Ein Workshop wird geköchelt

Eigentlich hätte ich vorgestern vor einem Jahr schon fertig sein müssen. Profis, die einen Workshop bei einem Veranstalter geben wollen, hacken routiniert ihre Daten in die Tasten, trinken einen Kaffee - und fertig. Ich dagegen stelle mich diesmal besonders blöde an, obwohl ich genau weiß: Ich will einen Workshop machen, mit Menschen Paper Art fertigen. Und zwar so, dass jede und jeder das kann, ungeachtet von Vorkenntnissen. Und einen gewissen Sinn soll es auch noch haben.

Ein Musterbuch entsteht. Ich werde es im Workshop benutzen, um Techniken zu zeigen oder zu erklären, wie sich Materialien entwickeln, wenn man sie aufleimt. Man soll fühlen können, was man da tut. Gleichzeitig lerne ich beim Herstellen, auf welche Schritte im Kurs ich besonders achten muss: Etwa, wie man absoluten Laien auf einfache Weise ein wenig über Komposition beibringen kann. Zu sehen ist hier der Zustand, nachdem ich dem handgefärbten Papier eine Grundkomposition verpasst habe. Danach folgt die Feinarbeit. Materialien: Stoffe, Papiere, Naturfundstücke, Weißleim.


Das war schon das erste Problem: Perlendrehen ist in einem Workshop jetzt nicht so wirklich erheiternd. Es ist eine monotone Arbeit wie Tütenkleben - und die Behandlung danach dauert mit allen Arbeitsschritten eine Woche. Die ist dann auch eine richtige Sauerei. Überhaupt ist das Schmuckfertigen eine langwierige Sauerei, dazu braucht es außerdem Spezialwerkzeug und ja, tatsächlich auch Können. Das Feld ist weit bei Paper Art - ich suchte also etwas "Niederschwelliges", wie das so schön modern heißt. Sprich, auch Menschen, die von sich selbst behaupten, sie könnten nicht kreativ sein, sollen mitmachen können! Und vielleicht den Effekt nicht erst nach einer Woche Trockenzeit sehen.

Eine der einfachsten Grundkompositionen ist ein asymetrisches Kreuz. Dazu kann man dann in anderen geometrischen Formen kombinieren, entweder, indem man die Kreuzform verstärkt oder wie hier als Gegenspannung eine Art gebogener Diagonale bildet. Aufgeklebt wurden bedrucktes Papier, Fetzen aus einem alten kaputten Rock und handbeschriebener, handbedruckter Kaffeefilter. Der wird übrigens in gebrauchtem Zustand bearbeitet und nur darum so interessant. Durch Befühlen und Schauen werde ich intuitiv entscheiden, wie ich die Seite weiter bearbeiten könnte.


So kam ich auf die Art Journals, für die es nicht wirklich Bezeichnungen in anderen Sprachen gibt. Ein Thema steht auch schon fest, denn das gibt etwas Sicherheit und Orientierung. Völlige Freiheit beim Machen verunsichert oft, wenn man noch nie gemacht hat. Schmetterlinge! Schmetterlinge sind für mich ideal, weil sie jeder und jedem etwas sagen. Weil sie Schönheit verkörpern. Und auch naturfernen Menschen einen Zugang zur Natur schaffen.

Womit ich schon beim Hintersinn wäre. Ich will ja nicht einfach nur mit Papier und Zeugs basteln, das im Fall des Workshops übrigens nachhaltig sein soll: Wir arbeiten mit Recycling und "Müll", nur die Unterlage ist feines Künstlerpapier. Die Schmetterlinge ermöglichen uns den Zugang zur Natur, zu Insekten und Arten - und dann sind wir schon bei einem Thema, das zum Bauerngarten des Kulturerbezentrums passt: Artenschutz. Insektensterben. Sensibilisierung im "Maisland". Was können wir für die Schmetterlinge tun, während Ackerränder verschwinden und in Gärten oft nur noch Steine "blühen"?

