10.07.2009

Kunst-PR für Anfänger

Wenn mir einer letztes Jahr gesagt hätte, dass ich wieder in die PR einsteigen würde und das ausgerechnet im Bereich Kunst und Kultur, hätte ich denjenigen für verrückt gehalten. Bitte nicht noch einen Job, bei dem man sich den Wolf arbeitet und sich jederzeit den Herzinfarkt holen kann, mit Kunden, die kein Geld haben, ihre "Ware" lieber im Hinterkämmerlein verstecken und die PR-Fuzzis mit der Schrotflinte vom Hof verjagen. Nun, zum Glück sieht die Wirklichkeit besser aus und der Herzinfarkt wird vielleicht dadurch verhindert, dass Engagement für ein Produkt namens Kunst und Kultur, das man selbst als sinnvoll erachtet, motiviert. Und man arbeitet eher für die, die mit KünstlerInnen arbeiten. In die Abgründe sieht man trotzdem.

Die Webseite will nicht funktionieren

Da war ein Gespräch über ein paar Bildende KünstlerInnen, die sich nun völlig von der Eigenwerbung im Internet abwenden wollten. Seltsam, fand ich, wo doch international die Selbstdarstellung zunimmt und immer professioneller wird. Die Probleme kann man auf andere Künste übertragen:
  • Die KünstlerInnen hatten - meist handmade - Webseiten ins Netz gestellt. Nach einem Jahr kein Erfolg. Keiner fragte Bilder an oder kaufte. Manche bloggten vor sich hin und keiner las mit.
  • Viele beklagten, es schauten sich nur KollegInnen die Webseiten an, kein Publikum.
  • Einige fanden, das Web schade ihnen, weil sie beklaut würden. Statt Bilder zu kaufen, würden die Kunden diese herunterladen und auf Leinwand ausdrucken.
  • Fast alle glaubten, durchs Internet nicht "entdeckt" werden zu können, z.B. für Ausstellungen, von Galeristen, Veranstaltern.
Wer ist schuld am Misserfolg?

Klingt alles eindrücklich und glaubhaft - nur ist ausgerechnet das Internet nicht schuld daran! Internet ist ein Kommunikationsmedium, in diesem Sinn natürlich auch ein möglicher PR-Kanal. Dadurch, dass so vieles kostenlos erscheint und intuitiv machbar, verführt es. Man glaubt, es genüge, schnell "mal was zu schreiben und zu zeigen". Aber wie andere Medien gehorcht auch das Internet eigenen Gesetzen, will seine spezielle Kommunikationweise erlernt werden (und zwar ständig, weil sich alle halbe Jahre etwas ändert). Dazu braucht man nicht sofort Fachleute, Fachwissen ist nämlich auch abrufbar - aber man muss sich darauf einlassen - und sich gegebenenfalls helfen lassen. Oder man gibt diese Arbeit an Profis ab.

Lösungsmöglichkeiten

Die oben genannten Probleme lassen sich einfach analysieren:

