem ich auf der Bühne stehe. Ein Arzt hat mal gemeint, dieser Rausch aus einem Mix von Adrenalin und Endorphinen, der dann den Körper überschwemmt, sei auf die Dauer nicht gesund. Ich muss lächeln: Ernähren wir uns in der Kunst nicht oft gerade von diesem Rausch? Ist nicht der Applaus die eigentliche Belohnung für diese mühevolle und harte Arbeit, die keiner auch nur erahnen kann?

Die Menschen, die einem Steine in den Weg legen oder einem wohlwollend abraten, bitte ja nicht zu mutig zu werden - von denen überlebt ein Künstler sicherlich nicht. Wir brauchen Motivation, wir brauchen den unbeirrbaren Glauben an ein Projekt. Und wenn der zu bröseln droht, dann sind ein paar Endorphine so schlecht nicht. Und ein Publikum, das zu applaudieren weiß - was für ein Glück!

Aber es braucht auch das Abschalten und Erden vorher. Vom Alltag, den von allen Seiten zerrenden Pseudoverpflichtungen bis hin zu Mailverkehr. Ich bin also dann mal in der Parallelwelt und erst danach wieder zu sprechen!

11.05.2014

Eine vergessene Perle (1)

11.05.2014 0
Es ist recht modern geworden zu glauben, man könne Bücher heutzutage extrem schnell herausbringen, vor allem, wenn man dafür die Technik eines E-Books wählt. Unter dem Label "Verlagslog", das künftig als Thema im Blogmenü auftaucht und jederzeit abgerufen werden kann, möchte ich darum tagebuchartig vom Entstehen eines Buchs in der Edition Tetebrec berichten. Kurz, knapp und hoffentlich informativ. Inspirierend, aber vielleicht auch abschreckend? Denn ein gutes Buch ist eines nicht: schnell gemacht!

Das Sujet:

Durch einen Zufall habe ich einen Bestseller der Jahrhundertwende um 1900 entdeckt, von einer Frau geschrieben, deren wahres Leben sich bereits liest wie ein spannender Roman. Die heute völlig vergessene Schriftstellerin, die sich für ihre Romane und Kurzgeschichten autobiographisch bediente, hat zum Glück damals auch Tagebuch geschrieben. Die meisten ihrer Werke gibt es zwar beim Projekt Gutenberg oder Zeno, aber nie hat sich jemand die Mühe gemacht, sie zu erklären, vielleicht zu kommentieren oder gar miteinander in Bezug zu setzen.
Den Roman, der ein Bestseller wurde, möchte ich neu herausgeben - aber dazu parallel die spannenden Berichte aus dem wahren Leben setzen. Und weil uns diese in sehr exotische und sehr vergangene Welten führen, sollten sie für ein heutiges Publikum kommentiert werden. Eine Biografie der vergessenen Schriftstellerin und ein eigenes Essay sollen das Buch ergänzen. Gleichzeitig bin ich auf der Jagd nach alten Fotos aus der Zeit - nie wurden ihre Werke illustriert, wohl aber jene Welten von zeitgenössischen Reisenden festgehalten.
Weil das Buch recht umfangreich werden wird (der Roman hat alleine ca. 280 Seiten) und das Risiko relativ groß ist, wird es zuerst einmal nur als E-Book erscheinen.

Die Vorarbeiten:

Gemeinfreie Werke sind nur im Original gemeinfrei. Von Gutenberg und anderen Organisationen aufbereitete Texte verlangen bei kommerzieller Nutzung den Erwerb einer Lizenz, außerdem wurden sie meist bearbeitet (und sind in dieser Bearbeitung nicht mehr unbedingt gemeinfrei).

Suche im Antiquariat: Durch ein unwahrscheinliches Glück habe ich die Originale beider Bücher bei einem Fachantiquar erstehen können. Großes Glück für die Produktion: Sie sind nicht in Fraktur gesetzt. Jetzt heißt es Einscannen und mittels OCR in Textform bringen.

Was dabei herauskommt, ist an manchen Stellen ziemliches Gemüse - es muss korrekturgelesen werden, anhand des Originalbuchs. Ein Haufen Arbeit!

Für die Texterfassung bei der E-Book-Herstellung (ich verwende dafür das Profiprogramm Jutoh) muss ich in Word möglichst ohne Formatierungen arbeiten, aber die späteren Kapiteltitel als Überschriften formatieren. Jutoh wird beim Einlesen der Datei hier automatisch einzelne Sektionen schalten, die den späteren Kapiteln entsprechen.

Bevor es soweit ist, muss ich entscheiden, ob und wie weit ich die Sprache und Rechtschreibung der Autorin "glätte", denn in nunmehr über 100 Jahren hat sich einiges verändert. Nun folgt ein weiterer Korrekturvorgang unter diesen Gesichtspunkten. Ich entscheide mich für den möglichst schonenden Eingriff: Vor allem die ß-ss-Schreibung wird modernen Zeiten angepasst, auch die Getrenntschreibung mancher Worte. Möglichst wenig greife ich ein bei ausländischen Namen, weil sie historischen Karten entsprechen und nur so in zeitgenössischer Begleitliteratur zu finden sind. Eine genauere Erklärung ist hier Sache des Essays.
Vor allem in den Tagebüchern bringt die welterfahrene Autorin Zitate oder kurze Passagen in Fremdsprachen. Soll ich direkt oder nur in Endnoten übersetzen? Ich entscheide mich für die Endnoten, um das originale Flair nicht zu zerstören. Endnoten und Übersetzungen werden nachher eigens lektoriert werden müssen.

Die Tagebücher muss ich genau lesen, um zu entscheiden, welche Passagen relevant sein werden für meinen Stoff. Sie sind nämlich äußerst umfangreich und teilweise geschwätzig - sie waren nicht für die Veröffentlichung geschrieben gewesen. Für die Kommentierung werde ich vor allem damals bekannte Personen recherchieren müssen. Das ist herausgeberische Arbeit - ich muss die Zusammenhänge durchschauen, die historische Materie kennen. Dazu muss ich eine Menge recherchieren.

Noch habe ich es also "nur" mit gemeinfreien Texten zu tun, die andere bedenkenlos bei Amazon einkippen würden. Aber mit dem Original fängt für mich die Arbeit erst an. Jetzt muss ich die Texte so weit perfektionieren, dass ich sie ins E-Book-Gestaltungsprogramm einlesen kann. Von den Pannen oder besonderen Herausforderungen dabei dann in der nächsten Folge ... dranbleiben!
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