Reale Schmetterlinge werden eine Rolle spielen. Man kann sie wie bei einer Collage aus alten Zeitschriften ausschneiden, aber auch welche zeichnen oder malen, vielleicht sogar sticken oder aus gepressten Blättern formen. Man kann sie dreidimensional flach aus Papier oder Stoff basteln - der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt und die Materialien sind vielfältig.


Mir geht es um einen Aspekt, der bei allem Klima- und Naturschutz im Moment etwas zu kurz zu kommen scheint. Auch die taz fragte neulich, was nach der wissenschaftlichen Aufklärung kommen müsse, um die Menschen zu packen. Genau das ist der Punkt: Man kann Menschen politisch begeistern oder durch Fakten überzeugen. Aber für echte Visionen und die Handlungen, diese ins Leben zu bringen, braucht es mehr als eine technologische oder analytische Herangehensweise, weil das ein kreativer Vorgang ist. Um kreativ zu werden, muss mich etwas berühren, meine Gefühle ansprechen. Visionen entstehen nicht gewollt und am Reißbrett geplant, sie wachsen aus einem ungeheuer reichhaltigen Kompost der Fantasie, der Gefühle, dem, was mich ausmacht, wie ich die Welt wahrnehme, mich in der Natur wahrnehme und vielem mehr. Solche Arbeit braucht mehr als Worte. Auch wenn es esoterisch platt klingt: Da muss man die Herzen ansprechen.

Farben sind ein wichtiges Thema. Grundsätzlich darf die Farbauswahl beim Art Journal völlig frei und spontan erfolgen, ja sogar je nach Tageslaune schwanken. Das Wort impliziert ja: Man arbeitet da an einem bestimmten Tag dran und an einem anderen kann, wie beim Tagebuch, alles völlig anders sein. Trotzdem habe ich mich immer gefragt, wie die großen Könnerinnen ihre Bücher so harmonisch wirken lassen, als seien sie fast organisch gewachsen. Ich habe das Geheimnis erst durchs Basteln entdeckt: Ich sammle die Materialien für ein Buch im Voraus zusammen und stecke das zum spontanen Aussuchen in eine Schachtel (Foto hier auf Instagram). So kann ich leicht in einem bestimmten Farbspektrum bleiben. Das Wissen vom Farbkreis sagt mir, was harmonisch passt und was auffällig akzentuieren würde. Oder warum hier ein Quietscheorange stört, obwohl bestimmte Orangetöne zu den Brauntönen passen könnten.


Und deshalb soll dieser Workshop Freude bereiten, wir wollen Schönheit schaffen, gemeinsam genießen, vielleicht Glücksmomente erleben. Empowerment. Kann ich eine wildfremde, zufällig zusammengewürfelte Gruppe von Menschen dafür begeistern, miteinander Dinge zu teilen? Kann ich vielleicht völlig naturfernen Menschen etwas in die Hand geben, das sie neugierig macht auf Natur?

Und so ist neben all der Logistik (z.B.: Welches Material ist inklusive und was wird es kosten?) das Basteln derzeit für mich eine Quelle der Ideen, weil ich selbst be-greife, fühle, probiere.

Diese Art Journals sind nicht nur ein Vergnügen für die Augen, sondern auch für den Tastsinn. Hier vereint: Papiere, ein Stück gewirkte Borte, Ahornsamen, gefärbter Mull (von Mullkompressen) und Baumbast. Den Baumbast werde ich durch Sticken fixieren. Übrigens duften diese Seiten sogar oft, weil man natürliche Färbeverfahren eine ganze Weile riechen kann. So kann man z.B. Färben mit Kaffee noch lange am Kaffeeduft erkennen.


Ich will anfangs kleine Bündelchen mit Material verteilen. Unterschiedliche Papiere, Stoffreste, Zeug zum Kleben. Umwunden mit Papiergarn und Rindenbast, Schnurresten - was man ebenfalls brauchen kann. Dekoriert mit Fundstückchen aus der Natur, Zweigen als Buchhalterung für den Rücken. Auf welche Weise ich sie verteilen werde, weiß ich noch nicht. Aber jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer wird mindestens ein Stück daraus mit jemand anderem tauschen müssen. Wir wollen ja etwas miteinander teilen! In der Richtung habe ich noch andere Ideen.