1. Bei Milliarden von Webseiten genügt es nicht, einfach eine dazu zu stellen und zu hoffen, dass sie entdeckt, womöglich gut platziert wird. Dafür muss man aktiv etwas tun. Als Laie sollte man beachten:
  • Webseiten aller Art werden nicht nur von Menschen gelesen, sondern auch von Robots. Diese reagieren auf den Quelltext und sorgen für die richtige Platzierung. "Suchmaschinenoptimierung" nennt man die Kunst, das richtig zu programmieren.
  • Texten für Webseiten will gelernt sein - denn aus dem gleichen Grund zieht man mit den Worten, die man benutzt, entweder das falsche oder das richtige Publikum an.
  • Ich muss eine einprägsame, auf mich oder meine Kunst bezogene Domain-URL im Internet und offline verbreiten (ohne aufdringlich Werbung zu spammen!). Das fängt bei der Signatur (unbedingt klickbar) in Mails und Foren (falls erlaubt) an und hört auf der Visitenkarte, auf Briefpapier, in Mappen und anderen Vorlagen auf.
2. Bevor ich im Internet aktiv werde, muss ich mir Gedanken machen, wen genau ich erreichen möchte. Schon vor der Konzeption einer Webseite muss ich entscheiden: Will ich Kunden ansprechen? Will ich KollegInnen kennenlernen? Brauche ich eine seriöse Visitenkarte für Veranstalter, Galeristen, Verlage und die Presse?
  • Man kann nicht alle im Mischmasch beglücken. Es empfiehlt sich eine klare Zielgruppenanalyse verbunden mit Überlegungen, wo im Netz die betreffenden Menschen "abzuholen" sind.
  • Will man unterschiedliche Bereiche abdecken, empfiehlt sich die Trennung auf der Webseite. Der Teil, der zur Bewerbung oder als Aushängeschild dient, muss sachlicher und mit anderen Inhalten daherkommen als eine Seite für Fans, die sich eher für den "human touch" interessieren. Wer mit Öffentlichkeit arbeitet, braucht einen einfach zugänglichen Pressebereich (spätestens hier erkennt jeder, warum meine eigene Webseite stümperhaft ist und dringend überarbeitet werden muss). Trotzdem müssen alle Bereiche miteinander eine Einheit bilden: Ich sollte beim "Schwätzen" im Internet nicht peinlich werden oder Dinge sagen, die morgen nicht in der Zeitung stehen dürften. Denn im Ernstfall lesen unterschiedliche Interessensgruppen alles.
  • Ich muss meine Zielgruppen ansprechen und "abholen". Da gibt es hauptsächlich zwei Methoden. Methode 1: über den Inhalt. Spreche ich über Probleme beim Pinselauswaschen, erreiche ich eher Kolleginnen, die auch Pinsel auswaschen müssen. Rede ich darüber, dass ich gern esse, ziehe ich vielleicht Gourmets als Kunden an, dann darf ich aber keine genussfeindlichen Bilder malen. Meine Inhalte sollten zu meinem Zielpublikum passen. Methode 2: Vernetzung / Social Media: Mache ich mich in einem Malerforum bekannt, werde ich keine Kunden finden, sondern KollegInnen anziehen. Suche ich gezielt Galeristen, sollte ich mich dort vernetzen, wo sich Galeristen tummeln, muss sie ansprechen. Fazit: Ich selbst muss aktiv werden, um Publikum zu finden.
  • Offene Werbung ist verpönt. Das Internet ist zwar ein ideales Werbeinstrument, es ist aber nicht dazu da, einfach Werbemüll abzuladen. Netzwerke und Social Web basieren auf der Vorgabe: Geben und Nehmen. Die menschliche, soziale Beziehung steht - wie im echten Leben - an erster Stelle. Wer als Mensch etwas zu geben hat, wird auch dann ernst genommen werden, wenn er von seiner Kunst, seiner "Ware" erzählt. Eigentlich sollte das gerade KünstlerInnen entgegen kommen, die sehr viel mehr zu bieten haben, als nur platte Verkäufer zu sein.
3. Die Sache mit dem Klau ist ein ernsthaftes Problem - und vor allem Texter erleben hier im Moment heiße Diskussionen, die an einen "clash of cultures" erinnern. Gehen wir einmal eiskalt davon aus, dass dieser Klau im Web nicht zu verhindern ist, so gibt es doch Sicherungsmethoden. Ich muss deshalb das Web nicht meiden.
  • Ich stelle wirklich zu schützende Inhalte nicht pur und abgreifbar ins Web (hochauflösende, reproduzierbare Bilder, Originalmanuskripte etc.). Solches schlau in eine Webseite zu montieren, gehört zu den Anfangsgründen des Webdesigns.
  • Ich überlege selbstkritisch: Wenn meine Kunst derart leicht zu kopieren ist, was macht dann überhaupt ihre Einzigartigkeit aus? Wie kann ich Internet-Diebe zu Kunden machen (oder spreche ich einfach nur die falschen Leute an)? Warum stehlen Leute meine Kunst? Natürlich müssen Urheberrechte gewahrt bleiben! (Und Rechtsbrüche sind kein Kavaliersdelikt, nur weil viele sie begehen). Aber wenn ich schon um Klau weiß, könnte mir das Vermarktungsideen liefern! Drucken tatsächlich viele Menschen meine Bilder aus, um sie als "Leinwandfälschungen" an die Wand zu hängen? Dann gefallen ihnen diese Bilder eindeutig! Vielleicht können sie sich die aber nicht leisten. Warum nicht preiswerter handsignierte Drucke selbst anbieten? Solche Kunden könnten die Kunstsammler von morgen werden. Und immer wieder die Frage: Was bringt Menschen dazu, das Original besitzen zu wollen statt des Internetausdrucks?
  • Verschenken sollte man lenken, nie mit der Gießkanne praktizieren. Das Internet lebt natürlich auch von Tausch und Austausch. Ich werde immer irgendwelche Inhalte haben, deren Verbleib ich nicht nachspionieren kann. Ich kann aber ein gewisses Kontingent auch gezielt dort verschenken, wo es Werbung für mich bedeutet oder Kunden bindet. Ich kann als Fotograf meine Bilder schützen und trotzdem eine winzige Kollektion so in Umlauf bringen, dass Menschen mich entdecken und mehr kaufen (!) wollen. Ich könnte mit der Abbildung eines Gemäldes Aktionen starten. Ich kann mit Texten, die ich nicht für Bücher brauche, Menschen neugierig auf meine Bücher machen. Warum Verschenken nicht an Aktionen koppeln, bei denen ich mit den Beschenkten in Austausch trete?
4. Die Sache mit den Onlineshops. Eine Wissenschaft für sich. Die meisten Shops scheitern an folgenden Voraussetzungen: Vertrauen (Zahl- und Liefersysteme), einfaches Navigieren, genaue Warenbeschreibungen mit Bildern, Barrierefreiheit, intuitives einfachstes Handling. Hier sollte man nicht am Profi sparen und sich vorher umschauen, welche Beispiele gut funktionieren.

