Die Neujahrsbrezel

Am Sonntag, als sich in deutschsprachigen Social Media eine der unsinnigsten und übelsten Hassspiralen aufbaute und die Shitstorms von Rechtsradikalen gehackt wurden, schaltete ich überdrüssig ab und ging zu einer Veranstaltung im Kulturerbezentrum, wo uns ein Bäcker etwas über den elsässischen Brauch der Neujahrsbrezel erzählen wollte. Während ich noch über so viele Exemplare des Homo "sapiens" den Kopf schüttelte, bekam ich ein paar erhellende Lehrstunden nicht nur über Brezel.

Im Zimmer der Großmutter entwickelte sich ein Gespräch ...


Nun ist es ja vordergründig (!) "Omakram" (sagen manche, die es nie erlebt haben), was da so läuft: Wir erzählen Leuten in einem Bauernhof etwas von früher, der mit Gegenständen von ca. 1920-1950 eingerichtet ist, manchmal auch älter. Vor allem die Augen von alten Leuten leuchten natürlich, weil sie sich an ihre Kindheit erinnern. Fluchten ins Früher? Schöne heile Welt? Mitnichten: Wir MitarbeiterInnen wissen genau, wie gern solche Themen von den Falschen gekapert werden - und wir wissen, wie wir das verhindern oder im Ernstfall damit umgehen. Unsere Kultur ist zutiefst europäisch, offen, verbindend.

Eigentlich wollte ich die Gelegenheit nutzen, bei der Führung einer Kollegin mitzulaufen und etwas durch Zuhören zu lernen, denn diesmal war das Thema Rauhnächte. Aber es war so brechend voll, dass ich mich plötzlich mit einer Frau abgeschlagen von der Gruppe in "Großmutters Stube" wiederfand und ihr von dem erzählte, was hier zu sehen war. Während unsere Zeitgenossen die "gute alte Zeit" gern mal verklären mit ihren Großfamilien und deren Zusammenhalt, sah die Realität weniger rosig aus: Es herrschte knallharte Arbeitsteilung! Die Oma Stempfeldingens musste ihr Dasein im kleinen Zimmer mit kleinem Ofen erwirtschaften. Sie war für die Erziehung der Kinder zuständig, wenn die nicht gerade in der Schule lernten oder in der Landwirtschaft mit anpacken mussten. Sie pflegte die zu Hause gebliebenen Kranken und war verantwortlich für die Instandhaltung der Wäsche.

"Und wo war der Opa?", fragte die Besucherin. Ich deutete auf ein Wandbild aus preussischer Zeit: Der Opa war im Krieg, in diesem Fall dem unseligen 1875er, als sich Deutsche und Franzosen als erbitterte Feinde entgegenstanden und das Elsass wie so oft Spielball der Machthungrigen war. Er wollte den Krieg nicht, wurde in die Armee gezwungen. Den Vater hatten sie gelassen, der musste die Landwirtschaft führen. Diesem blutigen Krieg würden die ebenfalls völlig unsinnigen beiden Weltkriege folgen, das Massenabschlachten. Und so viele überflüssige andere Kriege auf dieser Welt, weil die Jüngeren nie aus der Geschichte zu lernen schienen und die Alten nicht redeten.

Die Kirchen und das magische Brauchtum waren tröstende Macht und eine Art Verwurzelungsort in jenen Zeiten. Wer vor lauter Schufterei und Überlebenskampf nicht ausbrechen konnte, suchte Trost. Darum liegen im Herrgottswinkel neben der Bibel immer auch die Schnapsflaschen.

Die Frau ist etwa in meinem Alter, wie rigoros dieses Leben war, wusste sie nicht in diesem Umfang. In der Küche fragt sie mich neugierig, wie Butter gemacht wird und ist erstaunt: Buttermachen ist der absolute Renner bei unseren Schulgruppen! Kinder von Eltern, die oft gar keine Butter mehr essen. Die kommen extra dafür ins Museum - oder zur Kalligrafie mit alten Tuschfedern. In der Cafeteria steht noch ein Flipchart mit einem elsässischen Satz mit Betonungszeichen und Kinderzeichnungen vom Sprachunterricht. Ein kleiner Hund lernt da gerade sprechen. Die Größeren versuchen sich am Fachwerkbau. Ausgerechnet die Kleinsten haben Spaß an einer heutzutage komplett unsinnig erscheinenden Technik ihrer Ururur...großeltern: Wer muss schon heutzutage wissen, wie man Butter macht?