Zuerst einmal wird das ein Halbtagsworkshop werden, eine Art Übersicht. Langwierige Techniken werde ich dann nur erklären können, wie die künstliche Alterung des Papiers, das uns als Buchseiten dient. Die dauert zwei Tage und das kann jede/r für sich zuhause ausprobieren. Und wenn dann Interesse für mehr besteht, kann ich Workshops für einzelne Techniken nachschieben, etwa den Hammerdruck mit frischen Pflanzen. Oder eine Gruppe aufmachen, die sich regelmäßig trifft.

Ein paar "Gimmicks" in Sachen Schmetterlinge werde ich einbauen, die ich hier nicht verraten möchte. Wir werden auch spielerisch lernen, welche Arten in unsere Region häufig sind und welche vom Aussterben bedroht sind. Was man praktisch im eigenen Umfeld tun kann, um sie zu fördern. Unsere Büchlein werden insofern irgendwie auch Merkhefte werden. Für die eigene Verpuppung zum Kreativen, für mehr Aufmerksamkeit für Insekten um uns herum.

Wie edel diese Stoffreste sind, kann man am Foto kaum sehen, aber man fühlt es. Der Querstreifen glitzert außerdem golden. In das Material bin ich ganz verliebt, weil es so vielseitig ist und ich sogar Perlen daraus fertigen kann. Es handelt sich um Seidenabfälle aus der Sariherstellung, die sonst auf Deponien landen würden. Es gibt auch Projekte, die dabei kleine Frauengruppen unterstützen.


Und immer wieder erinnern uns die Büchlein an Nachhaltigkeit und Müllvermeidung im positiven Sinne. Denn wer einmal von diesem "Virus" befallen ist, wird überall Bastelmaterial entdecken: Das alte T-Shirt oder ein zerschlissener Kopfkissenbezug, gebrauchte Tee- und Kaffeefilter, Reste von Fäden, Schnüren und Geschenkbändern, das Glitzerpapier am Hals einer Sektflasche oder der Pizzakarton für ein stabiles Cover. Ich selbst hatte schon ein schlechtes Gewissen, so viel in meine Atelierregale zu stopfen, aber wenn ich es richtig überschaue, habe ich womöglich geahnt, dass ich einiges für einen Workshop verbrauchen werde. Und dort auch zum Verkauf anbieten kann. Jetzt bin ich jedenfalls gespannt, wie meine Planungen weitergehen und vor allem: Was die Teilnehmenden Schönes erschaffen werden!

Auf meinem Instagram-Account kann man mitverfolgen, wie die Musterseiten ausgearbeitet werden. Dort zeige ich z.B. gerade, wie ich das wilde Sticken auf der einen Seite in seiner Zufälligkeit auf der Rückseite für neue Kompositionen nutze.

Kommentare:

  1. Weiterhin viel Erfolg mit dem Projekt! Die Idee mit der gefühlsmäßigen Ansprache finde ich sehr wichtig. An "pour comprendre, il faut aimer" ist schon viel Wahres, und ein selbstgemachtes Merkheft lässt einen durch den Spaß, den man an der Kreativität hat, sicher auch viele Details besser im Gedächtnis behalten, als wenn man sie nur passiv aufnehmen würde. Ich hoffe, es kommen viele Leute und haben Freude an dem Workshop.

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  2. Danke dir für die guten Wünsche!
    Ich merke ja an mir selbst, dass ich immer Bilder brauche, wenn ich eine neue Technik lerne, ich muss mir das vorstellen können. Wenn ich das Musterbuch herumreiche, wirde es auch interessant fürs Fühlen, weil Leim oder Gesso mit Materialien ja etwas machen, sie verändern. Man kann dann überrascht sein, wie steif manches wird oder wie man Stoff so einarbeitet, dass er streichelweich bleibt.

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