5. Die Sache mit dem Interesse. Ich stelle etwas ins Internet und verlange damit vom Publikum, dass es mir seine rare Zeit und Interesse schenkt. Dafür muss ich etwas bieten. Aufmerksamkeitsspannen im Internet sind noch geringer als beim Fernsehen. Sieht man die ewig gleichen Inhalte, dasselbe langweilige Geschwätz wie nebenan, klickt man schnell weiter. Bei allem, was ich schreibe und zeige, muss ich mir Gedanken um Relevanz machen. Und wie erziele ich Aufmerksamkeit? Noch wichtiger: Mit welchen Inhalten kann ich sie halten?

Soweit die ersten Schritte in Internet-PR für Laien / KünstlerInnen.
Zugegeben, dank des Mediums Blog oft stark vereinfacht und verkürzt dargestellt (richtig lehren kann man das eher in Workshops oder Seminaren und am besten am lebenden Beispiel).

Vielleicht aber wird damit deutlich, dass Internet - für den Beruf genutzt - kein einfaches Spielzeug ist. Es lohnt sich durchaus, das Medium verstehen zu lernen und sich vorher Gedanken zu machen, was man eigentlich erreichen will.
Ein Vorteil des Internets ist aber auch: man kann darin viele der hier angesprochenen Themen vertiefen.
Viel Wissenswertes in Sachen Kunstmarketing und vor allem Social Web für Kunst und Kultur findet man z.B. bei kulturmanagement.
Außerdem empfehle ich die Serie "Web 2.0 im Kulturbereich - Basiswissen" der stArt Conference. Beide sind außerdem im Social Web zu finden und bieten weiterführende Links zum Thema.


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09.07.2009

Goethe und Schiller bloggen

Eine herrliche Idee und mediale Zeitreise: Der Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller in "Echtzeit" als Blog. (via kulturblogger)

Countdown für Baden-Baden

Seit heute renne ich mit meinem Rosenbuch in der Hand herum und überlege, welcher Text sich am besten für einen paradiesischen Rosengarten eignet. Und da fällt es mir wie Schuppen von den Augen, dass man in der Gönneranlage von Baden-Baden perfekt erklären kann, wie die persische rosenduftende Version des Paradieses ausgesehen haben mag.