Sie sind fasziniert, weil sie mit eigenen Händen be-greifen, wie sich dieser Naturschatz von Milch in das verwandelt, worauf sie ihre Nusscreme schmieren. In den Ställen sehen sie, wie man sich auch um die Tiere kümmern musste. Sie schmecken den Unterschied. Sind erstaunt, dass so ein im Supermarkt nachlässig in den Wagen gelegtes Ding ein Geheimnis in sich trägt, wenn es nicht in Massenproduktion und anonym gemacht wird: Sie geben ihre eigene Energie in die Butter. Vielleicht sogar Liebe. Sie essen etwas, das sie selbst erzeugt haben. Reichen die Energie weiter.

Aber schon kleine Kinder suchen Entwicklung, Arbeitserleichterung: Die Baratte, das Fass mit dem Holzstampfer, ist körperlich harte Arbeit für Erwachsene. Die Gläser mit dem schlau gemachten Zahnradmechanismus zum Kurbeln konnten dagegen schon damals die Kleinen betätigen. Fortschritt, bessere Portionierbarkeit, bessere Hygiene, heute der Spaß - aber damals eben auch Kinderarbeit. Dieses Schwarzweiß, an das man schon damals nicht geglaubt hat, wenn man nicht fanatisiert wurde, hat es im menschlichen Zusammenleben nie gegeben. Sie begreifen ihre Freiheit. Und dass sie andere Zwänge haben.



Es sind an diesem Tag Leute aus unterschiedlichen Nationen anwesend. Ich höre neben dem Französischen Deutsch, aber auch Englisch. Viele sprechen Französisch und kommen von sehr weit her, von Outre-Mer, von anderswo. Sie wollen in ihrem Weihnachtsurlaub etwas über den von außen exotisch wirkenden Outre-Foret lernen. Ein junger Mann fällt auf, wie er aufmerksam den Kopf nach oben reckt. Er ist einfach unwahrscheinlich schön mit seinen dunklen Augen und geschwungenen Gesichtszügen. Er trägt die Kopfseiten kurz rasiert, die Haare auf dem Oberkopf zusammengebunden. Lang wallen sie über seinen Rücken, von einem wunderbaren Blauschwarz. Er könnte ein Native aus den USA sein oder von einer Südseeinsel kommen.

Eine alte Dame neben mir flüstert: "Ich kann gar nicht aufhören, ihn anzuschauen, der ist so schön! Aber ich schäme mich, dass ich mit dem Anstarren rassistisch rüberkommen könnte." - "Und wenn Sie ihm einfach sagen würden, dass Sie ihn schön finden?", flüstere ich zurück. Sie kichert verschämt, einem Mann das zu sagen, das würde sie in ihrem Alter nie tun. So ist sie nicht erzogen.

Was würde eigentlich passieren, wenn wir uns einfach geradeheraus sagten, wenn wir jemanden schön finden oder nett oder freundlich oder interessant? Wenn wir fremden Menschen spontane Komplimente machen würden?

Stattdessen eiern wir gegenseitig um uns herum, trauen uns nicht, haben Angst, verpassen Gelegenheiten und Chancen. Meist ist es gar nicht einmal die Angst vor etwas oder jemand Fremden. Wenn man genau hinschaut, sind die Leute nur verunsichert, weil sie nicht gelernt haben, damit umzugehen. Weil sie es nicht gewohnt sind. Sie haben Angst, zu versagen, Fehler zu machen. Kleine Kinder haben diese Angst noch nicht, die regeln das noch ganz natürlich. Diese Befürchtungen sind nämlich anerzogen. Und genauso kann man sie brechen ...

Ich kenne das internationale Gemisch aus meinen Führungen: Meist sind BegleiterInnen dabei, die leise simultan dolmetschen, was ich gern "das Grundrauschen der Welt" nenne. Ich liebe es. Auch an diesem Tag plätschert es angenehm und dann ist es plötzlich still: Unsere Guide hat vom Nusseschnaps und Nusselikör erzählt, der in den Rauhnächten eine Rolle als magische Medizin spielt, und eine Überraschung vorbereitet: Sie reicht ein Tablett mit Gläschen herum, teilt ihren selbstgemachten, zur Sommersonnwende in Rotwein angesetzten eigenen Likör aus grünen Nüssen.