So wie ich mich jetzt verschärft auf meinen Auftritt vorbereite, läuft auch der Kartenvorverkauf bereits auf Hochtouren! Noch einmal zur Erinnerung: Falls das Wetter wider Erwarten (nächste Woche soll es wärmer werden, ein Hoch ist im Anmarsch) nicht mitspielt, wird die Veranstaltung vom Rosengarten in die Flakevilla verlegt. Letztere bedeutet ein begrenztes Kartenkontigent, also unbedingt rechtzeitig reservieren!
Es gibt mich und "Das Buch der Rose" also live:

Dienstag, 14.7.2009, 19:30 Uhr in Baden-Baden
Lesung mit Petra van Cronenburg: Das Buch der Rose

(nebst Klarinettenmusik)

bei gutem Wetter: Gönneranlage
(Foto / Info)
(Jugendstil-Rosengarten am Ende der Lichtentaler Allee, Fahrtrichtung von A und B500 "Congress/Frieder Burda", braune Signalisierung, Parkhaus: Congress oder in Straße davor. Genaue Wegbeschreibung)

bei Regen: "Gartenhaus"
(Foto / Info)
(ehem. Villa von Otto Flake gegenüber der Trinkhalle, Luisenstraße 34 - von der Fußgängerzone aus hinter der Stadtbibliothek ums Eck, gleiche Fahrtrichtung und Parken wie oben. Parken auch im Casino, aber teuer).

Beide Orte sind vom Parkhaus Congress am Augustaplatz in zehn bis 15 min. zu Fuß erreichbar. Pünktlich sein, der Park wird nach Veranstaltungsbeginn geschlossen!

Vorverkauf und Reservierung:

Vorverkauf in der Stadtbibliothek Baden-Baden, Lange Straße 43 (Fußgängerzone)
Reservierung für Auswärtige telefonisch oder per Mail eben dort, Kontaktdaten hier und hier.
Sollten Sie kurzfristig verhindert sein, sagen Sie bitte dort kurz ab, um die Plätze nicht zu blockieren!

Wettervorhersage: Auswärtige können am Veranstaltungstag bis ca. 15 Uhr in der Stadtbibliothek nach dem endgültigen Veranstaltungsort fragen (auch ich werde bis kurz vorher nicht wissen, wo ich auftrete, so spannend war das noch nie fürs Lampenfieber...)

Nach der Lesung besteht selbstverständlich Gelegenheit zu einem Schwätzchen - ich werde nämlich meine Bücher signieren, die Buchhandlung Strass - zufällig meine Leib- und Magenbuchhandlung, wird den Büchertisch stellen.

Ich freue mich auf Sie!

PS: Danke für den Link bei www.bad-bad.de

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08.07.2009

Rhabarberrhabarber

Heute ist so ein Tag. Normalerweise sitze ich Punkt zehn Uhr diszipliniert am Manuskript, zumal die Zeit drängt. Heute bin ich wettersturzschlapp. Müsste zur Autogarage. Hätte einen Termin im Badischen zu erledigen. Sollte in der Pfalz Hundefutter kaufen. Brauche dringend ein Ersatzteil aus Hagenau. Muss einen Auftritt vorbereiten. Sollte den Veranstaltern mailen, welche Rosen in meiner Lesung vorkommen (damit die womöglich am Abend in der Vase stehen). Will meinen Moloch von Webseitensammlung vollkommen umwerfen und neu ausarbeiten, weil sich etwas Grundlegendes verändert hat. Will mit dem Hund wandern gehen.

Außerdem kreischt mich mein Manuskript an. Kunstvoll habe ich drei Ebenen verwoben und geschnitzt, bis diese Mühe beim Hören keiner mehr bemerkt. Jetzt muss die vierte rein, müssen Bilder geschaffen werden zur Musik. Mein Hirn sagt: Ich bin wetterschlapp, ich bin doch bei den ersten drei schon fast zusammengebrochen. Twitter noch ein bißchen, tippsle noch ein wenig...

Stattdessen greife ich mir den Walkman. Rimsky-Korsakoff: Sheherazade. Dazu lasse ich jetzt Nijinsky tanzen. Zehn Uhr zehn.

Und sollte ich mal aus Versehen berühmt und reich werden, schreibe ich eine Stelle für ein Faktotum aus: Webdesigner-Einkaufshelfer-Privatsekretär-Kaffeekocher-Chauffeur-undwasesallesnochsobraucht gesucht.

07.07.2009

Quelle: Das neue Opus Magnum

Was ist das für eine Firma, die mit 8000 Mitarbeitern zwei mal im Jahr ein Buch druckt und verschenkt? Unbedingt lesen, für mich war es der Lacher des Tages: SpOn übt sich in einer Katalogrezension. (gefunden bei @Sprachwelt )

Warten können

Manchmal ist die Zeit einfach noch nicht reif. Dabei weiß jeder, der in irgendeiner Form mit Kunst zu tun hat, dass der Kairos - jener günstige glückliche Zeitpunkt - über alles entscheidet. Man kann ihn nicht planen, nicht herbeizaubern und schon gar nicht zwingen. Der Kairos widersteht dem Nachdenken über einen Text ebenso hartnäckig wie jeder Form von Marketing.

Manchmal, so habe ich das in Polen gelernt, läuft unsichtbar etwas neben einem her, in einer perfekten Parallele. Manchmal gelingt es einem, dieses Etwas zu erahnen. Vielleicht hält man länger inne als sonst, vielleicht beschleunigt man seinen Schritt, meist tritt man einfach nur daneben: die Parallele verschiebt sich. Anziehungskräfte wirken, eine Schnittstelle in der Ferne entsteht. Zwei Körper im freien Fall (padek), vom Nebeneinander zum Aufeinander-zu (przy). Przypadek: der Zufall. Krzysztof Kieslowski hat die Parallelen eindrucksvoll verfilmt (Der Zufall möglicherweise / Die zwei Leben der Veronika).

Im Deutschen ist der Zufall nur einer von vielen Fällen, man traut ihm weder Zielgerichtetheit noch tiefere Bedeutung zu. Ähnlich wie beim englischen accident ist der Zufall eigentlich ein Unfall. Geht die Sache gut aus, hat man Glück oder Schwein gehabt. Und traut selbst dem nicht ganz. Denn das Schwein haben einst bei Wettläufen oder Schützenfesten stets die Schlechtesten verliehen bekommen, die Verlierer. Ein fettiger Trost für denjenigen, der am weitesten vom Kairos entfernt war. Hätte er denn seinem persönlichen, neben ihm her laufenden Glück in die Arme rennen können, wenn er nur einen Schritt daneben getreten wäre?

Menschen, die mit Schweineunfällen rechnen, setzen lieber auf Trends. Glauben, wenn sie sich am Start mit der größtmöglichen Masse befänden, fiele beim Lauf auch ein Krümelchen Glück für sie selbst ab. Im schlimmsten Fall wäre es eben ein Schwein und das sei allemal handfester und nahrhafter als der ersehnte Ruhm, der große Durchbruch unter den Schützenkönigen.

Der Programmchef eines Verlags sagte einmal zu mir: "In dem Moment, in dem ein Autor einen Trend erkennt und ihm "entgegen schreiben" will, ist es längst zu spät."
Denn dann hat sich der Trend längst etabliert, muss sich der Autor an den Massenstart begeben, ist nur noch ein Nümmerchen unter vielen. Die Laufbahn des Trends engt ihn ein; um standzuhalten, muss er sich anpassen, muss besser als die Besten werden, die auf dieser Bahn schon Jahre üben. Nichts mehr mit Danebentreten. Dann ist nicht einmal mehr ein Schwein zu gewinnen. Und manchmal hat der Trendläufer sogar Pech, weil diese Sportart kurzlebig sein kann. Die Gunst des Publikums ist wankelmütig. Bis das Buch geschrieben und produziert ist, geht man vielleicht nicht mehr auf Schützenfeste, sondern auf Fischerfeste.