Diese Geste verstehen wir in allen Sprachen und in diesem Moment summt die "Gute Stube" von fröhlichen Menschen, die zufällig hier zusammentrafen und nun Gläser weiterreichen. Neugierig nippen, etwas bisher völlig Unbekanntes oder von jungen Jahren an Vertrautes schmecken. Weil die Gläser nicht für alle reichen, teilt eine Französin spontan ihr Glas mit mir, auch andere geben den "Zaubertrunk" weiter. Ich denke belustigt daran, dass bei Twitter erst eine Debatte stattfinden würde, wer womöglich welche Krankheit übertragen könnte. Wir denken nicht nach, teilen einfach den Genuss. Kaum ein Gesicht, auf dem sich nicht irgendwelche Emotionen spiegeln. Ein Mann erzählt, wie sie das früher zuhause gemacht haben und wie er an Weihnachten als Kind auch mal nippen durfte. Er kennt noch alle Regeln des Zubereitens und Servierens genau.

Süß wie eine exotische Frucht hüllt mir der Likör Gaumen und Zunge ein. Die leichte Bitternis der grünen Walnüsse hat sich im Rotwein völlig transformiert in etwas Orangenartiges, saftig und samtig, mit kleinen Lichtern aus Zimt und Sternanis. Ein winziger Schluck nur und es explodiert eine Sonne im Mund. Die Ernte zur Sommersonnenwende, das Mazerieren an der Sonne in den Hochsommer hinein hinterlässt ihre Spuren in dem Getränk, das im tiefsten Winter ein Türchen öffnen wird in die heller werdenden Tage. Wie diese wild zusammengewürfelte, bunte Gruppe von Menschen Gläser weiterreicht und miteinander teilt, wie sie ihre Scheu voreinander verlieren, das fühlt sich ein wenig  an, als würde gerade etwas wie das Abendmahl erfunden. Ein uraltes Ritual wiederentdeckt.



Das Erlebnis setzt sich beim Vortrag des Bäckers fort, der uns erzählt, wie die Römer uns das panis tortus, das gedrehte Brot, mitgebracht haben. Die berühmte Äbtissin vom Mont Ste. Odile, Herrad von Landsberg, hat im 12. Jhdt. die Brezeln in ihrem illustrierten Hortus Deliciarum verewigt. Und wir holen sie heute noch als Neujahrsgeschenk vom Bäcker oder machen sie selbst. Jetzt fühlen wir plötzlich die lange Geschichte dahinter: Irgendwann haben die Gallier das von den Römern gelernt, was wir gerade von unserem Bäcker lernen.

Und wieder werden Tabletts herumgereicht. Die Cafeteria, in die immer mehr Bänke geschoben wurde, in der die Menschen sich drängen, summt nun auch: Es ist reichlich für alle da. Wir teilen die riesigen Neujahrsbrezel miteinander und grinsen - der Bäcker hat uns die Absolution erteilt, schon vor dem Fest zu naschen. Die Kinder dürfen derweil kneten - und naschen heimlich vom Teig. Ein paar Alte kichern, drum haben sie in der Kindheit unbedingt beim Backen helfen wollen. Dieses köstliche Gefühl von rohem Teig auf der Zunge, die dämlichen Ermahnungen, allzuviel mache Bauchweh. Das Bauchweh war es wert. Ob deshalb der Nusseschnaps an Weihnachten geöffnet wurde? Es gibt nichts Besseres gegen Bauchweh und Völlegefühl!

Es liegt ein Zauber über diesem Ort, den viele spüren, denn sie können sich kaum lösen. Wollen verweilen. Und natürlich wiederkommen. Und als ich in die Kälte hinaus gehe, denke ich: Wie würde unsere Welt aussehen, wenn wir öfter etwas miteinander teilten? Wie würden Begegnungen unter Wilfremden ablaufen, wenn wir nicht zuerst auf das Trennende schauen würden, sondern auf das Gemeinsame? Es muss nicht unbedingt ein Likör oder ein süßer Brotteig sein, was wir teilen. Wir können unsere Geschichten teilen, unsere Gedanken - und einfach einmal zuhören. Sogar in Social Media. Ich finde sogar, wir dürfen auch fremden Menschen einfach sagen, dass wir sie wunderschön finden!

Ich wünsche damit allen ein gutes neues Jahr - es liegt eine große Hoffnung in der Luft auf Transformation zum Besseren. Und da können wir an so vielen Orten und auch im Kleinen kräftig dran mitarbeiten! Wir können uns dem Trennenden und Spaltenden und Zerstörenden aktiv verweigern.

Mehr über das Elsass in meinem Buch "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt."

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