So kommt der Trendläufer schnell ins Hecheln, mancher hyperventiliert, andere dopen heimlich oder träumen davon, der Konkurrenz Reißnägel auf die Aschebahn zu werfen. Das ist kein befreiendes Laufen mehr, es ist ein Hinterherhecheln, ein Kampf mit der Erschöpfung und irgendwann mit der inneren Leere. Tunnelblick. Nur noch ein einziges Ziel vor Augen und gebe das Glück, dass der Zufall nicht zum Unfall wird - dieses Glück, dem man längst nicht mehr richtig traut. War es schließlich nicht die Suche nach diesem Glück, die einen vom ursprünglichen Weg abgebracht hat, mitten in dieses Massenmarathon hinein?

Unermüdlich und geduldig, still und unsichtbar begleitet der Przypadek-Zufall den müden Läufer in einer perfekten Parallele. Würde dieser Mensch doch nur einmal wagen, einen winzigen eigenen Schritt lang quer zu laufen, daneben zu treten! Was kann schon geschehen, wenn der Läufer plötzlich mitten im Massenwahn eine Pirouette drehte? Schlimmstenfalls hätte er einfach Schwein. Es könnte aber auch passieren, dass er damit die Parallele verschiebt. In weiter Ferne wird es zum Schnittpunkt kommen. Zu diesem Zeitpunkt könnte man die gerade, vorgezeichnete Bahn verlassen, sich seinem persönlichen Zu-Fall zu(przy)neigen. Bei dieser Art von Zu-Fall ist der Kairos unvermeidlich. Man kann ihn anvisieren. Und muss nur warten können.

PS: Diese Gedanken kamen mir beim Lesen eines Artikels über ein völlig anderes Thema. Plötzlich sah ich eine Linie. Mitte der Achtziger fertigte ich mit einem plumpen Desktop-Programm, viel Handarbeit und Kopiergerät eine winzige "Kulturzeitung" für Dorfbewohner. Ich träumte von Zeiten, in denen Technik auch diese Unkosten einsparen ließe. Mein Elsassbuch war der berühmte Schritt daneben. Ich lehnte ein Trendangebot dafür ab und machte einen Schritt daneben. Im Herbst werde ich mich einer einstigen Parallellinie nähern, ich kann plötzlich einen Schnittpunkt erkennen.

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06.07.2009

Vom Umgang mit Geld

Madame ist heute wieder einmal als Übersetzerin unterwegs. Dabei lerne ich karambolagemäßig Erstaunliches über die beiden Nachbarländer am Rhein. Etwa über deren Umgang mit Geld. Zu Helmut Kohls Zeiten transportierte man es rechts vom Rhein noch in schwarzen Koffern und ebenso einfallslos schmuggelten Elsässer in diesem Behältnis Devisen in die Schweiz.

Seit die Banken und die Wirtschaft kriseln, ist das kleine Managerköfferchen zumindest sprachlich abgeschafft.
Die Deutschen stopfen Geld jetzt in große Finanzpakete, die so überladen sind, dass man sie schnüren muss. Franzosen dagegen legen Budgets elegant in einen Umschlag (l'enveloppe budgétaire).

Das erinnert mich an die Anfänge meines Französischlernens, als ich noch glaubte, man verlange nach dem Café in einem Restaurant eine bessere Diktion der Speisekarte (la diction). Stattdessen ging es wirklich nur um schnöden Mammon: l'addition.

Während nämlich der deutsche Gast unsensibel nach der Rechnung ruft oder "zahlen bittäh!", gern auch direkt übersetzt: "la facture!" gehen Franzosen das kleine Übel nach einem Festessen im Restaurant dekorativ und diskret an. Korrekt sagt man nämlich: "L'addition s.v.p." L'addition ist das Zusammengezählte, aber auch das kleine Anhängsel - wie der Keks zum Café. Ebenso dezent wie bei der Budgetverteilung legt man deshalb Kreditkarte oder Geld auf einem Tellerchen unter die Rechnung, nicht obenauf.

Madame geht jetzt wieder an ihre traduction, die eine Menge diction verlangt, aber am Ende keine addition, sondern eine facture. Für ein Finanzpaket reicht das zwar nicht, aber für die nächste addition und das Finanzamt, das in Frankreich ein "Zentrum für Steuern" ist (Centre des impôts). Das Paket aller Pakete sozusagen.

Qualitätsjournalismus

Die FAZ wagt sich in die Höhle des Löwen und der Mann im Google-Sessel klingt wie ein Verkäufer von hirngewaschener Wellness-Psychologie. Passend zum Kaffeetermin schaltet das Edelblatt mitten im Artikel Google-Ads für e-books und zweifelhafte Druckkostenzuschussverlage.
Auch ein Geschäftsmodell.

04.07.2009

Märchen vom Kartoffelknecht

Die raue Wirklichkeit

Zugegeben, ich liebäugle auch damit. Ich besitze wieder die vollen Rechte an einem über 200seitigen geistigen Eigentum und könnte damit anstellen, wovon andere nur reden. Ach, einmal den hypermoderntrendangesagtmarketingwahnsinns Coup landen!

Klaus Wrede vom Fachverlag Symposion meint im Börsenblatt:
"Man sollte jede gängige Verbreitungsform nicht nur dulden, sondern möglichst legalisieren und fördern. Diese Lösung klingt radikal, ist aber marktkonform."
Kostenloses Kopieren und legalisierte Piraterie schließt er ein. Hauptsache marktkonform.

Das Märchen

Nennen wir unsere Musterautorin Gina Grumbier. Sie hat einen Roman über Kartoffeln geschrieben. Und in einem herkömmlichen Verlag veröffentlicht, der noch mit Papier und Pappdeckeln arbeitet. Werbeabteilung und Pressestelle nutzen zwar bereits Emails, bedienen aber hauptsächlich Adressaten, die - wie wir dank Herrn Burda nun wissen - womöglich aussterben könnten. Nun kommt nach Jahren der Verlag und sagt dankend, sie hätten keine Kapazitäten für Pausenfüller frei und eher ein Nudel- und Reispublikum, ob die Autorin sie nicht von ihren Lagerkosten im ohnehin hoffnungslos überfüllten Nahrungsmittelregal befreien wolle. Da habe einst einer ein wenig wirr eingekauft, nun müsse man mit der Zeit gehen.

Schön war's gewesen, das Gefühl mit dem Buch, aber wir auf dem Land wissen ja, der Großmarkt dreht immer schneller, Klimakatastrophe trifft Krise: den Kollegen gammeln die Kartoffeln in immer kürzeren Jahreszeiten weg. Und jetzt kommen diejenigen, die einst Kartoffeln zu hegen versprachen, die sich als Schnitt- und Vermittlungsstelle zwischen Schöpfer und Esser verstanden und sagen: Ätschbätsch, reingefallen, wir sind doch nur marktkonforme Rechtezocker, ihr müsst das verstehen, neoliberaler Kapitalismus, uns interessiert schon lange nicht mehr, wie eure Kartoffeln unter der Schale aussehen.

Gina Grumbier schaut sich überrascht um und bemerkt, dass es längst Kartoffelbanken und Kartoffelbörsen gibt, auf die sie selbst keinerlei Einfluss mehr hat. Sie hält nämlich, das zeigt ihr der eigene Banker bei jedem Besuch deutlich, als Künstlerin nur die Bad Bank.

Wie bin ich da nur hineingeraten, wie komme ich wieder heraus, fragt sich die Schöpferin vom Land. Und da fällt ihr auf, dass sie all das beherrscht und praktiziert, wovon Verlage und Fachleute nur reden: PR-Wissen, Medienkompetenz, Social Web, Vernetzung. Ha, denkt sich Autorin Grumbier, das kann ich doch auch als unterbezahlter Mensch, schließlich wird im Internet alles verschenkt!

Autorin Grumbier motzt ihre alte Kartoffel digital auf, baut Gimmicks ein, die noch nicht einmal Amazon in seinen milliardenschwersten Alpträumen angedacht hat - und macht sich fröhlich ans Verschenken. Ist ja ihr geistiges Eigentum, sie darf das. Digitale Kartoffelfreuden völlig umsonst, Piraterie völlig legalisiert, weil ohnehin jeder kopiert. Gina Grumbier geht noch weiter: Via Social Web lanciert sie eine Aktion, bei der zum hemmungslosen Gebrauch ihres einstigen geistigen Eigentums aufgerufen wird. Eine Kiste mit Belegexemplaren eines anderen Buchs, noch aus Papier, verlost sie für die dreistesten Ideen der Umverteilung.

In den Medien klopft sie markige Sprüche und redet eine Menge Purée. Von radikalen, marktkonformen Autoren, die endlich gelernt hätten, worauf es in einer freien, durch und durch digitalisierten und demokratisierten Welt ankomme. Nämlich nicht mehr auf die Verlage, die einem Verschenksegen doch ohnehin nur im Wege stünden, die nicht reif seien fürs Social Web, die ohnehin nur für wenige ausgewählte Spitzentitel Werbung 1.0 initiierten. Gina Grumbier holt mit ihrem Kartoffelstampfer zum Kahlschlag aus. Das Feuilleton und die Medien, für Skandale und Kulturkampf immer zu haben, liegen ihr zu Füßen. Inzwischen wird ihr Kartoffelroman auf den Caiman Islands raubkopiert und in Nordkorea gegen Waffen getauscht.

Dies wäre kein Märchen, wenn es kein Happy End gäbe. Die Kartoffelschöpfer gründeten nämlich eine ländliche Kooperative. In ihren heruntergekommenen Bauernhosen saßen sie im Rechenzentrum und überschwemmten die Welt mit unermesslichen Textmengen, kostenlos. Ehemalige Piraten halfen ihnen, edle, wertige Plattformen von internationalem Renommé zu schaffen. Hacker sorgten dafür, dass zu jedem gekauften e-book kostenlos hundert weitere auf das Lesegerät gesaugt wurden. Unter ihren Butlern und Dienstmädchen konnte man den ein oder anderen ehemaligen Verleger entdecken.

"So", sagte Gina Grumbier, "jetzt sind alle übersättigt. Jetzt gieren die Fresser nach Nouvelle Cuisine, nach dem kostbaren, edlen Nichts auf feinem Porzellan. Nach aufgeschäumten Winzigkeiten von Wortsalaten. Es ist so weit, Freunde."

Und alle Autorinnen und Autoren stellten plötzlich das Texten ein. Sie schrieben keine Romane mehr und keine Sachbücher und verprassten das Geld, das sie mit Partnerprogrammen und Werbeeinschaltungen verdient hatten. Irgendwann, das wussten sie, würde der Hunger da draußen die Bittsteller auf Knien zu ihnen treiben. Ihr letztes Geld würden die Esser geben für einen Text, einen winzigen nahrhaften Text...

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03.07.2009

Daddeln in Verlagen

Eine Umfrage der Frankfurter Buchmesse könnte jetzt eins der größten Geheimnisse der Verlagswelt lüften: Warum brauchen Verlage immer länger, Manuskripte zu prüfen und Entscheidungen zu treffen?

In einer Studie über den Umgang von Verlagsmitarbeitern mit den Social Media kam heraus:
Berufliche Nutzung von Social Media:
  • 10 Prozent gaben an, sie ein bis zwei Stunden täglich zu nutzen.
  • Lediglich ein Prozent gab an, sie sieben oder mehr Stunden täglich zu nutzen.
Private Nutzung während der Arbeitszeit:
  • Sieben Prozent schätzten, sie vermutlich ein bis zwei Stunden lang zu nutzen.
  • Und 0,7 Prozent gestanden tatsächlich ein, sie mehr als 7 Stunden lang zu nutzen!
Da werden wir unsere 140er Exposés doch künftig besser twittern? Sieben Stunden voll aufs Auge.